sama eahlich, es is healich!

Kurier Freizeit
Bild: Stephan Mussil
Das Kollegium Kalksburg zerlegt das Wienerlied wie Tom Waits das Great American Songbook. Porträt einer Formation, die nahe am Wasser gebaut hat - oder sollte es vielleicht heißen: am Gespritzen. Poesie, Derbheit, Ironie und große Kunst: alles inklusive.

Auf der Bühne des Berio-Saals, in den Katakomben des Wiener Konzerthauses, hatten die sechs Frauen des Leipziger Vokalensembles Sjaella eine Erscheinung. Gerade war Henry Purcells „Music for a while" verklungen, heiligmäßige Barockmusik, arrangiert für sechs virtuose Frauenstimmen, als von der anderen Seite der Bühne ein gewaltiges Rumpeln erklang. 
Das Rumpeln stammte vom Kollegium Kalksburg, Männertrio aus Wien, Akkordeon, Kontragitarre, Euphonium, und das Lied fuhr wie eine Faust in die Zartheit, mit der Sjaella den Raum ausgekleidet hatte. 

Wolfgang Vincenz Wizlsperger, seine Mütze tief in die Stirn gezogen, begann zu singen:

da ane mocht am liabstn metta
da aundre an maschinschreibkuas
i moch bresln und brobleme
und sicha niggs mea wos i muas

In den Gesichtern der sechs jungen Frauen formulierte sich blankes Entsetzen. Was hat dieser Mann? Geht es ihm gut? Ist das Gesang? Hat er Schmerzen? Ist er gedopt?
Wizlsperger fuhr in seinem forcierten, eigenwilligen Vortrag fort, und der langhaarige Gitarrist Paul Skrepek stimmte, eine Terz verschoben, in den Gesang ein, der jetzt Fahrt aufnahm.

weu is lebm zarinnt uns zwischn d'finga
scho muagn kauns ogrend sei fia imma
und sama a ole entbealich
sama eahlich, es is healich!

Langsam löste sich die Anspannung in den Gesichtern der Leipzigerinnen. Das musste ein Wienerlied sein, ein grundfatalistisches, todessehnsüchtiges Wienerlied, vollgepackt mit jener Ironie, die man außerhalb Wiens so gern falsch versteht, vielleicht auch gar nicht, und vorsichtig ging auf der linken Seite der Bühne ein kleines Lächeln auf, während auf der rechten der Akkordeonist Heinz Ditsch den Kopf in den Nacken warf, um selbstvergessen, den Mund weit geöffnet, ein Zwischenspiel auf dem Akkordeon abzufeuern, situiert irgendwo zwischen Schrammelklang, Hodinajazz und Blues, bis Wizlsperger wieder das Kommando übernahm und, typisch für Kollegium Kalksburg, den Klang der Worte ausreizte, assoziativ, generös und auf brachiale Weise poetisch.

sea vüle woatn auf a wunda
und betn fest das's wunda wiad
gauns am schlus sans daun vawundat
waun goa niggs wundaboas basiad

Jetzt wurde das Lächeln der Frauen breiter. Das war kein Rumpeln mehr, das war ja herzvoll, konkret, verführerisch. Klar, würde der Sänger das Lied auf Finnisch singen, würden sie auch nicht mehr verstehen, aber das galt ja auch andersrum, denn nachdem Kollegium Kalksburg seinen Eröffnungssong „zwischn d'finga" beendet hatte, sangen Sjaella eine ziemlich abgefahrene Version von Stevie Wonders Schmachtfetzen „I just called to say I love you" und später etwas Filigranes aus dem Evangelischen Gesangsbuch, und miteinander wirkten die so grundverschiedenen Formationen einen musikalisch-literarischen Stoff, wie ihn das Festival „Gemischter Satz" hervorbringt, das im Konzerthaus Jahr für Jahr den dezidierten, seelenvollen Eklektizismus feiert. Gelächter und Erstaunen, Feierlichkeit und Krawall: Am Ende des Konzerts lagen sich die Parteien, wenn auch vorsichtig, in den Armen.

Das Kollegium Kalksburg ist keine Neuerfindung. Die Band gibt es seit mehr als zwanzig Jahren, und sie zelebriert noch immer etwas, das man im besten Sinn für „unangepasst", vielleicht auch, wenn der Begriff nicht so abgenudelt wäre, für „Underground" halten könnte. Das Trio dekonstruiert das Wienerlied, so wie Tom Waits das Great American Songbook dekonstruiert hat. Das heißt, das „Kollegium" fürchtet sich weder vor Lärm und hässlichen Worten, noch vor allzu viel Schönheit, wenn es um temporären Wohlklang geht, der jedoch, siehe oben, eh immer auf Messers Schneide steht oder, auch das ein Gründungsmythos dieser Band, auf der Klinge der singenden Säge, die Heinz Ditsch jahrelang durch die Landschaft geschleppt hat.

Wenn wir schon bei den Mythen sind: Es passt ins Bild, dass der Gründung von „Kollegium Kalksburg" kein strategischer Gedanke zugrunde liegt, sondern ein qualifizierter Zufall. Im Jahr 1996 landete ein Anruf bei Paul Skrepek. Ein Organisator des „Herz-Ton-Festivals" wollte wissen, ob Skrepek ein paar unkonventionelle Wienerlieder zur ein paar Jahre vorher gegründeten, unkonventionellen Wienerliedserie beisteuern könne. Skrepek, dessen Cousin Peter Paul zu dieser Zeit Bassist in der Band von Falco war, ahnte zwar, dass der Anruf möglicherweise auf einer Verwechslung beruhte und nicht ihm, sondern dem Cousin gelten könnte, versuchte aber weder, den Irrtum aufzuklären, noch die Tatsache allzu sehr auszubreiten, dass er gar keine Wienerlieder im Repertoire hatte. Er sagte zu.

Auf die Frage, unter welchem Namen man seine Band denn ankündigen solle, zögerte Skrepek kurz. Er warf einen Blick aus dem Fenster, von wo aus er die römisch-katholische Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht in unmittelbarer Nachbarschaft der bekannten Trinkerheilanstalt sah und antwortete kurz entschlossen: „Kollegium Kalksburg".

„Ach", sagt Heinz Ditsch. „Stimmt doch gar nicht."

„Wieso?", fragt Paul Skrepek zurück. „So war es doch."

„Ich hab keine Ahnung", sagt Vincenz Wizlsperger, die Mütze tief in die Stirn gezogen und kostet von seinem zweiten Bier, und ich bekomme im Garten des Gasthauses Wild am Radetzkyplatz sozusagen eine Privatvorführung in angewandter Kalksburgerei. Der eine erzählt, der andere widerspricht, der dritte schlägt sich einmal auf diese, einmal auf die andere Seite, es werden abwechselnd Bier und Weißweinachteln bestellt, und ich muss mich mit der Idee anfreunden, dass Geschichte niemals eindeutig ist, schon gar nicht die Geschichte dieser Band.

Unbestritten ist nur, dass das „Kollegium" aus einer Band namens „Franz Franz & the Melody Boys" hervorgegangen ist, an der sämtliche heutige Kalksburger und der längst als Solokünstler arrivierte Stefan Sterzinger beteiligt war. Man spielte Schlager, um sie zu zerstören und sich über die Zerstörung zu amüsieren, und in diese kreative Unruhe mischten sich auch Wienerische Einsprengsel.

„Aber richtige Wienerlieder", sagt Wizlsperger, „kannten wir gar nicht."

Sowieso wurden richtige Wienerlieder vor allem in den konservativen Ecken der Szene gespielt, wo sich das Kollegium in Gründung ganz sicher nicht zu Hause fühlte, aber als in den Zustand allgemeiner Ermüdung die Einladung zum „Herz Ton Festival" platzte, beschloss man, „halt Wienerlieder zu spielen".

Das Konzert sollte eine Stunde dauern. Aber die Band hatte nur vier Lieder vorbereitet. Sie sangen „A oides Wossabangl" von Karl Savara und Rudi Schipper, „A scheene Leich" von Leibinger und Frankowski, und dazu hatte Wizelsperger seinen ersten Text geschrieben, der in seiner ungezähmten Trinkerlyrik den Ton setzte, der eher Assoziationen zur Trinkerheilanstalt als zum Knabeninternat weckte:

ois junga mensch do hod ma ideale
do sauft ma füa a bessre wöd
daun wiad ma öda und meakt es nutzt niggs
und sauft eascht recht weu an des gwöd

Nun sucht das Wienerlied ziemlich häufig den Kontakt zum Absturz, auch wenn dieser gern als Räuscherl oder Spitz verharmlost wird. Das Kollegium hatte freilich nie die Absicht, irgendetwas zu verharmlosen, schon gar nicht den Rausch, und so gelang es dem Trio mit größter Überzeugungskraft, aus einem überschaubaren Repertoire rauschhafte Auftritte zu machen, getragen von der Spontanität, in bester Wiener Volkssängertradition die Grenzen zwischen Liedern, Couplets, Gstanzeln und improvisierter Geschichtenerzählerei zu verwischen. 
Wizlsperger hat das Talent dafür im Übermaß. Er weiß nicht nur, was eine Pointe ist, sondern auch, wann er sie setzen muss. Er hat seinen Qualtinger und seinen Rühm studiert, und von den Gedichten des François Villon, die H.C. Artmann so kongenial ins Wienerische übertragen hat, gelernt, wann Derbheit gebraucht wird, um zärtlich zu sein - und umgekehrt.

Schleichend wurde das Kollegium zum Hauptberuf seiner Darsteller. Man spielte auf allen möglichen Festivals, gründete Allianzen mit Gleichgesinnten, nahm etwa zehn Alben auf, ging auf Tournee. Suchte passende Songs, um sie zu kalksburgisieren - Lieder von Heller, Danzer, Falco - und fragte gleichzeitig beim Schriftsteller Antonio Fian an, ob er nicht Songtexte für sie schreiben wolle. Fian wollte, und seine aus dem Kärntnerischen geborenen Texte, die vom Kollegium verständnisvol eingewienert werden, gehören mit zum Besten, was die Band im Repertoire hat, hemmungslos sentimental, aber geerdet durch die ironische Sprödigkeit der Präsentation. 

Für alle, die gern einmal mit dem vollzählig erschienenen „Kollegium" im Wirtshaus über Programmatisches sprechen wollen: Leicht ist das nicht.

Die Frage, was denn ein prototypisches Kalksburg-Lied ausmacht, wird zuerst kontrovers diskutiert, bevor man sich auf einen definitorischen Wesenszug einigen kann: „Die Überlänge. Für das Drei-Minuten-Format sind wir nicht geschaffen."

Die Verwandtschaft zum Gstanzl wird bestritten. Paul Skrepek: „Gstanzeln langweilen mich." Das klassische Wienerlied wird abgelehnt. Heinz Ditsch: „Mag ich nicht." Einig ist man sich nur darüber, dass das gesprochene, performte Wort gilt, und dass Vincenz Wizelsperger dessen Prophet ist. Was im Hintergrund an Rhythmus und Melodik passiert, bleibt Gegenstand interner Auseinandersetzungen, und dass Paul Skrepek keine C-Dur-Akkorde mehr spielen möchte, ist auch eine Wahrheit, die ich aus dem Gasthaus mit nach Hause genommen habe.
Im Schlusskommuniqué steht jedenfalls, dass „Voraussetzung für die Weiterentwicklung die offene Form" ist, soll heißen: Steckt uns bitte nicht in die falsche Schublade, nein, in keine  Schublade. Denn - und so viel Programmatik muss dann doch noch sein: „Das Wienerlied ist, was man singt, wenn man in Wien wohnt."

Ein Musterexemplar von diesem neuen Wienerlied singt Vincenz Wizelsperger auf einem Album, das er gar nicht mit dem Kollegium, sondern mit dem Pianisten Hannes Löschel unter dem Titel „pünktlichkeit & anarchie" aufgenommen hat. Der Text stammt von Peter Ahorner, und er beschreibt das unaussprechlich Großartige, zu dem sich das Wienerlied in seinen besten Momenten aufschwingen kann.

von da danau hoid gnua
hob i ghobd scho ois bua
die erkenntnis bei an kracherl
die donau is a bacherl

do hod mia a vawandter gsagt:
geh burli, sei endspannter
huach nua auf mei rezeptur
dann kummt da ois vü größer vua

wannsd in da wellen bisd 
liegt wien am meer
und hosd gnua eineglaard
bisd du auf deine art
ein wiener hanseat
und ohne zweifel
am gänsehäufel
bin ich ein admiral





Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

Folgen auf ...


Suche