Ein gut aussehender junger Mann steht vor dem Spiegel einer
öffentlichen Toilette und gefällt sich. Er begutachtet sorgfältig das Weiß
seiner makellosen Zähne. Lässt, wwwoooowww,
den Trizeps spielen. Spürt beim Anblick des eigenen Spiegelbilds eine warme Welle
der Zuneigung vom Solarplexus abwärts fluten. Im oberen Stock des
Veranstaltungsgebäudes der Eliteuniversität Dupont spielt eine angesagte Band.
Der junge Mann hat zahlreiche Biere intus und genießt die anregende Wirkung des
Alkohols. Die Girls gefallen ihm, er gefällt den Girls. Die Musik. Mehr Girls.
Noch mehr Bier. Dupont. Die Zukunft. Diese unüberbietbare Zukunft.
Aber Achtung. Dem jungen Mann wird auf den nächsten Seiten
zweifellos etwas Einschneidendes widerfahren, denn sonst hielte sich Tom Wolfe
nicht so lang mit der Schilderung Hoyts orgiastischer Eitelkeit auf: „...sein
kantiger Unterkiefer... das Kinn mit dem perfekten Grübchen genau in der
Mitte....der dichte Schopf hellbrauner Haare....die leuchtenden
Haselnussaugen....seine Augen! Direkt vor
ihm Spiegel - er!...Er hatte sich
noch nie so gut gefühlt."
Nein, Tom Wolfe verschenkt Wohlgefühl nicht zum Spaß. Wer
bei Wolfe einen Job als Romanheld bekommen will, muss darauf gefasst sein, für
eine Sekunde Wohlgefühl jede denkbare Erniedrigung in Kauf nehmen zu müssen.
Oder konnte jemand vergessen, wie Charlie Croker in „A Man in Full" eingangs
auf seinem Lieblingspferd sitzt, einem Tennessee Walking Horse, sich - aaaaaah - aufrecht im Sattel hält und es liebt, wie sich
unter dem Khakihemd sein wuchtiger Brustkorb senkt und hebt, der sechzigjährige
Charlie, frisch verheiratet mit der achtundzwanzigjährigen Serena und durch die
Kraft des Testosterons wie ein Drahtseil angedockt an die „animalische Wildheit
seiner Jugend"?
Genau einmal noch darf Croker selbstzufrieden durchatmen,
bevor ihn die unerbittliche Missgunst des Schicksals von seinem Tennessee
Walking Horse fegt.
Konnte jemand vergessen, wie Sherman McCoy in „Bonfire of
the Vanities" im mit Wurzelholz getäfelten Kokon seines Mercedes ..., das kantige
Yale-Kinn lustvoll den verbotenen Reizen der Geliebten auf seinem Beifahrersitz
zugewandt, ... die falsche Abfahrt von der Flughafenautobahn nach Manhattan in
den Hades der Bronx nimmt und dort prompt mit dem Panzerkreuzer seiner Zukunft
kollidiert? Einmal darf er vor dem Bumms noch durchatmen, um in Cinemascope das
Protoplasma seines Wall Street-Heldentums und der Manneskraft seiner 36 Jahre
durch die Adern pulsieren zu spüren. Dann abwärts, abwärts, abwärts.
Hoyt Thorpe darf, als er seinem Schicksal ins Messer läuft,
wenigstens noch glauben, dass ihn eine höhere Macht gerade mit unschlagbarer
Coolness geimpft hat. Sein Freund Vance, Vorsitzender der Studentenverbindung,
expediert Hoyt vom Toilettenspiegel einfühlsam Richtung Wohncollege - „Ich glaube,
du bist ziemlich am Arsch, Alter. Machen wir lieber, dass wir nach Hause
kommen, bevor's mit dir ganz aus ist". Aber als die beiden durch das „Arkadien"
des Campus von Dupont schlendern, den vom legendären Landschaftsarchitekten
Charles Gillette angelegten Platanenhain, überraschen sie ausgerechnet den
Gouverneur von Kalifornien dabei, wie er sich von einer hübschen, jungen
Dupont-Studentin einen blasen lässt. Augenblicklich wächst der muskulöse
Leibwächter des Gouverneurs aus dem Boden und stellt jene dämliche Frage, mit
deren Beantwortung Hoyt zum unangefochtenen Star der Dupont'schen Frat-Boys
aufsteigen wird:
„Was glaubt ihr Wichser, was ihr hier tut?"
Hoyt, dem Adrenalin und Alkohol freundlicherweise das
Stammhirn überschwemmen: „Was wir tun? Einem Anthropoiden in die Affenvisage
glotzen, das tun wir!" Gewiss, eine reichlich virtuose Antwort für einen, der
ein paar Minuten vorher nicht einmal mehr seinen Namen buchstabieren konnte.
Aber schließlich ist es der Job des Schicksals, schicksalhaft zu agieren.
Der Leibwächter will Hoyt logischerweise aufs freche Maul
hauen, trifft aber nur den Stamm einer sorgfältig an diesen Platz gepflanzten
Platane, während Hoyt ihm seinerseits mit dem Unterarm einen Konter verpasst,
der den Gorilla mit ausgerenkter Schulter, wimmernd auf dem Boden Arkadiens
liegend, zurücklässt. Gouverneur und Mädchen sind inzwischen übrigens
verschwunden, und Hoyts Schicksal ist, shiiiiiit, besiegelt.
Für seinen dritten Roman „Ich bin Charlotte Simmons" hat Tom
Wolfe, 74, eine Entscheidung getroffen: er weigert sich, alt zu werden. Der
furiose Reporter; der unübertreffliche Realismusfanatiker; der virtuose
Streithansel; der Stilist jeder Sorte von Zeitgeist; suchte sich eine
Benutzeroberfläche, die es ihm gestattet, organisch alle Register seines
Könnens zu ziehen; den Slang der Achtzehnjährigen zu kopieren, yo; es
onomatopoetisch krachen zu lassen; Wissenschaftsjargon und Comic-Blubb virtuos
miteinander zu verschränken. Er konfiguriert die Benutzeroberfläche der
amerikanischen Universität.
Die Wucht von Wolfes Konfigurationen ist Legende, denn er
verfügt über zwei wesentliche Atouts: er hat Mut, und er hat Stil, deshalb hat
sein Urteil Gewicht. Okay, über seinen etwas ermüdenden Oberflächen-Dandyismus
kann man getrost den Kopf schütteln - Wolfe zeigt sich seit Jahr und Tag nur in
blitzsauberen, hellen Anzügen mit korrekt sitzender Krawatte, passendem Homburg
und weißen Handschuhen - , doch an der Exaktheit seiner Beobachtungen besteht
kein Zweifel - und daran, dass Wolfe verrückt danach ist, gesellschaftlichen
Gegenwind in seinem Haar zu spüren, noch weniger.
Wolfe begann Ende der fünfziger Jahre als Reporter für
diverse Tageszeitungen. Als Mitte der sechziger Jahre die ersten Bücher mit den
Sammlungen seiner Artikel erschienen („The Kandy-Kolored Tangerine-Flake
Streamline Baby", „The Pump House Gang") war Wolfe bereits Wortführer einer
neuen, literarischen Generation, einer Generation von Schriftstellern, die ihre
Geschichten aus wahren, wahrhaftig erlebten Puzzlesteinen zusammensetzen wollten
und alle Kreativität in die Gestaltung stecken. Was Wolfe propagierte, war
nichts weniger als ein „neuer Journalismus", jener „New Journalism", der von
subjektivistischen Kamikazeschreibern wie Hunter S. Thompson oder jede
Brotkrume sortierenden Mikropsychologen wie Truman Capote in verschiedene
Richtungen vorangetrieben wurde, während Wolfe unbeeindruckt im umstrittenen
Zentrum stand und - den Homburg in den Nacken geschoben - „J'accuse"
deklamierte.
Wolfe widmete sich einerseits der Fabrikation (und
Demontage) moderner, amerikanischer Mythen, die er bei Stockcar-Rennen,
Drogenfabrikanten oder in der bemannten Raumfahrt fand. Zwischen „The Last
American Hero", dem Porträt des aus North Carolina stammenden Rennfahrers
Junior Johnson und „The Right Stuff", Wolfes gnadenloser Studie des
amerikanischen Raumfahrtprogramms, lagen 15 Jahre und die Staubwolken der
Explosionen, die er in verschiedenen Stockwerken der herrschenden Klasse
gezündet hatte.
Sein Bericht über eine Party, die der Dirigent Leonard Bernstein
in seinem Park Avenue-Apartment zu Ehren der „Black Panthers", radikaler,
schwarzer Bürgerrechtler, gab, gebar die Diskussion über Gutmenschen-Zynismus
und prägte den unübertrefflichen Ausdruck „Radical Chic". „The Painted Word",
Wolfes Essay über die Hermetik der amerikanischen Kunstszene (seine These
lautete: nicht mehr als 3000 Menschen bestimmen darüber, was Kunst ist und was
nicht), furorsierte Galeristen und Künstler genauso, wie sie Wolfe dazu
ermunterte, seinen Stachel auch gegen andere Zirkel gebildeter
Selbstzufriedenheit zu zücken. Es traf zuerst die amerikanische Architektur
(„From Bauhaus to Our House", These: Wenige Architekten zwingen viele Menschen,
niveaulos zu wohnen), dann die amerikanische Literatur („Stalking the
Billion-footed Beast"): Als Wolfe 1989 in seinem spektakulären Aufsatz
einen literarischen Realismus in der Tradition von Emile Zola forderte, denn
nur so könne sich die amerikanische Literatur vom Rücken auf die Füße drehen,
hatte er sich die Giganten John Updike, Norman Mailer und John Irving schon zu
erbitterten Feinden gemacht. Denn 1987 erschien Wolfes Debütroman „The Bonfire
of the Vanities", der in Fortsetzungen für den „Rolling Stone" entstanden war.
Provokation genug. Mit der opulent ausgestatteten literarischen Oper, die das
New York der achtziger Jahre und alle seine Tonlagen zu einer grandiosen
Kakophonie vermengte, trat Wolfe den Praxisbeweis für die Theorie an, die er
zwei Jahre später nachlieferte: nur der Realismus; sein wahrhaftiger Sound;
seine unausdenklichen Wendungen liefern den Stoff für zeitgemäße, brauchbare
Literatur.
„Bonfire of the Vanities" karikierte Raffgier und Depression
der Reagan-Ära und wurde zum bejubelten Bestseller. Unterdessen wechselte Tom
Wolfe das Setup. Von New York switchte er in den Erdnusssüden, nach Atlanta, um
sich mit derselben manischen Genauigkeit dem Abstieg des Immobilien-Magnaten
und Multiunternehmers Charlie Croker zu widmen. Wieder trennt Wolfe mit
unverhohlener Freude an der Provokation die Nähte zwischen den Klassen und den
Rassen auf. Er ließ jedes Netz reissen, das Charlie Croker am Aufprall hindern
könnte und zelebrierte dessen Bumms mit virtuosem Voyeurismus und einer
unwiderlegbaren Argumentation: Weil es so ist. Weil es so ist.
Die Bausteine, aus denen Wolfes neuer Roman „Ich bin
Charlotte Simmons" zusammengebaut ist, unterscheiden sich nicht groß von jenen,
aus denen er seine ersten beiden Epen konstruiert hat. Sie heißen Intelligenz,
Testosteron, Angst, Betrug und Banalität. Geändert haben sich bloß die Kulissen.
Der Campus von Dupont steht für das gegenwärtig im Kulturkampf brodelnde
Amerika, für die Diskrepanz zwischen seinen liberal-hedonistischen Städten und
dem konservativ-fundamentalistischen Wilden Westen.
Wolfe examiniert einmal mehr sein Lieblingsbiotop, die
amerikanische Elite. „Dupont", die fiktive Universität, die in der ebenfalls
fiktiven Liste der besten amerikanischen Institute Platz zwei hinter Princeton
belegt, dient ihm als Labor für aufschlussreiche Menschenversuche. Nur dass er
sich seinen Versuchsobjekten diesmal im Stadium der Blastocyste nähert:
Amerikas Elite, in ihrem frühesten Entwicklungszustand.
Auf dem Seziertisch:
-
Charlotte Simmons, High School-Wunderkind aus den
Bergen North Carolinas. Stammt aus kleinen, religiösen Verhältnissen, ist per
Stipendium für Dupont qualifiziert. Sie übernimmt im Roman den Part der
blutigen Anfängerin und holt sich auf bemitleidenswerte, bauerntrampelige Weise
ihre Blessuren. Der beschwörerische Indikativ des Romantitels (Ich bin, ich
bin, ich bin) ist das Vermächtnis von Charlottes „Momma" aus Alleghany County
und soll dem Mädchen helfen, im Wirrwarr der Adoleszenzkulturen die
Orientierung zu behalten. Hilft leider nicht, denn, tja, sie ist Charlotte
Simmons.
-
Jojo Johanssen, zwei Meter acht groß, 113 Kilo schwer,
Center des lokalen Basketballteams, einziger Weißer in der Startaufstellung.
Jojo, der Star. Wenn er die Mensa betritt, empfangen ihn die Kommilitonen mit
dem Schlachtruf „Gogo, Jojo". Die Buster Bowl, die 15.000 Zuschauer fassende
Basketballarena des Campus, ist bei Spielen des Teams restlos ausverkauft, die
Talentscouts der NBA winken mit Millionenverträgen. Leider ist Jojo nicht
besonders klug. Deshalb braucht er Hilfe, um nicht mit desaströsen Noten vom
Campus zu fliegen, und weil er nicht besonders klug ist, lässt er sich auf
durchsichtige Tricks ein, die ihn ohne Zwischenhalt in Teufels Küche bringen,
wenigstens vorübergehend.
-
Adam Gellin, überintelligenter Tutor von Jojo
Johanssen, Mitglied des übergeschnappten Elite-Diskussionskreises der „Millenniumsmutanten",
Aspirant für ein Rhodes-Stipendium, leider „Jude ohne Geld", deshalb Pizzabote
und Mitarbeiter der Campuszeitung „The Daily Wave". Schnappt auf dem Campus die
Geschichte auf, dass der Gouverneur von Kalifornien und eine Dupont-Studentin
und Hoyt Thorpe und der Leibwächter, bekommt die Story aber gegen den
Widerstand seines Chefs nicht ins Blatt - zumindest vorerst nicht. Lernt die -
zumindest vorerst - so wie er unberührte Charlotte Simmons kennen, verliebt
sich in den Gedanken, diesen Status gemeinsam mit ihr zu historisieren. Findet
sich wegen illegaler Hilfe für Jojo Johannsen im selben Schlamassel wie dieser.
-
Hoyt Thorpe, der Mann, der sein Spiegelbild liebt. Sein
Leibwächter-Knockout befördert ihn zur Dupont-Legende, die Girls schätzen ihn wegen guten
Aussehens und hedonistischer Schlüsselreize ohnehin, selbst Charlotte Simmons
(was sich allerdings als dra- und traumatisches Missverständnis herausstellt).
Impersonator der „Animal House"-Fraktion, menschliches Furzkissen und ein typischer
Tom Wolfe-Held: die längste Zeit von beneidenswerter Coolness, bevor der
zwangsläufige Absturz endlich im katastrophalen Aufschlag endet. Bumms.
Tom Wolfe wurde nicht dafür berühmt, dass er zurückhaltende
Urteile fällt. Sein Urteil über den Gral des amerikanischen Geisteslebens
schickt er der 790 Seiten langen Story bereits voraus. Das Urteil ist
vernichtend. Auf einer knappen Buchseite referiert Wolfe ein Experiment des
(fiktiven) Biologie-Nobelpreisträgers Victor Ransome Starling, der dreißig Katzen
jenen Teil des Gehirns entfernt, von dem die Gefühle der Tiere gesteuert
werden. Die operierten Katzen fallen in einen Taumel hypermaner, sexueller
Obsession. Sie rammeln ohne Unterlass. Die wesentlich weiter reichende
Entdeckung besteht freilich darin, dass auch die dreißig unversehrten Katzen
einer Kontrollgruppe, die dem sexuell aufgeladenen Klima der enthemmten
Artgenossen ausgesetzt sind, deren Verhaltensmuster übernehmen und - sozusagen
freiwillig - auf einen Teil der Gehirnfunktion verzichten.
In diesem Licht: Hoyt und Jojo, primitive, brutale,
opportunistische Allesficker. Charlotte und Adam, einsame, der Primitivität und
sexuellen Gewalt ihrer Umgebung nicht gewachsene Einzelgänger. Amerikas Elite
von morgen: eine Horde kopulierender Wildschweine ohne Verantwortungsgefühl,
lackiert mit schlechtem Geschmack, betankt mit verdummenden Drogen,
lächerlichen PC-Richtlinien, geleitet von vulgäreren, kulturellen Prämissen und
eskapistischen Leadern. Shiiiiit.
Weil es so ist? Tom
Wolfe wäre nicht Tom Wolfe, wenn er den Verlockungen der Satire widerstehen
könnte. Er feuert obszöne Hip Hop-Texte auf sein wehrloses Personal und
übergießt es mit einem Vokabular, das zu fünfzig Prozent aus der
Universalpräposition „fucking" besteht. Er lässt keinen Zweifel daran, welche
rasenden Zweifel er gegenüber der Elite hegt, die eines Tages die Asche seines
weißen Homburgs in alle vier Himmelsrichtungen verstreuen wird, und doch hat er
ihr einen witzigen und über weite Strecken brillanten Abgesang ex
ante gewidmet, in dessen Zentrum, vor dem
großen, die Konturen des darin erscheinenden Bildes warm und schonend
zeichnenden Badezimmerspiegels freilich niemand anderer als Tom Wolfe selbst zu
erkennen ist: „...sein kantiger Unterkiefer... das markante Kinn unter dem
Halbmond der abschätzig nach unten gezogenen Lippen....die scharf gescheitelten
hellbraunen Haare, die das schmale Gesicht jugendlicher wirken lassen als jenes
kahlköpfiger Jahrgänger....die scheinbar verdrossenen, dabei alles
durchdringenden Reptilienaugen...die Augen des größten, lebenden Erzählers....seine Augen! Direkt vor ihm Spiegel - er!...Er hatte sich noch nie so fucking gut gefühlt."
Tom Wolfe. Ich bin Charlotte Simmons. Deutsch von Walter
Ahlers. Blessing Verlag. 790 Seiten. Fr. 43,70
