Wie ich lernte ein guter Tröster zu werden

Geschichten / Neon
Eine Gebrauchsanweisung 

Der Augenblick, als ich Trost brauchte wie nie zuvor, fiel auf den Vormittag eines berauschenden Sonntags im Mai. Werder Bremen war Deutscher Meister geworden, mein Lieblingskicker Andi Herzog hatte seinen Teil dazu beigetragen. Am Abend zuvor war die Party eines engen Freundes gestiegen, der seinen Vierziger gefeiert hatte, und ich war von dort mit einer netten Frau nach Hause gegangen, die nicht meine Frau war, und diese Frau war immer noch da, was schön war, wir tranken Tee, aßen süsses Weißbrot mit Marmelade und hörten in dramatischer Lautstärke John Cales Live-Platte „Fragments of a Rainy Season", als das Telefon läutete, mein Onkel aus Wien. Er sagte: „Dreh' die Musik leiser." Ich drehte die Musik leiser. Dann sagte er: „Dein Vater ist gestorben."

Mein Vater war, als er starb, 53 Jahre alt, und die Nachricht von seinem Tod traf mich so hammerhart, weil mein Leben noch nicht auf schlechte Nachrichten eingerichtet war. Ich zuckte nicht zusammen, wenn nachts das Telefon läutete, wie es die erprobten Adressaten von Hiobsbotschaften tun. Ich freute mich eher, weil Überraschung, weil Spaß im Anzug, und entsprechend ohne Deckung erwischte mich die volle Wucht der Todesnachricht, die ohne Vorankündigung zuschlug. Diese Nachricht beendete meine Jugend. Das mag pathetisch klingen, aber selbst die Distanz vieler Jahre kann diesem Pathos nichts anhaben. Ich war 32, mein Vater war tot, ich brauchte Trost.

Ich erinnere mich nicht, ob ich schon am Telefon zu weinen begann. Ich erinnere mich an die unglaubliche Sensibilität der falschen Frau, die eine Kerze anzündete und noch so lange blieb, bis ich so weit war, zu meiner richtigen Frau aufzubrechen. Ich erinnere mich, dass ich mit meiner richtigen Frau Dinge tat, die ich nie getan hätte, wenn ich nicht unter Schock gestanden wäre, und ich weiß heute, dass es die richtigen Dinge waren: ans Ufer des Sees gehen, eine Blume ins Wasser werfen, wo ich glücklich gewesen war, eine Platte aussuchen, die meine Trauer wie ein Flugzeugträger in die Zukunft mitnehmen würde, „All Blues" vom Miles Davis-Album „Kind of Blue". Der intensive Titel ist mir noch heute eine Stütze, wenn ich das verblassende Bild meines Vaters frisch und farbecht in mein Gedächtnis rufen will.

Die tröstlichen Plätze, Stimmungen, Klänge  gehören für immer mir, das ist wahr. Ihr Trost bleibt freilich schwer und symbolisch. Sie bündelten bloß, was in mir selbst vorhanden war, und das tun sie noch immer, aber mehr tun sie nicht.

Ich weiß genau, wie lange es brauchte, bis ich etwas hörte, was mich elementar und konkret trösten konnte. Ich saß mit einem älteren Freund in einem menschenleeren Gasthaus an der Peripherie, und der Freund, ein Musiker, erzählte mir vom Schock, als sein Vater genauso unvermutet abgebogen war wie meiner. Sein Vater war wie mein Vater 53 Jahre alt gewesen, mein Freund, der Musiker, war 32 gewesen, 32 Jahre wie ich. Mein Freund erzählte mir von seiner Sprachlosigkeit, seiner Wut über alles, was zwischen seinem Vater und ihm ungesagt geblieben war, und er sprach mir aus der Seele, denn auch die Brücke zwischen meinem Vater und mir hätte erst gebaut werden müssen, was mich besonders empörte, weil ich mir so sicher war, dass es glanzvoll passiert wäre. Ich hatte meinen Vater gemocht, jetzt musste ich ihn lieben. Ich weinte über seine Impertinenz, sich selbst so schlecht behandelt zu haben, aber bei allem Schmerz hatte ich das Gefühl, dass sich manche Väter eben auf diese Weise verabschieden, schließlich hatte mein Freund dieselbe Erfahrung gemacht, war das kosmische Muster bekannt. Die Parallelität der Geschichten tröstete mich. Die Theorie väterlicher Abschiede tröstete mich. Ich beobachtete mich dabei, bereits Partikel tröstlicher Bestandsaufnahmen zu sortieren - „wenigstens musste er nicht lange...", „immerhin hatte er bis dahin..." - , was ein sicheres Indiz dafür ist, dass die Taubheit der ersten Trauer vom Prickeln des Weiterlebens abgelöst wird.

Das Gespräch endete in zu vielen Gespritzten, aber als ich benebelt aufstand, sah ich immerhin klar. Väter sterben, deiner und meiner. Söhne trauern, und manche kneten ihre Trauer so lange, bis sich daraus eine lebendige Einsicht formen lässt. Mein Freund, der Musiker, sagt, seit  er seinen Vater begraben hat: „Nicht mit mir. Ich sterb' nicht jung." Damals war das eine beschwörende Ankündigung. Heute ist es eine überprüfbare Feststellung, die ich immer wieder dankbar rekapituliere. Ihr könnt es ausprobieren: Selbstbeschwörung, die funktioniert, wiegt schwerer als jeder ärztliche Ratschlag.

 

Ich habe seither ein Talent dafür, mich trösten zu lassen. Das hilft, und es ist die beste Voraussetzung dafür, selbst trösten zu können. Ich schätze die Schulter, die Wange, das empfangende Schweigen am anderen Ende der Telefonverbindung, und ich habe längst gelernt, dass jedes Trösten im Grunde so funktioniert, wie es sich mein vierjähriger Bub wünscht, wenn es ihn beim Herumteufeln auf den Sack gehaut hat: einmal Abbeißen von Papas Bounty, und schon verteilt die kleine Sensation des Zuckerflashs die bösesten Schmerzpigmente in alle Richtungen. „Lass mich noch einmal beissen, Papa": manchmal verwandeln dich ein paar hundert Gramm Masterfood unversehens in den Gott der kleinen Dinge. Manchmal braucht es anstelle von Bountybissen auch bloß das Versprechen, den Schmerz von hier und jetzt ungeschehen zu machen. Das ist leicht, denn morgen ist sowieso alles wieder gut, auch wenn gerade diese Einsicht im Ernstfall am unwürdigsten scheint. Aber sie hat einen Vorteil: Sie stimmt so sicher, wie das Bounty meinem Buben schmeckt.

 

Manchmal reicht eine einzige Frage aus, und ein akuter Schmerz löst sich in tröstliche Traurigkeit auf. Meine Freundin hatte mir relativ überraschend mitgeteilt, dass sie mich verlassen würde, neuer Mann, neue Ziele, man kennt das, ich reagierte völlig vor den Kopf gestoßen. Wenn ich mich irgendwo sicher gefühlt hatte, dann in dieser Beziehung. Entschlossen formierte ich meine Artillerie, um die Frau zurückzuerobern, als mir ein gar nicht so enger Freund die Frage stellte, ob ich denn sicher sei, dass ich sie wirklich zurück haben wolle.

Blöde Frage, aber eine gute, blöde Frage. Ich folgte der Gebrauchsanweisung des Advocatus Diaboli und stellte mir mich selbst ein Jahr später in der wieder hergestellten, alten Beziehung vor. Dann schickte ich die Artillerie nach Hause.

Ich trauerte ernsthaft um sechs gute, abgeschlossene Jahre mit meiner Ex-Geliebten und blieb ihr bis heute ein guter, wohl gesonnener Freund. Es war die sichtbare Wahrheit gewesen, die den bereits formatierten Selbstmitleidskram überstrahlt hatte, die Wahrheit, dass unsere Liebe gut portioniert, aber keine Super-Sonder-Vorratspackung war. Die Gewissheit, das Richtige zu tun, tröstete mich darüber hinweg, dass ich das Naheliegende unterließ, und das wollte etwas heißen, denn mit Melodramatik kenne ich mich aus: bei einer früheren Trennungsgeschichte verliebte ich mich unsterblich in den kaum auszuhaltenden Richard Thompson-Song „Walking on a Wire", in dem Richard die grausame Trennung von seiner Frau Linda beklagt, die Leadstimme aber nicht überzeugend genug intonieren kann und deshalb Linda bitten muss, das Lamento in seinem Namen zu singen. Heavy stuff. Nahm mich einen Sommer lang ziemlich mit. Rückblickend kann ich nur sagen, dass sich die nüchterne Wahrheit als wesentlich bessere Verbündete erwies als die grell geschminkte Melancholie.

 

Trösten, das weiß jeder, heißt begleiten, Mut machen, heißt das Unsichtbare sichtbar machen und das Unvermeidbare mit dem Erträglichen synchronisieren. Das gute Wort, das offene Ohr, das bisschen Zeit, für das du gebraucht wirst, und natürlich das Bounty in der Jackentasche, ohne das kein Tröster auskommen kann. Lachen ist auch nicht schlecht. Als ich, wiewohl ohne einen angemessen Besorgnis erregenden Lebenswandel vorweisen zu können, Blut und Wasser schwitzte, während ich auf das Ergebnis meines Aids-Tests wartete, legte mir mein engster Freund, heterosexuell wie George Clooney und ich, den Arm um die Schulter und flüsterte mir ins Ohr: „Wenn du's genau wissen willst. ICH würde mich jederzeit von dir vögeln lassen."

Gut, dass er Flugangst hat. Musste er sich gefallen lassen, über den Wolken auf dem Flug nach Paris inmitten heftiger Turbulenzen meine Hand halten zu müssen, bis ihn seine Lieblingsstewardess nicht mehr so anlächelte, sondern nur noch so.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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