Randständigkeiten

Alacarte Bookazine / Geschichten
Eine physische Annäherung an das Phänomen des Wiener Weins

Ich ging, bis ich verloren ging. Das geht in Stammersdorf leicht. Zuerst mit dem 31er bis zur Endstation, bereits dieser Ritt aus dem Stadtzentrum ins Tangentiale ist eine Entschleunigungsübung. Auf mich haben breite Straßen mit hässlichem Hausbestand, Tankstellen, Möbelhäusern und Militärspitälern eine beruhigende Wirkung. Vielleicht, weil ich in die Musik kippen kann, die in meinem Kopf spielt, die Stadtcowboyklänge von Giant Sand zum Beispiel, spröde und schön und geht schon, geh schon.

Die Häuser jetzt niedrig, einzeilig, und wenn jemand vergessen hat, das Tor zu schließen, Durchblick bis nach Prag, so groß sind die Hinterhofgärten. An vielen Häusern brannte das grüne Licht der Gastfreundschaft. Ich hatte mir den Schweizer Weinhändler Philipp Schwander zum Vorbild genommen, einen Master of Wine, der auf der Suche nach einem Weißwein, der ihm gefiel, durch das ganze Kamptal gewandert war, um hinter jeder Tür, auf der sich ein Winzer auswies, den Veltliner zu kosten und den Riesling, so kam Schwander schließlich zu Oskar Hager in Mollands, einen bis dato völlig unbekannten Winzer, der jedoch bald eine herausragende Bekanntheitsquote in der Schweiz erlangte und von dort langsam nach Österreich zurückberühmt wurde. So stellte ich mir meine Wanderung durch Stammersdorf vor. Nur nichts auslassen.

Wien ist gebenedeit unter den Städten. Die Stadt liegt in einer Einflugschneise für Frischluft, das Sonnenuntergangspanorama ist zu jeder Jahreszeit eindrucksvoll, und dass die Grenzen dessen, was Stadt genannt wird, fließend in das freie Land übergehen, weiß jeder, der auf den Wiesen der Donaustadt jemals den Kühen beim Kauen zugeschaut hat. 

Der Wein gestaltet diesen Übergang mit besonderem Sinn fürs Ästhetische. Wein strukturiert Landschaft präziser als jede andere Kultur. Die Geometrie der Zeilen, an denen Wein wächst, veredelt Hänge und Ebenen. Die Farben der Weinblätter tun das Ihre, um das Bild der Landschaft abwechslungsreich zu gestalten. Wir Städter sind ungeduldig. Wir brauchen Unterhaltung. Zartgrüner Frühling, flammenroter Herbst. Bloß keine Langeweile. 

Wien hat den schönsten Stadtrand der Welt, weil er von Weinbauern kultiviert wurde. Das gilt für den Nordwesten der Stadt, für die Stammersdorfer Ecke, das gilt für die noblen Hügel Döblings, für die knackigen Südhänge von Hernals und natürlich für die thermischen Ränder Mauers und Rodauns. 

An diesen Rändern wächst Wein - dass es guter Wein ist, ausgezeichneter Wein sein kann, ist eine Wahrheit, die erst von Bedeutung ist, seit das Geschmacksempfinden der Weintrinker geschult, entwickelt, verfeinert wurde, also seit ein paar historischen Sekunden. Bis dahin reichte es, dass Trauben wuchsen, dass die Weinbauern aus den Vorstädten mehr Wein kelterten, als sie selbst trinken konnten und dass sie, um andere mit den Früchten ihrer Arbeit zu beglücken, eine angemessene Form dafür fanden. Ein paar Tische, ein Krug, ein paar Heller im Tausch für den gelungenen Nachmittag. So begann eine sybaritische Erfolgsgeschichte.

Ich durchwanderte die Stammersdorfer Straße, steckte meine Nase in die Ausschank der Winzer Reinbacher, Helm, Raich und Wimmer, nippte am frischen, reschen Weißen, aß ein Liptauerbrot bei Eisenheld, erfrischte mich sinnfällig bei Fritsch-Wanderer, wo mir angesichts des zweiten Teils vom Doppelnamen auffiel, dass meine Wanderung zwar bereits einige Zeit in Anspruch genommen hatte, dass der Erfolg in Gestalt absolvierter Marschkilometer jedoch noch überschaubar geblieben war. Beim Klager ließ ich mir einen Zettel geben, um Notizen zu machen. Der Zettel fiel mir später, als ich nach Durchsteigung der Stammersdorfer Kellergasse auf dem Anstieg zum Bisamberg Zwischenbilanz ziehen wollte, ins Wasser. Ich sprang zwar augenblicklich nach, aber meine Verkostungsnotizen waren unbrauchbar geworden. Dafür fühlte ich mich plötzlich frisch und tatendurstig, so dass ich bei der „Mittelstation" der Familie Klein einen Zwischenimbiss einlegte und, ausgestattet mit einem neuen Zettel, zum Gipfel des Bisambergs aufbrach, wo ich weit ins Land gesehen hätte, wenn es nicht überfallsartig dunkel geworden wäre. Von diesem Schock erholte ich mich in der Schutzhütte Magdalenenhof, wo mir Gerers Bergrettung pochiertes Knochenmark einflößte und mich fit für den Abstieg machte.

Der Heurige ist ein Wunder. Er befriedigt die Bedürfnisse seines Publikums mit einfachsten Mitteln, ohne jemals banal zu sein. Die Gesetzeslage sieht vor, dass er dort stattfindet, wo der Wein gemacht wird, also ist die Frage geklärt, warum es keinen hässlichen Heurigen gibt (okay, fast keinen). Es darf am Originalschauplatz nur Wein aus eigener Erzeugung ausgeschenkt werden, was zuweilen eine Herausforderung ist, aber zum Charakter jedes Winzers gehören bekanntlichauch seine Falten. Diese Analogie lässt sich leichten Herzens auch auf den Wein übertragen.

Damit der Wein anregend bleibt und die Fantasie des Heurigenbesuchers befeuert, seine Peristaltik jedoch nicht überfordert, gestattet das entsprechende Regelwerk dem Heurigenwirten auch den Verkauf einfacher, kalter Speisen. Nun ist zu einem Glas Wein am schönsten Ort der Welt - und praktisch jeder Heurige befindet sich am schönsten Ort der Welt - die kalte Speise sowieso das Richtige. Ein dunkles Roggenbrot mit Butter und Salz und der Hälfte eines harten Eis, ein frischer, unidentifizierbarer Weißwein aus dem Stutzenglas, der Blick in der Ferne, wo dem Himmel gerade ein Licht aufgeht - so stelle ich mir einen Bezirk vom Paradies vor.

Weil wir gerade davon sprechen: unidentifizierbar ist der Wein natürlich nicht, weil er schlecht gemacht wäre und seine Herkunft nicht verriete. Er stammt vielmehr nach guter Wiener Tradition von einem Weinberg, auf dem die verschiedensten Sorten gedeihen, vom traditionellen Grünen Veltliner über Sauvignon blanc bis zum Welschriesling, nicht minder traditionell übrigens. 

Die Weingärten wurden deshalb nicht sortenrein angelegt, weil die Vielfalt im Garten die Launen des Wetters egalisierte. Wenn manche Wetterverläufe gewisse Sorten bevorzugten, so bevorzugten sie nicht alle - und umgekehrt, und darum ging es ja. Sortenpluralismus minderte die Risiken eines Totalausfalls. 

Die Trauben wurden dann gleichzeitig geerntet, gepresst und vergoren. Der Wein, der so entstand, hieß „Gemischter Satz", man versteht den Namen, und man freut sich über die Aufgabe, den komplexen Geschmack jedes solchen Weines zu dechiffrieren - wenn man möchte. Wenn man nicht zu beschäftigt ist, in die Ferne zu schauen und der Musik im eigenen Kopf zu lauschen.

Also wanderte ich weiter. Ich marschierte von Hütteldorf der Mauer des Lainzer Tiergartens entlang, bis ich nach Mauer kam und statt im Eichenwald zwischen den Rieden landete. 
Der Blick über die Stadt war erstaunlich. Wien sah wie das Meer aus. Am Horizont die Skyline Kagrans wie ferne Hafenkräne. Der Boden schwer und fruchtbar. 
Ich ging weiter, bis mich ein Wegweiser für Radfahrer daran erinnerte, dass es nur mein ein Katzensprung bis nach Perchtoldsdorf sei. Ich war am Land. In der Natur. Ich war fort. Ich war in Wien. Ich war überwältigt von den Wellen der Rieden, die über mir zusammenschlugen. Ich setzte mich auf den Boden und sah den Trauben beim Wachsen zu, und es war das richtige Stück Glück für hier und jetzt, wie der richtige Inhalt des richtigen Glases am richtigen Tisch.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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