T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Die Zeit / Kritiken
Die eindrucksvollen Erzählungen des munteren Alleskönners

Es gibt natürlich auch Geschichten, die aus dem poetischen Mangel geboren werden, aus der Vertiefung einer einzigen Idee, aus dem Bohren nach einer, nach der einzigen Wahrheit.

Tom Coraghessan Boyle ist kein Anhänger dieser Religion. Er predigt den Überfluss. Es macht ihm Spaß, am großen Geschichtenbaum zu rütteln und dabei zuzusehen, wie eine reife Story nach der anderen von den Ästen fällt. Wenn es ihm Spaß macht, verwandelt er den Einfall mit großer Geste in eines seiner amerikanischen Epen, und niemand soll sagen, dass Boyle nicht mit Freude an die Arbeit ginge. Elf Romane hat der Mann aus New York bereits im Archiv, ausschweifende, detailverliebte Romane, realistische Grotesken, Popprosa von fast südamerikanischem Überschwang, mystische Reisen an den Ursprung des Kongo genauso wie komische Kifferabenteuer oder die Verirrungen eines amerikanischen Sexpioniers.

Es ist Boyles Passion, Einfälle in Welten zu verwandeln, Häuser zu bauen, Bilder an die Wand zu hängen und merkwürdige Menschen eintreten zu lassen. Manchmal braucht er dafür 500 Seiten. Viel öfter genügt es ihm aber auch, einen kurzen Abstecher auf neues Terrain zu unternehmen, genüsslich im frisch gestrichenen Ambiente herumzuschnüffeln und einen oder zwei Helden etwas besser kennen zu lernen.

„Zähne und Klauen" ist die neue Sammlung dieser Abstecher, vierzehn Erzählungen aus dem skurrilen Universum des T.C. Boyle. Die Stories haben, wie auch Boyles Romane, weder ein Generalthema noch ein gemeinsames Leitmotiv. Auch ihre Tonlagen könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie spielen in verschiedenen Jahrhunderten, fräsen sich durch unvereinbare gesellschaftliche Topographien, und, nein, nicht einmal das tragische Ende ist garantiert.

Gemeinsam ist den Stories nur, dass Boyle, Professor für englische Literatur des 19. Jahrhunderts an der University of Iowa, vorzeigt, wie ökonomisch er die Aufmerksamkeit seines Publikums bedienen kann.

Erste Regel: Du hast nicht länger als drei Sätze Zeit, um dem Leser plausibel zu machen, warum er deine Geschichte lesen soll.

Zweite Regel: Keine Ablenkungen, wenn der Leser an der Angel ist.

Dritte Regel: Jede Story mit einem Plot ausrüsten, die auch für einen Roman gut genug wäre - offene Enden unterminieren die Kreditwürdigkeit des Autors.

Vierte Regel: Jede Ausnahme muss besser funktionieren als die Regeln eins bis drei.

 

Greifen wir die Geschichte „Alle meine Schiffbrüche" heraus, um zu kontrollieren, wie Boyle Regel eins in die Tat umsetzt: „Alles, was ich wirklich erreichen wollte, war eine Art Kultstatus. So in etwa wie James Dean, Brom Bones, Paul Bunyan, mein Vater. Mein Vater war ein Gigant unter Männern, mit ziemlich großen Bäumen als Armen und Fäusten wie Kübel voller Nägel, und ich war kein Gigant unter Männern."

Schon gewinnt der Erzähler Kontur, schon kann er sich unseres Mitgefühls sicher sein, schon befinden wir uns auf der schiefen Ebene zum Mittelpunkt der Geschichte, und da ist noch nicht einmal der vierte Satz abgefeuert, der raffiniert und hinterlistig ansetzt: „Ich war nicht einmal ein Mann,..."

Die Geschichte entpuppt sich dann als flirrende, gleichwohl unbarmherzige Verliereroperette, die in den Farben vieler Flaschen flimmert und an deren Ende ein Autounfall für einen Paukenschlag sorgt, wenn auch nicht für das Ende. Denn schlimmer, dafür steht dieser Autor gerade, kann es immer noch werden.

Boyle, dessen eigener Vater Alkoholiker war und seinem Sohn offenbar reichhaltigen Anschauungsunterreicht erteilte, hat ein Faible für Säufer- und Kiffergeschichten. Aber er macht es sich dabei nicht einfach. Er lacht nicht, wenn ein Betrunkener stolpert, das heißt: er lacht, aber nicht nur. Boyle nimmt seine Säufer ernst, er fühlt ihnen auf den Zahn, und dafür bringt er sie in groteske, abenteuerliche Situationen.

„Er wusste nicht genau, wie es passiert war - mangelnde Voraussicht seinerseits, mangelndes Engagement, mangelnde Planung, mangelnde Rücklagen für schlechte Zeiten -, aber in rascher Folge verlor er seinen Job, seine Freundin und das Dach über dem Kopf, und eines Morgens erwachte er auf dem Gehsteig vor der Post." So beginnt die Pennertragödie „Hier kommt" (und Boyle führt nebenbei vor, dass er nicht immer drei Sätze braucht, um den Motor anzuwerfen, manchmal reicht auch einer, einverstanden, ein langer). Die Story endet übrigens romantisch, aber nicht ohne Blutvergießen.

Drei, vier weitere Geschichten des Bandes haben einen ähnlichen DNA-Code, sie starten vor oder hinter der Theke. Kommen wir also kurz zu Regel vier, zu den Ausnahmen. In der emotionalsten Geschichte des Bandes, „Chicxulub", gelingt Boyle die harmonische Verschränkung des Verkehrsunfalls einer 17jährigen mit den katastrophalsten Einschlägen von Meteoren auf der Erdoberfläche. Panikprosa und Wissenschaftsdeutsch. Eindrucksvoll, wie die unendliche Kälte und Dunkelheit des Alls plötzlich Besitz vom Leser ergreifen, wenn er mit den Eltern des verunglückten Mädchens auf die Auskunft des Notarztes wartet, wird sie überleben? Ist sie tot?

Auch die verstörende „Hundologie" lebt von der gelungenen Vermengung eines indischen Wolfskind-Schicksals und der Degenerierung einer Naturliebhaberin zum Hundemenschen, während die Titelgeschichte - ein einsamer Barbesucher gewinnt beim Würfeln eine Wildkatze - den berührendsten Schluss mitliefert.

„Zähne und Klauen" ist die inzwischen siebente Sammlung von Erzählungen, die T.C. Boyle zusammengestellt hat, und er schreibt munter weiter. Auf seiner Website www.tcboyle.com diskutiert er mit seinen Fans brandneue Storys, die gerade im „New Yorker" erschienen sind und berichtet in der Rubrik „What's new", wie viel Freude ihm die Recherchen für seinen nächsten Roman machen.

Er schreibt, als hätte er ohne neue Figuren Angst vor dem Alleinsein. Seine Prosa ist leicht und glänzend, die Pointen sitzen, und allein aus den leichtfertig dahinskizzierten Szenarien hätten andere Autoren ein Lebenswerk gebastelt.

Aber Boyle muss nicht sparen. Er ist lustig, er ist tragisch, er ist wesentlich - und er ist verschwenderisch mit seinen Ideen, weil er weiß, dass sie ihm nie ausgehen werden. Regel fünf.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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