Sie müssen dem jungen Ding verzeihen, Frau Junge

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Der österreichische Unterhaltungskünstler André Heller trifft Hitlers letzte Sekretärin und macht daraus einen grandiosen Film. Die Geschichte hinter der Geschichte ist allerdings fast noch berührender.



Als die 22jährige Traudl Humps im Jänner 1943 ihre Stelle als Privatsekretärin Adolf Hitlers antrat, war Stephan Heller bereits zweimal vor den Nazis geflüchtet. Kaum mehr als ein Zufall hatte Humps, Kind eines Bierbraumeisters und einer Generalstochter, aus ihrer Heimatstadt München in die Reichshauptstadt Berlin verschlagen. Ihre Schwester Inge, Tänzerin an der Deutschen Tanzbühne, war mit der Schwägerin Albert Bormanns, des persönlichen Adjutanten Hitlers, bekanntgeworden, und weil sich die Traudl nichts sehnlicher wünschte, als ebenfalls Tänzerin zu werden, wurde Bormann um den Gefallen gebeten, ihr eine Stelle in Berlin zu verschaffen.

Bis zum Anschluss Österreichs an Nazideutschland war Stephan Heller Besitzer eines Süßwarenimperiums. Gustav & Wilhelm Heller, Süsswaren, gegründet 1891. Fabriken in Wien, Turin, Lissabon, Belfast, Südamerika. Erfindung des Dragees, 1400 Angestellte. Heller war ein reicher Mann. Unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland wurde der Sohn einer frommen, ostjüdischen Familie, der 1917 zum Katholizismus übergetreten war, verhaftet. Während die Gestapo vor der Wohnungstür wartete, heftete Heller alle Orden, die ihm im Ersten Weltkrieg verliehen worden waren, an die Brust. Dann musste er mit anderen Juden Gehsteige schrubben.

Traudl Humps wurde gemeinsam mit neun anderen jungen Schreibkräften dem Führer vorgestellt. Sie absolvierte das Probediktat als erste und bekam prompt die Stelle. Sie zog in die „Wolfschanze", das Führerhauptquartier bei  Rastenburg in den ostpreussischen Wäldern, ein und wurde Teil von Hitlers Entourage. Ihre Aufgabe bestand nicht nur im Aufnehmen von Diktaten und anderen Schreibarbeiten, sondern auch darin, Hitler gemeinsam mit den anderen Sekretärinnen Gesellschaft zu leisten. Deutschlands oberster Kriegsherr hatte es sich nach der Niederlage der Wehrmacht vor Stalingrad zur Angewohnheit gemacht, seine Mahlzeiten nicht mehr im Offizierskasino, sondern mit seinen Angestellten einzunehmen. Er wollte charmanter Gastgeber sein, sich entspannen, die Kriegsgeschäfte ruhen lassen.

Benito Mussolini rettete Stephan Heller vor dem KZ. So zeigte sich Italiens Duce dafür erkenntlich, dass ihm der österreichische Patriot Heller in den vergangenen Jahren finanziell kräftig unter die Arme gegriffen hatte. Heller hatte darauf spekuliert, dass Mussolini mit den in Wien regierenden Austrofaschisten gemeinsame Sache machen und Österreich vor dem Anschluss an das Deutsche Reich bewahren würde. Obwohl Mussolini sich bald mit Hitler verbündete und Hellers politische Hoffnungen enttäuschte, intervenierte der Duce an entscheidender Stelle für seinen ehemaligen Gönner. Heller bedankte sich dafür im Frack vor dem Quirinalpalast in Rom. Dann emigrierte er nach Paris, wo er in den Kreisen um Charles De Gaulle Aufnahme fand.

Hitler war reizend. Seine Stimme klang ganz tief und voll. Beim Diktieren trug er eine altmodische, billige Brille mit Nickelrand. Er aß anspruchslose vegetarische  Menüs, Kartoffelbrei mit Spiegeleiern, Nudeln mit Tomatensoße und Käse. Die Fleischesser an seinem Tisch versuchte er, oft erfolgreich, mit Schauergeschichten vom Leiden der Tiere im Schlachthof zu erschrecken. Noch heftiger attackierte er die Raucher. Hitler hielt das Rauchen für „eine der gefährlichsten Leidenschaften". In seiner Gegenwart herrschte striktes Rauchverbot, denn der Führer fand Zigarren- und Zigarettenrauch „widerlich". Regelmäßig spielte er mit seiner Schäferhündin Blondi. Wenn er ihr mit seiner freundlichsten Stimme befahl zu singen, begann Blondi zu heulen, und wenn der Gesang zu hoch war, sagte Hitler: „Blondi sing tiefer, wie Zarah Leander". In den letzten Kriegsjahren führte Hitler ein strikt getrenntes Doppelleben. Nach außen der zu allem entschlossene Diktator. Vor seinem innersten Kreis der biedere, entzückende Chef, der sich kindlich freuen konnte, wenn es ihm gelang, eine Ehe zu stiften. Im Juni 1943 heiratete Traudl Humps Hitlers Ordonnanz Hans Junge.

In Paris traf Stephan Heller den großen, österreichischen Schriftsteller Joseph Roth. Wie Heller weinte der Autor des „Radetzkymarsch" und der „Kapuzinergruft" der untergegangenen Habsburgermonarchie nach. Die beiden beschworen Restaurationsfantasien und planten die Bewaffnung einer kaisertreuen Exilarmee, die den Sohn des letzten Kaisers, Otto Habsburg, an die Macht putschen sollte. Am 27. Mai 1939 starb Roth. Am 14. Juni 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in Paris ein. Die französische Regierung hatte sich nach Bordeaux zurückgezogen. Stephan Heller flüchtete nach London, wo General Charles de Gaulle als Führer des „Freien Frankreich" die französische Exilregierung präsidierte. Heller übernahm bis zum Ende des Krieges die Aufgabe des Verbindungsoffiziers zwischen De Gaulle und dem Weißen Haus in Washington.

Traudl Junge  beobachtete den Niedergang Adolf Hitlers, und damit Nazideutschlands, aus nächster Nähe. Sie war dabei, als Hitler das Attentat vom 20. Juli 1944 überlebte. Sie folgte dem Führer zum Endkampf nach Berlin, zog mit ihm in den Führerbunker, erlebte das Vorrücken der Roten Armee. Sie nahm die Nachricht vom Tod ihres Mannes entgegen, der in Frankreich von Tieffliegern erschossen worden war. Erst zum spätest möglichen Zeitpunkt erkannte sie die Hoffnungslosigkeit der Situation. Obwohl Hitler sie dazu aufforderte, nach Süden zu fliehen, entschied sie sich dafür, bis zum bitteren Ende bei ihm zu bleiben. In der Nacht vom 29. auf den 30. April 1945, eine Woche vor Kriegsende, nahm sie das Diktat auf, in dem Hitler sein politisches und privates Testament festlegte. Sie gratulierte Eva Braun dazu, wenige Stunden vor ihrem Tod Frau Hitler geworden zu sein und verabschiedete sich mit Handschlag vom Führer, bevor Hitler und Eva Braun in dessen Zimmer Selbstmord begingen.

Als der Krieg vorbei war, wurde Stephan Heller französischer Staatsbürger. Ein Enkel des Firmengründers Gustav Heller übernahm die Geschäftsführung der zwischenzeitlich arisierten Heller-Fabriken. Viel war nicht mehr zu retten. Der Reichtum der Familie Heller war Geschichte. Stephan Heller hatte nicht nur sein Vermögen verloren, sondern auch die wichtigsten Bezugspersonen, die durch die Nazis zu Tode gekommen waren. Sein jüngerer Sohn erlebte ihn als tobsüchtiges Wrack, das mit den Engeln redete. Hellers gesamtes Denken kreiste um eine zentrale Frage: Warum habe ausgerechnet ich Hitler überlebt? Er suchte Zuflucht im Opium. 1958 starb er auf einem Heimatbesuch in Wien.

Als der Krieg vorbei war, schlug sich Traudl Junge nach kurzer Gefangenschaft nach Bayern durch. Erst retrospektiv bekam sie einen Eindruck der Verwüstungen und des Elends, das die Nazis über Deutschland gebracht hatten. Die Verbrechen, von denen sie während des Krieges nichts gewusst hatte oder nichts wissen wollte, begannen sie zu quälen. Sie arbeitete als Sekretärin bei der Illustrierten „Quick" , für ein Drogeriemagazin, als freie Journalistin. Die Vergangenheit warf jedoch immer längere Schatten auf Junges Gegenwart. Sie erkrankte, versank in Depressionen, war unfähig, neue Beziehungen einzugehen. Sie verdiente sich als Beraterin des Regisseurs G.W. Papst für dessen Hitler-Film „Der letzte Akt" wenigstens so viel Geld, dass sie in eine Einzimmer-Wohnung in Schwabing ziehen konnte, wo sie ein bescheidenes Leben fristete.

 

Die Geschichten Traudl Junges und Stephan Hellers verschränken sich, als die Münchner Journalistin Melissa Müller im Telefonbuch von Hitlers ehemaliger Sekretärin findet. Müller ist Autorin des internationalen Bestsellers „Das Mädchen Anne Frank", von Robert Dornhelm verfilmt, 2001 mit einem Emmy Award ausgezeichnet. Für ein Buch über Elitekünstler im Dritten Reich, an dem sie gerade arbeitet, möchte sie im Frühjahr 2000 mit der inzwischen 80jährigen über Hitlers künstlerische Vorlieben sprechen. Junge empfängt Müller, Müller hat Junge ihr Anne Frank-Buch mitgebracht. Wenige Tage nach dem Treffen meldet sich Junge wieder, aufgewühlt. Zur Zeit, als Anne Frank ermordet wurde, war ich die Sekretärin des Mörders.

Sie erzählt der Journalistin aus ihrem Leben. Müller interessiert sich für Details. Wie hat es am Berghof ausgesehen? Was kam in der Wolfsschanze auf den Tisch? Junge erzählt, dass sie die Geschichte ihrer Jahre mit Hitler aufgeschrieben hat, zwei Jahre nach Kriegsende. Müller fragt, ob sie das Manuskript lesen darf. Nur, wenn es garantiert nicht veröffentlicht wird. Müller liest den Text, fasziniert und angewidert. Diese Banalität des Schreckens. Der Respekt vor dem angenehmen Chef Adolf Hitler. Der Alltag einer Kommandozentrale, die Millionen Menschen in den Tod befiehlt. Sie macht eine Kopie, die sie an ihren Wiener Freund André Heller schickt. Müller will Hellers Meinung hören, die Meinung eines hochsensiblen Nicht-Historikers, dessen Familiengeschichte von den Nazis nachhaltig beeinflusst ist. Heller meldet sich umgehend. Er will Traudl Junge kennenlernen.

Müller arrangiert das Treffen. Traudl Junge ist aufgeregt. Heller! Der Poet, Feuerwerksveranstalter, Massenbeschwörer, Kanzlerberater. Warum interessiert sich der für mein kleines Leben?

Junge bäckt Kletzenbrot, kocht Tee. Heller erzählt die Geschichte seines Vaters Stephan, der sich nicht verzeihen konnte, Hitler überlebt zu haben. Er hört Junge zu, die sich nicht verzeihen kann, 1942 nicht Nein zu Adolf Hitler gesagt zu haben. Das Gespräch dauert von Mittags bis zum Einbruch der Dunkelheit. Junge ist überwältigt von Hellers qualifiziertem Verständnis für ihr Leben und dessen Defekten. Heller sagt Junge, dass sie dem Mädchen, das sie damals gewesen ist, verzeihen muss. Junge sagt, das kann ich nicht. Heller sagt, das müssen Sie.

Es bleibt nicht bei dem einen Gespräch. Heller will Junges Geschichte dokumentieren, er zieht den Dokumentarfilmer Othmar Schmiderer bei. Die Aufnahmen dauern drei Nachmittage, die so intim wie psychotherapeutische Situngen ablaufen. Junge hat Rückenschmerzen, ein chinesischer Ganzheitsmediziner kann die Schmerzen kaum lindern. Melissa Müller, die mit Junge die Veröffentlichung ihres Manuskripts als Buch vorbereitet1), sitzt zu Junges Beruhigung im Off, hört zu. Junge ist von Heller fasziniert, aber auch eingeschüchtert und verwirrt. Sie ist Zeit ihres Lebens nur zu den Größen des Dritten Reichs befragt worden, plötzlich interessiert sich jemand dafür, was, Traudl Junge, aus diesem Umgang mitgenommen hat.

 Heller lädt Junge in seine Villa nach Gardone Riviera am Gardasee ein. Dort sieht Traudl Junge zum ersten Mal das auf dreieinhalb Stunden zusammengeschnittene Material ihrer Gespräche. Wieder hat sie Rückenschmerzen, wie Heller übrigens auch. Die beiden erholen sich im Garten auf Magnetfeldmatten.

Junge ist erschrocken über das Gesicht, das in Großaufnahme auf dem Monitor zu sehen ist. Ihr Gesicht. Sie schwitzt. Ihre Lippen bewegen sich, wenn sie sich beim Erzählen zuschaut. Staunend und ungläubig kommentiert sie, was sie sieht. Auch dabei läuft die Kamera. Nach ihrer Rückkehr nach München erzählt Junge, wie beeindruckt sie von Hellers Anwesen war. Dass man so schön leben kann. Einmal mehr hadert sie mit ihrer Vergangenheit. Da schleudert mich das Schicksal zum Hitler, und nachher kommt nichts mehr.

Heller und Schmiderer montieren Traudl Junges Erzählungen, verschneiden sie mit Junges Selbstbeobachtungen. Sie zeigen die 81jährige, wie sie Anekdoten aus dem Zentrum des Nationalsozialismus erzählt und gleichzeitig fassungslos darüber ist, wie distanzlos und banal ihre Erzählungen wirken. Sie zeigen eine Frau, die nach mehr als 50 Jahren nicht fassen kann, wie fasziniert sie von dem Monster Adolf Hitler war und die sich ständig fragt, warum. Warum diese Faszination? Und warum ich?

Im Münchner Arri-Kino sieht Traudl Junge im Jänner dieses Jahres den Rohschnitt der Films. Nach der Vorführung ist sie schweißgebadet. Sie gibt den Film frei. Die Arbeit hat etwas Wesentliches an Traudl Junges Haltung zu sich selbst bewirkt. Sie kann jetzt den Satz sagen, den ihr André Heller als Belohnung für das zu leistende Bekenntnis in Aussicht gestellt hat. Ich glaube, ich kann dem jungen Ding Traudl Humps jetzt verzeihen.

 

Traudl Junge trägt einen Pullover in kräftigem Orange und ein buntes Halstuch. Die weißen Haare, die an manchen Stellen noch das Blond der frühen Jahre zeigen, sind streng zurückgekämmt. Junge sagt nichts, sondern blickt tief nach Innen. Sie beißt sich auf die geschminkten Lippen, einmal, mehrmals.

So beginnt der Film „Im toten Winkel". Er zeigt knapp 90 Minuten lang nur die Frau, die Hitlers Sekretärin war. Der Film verzichtet auf historische Fotos, auf historisches Filmmaterial, auf zeitgeschichtliche Einlassungen, selbst auf Musik. An drei Stellen hört man Fragen, die André Heller aus dem Off stellt, und ohne die Junges Antworten nicht verständlich wären. Eine alte Frau spricht über ihr Leben. Punkt.

„Ich versuchte ihr zu erklären, dass es unverzeihlich ist zu sterben, ohne die eigene Geschichte erzählt zu haben", sagt André Heller. Heller ist 55. Er bewohnt ein Palais in Wien und einen Palazzo samt Botanischem Garten in Italien. Seine Karriere hat rauschhafte Züge gehabt, er war Radiostar und Sänger, Schauspieler und Provokateur, er veranstaltete Shows und Revuen, brachte mit seinen Feuertheatern hunderttausende auf die Straße, inszenierte am Burgtheater, gründete einen Zirkus, ließ bizarre Flugkörper über die Niagarafälle und Alcatraz segeln, schrieb klandestine Erzählungen und baute spektakuläre Orte unter die Erdoberfläche.

Gleich in einer der ersten Szenen spricht Junge über ihr Gefühl, als Mädchen zu unbedenklich gelebt zu haben. Ich muss dem jungen Ding böse sein, dass es das Monster Hitler nicht erkannt hat. Dann schwächt sie ab. Ich war erst 13, als Hitler auftrat. Sie rechtfertigt sich, und der Satz wirkt in seiner unfreiwilligen Komik gleichzeitig grotesk und berührend: Der Führer war, man kann sagen, was man will, eine große Person in dieser Zeit.

Hellers Sensoren für den Massengeschmack sind so instinkthaft sicher, dass er  von vielen allein wegen seines Erfolgs für einen Scharlatan gehalten wird. Dabei hat Heller die Zeit der plakativen Inszenierungen, die er mit großen Tönen begleitete, längst hinter sich gelassen. Er ging mit seinen Projekten seit Jahren konsequent in die Tiefe. Zuletzt versammelte er Musiker aller Konfessionen in Marrakesch, um in einer strahlenden Mondnacht „Voices of God" zu hören. Er baute dem WWF einen schlanken Pavillon für die EXPO in Hannover. Zur Zeit arbeitet er mit Jessye Norman an einem Schönberg-Projekt.

Junge charakterisiert das private Auftreten der wichtigsten Nazis Deutschlands. Goebbels, schwungvoll und witzig. Himmler, herzlich und höflich. Der versonnene Ribbentrop. Der erfreuliche Albert Speer. In einer ungeschnittenen, 35 Minuten langen Passage erzählt sie atemberaubend von den letzten Tagen des Führerstaats, als dieser plötzlich nur noch in einem Bunker, elf Meter Beton unter Berlin, existierte.

Sie trägt, als sie sich in Gardone beim Reden zusieht, einen gelben Pullover, das selbe, bunte Halstuch wie in München. Ihr Gesicht ist spitzer, strenger als beim ersten Gesprächsdurchgang. Sie raucht Zigaretten. Sie spricht von der väterlichen Zuwendung, die sie von Hitler erfuhr, von jener Zuwendung, die ihr in der eigenen Familie gefehlt hatte, und dass sie diese genoss. Sie spricht von dem gemütlichen, älteren Herren namens Adolf Hitler und der harmlos friedlichen Atmosphäre, die ihn im Alltag umgab. Sie gibt ihre Beobachtungen über den von unzähligen Frauen begehrten Führer preis, dem, wie Junge meint, Erotik nicht geheuer war. Ich glaube, sagt sie, er war nicht zur Hingabe bereit. Damit konterkariert sie hundert Theorien zu Hitlers Sexualität. Sie beschreibt die lächerliche Frisur Hitlers, nachdem er am 20. Juli 1944 Stauffenbergs Attentat überlebt hat, und seinen kindischen Stolz, dass sein Pulsschlag selbst unter Schock nicht zu rasen begonnen hatte.

Ich messe dem Anekdotischen viel Bedeutung bei, sagt André Heller. Hat Hitler ein Parfüm verwendet? Wie sahen seine Schuhe aus? Wenn ich die Hausschuhe eines Menschen sehe, weiß ich sehr viel über ihn, was aus seinen Schriften nicht hervorgeht.

Junge sieht sich zu und bäumt sich auf. Das ist doch alles nicht wichtig, wenn doch die Gesamtwirkung so fürchterlich war.

Frau Junge, sagt Heller, führt mir Hitler als einen Verwandten vor. Sie gibt mir nicht die Möglichkeit zu sagen: Der ist ein Alien. Der ist kein Mensch. Wie sie ihn schildert, war er einer von uns, einer aus unserer Mitte. Kein genetischer Webfehler der Geschichte. Die Lehre, die wir daraus ziehen, heißt: Das kann wieder passieren.

Es gibt ein Foto, auf dem André Heller gemeinsam mit dem 1990 verstorbenen, österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky zu sehen ist. Darunter hat Kreisky mit der Hand einen berührenden Satz geschrieben: „Der alte Rabbi und der junge, wie sie klären."

Der junge Rabbi hat sich die alten Rabbis gut ausgewählt. Heller suchte Zeit seines Lebens die Gegenwart von Menschen, an denen er wachsen konnte. Er reiste zu Marc Chagall, zu Jean Cocteau, zu Salvador Dali, zu Henry Miller, um herauszufinden, was das Rezept ihrer Einzigartigkeit ausmachte. Er arbeitete nach Kräften mit Weltstars, mit Roy Lichtenstein, David Hockney, Keith Haring, Jean-Paul Basquiat, Paul Bowles, Chaka Khan, Astor Piazzola, um nur ein paar aus der beeindruckenden Galerie von Hellers Referenzen zu nennen. Die Ambition fremder und eigener Weltklasse, befeuert von heftigem politischen Sendungsbewusstsein, bekräftigen Heller im Ehrgeiz, Kreiskys Profil des säkularisierten Rabbis tatsächlich auszufüllen.

In den achtziger Jahren setzte sich Heller an die Spitze der Friedensbewegung. Er hielt Mahnwachen gegen Kurt Waldheim, der 1986 zum österreichischen Bundespräsidenten gewählt wurde, obwohl - oder auch weil - er seine Rolle als Wehrmachtsoffizier im zweiten Weltkrieg nur zögernd zugegeben hatte. Heller organisierte 1993 gegen ein Anti-Ausländer-Volksbegehren von Jörg Haiders rechtspopulistischer FPÖ ein Lichtermeer von 300.000 Gegendemonstranten auf dem Wiener Heldenplatz. Er engagierte sich heftig gegen die Koaliton von ÖVP und FPÖ, die Österreich seit 1999 regiert, und unterstützt den Vorsitzenden der Sozialdemokraten, Alfred Gusenbauer, nach Kräften. Der Treibstoff seines Engagements ist stets derselbe. Heller lässt keine Gelegenheit aus, über den Schaden zu sprechen, den die Nazis angerichtet haben, und wie aussichtslos es ist, ihn reparieren zu wollen. Es ist unerlässlich, sagt er, die Wurzel aus der Vergangenheit zu ziehen, unerlässlich, umfassend informiert zu sein. Allein zur Vermeidung von Fehlern, wie sie in der Vergangenheit passiert sind, ist es ratsam, die Vergangenheit zu kennen. Das ist ein Allgemeinplatz, sagte er, gewiss. Aber die Einsicht ist nicht sehr populär.

Traudl Junges Erinnerungen schreiben die Geschichte des Dritten Reichs nicht neu. In der Hitler-Biographie von Joachim Fest kommt sie nicht vor, in jener von Ian Kershaw wird sie wohl erwähnt, in einer Fußnote wird angemerkt, dass ihre Erinnerungen oft ungenau sind.

Ich dachte, sagt Traudl Junge, ich bin an der Quelle der Information. Aber ich war im toten Winkel.

Der ergreifendste Moment des Films ist für den Schluss aufgespart. Fast sieht es so aus, als fände Traudl Junge, nachdem sie fast 90 Minuten lang gebeichtet hat, zu einer Begründung, warum sie tat, was sie tat, weil sie eben nur wußte, was sie wußte, nicht mehr, wie Millionen andere Deutsche auch. Aber dann hat sie an der Münchner Franz-Joseph-Straße eine Gedenktafel für die Geschwister Scholl und die Widerstandsgruppe „Die weiße Rose" gesehen. Sophie Scholl, Jahrgang 1921, wurde 1943 hingerichtet. Sie war ein Jahr jünger als Traudl Junge, die 1943 bei Adolf Hitler anheuerte. Da erfuhr ich, sagt Junge, dass man Dinge hätte erfahren können.

Von der Wirkung dieser Einsicht erholt sich Junge nicht mehr. Die Vergangenheit vergiftet ihr Leben. Traudl Junge war nicht im Konzentrationslager, wurde nicht gefoltert, nicht enteignet. Sie war weder NSDAP-Mitglied, noch hatte sie persönlich Schuld auf sich geladen. Die amerikanischen Besatzer entnazifizierten sie ohne Einwände, als Mitläuferin. Aber Hitler hatte ihr Leben ruiniert wie das von zahllosen anderen Menschen, wenn auch anders; wie das von Stephan Heller, wenn auch anders; auch wenn André Heller um die Problematik des Vergleichens weiß, hat er absolut recht, wenn er sagt: Ein ruiniertes Leben ist ein ruiniertes Leben.

Beide, sagt Heller, Frau Junge und mein Vater, kreisen bis zum Ende ihrer Tage um die Erfahrung, Hitler überlebt zu haben. Das hat dazu geführt, dass ich mich selbst, aber auch alle anderen frage: Wie würde unser Leben ohne die Geschichte des Nationalsozialismus ausschauen? Es ist unglaublich, beharrt Heller, wie die Geschichte bis ins kleinste Detail in jedes Leben hineinregiert. Immer noch. Ich wäre froh, wenn sich jeder Mensch, der diesen Artikel liest, fragt: Was wäre in meinem Leben anders, hätte es die Nazis nicht gegeben? Er würde er auf erstaunliche Antworten stoßen.

 

„Im toten Winkel" wird zur Berlinale eingeladen. Traudl Junge fürchtet sich vor dem zu erwartenden Rummel um ihre Person. Erst will sie zum Premierendatum ihre Schwester in Australien besuchen, doch dann entschließt sie sich, persönlich in Berlin dabeizusein. Ihre Rückenbeschwerden plagen sie. Die Hausärztin schickt sie zur Unterwasser-Gymnastik in ein Reha-Zentrum.

Knapp vor Weihnachten hat sie Blut im Harn. Neue Untersuchungen, Diagnose Krebs. Eine Niere wird entfernt, Junge schöpft Hoffnung. Bei den Folgeuntersuchungen tauchen Metastasen in der Wirbelsäule auf, die wahren Ursachen für die ewigen Rückenschmerzen. Traudl Junge wird im Krankenhaus Rechts der Isar in ein schmerzendes Korsett gesteckt, sie kann ihr Bett nicht mehr verlassen.

Am Telefon sagte sie zu André Heller: Ich hab meine Geschichte losgelassen. Jetzt lässt mich das Leben los.

Melissa Müller bringt Traudl Junge das fertige Buch ins Spital und die ersten Kritiken. Sind sie gut? fragt Junge. Sie sind hymnisch, antwortet Müller. Gottseidank, sagt Junge, ohne eine Zeile zu lesen.

Die Filmpremiere gerät zum Triumph. Kritiker und Publikum haben die Frau, die fassungslos vor den Bestandteilen ihres Lebens steht, ins Herz geschlossen. Sie loben Junges unpathetische Unsicherheit, ihr Bedürfnis nach Klärung, den reinigenden Kraftakt am Ende ihrer Biographie. Sie respektieren Junges fast biblisches Bedürfnis, die Lügen, mit denen sie gelebt hat, auszumerzen, sei es auch noch so spät. „Im toten Winkel" bekommt den Publikumspreis der Biennale.

Traudl Junge starb wenige Stunden nach der Premiere des Films, am 12. Februar 2002, im Krankenhaus Harlaching in München.


Food & Beverage

Christian Seilers
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