Weinskandal

Kolumnen / Zu Tisch, Weltwoche
So ein Glück, dass ein paar burgenländische Weinbauern vor 20 Jahren den Hals nicht vollkriegen konnten. Ihr Weißwein wäre fad und extraktarm gewesen, hätten sie ihn nicht mit einem Wundermittel in liebliche Spätlesen verwandelt. Im Februar 1985 informierte das Bundesuntersuchungsamt in Trier, dass in burgenländischen «Prädikatsabfüllungen» Spuren von Diäthylenglykol - genau: der legendäre Frostschutz - gefunden worden seien. Im Juli warnte das deutsche Gesundheitsministerium vor dem Genuß österreichischer Weine. Im August verbot das amerikanische Amt für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen dessen Import. Polen, Frankreich und Großbrittannien zogen nach. Der «Weinskandal» war perfekt. Die österreichischen Weinexporte brachen auf ein Zehntel des bisherigen Umsatzes zusammen. 

Etwas Besseres konnte der österreichischen Weinwirtschaft nicht geschehen. Die Erde, auf der die Trauben wuchsen, war so verbrannt, dass mit kosmetischen Veränderungen nichts mehr zu erreichen war. Als bereits im Jahr 1986 ein grandioser Rotwein, Ernst Triebaumers Blaufränkisch «Marienthal», bei Verkostungen auftauchte, nahmen das immer mehr Winzer zum Anlass, auf bedingungsloses Qualitätsmanagement umzusteigen. Das hieß: Konzentration auf heimische Sorten, Reduktion des Traubenmaterials am Weinberg, Modernisierung der Kellertechnik, Import internationalen Know-Hows. Dass die wachsende Qualität österreichischer Weine - Zentren: Wachau, Kamptal, burgenländischer Seewinkel, Mittelburgenland - auch von einer smarten Marketingoffensive begleitet wurde, weckt bei Schweizer Fachleuten sehnsüchtige Gefühle. Nicht nur einmal hörte ich hinter vorgehaltener Hand den unfrommen Wunsch, auch die Schweiz könne einen Weinskandal gut brauchen, lieber früher als später.

Dass österreichischer Spitzenwein inzwischen so teuer ist wie italienischer oder französischer, ist eine unangenehme Folge. Manche Rieslinge und Grüne Veltliner aus der Wachau sind dieses Geld auch wert, wobei es vor allem für Spezialisten interessant sein dürfte, die hochkonzentrierten Weine von F.X. Pichler, Hirtzberger oder Bründlmayer zu verkosten. Für den Normalverbraucher sind die leichten Grünen Veltliner wesentlich interessanter. Sie kosten nur ein paar Franken und rangieren gegenüber den hierzulande verbreiteten, meist konturlosen Pinot Grigios oder Chasselas ein paar Spielklassen höher. Fragen Sie nach Fredi Loimers «Lois» oder Hannes Hirschs «Der Hirsch» (beide bei www.advinum.ch). Diese Weine machen Freude, begleiten heimisches, aber auch asiatisches Essen ideal und erzählen glucksend die Geschichte vom gescheiten Skandal.

Liste der besten österreichischen Weine auf www.weltwoche.ch/zutisch

Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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