Romeo trinkt keinen Kaffee

Der Feinschmecker
Ein Lobgesang auf die "Antica Bottega del Vino" in Verona, den einzigen Ort der Welt, wo man nichts anderes als Wein zu trinken bekommt.

Wenn man Verona auf die beiden Koordinaten reduziert, denen das konzentrierte Interesse der Mehrzahl seiner Gäste gilt, dann besteht die Provinzhauptstadt aus genau zwei Punkten: der Arena, wo im Sommer im ehemals römischen Amphitheater berückend gesungen wird, und dem Wohnhaus Julias (von „Romeo und Julia", dem Weltdrama, das Meister Shakespeare bekanntlich in Verona verortete). In die Arena reisen Opernfans aus aller Welt mit Flugzeugen und Bussen. Im Torbogen zu Julias Haus haben zahllose Romantiker ihre Liebesschwüre mit Filzstift hinterlassen, und die Brust der Bronzestatue, welche die „Giulietta" verkörpert, ist blank gescheuert, weil ihre Berührung für lebenslanges Liebesglück sorgen soll.

Verbindet man „Arena" und „Casa di Giulietta" mit einer Geraden, kommt dabei etwa der Verlauf der Via Giuseppe Manzini heraus, der wichtigsten Einkaufsstraße Veronas. Wenn man dieser jedoch zu zielstrebig folgt, vergisst man eventuell, an der Via Scudo di Francia abzubiegen - das wäre ein Fehler. In besagter Seitenstraße befindet sich nämlich die „Antica Bottega del Vino", und es wäre noch untertrieben, diese dunkle, von schwerem Holz, warmem Licht und unzähligen Weinflaschen geprägte Spelunke nicht als Königreich der Veroneser Gastlichkeit zu erkennen.
Die Bottega hat alles, was ein famoser Ort seinen privilegierten Gästen bieten kann: augenblicklichen Familienanschluss, für jede Gelegenheit den richtigen Happen zu essen, und natürlich, als Pforte ins Glück, eine strenge Vorschrift: Hier wird kein Kaffee ausgeschenkt, kein Wasser und kein Bier. Nur Wein.

„Heißen wir Bottega de Caffè?", fragt der freundliche Oberkellner Romario Paulet rhetorisch. Dann verweist er auf die monumentale Schreibtafel, die - von einem goldenen Barockrahmen eingefasst - das Tagesangebot an offenen Weinen präsentiert: Weiß, rot, süß, Sprudel. Dazu gibt es, gleich neben dem Eingang appetitlich in eine Glasvitrine geschlichtet, Cicchetti wie in Venedig: winzige Brötchen mit Culatello, Weichkäse mit Mostarda, den köstlichen mit Senfkörnern eingelegten Früchten, Polenta mit Cotechino, der herrlichen, fetten Kochwurst, frittierte Sardellen und Semmeln mit Mortadella. 

Kann gut sein, dass man in der Bottega nicht weiter kommt als bis hierher; dass man im Stehen isst und dazu so viele Gläser Franciacorta trinkt, bis man bemerkt, dass man jetzt auch den Mantel ausziehen und sich setzen könnte - okay, wahrscheinlich sind eh alle Plätze an den dunklen, schweren Biedermeiertischen besetzt, die vorne im Eingangsraum gegenüber der Bar stehen: von älteren Herren mit norditalienischem Akzent, denen die Bottega längst ein zweites Wohnzimmer geworden ist. Manche von ihnen kommen zweimal täglich, manche dreimal, manche nur einmal: die bleiben dann allerdings von halb elf bis kurz vor dem Abendessen, wandern von Tisch zu Tisch und erörtern in wechselnder Zusammensetzung, was sich seit gestern in der Welt verändert hat. Auch für sie gilt übrigens das Kaffee- und Wasserverbot, was sich zuweilen in einer gewissen, eruptiven Heiterkeit oder einem versunkenen, gemeinsamen Schweigen äußert. Manchmal klingelt auch ein auf sehr laut gestelltes Telefon, aus dem die Anweisung kommt, jetzt aber tatsächlich und zwar schnell nach Hause zu kommen. Ciao Bruno, Arrivederci Franco.

Die „Antica Bottega del Vino" trägt diesen Namen seit 1890, aber ihre Geschichte reicht viel weiter zurück. Im sechzehnten Jahrhundert befand sich hier eine Osteria namens „Scudo di francia", Schild der Franzosen, direkt darüber residierte die Vertretung der französischen Diplomatie. Die museumsreife Einrichtung des Raums stammt aus der Epoche österreichisch-ungarischer Herrschaft (1797 bis 1866), die ein bisschen Biedermeier in Gestalt achteckiger Tische und geometrischer Stühle hinterließ. Die Möbel sind zum Teil noch heute in Gebrauch.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Cantina sociale di Soave Gebrauch von den Räumlichkeiten an der Via Scudo di Francia, bis 1890 die Brüder Carlo und Giovanni Sarzi den Laden übernahmen. Welchem von beiden der neue Name „Bottega del Vino" einfiel, ist nicht endgültig geklärt.

Seither hatte die Bottega nur drei weitere Besitzer. Es war der Vorletzte namens Severino Barzan, der die Bottega nach dem Vorbild römischer und florentinischer Weinlokale neu erfand. Der Pionier des italienischen Weinbaus beschränkte sich dabei nicht nur auf die besten Weine der Nachbarschaft des Valpolicella und Veneto, sondern begann, eine Sammlung außerordentlicher internationaler Weine anzulegen, Schwerpunkt Burgund und Bordeaux. Außerdem feuerte er seine Landsleute lautstark an, selbst bessere Weine zu machen, die er in der Bottega sodann stolz und überzeugt verkaufte.

Der Keller der Bottega verkörpert Sarzis Qualitätswut. Heute liegen über 20.000 Flaschen von 4000 Herstellern im idyllischen Gewölbe, Weinbrände aus dem 19. Jahrhundert, und in der Schublade der Geheimkommode schlummern noch etliche Flaschen, die Barzan persönlich aus dem Burgund mitgebracht hat: Romanée-Conti-Jahrgänge aus den siebziger Jahren - und auch das älteste Sammelstück aus eigener Produktion: eine Flasche Acinatico von Bertani aus dem Jahr 1928. Anders als die Burgunder, die auf der Weinkarte stehen, kann man letzteren auch dann nicht kaufen, wenn man die Wünsch-dir-was-Kreditkarte eingesteckt hat.

2010 verkaufte Barzan die Bottega nach zwischenzeitlichen Querelen an „Le Famiglie dell'Amarone d'Arte", ein Konsortium der zwölf ältesten Weinproduzenten des Valpolicella (Allegrini, Begali, Brigaldara, Masi, Musella, Nicolis, Speri, Tedeschi, Tenuta Sant'Antonio, Tommasi, Venturini and Zenato). Sie schienen ihm die richtigen zu sein, die Bottega in seinem Sinne weiterzuführen. 

Das heißt: Es gibt keine Regeln dafür, was, wo und wann gegessen wird. Mittags und abends verwandeln sich die hinteren Räume der Bottega - alle geschmückt von stolz drapierten, leeren Weinflaschen, an deren Etiketten man ablesen kann, was man sich hier schon für Kostbarkeiten hinter die Binde gekippt hat - in ein Restaurant. Die Tische sind dann weiß gedeckt, auf der Karte stehen unkomplizierte Klassiker wie Risotto con Vino Amarone, Spaghetti mit Sardellen, Knoblauch und Brotkrümeln oder das Filetto di Fassona Piemontese della Bottega - letzteres ein Vorbild an Eleganz und Geschmack, perfekt gebraten und reduktionistisch mit Meersalz und Olivenöl serviert.

Aber man muss nicht essen, man darf nur. Man kann sich auch den Risotto draußen an der Bar servieren lassen oder sein Brötchen hinten in der Stube essen. Man kann sich in den Keller führen lassen und eine Flasche nach oben holen, um sie gleich zu verzehren, oder man nimmt sie kurz entschlossen mit nach Hause - natürlich nur, wenn man auf dem Weg zur Tür nicht von den Kumpels an der Bar aufgehalten wird.

Barzan selbst kommt täglich vorbei, probiert neue Weine und tauscht sich mit Bruno, Franco und den anderen darüber aus. Jetzt, mit fast 90 Jahren, hat er endlich ein bisschen Zeit zum Schwätzen.

Ideal, wenn jemand vorbeikommt, der die alten Geschichten noch nicht kennt. Ihm kann Luca Nicolis, der das Amt des Gastgebers großartig und mit viel Körpereinsatz ausübt, zum Beispiel das Schwarz-Weiß-Bild der Heiligen Madonna zeigen, die über der Bar hinter einer Batterie von Grappaflaschen versteckt ist. Vor ihr brennt seit über sechzig Jahren ununterbrochen ein Lichtlein. Sie ist ein Geschenk jener Partisanen, die das Bombardement Veronas in den Kellern der Bottega überlebten und sich auf diese Weise ganz oben bedanken wollten.

Oder der Faun, der am Balken zwischen Bar und Gaststube hängt. Er hält - möge er niemals abhanden kommen - den Schlüssel zum Keller in der einen Hand und ein grünes Laternchen, um sich dort zurechtzufinden, in der anderen.

Gleich daneben ist das dürre Bäumchen ausgestellt, das vor gar nicht so langer Zeit direkt in der Via Scudo di Francia als zartes Pflänzlein zwischen den Pflastersteinen hervorspross. Es erwies sich - Prost, Freunde - als Weinrebe, und vielleicht macht ihr unerklärliches Erscheinen die Antica Bottega del Vino eines Tages zum Wallfahrtsort - falls sie das noch nicht ist. Während der Opernsaison in der Arena wird hier um halb acht, neun und halb elf Abendessen serviert, und während der jährlichen Weinmesse, der Vinitaly, geben sich die besten Winzer der Welt die Klinke in die Hand - beziehungsweise den Korkenzieher. Dann fließen die teuren Champagner mit derselben Selbstverständlichkeit wie der Lugana an der Theke.

Am achteckigen Künstlerstammtisch wurden übrigens die Sinnsprüche ausgedacht, die ein Graveur sodann in schönen Lettern in die Holzbalken schnitzen durfte. Jeder einzelne lobt den Weingenuss, aber einer bringt die Essenz der Bottega auf den Punkt: Dio mi guardi da chi non beve vino. Gott behüte mich vor denen, die keinen Wein trinken.

Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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