Radio Wien antwortet nicht

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Bild: Klemens Lendl, Peter Ahorner, David Müller
Martin Spengler, Peter Ahorner & die Strottern, Alex Miksch: Großartige Neuerscheinungen dokumentieren den neuen Reichtum des Wienerlieds. Schade, dass man deren Hits nicht im Radio hören kann. Von Christian Seiler

In einem Tschocherl am Gürtel sitzen zwei Gestalten, ein er, eine sie. Gemeinsam warten sie darauf, dass etwas geschieht; dass etwas Warmes, Zartes über sie hereinbricht, an das sie schon gar nicht mehr glauben können. Den mangelnden Glauben trinken sie sich schön, für einen Augenblick funkelt er sogar verführerisch. Man könnte auch sagen: „Vü föd ned", viel fehlt nicht, und in dem Tschocherl wäre vielleicht doch etwas Epochales passiert, wenigstens für zwei Verlorene. Aber das entscheidende Alzerl fehlt eben doch.
Diese Geschichte erzählt Martin Spengler in Form einer zurückgelehnten, im Rhythmus eines langsamen Herzschlags pulsierenden Ballade. Die Gitarre grundiert die Stimmung, und Spenglers transparente Stimme schwingt sich darüber, bis sie beim ersten Refrain Gesellschaft in der Terz bekommt, dann kleidet das Ensemble den Klang des Stücks aus, Quetsche, Bass, Geige. Gemeinsam umrahmen sie wehmütig das Pochen der Geschichte auf ihrem Weg ins Nirgendwo, in das Aufblitzen einer Hoffnung und deren Verlöschen, Strophe um Strophe, Minute für Minute, ein bezauberndes Lamento, ein kleiner Roman.
Die „Strottern" wiederum verhandeln mittels einer berückend schönen Kunstliedmelodie die große Frage, ob Männer und Frauen einander jemals verstehen können. Sie nehmen die Zeilen des Dichters Peter Ahorner beim Wort und zerlegen sie in Stimmungen: in das Klagen über das grundsätzliche Missverständnis zwischen den Geschlechtern; in das Hoffen auf Annäherung, wenn sie gegen alle Vorzeichen doch möglich zu sein scheint; in die tieftraurige Entschuldigung, dass man doch nicht mehr sein kann als man selbst und trotzdem gerne als dieser erkannt würde: „warat i du/und du warast i/hetst a faschdendnis für mi".
Ahorner, versehentlich in Vorarlberg geboren, ist ein großer Wiener Dichter, der über fast kein Werk verfügt, weil er sein Talent jahrelang artfremd in der Werbung zu Geld machen musste. Seine verspielten, alliterierenden Zeilen werden von Klemens Lendl und David Müller interpretiert, den Strottern. Auf „warat i du" werden die beiden begleitet von der Emmylou Harris des Wienerlieds, der großartigen Doris Windhager, die seit Jahrzehnten zur Stammformation von Roland Neuwirths Extremschrammeln gehört und ihre zweite Stimme so musikalisch und samtweich setzen kann wie niemand sonst. Diese Kombination hebt dieses Lied - entstanden vor mehr als zehn Jahren und nun vom Originalpersonal neu eingespielt - höchst gültig in die Gegenwart, berührend wie je, nur interpretatorisch ein bisschen gereift.
Und Alex Miksch spielt den Blues. Mit einer Stimme, die auf der Skala zwischen Tom Waits und Joe Berger ziemlich tief im Keller angesiedelt ist, beschwört er sein Gegenüber, doch nicht einfach abzuhauen, sondern ihm eine Chance zu geben. Er wird den „Besn" vom Dach holen und allen Dreck zusammenkehren: „Wo bist du/wo bist du hi/hob so lang gwoad/so lang auf di". 
Die elektrische Gitarre rumort ungemütlich. Die Lapsteel Gitarre formuliert Ornamente der Ratlosigkeit. Der Sänger ist zornig, am Anschlag. Er vermisst sein „du". Er ist wütend, dass es verschwunden ist: Er hat doch versprochen, aufzuräumen und in Zukunft alles besser zu machen. Wie kann es sein, dass man ihm das nicht glaubt, dass man ihn sitzen lässt, allein, nur mit sich selbst?
Es sind drei sehr unterschiedliche neue Alben, die zeigen, wie vielschichtig und virtuos Wiens Musik derzeit auftritt. Lieder aus Wien, das sind längst nicht mehr die klassischen Wienerlieder mit ihren verzerrt grinsenden Gesichtern und dem Hang zur Rührseligkeit, wie sie in ihrer banalen Ausprägung auf den Heurigenbankeln dargeboten wurden. Auch die Zeiten, als Giganten wie Karl Hodina und Roland Neuwirth das Monopol auf ein kitschfreies, intelligentes Wienerlied besaßen, sind vorbei. Die Musik, die in Wien entsteht, hat sich ungemein diversifiziert, ohne deshalb auf ein paar identitätsstiftende Merkmale zu verzichten. Die Form: das Lied. Die Sprache: Wienerisch. Die Verortung: Kopf in den Wolken, die Füße in der Nähe des Donaukanals. Darüber hinaus: Pop, Soul, Hip-Hop, Folklore, Kunst, was ihr wollt.
Dieser gemeinsame Nenner ist vielen Bands und Musikern gemeinsam, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Das Spektrum reicht von Neoklassikanern wie der Ernst Molden Band, die sich um eine Geschichtsschreibung von Wien Mitte verdient macht, bis zu flüchtigen Gästen wie Ja, Panik, die längst in Berlin leben, aber mit ihrer sarkastischen Version des Heller-Qualtinger-Songs „Wean, du bist a Taschenfeitl" - Ja, Panik: „Wien, du bist ein Taschenmesser" - ihren eigenen Pflock eingeschlagen haben. Dazwischen tummelt sich eine bunte, vielfältige Szene von Spaßmusikanten, Ironikern, Soulwienern oder Pathetikern, Klangvirtuosen und Weltmusikanten, die zum Teil eng miteinander bekannt und gegenseitig Gäste auf wechselnden Bühnen sind, zum Teil aber auch erratische Figuren mit eigener Idee und großer Unbeirrbarkeit. 
Vieles davon hat der Musikverleger und Produzent Walter Gröbchen auf inzwischen vier Samplern namens „Wienmusik" gesammelt, es sind empfehlenswerte, witzige und irritierende Querschnitte durch das Musikschaffen der Stadt - und eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt auf umfassendere Weise einen Überblick über die Szene zu bekommen. 
Denn während in Wien ein neues Zeitalter genuiner Musikkultur anbricht, tut der öffentlichrechtliche Rundfunk - konkret: Radio Wien, das dafür prädestiniert, ja dazu verpflichtet wäre - nichts, um das Phänomen zu dokumentieren, geschweige denn zu fördern. Es bleibt den mit einer halben Stunde täglicher Sendezeit sowieso sträflich unterdotierten Kollegen der Ö1-„Spielräume" überlassen, von Zeit zu Zeit auf die eine oder andere Neuerscheinung aus Wien hinzuweisen. Radio Wien hingegen, das sich selbst als „Stadtradio" charakterisiert, winkt ab. Für die kulturelle Tiefe der Stadt fühlt sich das Stadtradio nicht zuständig. Kommerzielle Erfolge, wie das letzte Molden-Album „Ho rugg" kommen völlig ohne Airplay zustande, wachsen allein auf dem Engagement und Fleiß der jeweiligen Künstler, die Stadt und Umgebung auf den verschiedensten Bühnen bespielen. Nächster entsprechender Fixpunkt: Das Festival „Wean hean" (siehe Kasten).
Interessant, dass niemand über die Misere jammert. Die Musiker selbst haben die Hoffnung, im ORF Verbreitung zu finden, längst aufgegeben. Manche trauern „Trost & Rat", der Sendung von Willi Resetarits auf Radio Wien nach, in der unbekannte Bands regelmäßig vor den Vorhang gebeten wurden. „Trost & Rat" wurde 2012 abgesetzt. 
Was Radio Wien seither entgeht: Zum Beispiel, wie Martin Spengler, der zugereiste Oberösterreicher, der seine Wahlverwandtschaft zu Wien im Bandnamen „die foischn Wiener" ironisch dokumentiert und in einem fabelhaften Soulsong („Zuagrasta") programmatisch absichert: „i bin a zuagrasta/(...)ned von do/weu echte wiena san in woaheit eh berlina/oda a montenegrina/jedenfalls von iagendwo". Spengler bringt auf dem Album „vü föd ned" große Leichtigkeit mit, ein schwebendes, tanzendes Konzept, das auf den Antrieb des Rhythmus und die Schwerelosigkeit des Chorgesangs vertraut: das Album ist einfallsreich und vielfältig, pflückt Versatzstücke aus Folklore, Pop und Soul, und verbindet mit souveränem Eklektizismus die wehmütige Titelballade mit kokettem Geblödel über den Tod oder Meditationen über Leichtigkeit und Schwere. Das Wienerische klingt an den Rändern etwas nach Mühlviertel, aber das ist, siehe oben, Programm und Dokument einer Hinwendung.
„Die Strottern" hingegen ordnen ihr Album „mea ois gean" um einen Urmeter wienerischer Dichtung an, um die Texte von Peter Ahorner, der auf der zweiten CD des Doppelalbums „wean du schlofst" endlich auch als Interpret in Erscheinung tritt: mit kurzen, manchmal haikumäßigen Aphorismen und situativen Kurzgedichten, die von einer unvergleichlichen Souveränität in Ausdruck und Rhythmus geprägt sind. Schon wenn Ahorner rezitiert, hört man Musik; vulgäre, berührende Musik; melancholische, aberwitzige Musik; Trink- und Trauermusik. Die Strottern haben diese Qualität früh erkannt und Ahorners Texte um kongeniale (und nicht mehr imaginäre) Melodien ergänzt. „Cafe Westend" ist so ein ewiges Liebeslied, an der Kante zum Absturz gebaut, oder „wos si auszoid", eine kleine Philosophie vom Träumen und doch wieder täglich auf die Welt kommen. Radio Wien hat nichts davon.
Radio Wien verzichtet auch den derben, ungekämmten Blues von Alex Miksch. Radio Wien verzichtet auf das unterhaltsame Projekt „Kramuri" von den Gebrüdern Marx. Radio Wien verzichtet auf das virtuose Klangsuchen von Dobrek Bistro, auf das Donnergrollen des Ersten Wiener Heimorgelorchesters und auf die mit gebleckten Zähnen auf Harmonika und Hackbrett gespielten Tanz von Soyka/Stirner. 
Wie sich Radio Wien das leisten kann? 
Das weiß nur Radio Wien.

Kasten Neuerscheinungen:

Martin Spengler & die foischen Wiener. vü föd ned. Foische Wiener Records
Feines, intelligentes Album vom oberösterreichischen Zuagrasten und daher originalen Wieners Martin Spengler. Er bestellt ein weites Feld zwischen Melancholie und Satire, zwischen Lamento und Gstanzl. Klassisches Instrumentarium mit Hang zum Soul.

Die Strottern/Peter Ahorner. mea ois gean/wean du schlofst. cracked an egg records
Das Album ist das längst überfällige Lob auf Peter Ahorner, dessen Textjuwelen die Strottern musikalisch ebenbürtig einrahmen. Das vergriffene Album „mea ois gean" wurde dafür neu aufgenommen und klingt hinreissend. Interessanter Bonus: das Rezitationsalbum von Ahorner selbst, das das enorme Talent des Dichters kongenial abbildet.

Alex Miksch. Zänd zamm. Monkey
Aus der Zeit gefallen? Eher von zeitloser Qualität ist das bluesige, elektrisch aufgeladene Album „Zänd zamm" von Alex Miksch. Über schweren Stromgitarren entwickelt Miksch magische, grob geschnitzte Songs von roher, dunkler Schönheit: „Heid nochd/do sauf i di schiach". Hohe Eigenständigkeit, überaus viel Charakter an der Grenze zum Wehtun (VÖ: 25.4.)

Gebrüder Marx. Kramuri. Reich und schön
Ein Spaßprojekt landet sein lange verzögertes Debüt. Mit der Hymne „Hättma, Kenntma (Mochma Oba Net)" gewannen die Gebrüder Marx 2011 den FM4-Protestsongcontest, auf „Kramuri" legen sie jetzt ein sprach- und pointenverliebtes Album nach, ironisieren Schlager und Schmachtfetzen, widmen dem Kollegen Stermann ein Lied und dichten ein berühmtes Bach-Motiv auf sein Gegenteil um. Feine Sache.

Dobrek Bistro. Bistro III. Dobrekords
Wildes, eklektizistisches Album des polnischen Wahlwieners Krzysztof Dobrek, der mit seinem Akkordeon einer Combo von musikalischen Alleskönnern, u.a. Harri Stojka, Aliosha Biz und Thomas Gansch, den (oft ungeraden) Takt angibt. Eine Tour de force durch die verschiedensten Stilrichtungen, Volksmusik- und Jazztraditionen - in der Summe ergibt das ein gültiges, wenn auch komplementäres Wienbild.

Wienmusik 2010 bis 2014. Monkey
Wer den Verästelungen des in Wien domizilierten Musikschaffens folgen will, muss dringend Walter Gröbchens „Wienmusik"-Samplern folgen, die jetzt - ergänzt um ein Album mit Greatest Wienhits von Qualtinger, Heller, Falco bis zu Hans Orsolics - als 4CD-Box herauskommen (VÖ: 25.4.). Gröbchen gelingt es souverän und undogmatisch, Momentaufnahmen zu präsentieren, die sich in Summe als Puzzlesteine von etwas Größerem, Zusammenhängenden erweisen. Das Spektrum reicht von Merkwürdigkeiten wie „Depeche Ambros" und „Das Trojanische Pferd" bis zu geheimen Hits mit Langzeitwirkung wie „Du Oasch" vom Nino aus Wien, „Karl-Heinz" von Christoph & Bollo oder „Siasse Tschik" von 5/8erl in Ehren. Jahr für Jahr eine Orientierungshilfe.

Kasten Wean hean
Das Wienerliedfestival „Wean hean" findet in zehn Etappen zwischen dem 24. April und dem 17. Mai 2014 an verschiedenen Austragungsorten in Wien statt. Höhepunkte: Die Vertonung des Weltbilds von Thronfolger Franz Ferdinand (ein rarer Auftritt von Walther Soyka und Karl Stirner!) im Weltmuseum Wien; die Personale für Julia Lacherstorfer (Alma) im Theater Akzent; Kurt Schwertsik im Bockkeller; die Musik aus der Stimmung des Ersten Weltkriegs mit Hannes Löschel und Vinzenz Wizlsberger vom Kollegium Kalksburg; sehr vielversprechend. 
Detailliertes Programm und Ticketbestellung unter www.weanhean.at





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Christian Seilers
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