Thomas Gottschalk und Til Schweiger

Interviews / The Red Bulletin
Die beiden Giganten des deutschen Showbusiness übereinander und die Unterhaltungsbranche

Til Schweiger und Thomas Gottschalk sind die beiden größten Stars der deutschsprachigen Unterhaltungsbranche. Der eine holt Millionen ins Kino, der andere vor den Fernsehschirm. Für die Produktion „Eineinhalb Ritter", das Nachfolgeprojekt zur genauso charmanten wie erfolgreichen Erziehungskomödie „Keinohrhasen", engagierte Schweiger, der selbst als Produzent, Regisseur und Schauspieler auftritt und nebenbei noch den Schnitt besorgt, Gottschalk für die Rolle des Königs. Das Gespräch mit den beiden Giganten fand in Burghausen statt, wo Gottschalk gerade seine letzten Szenen abgedreht hatte. Auf einem Parkplatz war eine kleine Stadt aus Wohnwagen und Gastronomie aufgebaut worden, Heurigenbänke, Schattenzelte, Red Bull-Kühlschränke.

Gottschalk begann. Er war äußerst entspannt, beredt, konzentriert und offen. Er ließ keine Pointe aus, das kann als Berufsbild gelten. Aber er drückte sich auch um keine Antwort.

 

Thomas Gottschalk, wie gut kennen Sie Til Schweiger?

Til ist eine andere Generation als ich, und er macht ein ganz anderes Geschäft. Film ist was ganz anderes als Fernsehen. Ber wir haben beide einen gewissen Teil unseres Lebens in Amerika verbracht, das ist natuerlich ein Berührungspunkt.
Mein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor Kalifornien. Meine beiden Kinder studieren dort. Til hat fünf Minuten von mir in Malibu gewohnt, war auch mal bei mir zum Abendessen. Aber wir sind uns erst durch die Zusammenarbeit an diesem Film näher gekommen. Vorher war er immer nur Gast bei mir.

Ist Til Schweiger ein guter Gast?

Sagen wir mal: er ist auf der Wetten dass?-Bank nicht optimal aufgehoben, weil er nicht als Unterhalter einmarschiert sondern am liebsten über seine Arbeit redet.

Worüber reden Sie denn am liebsten?

Ich bevorzuge das entspannte Couch-Gespräch.

Sie wollen von den Gästen eigentlich nichts wissen?

Ich will sie als unterhaltendes Element auf präsentieren. Von Auskunftsinterviews mit
journalistischer Schaerfe halte ich wenig. Til Schweiger war fuer mich bisher ein erfolgreicher Schauspieler, den ich auch aus Amerika kannte und der in Deutschland einer der wenigen ist, der als Hauptdarsteller einen Film zu tragen. Da gibt's ja sonst nicht viele.

Was hat sich durch die Zusammenarbeit geändert?

Jetzt habe ich gesehen, wie gut er den enorm schweren Job meistert, nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur zu sein. Er hat es geschafft, dass ich mich vor der Kamera dieser Rolle sehr viel wohler gefühlt habe als jemals zuvor als Darsteller.

Wie ging das?

Es lag sicher auch daran, dass seit den „Supernasen" jeder Regisseur zu mir gesagt hat: Sei einfach du selber. Und das ist Quatsch. Vor der Kamera kann niemand er selber sein und dabei auf Ansage des Regisseurs mehrmals den gleichen Satz wiederholen. Ich lebe von der Spontaneität. Ich bin in der Lage, zwei Stunden am Stück zu reden, und dabei unterhaltend zu sein. Aber es ist für mich tödlich, siebenmal den selben Raum zu betreten und siebenmal darüber staunen zu müssen, dass da eine Leiche am Boden liegt, die zudem nicht mal tot ist. Das unterscheidet mich von einem Schauspieler.

Sie spielen in dieser Produktion den König...

...klar, schon im Kasperltheater spielt jeder lieber den König als das Krokodil. Es ist ein Unterschied, ob du mit Krone und Schwert einreitest oder einen Hartz 4-Empfänger im Film eines Nachwuchsregisseurs gibst, der 24 Stunden am Tag dreht. Da hab ich es hier schon sehr angenehm gehabt.

Was trug Til Schweiger dazu bei?

Er weiß genau, was er will. Und ich bin immer beeindruckt von Professionalität. Ich kenne kein Neidgefühl. Es gibt bei mir kein Konkurrenzdenken. Aber ich leide unter zwei Dingen: wenn Menschen unverdienten Erfolg haben. Oder wenn erfolgreiche Menschen Arschlöcher sind. Das heißt: dass sie es sich auf Grund ihres Erfolgs leisten, anderen Menschen das Leben schwer zu machen. Und jetzt komme ich zum Punkt: der Til, den ich bisher nie als Frohnatur kennen gelernt habe, schafft es, ein grosses Team so zu führen, dass angenehme Stimmung herrscht und dass jeder Spaß bei der Sache hat. Das ist nicht alltäglich im Filmgeschäft.

Was will Til Schweiger von Ihnen? Dass sie auftreten und lustig sind, weil Sie es sind? Oder zwingt er sie zum Komödiantentum?

Nein. Am Anfang ging ich davon aus, einen Klamaukkönig zu spielen. Aber als ich das Drehbuch las, merkte ich, dass die Rolle viel anspruchsvoller  ist, als ich gedacht hatte - ich bin davon ausgegangen, dass ich einfach mal durchs Bild kaspere. Dann habe ich aber festgestellt, dass Til die komödiantischen Teile des Films lustig, die spannenden aber wirklich dramatisch inszenieren wollte. Er gibt sich nicht mit Eindimensionalität zufrieden.

Und wie waren Sie?

Ich habe - bei aller Selbstkritik, deren ich durchaus fähig bin - dem Gesamtwerk nicht geschadet.

Wie meinen Sie: Selbstkritik.

Ach, ich wurde doch von der Kritik für die „Supernasen" so verprügelt, dass ich mich damals von den Filmen selber distanziert habe. Inzwischen habe ich eine Einladung von der Leipziger Filmhochschule bekommen, die eine „Supernasen"-Woche veranstaltete, weil natürlich alle, die heute Film studieren, den Film als zwölfjährige gesehen haben und ihn eben nicht so dämlich fanden wie die Kritiker der „Süddeutschen" 1978.
 
Verklärung?

Vielleicht. Aber nichts, was Erfolg hat, ist ganz schlecht. Auch Roberto Blanco singt den Deutschen nicht umsonst seit 30 Jahren was vor. Wenn sie ihn nicht wollten, hätten sie ihn längst in die Tonne gestampft.

Was weiß ein Erfolgreicher über Erfolg?

Erfolg ist nie unverdient. Die Kritik am Erfolg schießt oft am entscheidenden Punkt vorbei.

An welchem Punkt?

Das haben wir gerade eben wieder erlebt. Der Til hat 30 Journalisten Ausschnitte aus dem Film vorgeführt, die nun ganz sicher über der deutschen Norm liegen, und die erste Reaktion war, dass einer aufstand und sagte: Herr Schweiger, das haben wir doch alles schon mal gesehen...
Das ist so was von typisch. Auch jeder von Fellini inszenierte Kuss, jeder von Coppola inszenierte Totschlag ist nichts Neues. Wir haben Küsse, seit es Kino gibt, und wir haben Totschlag, seit es Kino gibt. Für mich ist diese Wortmeldung der erneute Beweis einer grundsätzlichen Miesepetrigkeit und Negativdenke.

Was verstehen Sie darunter?

Da sitzt ein schlecht bezahlter Lohnschreiber der es einfach nicht gut finden kann, dass Til Schweiger zu Pferde eine Prinzessin rettet, waehrend er in seiner Redaktion auf einem quietschenden Drehstuhl sitzt. Ich selbst stehe ja vor dem gleichen Problem weil dieser Schreibtischmuffel auch nicht kapiert was ich mache. Zu mir kommen seit 20 Jahren Menschen, die mit einem Tischtennisschläger einen Zug aufhalten können - oder andere Dinge, die die Welt nicht braucht. Dafür schauen mir um die zehn Millionen Menschen zu.
 
Deswegen halten sie Kritiker für überflüssig?

Ich finde, dass es nicht nötig ist, am Montag nach meiner Sendung zehn Millionen Menschen zu erklaeren dass sie bescheuert sind weil sie mir zugeschaut haben. Aber genau das passiert. Heute noch viel heftiger als früher, weil sich heute bereits eine Stunde nach der Sendung jemand hinsetzt, um seiner Verzweiflung in einem Blog Ausdruck zu verleihen. Der macht dann eine Sendung runter, die ihn niemand gebeten hat, anzuschauen.

Wer ist denn das Publikum, das gebeten ist, Sie anzuschauen?

Zwölfjährige genauso wie siebzigjährige Omas, Intellektuelle und Arbeitslose, also alle die das unterhaltsam finden was in meiner Show passiert. Die das Vergnügen teilen, sowas zu sehen, warum auch immer.

Ärgern Sie schlechte Kritiken?

Wenn ich ueber mich lese, dass ich ein sabbernder Lustgreis in komischen Klamotten bin, der auf seiner Couch die weiblichen Gäste belaestigt, fuehle ich
mich einfach missverstanden und glaube mich wehren zu muessen.

Nehmen Sie nach all den Jahren schlechte Kritiken noch ernst?

Das Bescheuerte ist: ja. Das ist ein Fehler, ich weiss. Sobald ich einen Verriss lese, zuckt in mir das Bedürfnis auf, dem Kritiker persönlich zu sagen, dass ich nicht das Arschloch bin, als das er mich beschreibt. Es ist absurd, das ist mir klar. Aber es ist für mich noch immer ein Affront, wenn mich jemand als Vollidiot zur Kenntnis nimmt. Denn der bin ich nicht. Ich will mir nicht sagen lassen, dass ich zehn Millionen Menschen mit etwas nerve, wofür sie sich zu schade sein sollten.

Wenn Sie sich nun als König auf der Leinwand sehen: Wie gefällt Ihnen das?

Ich finde, dass ich rüberkomme wie ein König. Nicht wie ein Shakespeare-König, nicht wie ein De Niro-König, aber ... wie ein König, der diesem Film angemessen ist.

Haben Sie sich vorbereitet?

Vorbereitet? Ich bin nie vorbereitet.

Auch im Fernsehen nicht?

Nicht einmal bei meiner ersten Sendung. Jeder, der mich kennt, und mich kennen viele, weiß was er von mir zu erwarten hat. Und das kriegt er. Wo Gottschalk draufsteht, ist immer Gottschalk drin.

König Gottschalk zum Beispiel?

Wenn man einen verhärmten König zwischen Leid und noch mehr Leid will, soll man sich bei den Kammerspielen umschauen. Aber wenn man einen König will, der seiner Tochter verbietet, zu einem Boygroup-Konzert zu gehen, ist man bei mir richtig. Aber das muss ich doch vorher nicht üben!

Wenn Sie auf die Straße gehen, spricht sie jeder zweite an. Kein Wunder, Sie gehören diesen Menschen ja auch irgendwie.

Das ist das Ergebnis der langjährigen Bemühung, die Leute für mich zu gewinnen. Jemand, der am Samstag Abend zehn Millionen Quote hat, darf nicht davon ausgehen, dass die sich am Montag nicht mehr für ihn interessieren. Es ist Part of the Deal, schließlich bin ich durch dieses Geschäft zum wohlhabenden Mann geworden.

Sie widmen sich dem Publikum?

Ja. Ich habe nie jemanden von mir gestoßen, da können Sie lange suchen. Jeder hat sein Autogramm bekommen. Mit mir kann man immer reden.
 
Warum leben Sie dann in Amerika?

Es ist eine Art Reality Check. Kann ich leben, ohne immer über den Roten Teppich zu gehen? Zur Zeit habe ich ja beides, Ruhe und die Aufmerksamkeit der Massen. Wenn ich in Los Angeles eine Depression kriege, weil mich seit einer Woche niemand erkannt hat, muss ich mich nur in die Lufthansa Lounge am L.A. Airport setzen und schon heißt's: Guck, der Gottschalk.

Haben Sie denn Angst vor der Bedeutungslosigkeit?

Ich muss zugeben, dass ich mit diesen Gedanken jongliere. Ich weiß, dass ich in Amerika ein glücklicher, zufriedener Mensch bin, obwohl ich in der Reihe stehen muss und im Restaurant nicht den besten Tisch kriege. Wenn ich in Deutschland einen Bürostuhl bei Ikea kaufe, bringe ich den ganzen Laden durcheinander und die Abendzeitung rätselt, ob ich sparen muss. In Amerika interssiert sich keine Sau fuer mich.

Was lernen Sie draus?

Dass Lebensglück nicht von der Quote abhängen kann. Dass es in jedem Geschäft Nette und Idioten gibt. Dass es reiche unglückliche und arme, glückliche Menschen gibt und dass du irgendwo dazwischen deinen Platz finden musst.

Ist ihnen das gelungen?

Mir ist es gelungen, 1972 als Germanistikstudent eine Frau kennen zu lernen mit der ich heute noch zusammen bin.Wir haben zwei gerade gewachsene, normale Soehne. Das ist kein Verdienst, das ist ein Glücksfall. Einer der heute selten geworden ist.

Sie haben Ihr Privatleben immer bedeckt gehalten.

Absolut. Es gab nie Fotos von meinen Kindern, und ich habe irgendwann auch aufgehört, diese Geschichtchen mit meiner Frau zu machen. Am Anfang glaubst du, es gehört dazu, der „Frau mit Herz" zu erklären, „warum wir immer noch so glücklich sind". Das haben wir irgendwann gestoppt. Fragen zum Job ja. Aber das Privatleben ziehen wir ohne euch durch.

Sie sind sehr katholisch erzogen...

...und in Wien zur „Fruehkommunion" gegangen, das kommt strafverschärfend dazu. Ich habe mich als Kind nur in Kloestern herumgetrieben, meine Tante war in der Krainergasse Herz Jesu-Schwester. Der Glaube ist sehr früh in mich hineingepflanzt worden, so dass ich das nicht mehr loswerde - und ich will es auch nicht mehr loswerden. Es ist mir nicht gelungen, in meine Kinder dasselbe Gottvertrauen einzupflanzen, das meine Eltern in mich gepflanzt haben. Außerdem hattest du in den sechziger Jahren mehr Gründe von der Existenz Gottes auszugehen als heute.

Wieso?

Der liebe Gott hat mich achtzehn sein lassen, als die Pille erfunden wurde, ist das kein Gottesbeweis? Im Ernst: ich habe in jeder Phase ein Best-of erlebt. Ich habe Rundfunk gemacht, als Rundfunk wirklich groß war. Ich habe von Leipzig bis Stuttgart ohne jede Konkurrenz gelebt, ich war im verkrusteten öffentlichrechtlichen Rundfunk der einzige, der die Sau raus gelassen hat. Ich bin von Papst Benedikt persönlich gemaßregelt worden, als der Bischof von München war, weil ich die Fronleichnamsprozession abgesagt habe. Ich bin das geworden, was ich bin, weil es noch nicht 20 Konkurrenzsender gab, die mir meine Position streitig gemacht hätten. Ich hab viel Glück gehabt. Ich hab viel Spaß gehabt. Ich hab halt ein bisschen das Problem der CSU in Bayern, die mit 48 Prozent als Versagerpartei dargestellt wird, während sich die Hamburger Grünen bei vier Prozent in den Armen liegen. Eine Erkenntnis, die du Mitte 50 gewinnst: es gibt keine Gerechtigkeit.

Sind die Amerikaner leichter zu unterhalten als die Deutschen?

Ja. Wenn die zu einem Comedian gehen, lachen die schon, bevor er reinkommt. Die Deutschen sagen: Oh, zwölf Euro Eintritt, da muss der aber schon sehr gut sein! Die Amerikaner sind unkritischer, was ich nicht negativ finde: sie nehmen es, wie es kommt. Der Deutsche überlegt, analysiert, hinterfragt. Und wenn er in der Kritik liest, wie bescheuert alles war, denkt er nach, ob er zu oft gelacht hat.

Lachen die Leute noch immer über die selben Witze wie früher?

Ja. Dafür habe ich noch immer einen Riecher. Egal, ob ich bei Til Muster sehe oder in der eigenen Show. Es gibt niedere Instinkte. Wenn einer „Arschloch" sagt, wird gelacht. Ich bin aber der Meinung, dass dieses reflexhafte „Arschloch"-Lachen in letzter Zeit überstrapaziert wurde, dass eine bestimmte Form deutscher Comedy sich nur noch aus diesem Reflex bedient. Das ist mir nicht genug.

Was vermissen Sie?

Wo sind die Monty Pythons von heute? Nur ein Beispiel...

Hängen Sie der Vergangenheit nach?

Gottchen, nein. Ich bin keiner von denen, die Weihnachten in Stalingrad toll fanden. Aber zeigt mir doch einen, der schöner singt als Cat Stevens. Und wo sind die Beatles von heute?
Allein was Til Schweiger heute lustig finden darf, ist viel härter als alles vor zwanzig Jahren.
Natürlich. Als wir bei „Supernasen" eine Karl May-Verarsche machen wollten, fielen die Produzenten in Ohnmacht - bei „Schuh des Manitu" hat das 20 Jahre spaeter blendend geklappt. Wir mussten noch allen Ernstes überlegen, ob man in eine Limoflasche pinkeln darf. Da hat sich einiges gedreht.

Zum besseren?

Mhm. Ehrlich gesagt finde ich den alten Otto Waalkes noch immer lustiger als die meisten Comedians, die ich heute um 22.30 auf Pro7 sehe. Doch da halte ich lieber mein Maul und sage, vielleicht liegt's ja an mir - das glaube ich aber nicht wirklich.

Worüber lachen Sie sich denn krumm?

Wenns lustig ist, dann lache ich. Ich überlege nicht. Ich kann bei Woody Allen lachen, ich kann bei Brachialhumor lachen. Für mich sind auch Blödsinn und Albernheit etwas Ehrenwertes.

Sie werden unendlich oft karikiert. Gern?

Ein Genie ist für mich der Österreicher Manfred Deix. Zu ihm fällt mir nur eines ein: Genialität rechtfertigt alles. Er greift immer auf hohem Niveau an und liegt nie ganz daneben. Das spricht jeden Karikaturisten frei. Er hat immer ein bisschen recht. Dass er übertreibt, ist nachvollziehbar.

Wie hat er Sie getroffen?

Er hat mir ein paar Originale vermacht, sie hängen in meinem Zimmer. Ich laufe täglich an seinem „Gottschalk Lookalike"-Wettbewerb vorbei, darauf bin ich so hässlich...ich freu mich jeden Tag darueber.

Warum?

Ich werde lieber auf hohem Niveau zur Sau gemacht, als dass man mir idiotisch huldigt.


Gottschalk schält sich aus dem Kostüm, das er während des Gesprächs getragen hat. Til Schweiger, noch in voller Adjustierung, taucht auf. Er winkt uns in seinen Schnittbus, zeigt einige Szenen aus „Eineinhalb Ritter", die er schon fertiggestellt hat. Der Mann ist bester Laune. Er sprüht vor Tatendrang, auch wenn er am heutigen Tag bereits hunderte Meter Film belichtet, Dutzendschaften von Stars und Komparsen durch die Kulissen des mittelalterlichen Burghausen dirigiert hat. Und er mag seinen Film. Er muss bei jeder Pointe lachen, und aus den Augenwinkeln kontrolliert er genau, ob mitgelacht wird. Er ist sich seiner Sache sicher, aber will nichts übersehen.

Zum Gespräch nimmt er nun doch noch die Perücke ab, und, man muss es sagen: der Kurzhaarschnitt steht ihm ausgesprochen gut.


Warum ausgerechnet Thomas Gottschalk?

Das fiel mir, bingo, ein, als ich bei Wetten dass... war, um für „Keinohrhasen" Promotion zu machen. Ich erinnerte, dass ich einen Film mit ihm gesehen hatte...

...die Supernasen...

....nein, so was hat mich nie interessiert. Thomas spielte einen  Lehrer, und ich, damals gerade auf der Schauspielschule, dachte mir: der kann ja spielen.

Hatten Sie nie Zweifel?

Es gab einige Leute, die mir rieten, einen richtigen Schauspieler zu nehmen. Aber ich war sicher: er kann das.

Außerdem schmückt der Name Ihren Film.

Egal, wie groß der Name ist: wenn er seine Rolle schlecht spielt, hast du ein Problem.

Wie arbeitet man mit einem Superpromi? Lässt er sich was sagen oder ist er vor allem Thomas Gottschalk?

Er ist ein lernbegieriger Kollege, echt wahr. Er war am Anfang ein bisschen unsicher, denn das Filmset ist nicht Wetten dass..., wo er nun wirklich der King ist. Die Angst, sich lächerlich zu machen, war im Unterbewusstsein sicher da.

Und? Hat er sich lächerlich gemacht?

Ganz und gar nicht. Unser Anspruch war, Deutschland mit Thomas' Performance zu überraschen. Das ist uns sicher gelungen.

Hat er in den Drehpausen furchtbar rumgeschusselt?

Nein, er war super angenehm. Es war ein Fest, mit ihm zu arbeiten.

Wie gut kannten Sie ihn?

Ich war in Amerika zwei-, dreimal bei ihm zum Essen eingeladen oder wir trafen uns im Supermarkt. Wir wohnten ja um die Ecke. Außerdem war ich ein paar Mal Gast in seiner Show.

Sind Sie gern Gast in Wetten dass...?

Ich bin lieber Regisseur oder zu Hause mit meinen Kindern. Wenn schon Show, dann in eine Spielshow, und sei sie noch so albern.

Aber für Ihre Filme ist die größte Unterhaltungsshow Europas natürlich ideal.

Klar. Aber fühle ich mich dort wohl? Nein.

Warum machen Sie nach einer feinen, gegenwärtigen Komödie plötzlich einen Kostümfilm?

Das ist leicht zu erklären. Das Drehbuch hat mich überzeugt. Auch „Eineinhalb Ritter" ist eine Komödie, die die Gegenwart ins Mittelalter verpflanzt. In unserem Mittelalter passieren schrecklich moderne Sachen.

Wie läuft die Story?

Die Prinzessin wird vom Schwarzen Ritter entführt, dabei liebt sie ihren Leibwächter, der wiederum zu schüchtern ist, um das zu bemerken. Also muss er losziehen, um sie zu suchen.

Boy meets girl.

Boy is looking for a girl.

Klamauk?

Nein. Wir nehmen die Handlung und die Figuren ernst.(lächelt) Wir versuchen mit unseren bescheidenen Mitteln ein Epos zu machen.

Sie sind nicht nur Regisseur und Hauptdarsteller, sie arbeiten während der Dreharbeiten bereits am Schnitt. Wie haben Sie dieses Multitasking gelernt?

Das kann man nicht lernen. Das hat man oder nicht. Da kann man sich noch nicht einmal was drauf einbilden.

Eine Frage der Energie?

Auf jeden Fall. Ich kenne niemanden, der so viel Energie hat wie ich. Ich muss machen. Ich kann nicht rumsitzen. Deshalb dreh ich auch so schnell, bis zu sechzig Einstellungen am Tag. Ich mag meinen Beruf.

Und abends schneiden Sie in einem dafür ausgerüsteten Bus im Basislager.

Ja. Dann habe ich das ganze Material noch im Kopf, kenne alle guten Momente. Würde ich, wie viele andere Regisseure, erst nach Drehschluss schneiden, müsste ich ja noch mal ganz von vorn anfangen. Außerdem sind wir dann viel schneller im Kino. Das ist zwar anstrengend, aber erzeugt eine besondere Stimmung.

Welche Stimmung?

Eine besondere Energie. Die geht von mir aus und überträgt sich aufs ganze Team.

Gutes Team?

Spitzenteam. Mit den meisten arbeite ich schon länger zusammen. Wir verstehen uns blind.

Weil Sie eh alle Fäden in der Hand haben.

Natürlich. Der Regisseur muss nicht mit dem Produzenten um Geld kämpfen, und der Schauspieler liefert sich keine Grabenkämpfe mit dem Regisseur. Aber das klingt so, als würde ich den Film allein machen. Ich habe den Film nur im Kopf. Aber die Arbeit wird von einem super eingespielten Team getragen.

Sind Sie am Set ein Diktator?

Nein. Ich will von jedem Ideen haben. Das trägt Früchte.

Brauchen Sie kein Korrektiv? Könnte ja sein, dass Sie einmal danebenliegen, dann ist der ganze Film daneben.

Ich brauche kein großes Korrektiv. Als Schauspieler sowieso nicht, da kann ich meine Leistung relativ objektiv beurteilen. Ich spreche beim Schneiden auch nicht von „mir", sondern von „dem". Ansonsten mache ich mir genau Gedanken, was ich mit dem Film erzählen will und was ich für Emotionen auslösen will. Darin besteht vielleicht mein großes Talent.

Wenn wir schon von Ihren Talenten sprechen: Ihre größte Stärke?

Ich bin total uneitel. Eine gute Idee setzt sich immer durch - oder sagen wir so: eine gute Idee aus meinem Team ist am Schluss immer von mir (lacht).Das ist unser kleiner Running Gag am Set.

Es fällt mir schwer, einem Schauspieler zu glauben, dass er nicht eitel ist.

Okay, als Mensch bin ich vielleicht eitel. Aber als Filmemacher überhaupt nicht.

Als Sie mir vorhin im Bus ein paar Szenen zeigten, sagten sie: da wird das Kino wieder zusammenbrechen. Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass Sie das Publikum unterhalten werden, dass die Pointen sitzen?

Das weiß ich halt. Vielleicht Talent. Vielleicht angeboren.Manchmal liegt man allerdings daneben.

Okay. Aber wie weiß man, dass man über dieses Talent verfügt?

Wenn ich selbst lachen muss, weiß ich, dass auch die Leute drüber lachen.
Das ist alles?

Eigentlich schon. Wir machen schon auch Testscreenings, um rauszufinden, wie die Abfolge von Pointen funktioniert, aber das ist eher etwas Handwerkliches.

Welche Art von Humor mögen Sie?

Ich mag zwar auch flachen Humor a la Tom Gerhardt, aber über viele Witze dieser Sorte - wenn sich die Zwei im „Schuh des Manitu" die Eier anschlagen - kann ich überhaupt nicht lachen. Über die Szene am Marterpfahl hab ich mich totgelacht.

Auch Eier anhauen ist oft ein Bringer.

Auch Kopf anhauen funktioniert immer. Haben wir auch drin.

Wo holen Sie sich Inspirationen für einen Ritterfilm?

Klar im Kino. Aber nicht bewusst. Natürlich zitiere ich andere Filme, den „Seewolf", „Raging Bull" von Scorsese, den „Ritter der Kokosnuss" von den Monty Pythons, die „Rocky"-Filme. Aber es sind nur Zitate. Die Substanz kommt von mir.

Gibt es einen deutschen Humor?

Natürlich. Die Deutschen haben vielleicht nicht ganz soviel Humor wie die Österreicher. Aber es gibt saukomische Deutsche. Nehmen Sie nur Anke Engelke. Trotzdem Ist das Vorurteil auf der Welt, die Deutschen aren't funny.

Fehlurteil?

Ich muss über viele Deutsche lachen, und mir haben auch schon viele Amerikaner gesagt, hey Til, you're so funny. Es gibt übrigens auch ganz viel amerikanischen Humor, der total unlustig ist. Über „American Pie" kann ich nicht lachen, trotzdem haben ihn in Deutschland Millionen Leute gesehen.

Der wichtigste Unterschied zwischen deutschem und angelsächsischem Humor?

Der angelsächsische ist viel härter, viel schwärzer, viel gemeiner.

Das geht in Deutschland nicht?

Grundsätzlich schon. Man braucht eben die Autoren, Humor ist die Königsklasse. Jemanden erschrecken ist einfach. Dazu braucht es eine spannende Musik, ich gehe mit einer Steadycam durch einen dunklen Flur, und es springt eine Katze ins Bild. Das kann so ziemlich jeder.

Und jemanden zum Weinen zu bringen?

Wenn ich die Figuren gut eingeführt habe und eine stirbt - dazu gut gescorte Musik. Dann ist das auch relativ einfach. Aber Leute zum Lachen zu bringen...das ist das schwerste.

Lesen Sie Kritiken?

Schon. Aber ich zeige meine Filme nur noch Magazinen, die ihr Publikum im Kopf haben. Nicht mehr den Tageszeitungen, in denen die Kritiker das Gefühl haben, erklären zu müssen, was Kunst ist und was nicht. Es macht einfach keinen Sinn, einem Kulturpabst ein Mainstreamprodukt zu zeigen, das geht immer nach hinten los.

Wer von Denen Eineinhalb Ritter sehen will, muss also ins Kino gehen.

Genau. Und dann freu ich mich auch, weil sie bezahlt haben.

Gehen Ihnen schlechte Kritiken so nahe?

Bei meinem ersten Film „Manta, Manta" war da so. Der wurde so in die Tonne getreten, dass ich nächtelang nicht schlafen konnte. Das wurde selten besser, da kriegte ich dann ein dickes Fell. Seitdem geht's viel besser und mittlerweile kann ich bei einem Totalveriss auch schon mal richtig lachen.

Ist das heftige Filmen Ersatz für ein reales Leben?

Es ist mein reales Leben. Für mich und für die Leute im Team. Die sind alle traurig, wenn wir nur noch acht Drehtage haben.

Und wenn Sie zu Hause bei den Kindern sind? Sie haben ja immerhin vier.

Dann gehen wir nicht auf den Rummel. Machen Sachen unter uns.

Können Sie unbelästigt von Fans leben?

Auf dem Land ist es schon ein größerer Aufriss, wenn Til Schweiger in town ist. In Berlin verläuft mein Leben weitgehend normal. Den Leuten dort bin ich scheißegal.

Sie haben ihre Normalität behalten können?

Als ich in Malibu lebte, musste ich immer den Küchenboden schrubben, weil der so viele Flecken hatte, weil er aus Teracotta und nicht versiegelt war. Damals sagte ich immer zu meiner Frau: Lebt so ein Star?(grinst)

Wie lebt denn ein Star?

So wie Til. Ich habe die längste Zeit als Til gelebt, nicht als der, auf den die Leute irgendwas draufprojezieren. Ich war den Großteil meines Lebens unbekannt und glücklich. Mit den Kindern. Zu Hause, ganz normal.

Wie störend sind Klatschpresse und ähnliches?

Es war schlimm, als meine Frau und ich uns getrennt haben. Aber jetzt ist es seit längerem angenehm ruhig.

Sie haben „Keinohrhasen" so beworben, dass dieser Film die sexuellen Gewohnheiten der Deutschen verändern würde. Hat's geklappt?

Ja. Das hör ich aus aller Munde. Die Qualität des Cunnilingus hat sich zumindest in Deutschland gesteigert. Ist ein Fakt.

„Keinohrhasen" ist relativ explizit, dabei ab 6 Jahren jugendfrei. Unproblematisch?

Die Sechsjährigen interessieren sich noch nicht für die Details. Die acht- und neunjährigen kennen sich schon aus. Hauptsache ist, dass der Film freundlich und warmherzig ist.Was diese Kinder zum Teil im Fernsehn sehn ist viel, viel schlimmer. Gewalt, Totschlag, Vergewaltigung.

Ihre fünfjährige Tochter hat im Film mitgespielt...

...und kein einziges Mal gefragt, was die da machen. Bei den Älteren geht es dann schon ganz anders zur Sache. Die kennen sich sehr schnell sehr genau aus. Das Internet, die Reizüberflutung.Find ich das gut? Nein,aber das lässt sich wohl nicht mehr zurückdrehen.

Wie erden Sie sich?

Ich muss mich nicht erden. Ich bin immer bei mir. Schon, als ich meine erste Rolle bei der „Lindenstraße" kriegte, warnten mich meine Kumpels, nur jetzt nicht abheben. Denen sagte ich: Ich kann gar nicht abheben, ich hab bloß keine andre Rolle gekriegt.

Und als die besseren Rollen kamen?

Ich glaube, es heben nur Leute ab, die vorher schon abgehoben sind. Das ist meine kleine Lebensweisheit: Geld korrumpiert nicht unbedingt. Es korrumpiert nur Leute, die vorher schon schon korrupt waren. Mit Ruhm verhält es sich genauso.

Waren Sie immer schon so ehrgeizig? Sie waren ja bereits ein guter Schüler.

Ich hatte in Hessen einen Notendurchschnitt von 1,7. Das wäre in Bayern  wohl eher ne3,8 gewesen. Aber ich hatte immer schon viel Energie und Diziplin. Ich bin zum Sportplatz, bin gerannt, habe Liegestütz und Klimmzüge gemacht, bin in den Keller, den Sandsack bearbeiten, Zirkeltraining. Dann in die Schule. Nach der Schule die Vorbereitungen für die Matura. Erst als das erledigt war, ging ich weg und machte Party.

Dieses Pflichtbewusstsein haben Sie sich bis heute behalten.

Ja.

Tägliches Training?

Schön wärs. Aber ich achte auf meine Ernährung. Satt essen, aber nicht mit Kohlehydraten.

Was haben Sie für ein Verhältnis zu Geld?

Ich kann mit Geld nicht sehr gut umgehen. Ich habe mich schon hie und da ziemlich verarschen lassen.

Was ist Ihnen wichtig?

Ich hab die teuerste Matratze, die's gibt. Und in den Urlaub fahre ich gern.

Werden Sie gern ausgezeichnet?

Es ist mir nicht wichtig. Aber es ist schön, wenn man Auszeichnungen kriegt.

Schon mal an den Oscar gedacht?

Zwischen mir und dem Oscar ist es so weit wie von der Erde zum Mond.

 

 

 




Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

Folgen auf ...


Suche