Quer durch die Alpen

Geschichten / Red Bulletin
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Bild: Chris Reinegger

Von Salzburg nach Monaco, mit nichts als einem Gleitschirm und Wanderschuhen bewaffnet: Chronik eines erstaunlichen Abenteuers.



Die Ankunft

Als sich über den rostbraunen Felskonturen des Mont Gros ein weißer Fleck löst, ertönt im Hafen von Monaco ein merkwürdiges Geräusch. Kabumm, kabumm, dübeldumm, kabumm. Die Badegäste, die sich eine Liege für den Sandstrand geleistet haben, um einen perfekten Sommertag vor den Türmen des monegassischen Fürstentums zu verbringen, werfen einen irritierten Blick über ihre Sonnengläser. Sie sehen drei stämmige Männer in kurzen Hosen, die sich auf der Kaimauer aufgestellt haben und dem weißen Fleck vom Mont Gros dabei zuschauen, wie er Form annimmt, zu einem Menschen wird, der an einem weißen Schirm hängt, kabumm, dübeldumm. Die Männer schwenken glänzende, bunt geschmückte Kuhglocken, so groß wie Kühlschränke, und sie lachen und sie hüpfen vor Freude, so gut man mit einem Kühlschrank um den Hals halt hüpfen kann. Denn ihr Mann, der Schweizer Paragliding-Champion Christian Maurer, den sie zärtlich „Chrigel" nennen, schickt sich an, auf dem blauen Floß im Hafenbecken zu landen und damit die vierte Ausgabe der Redbull-X-Alps zu gewinnen, des anspruchsvollsten Abenteuerrennens der Welt.
Aber da irren sie sich gleich doppelt. Denn der weiße Fleck, der sich nun materialisiert, ist nicht Chrigel Maurer, sondern Thomas Theurillat, Chrigels Supporter, und Chrigel Maurer ist erst der zweite Fleck, der jetzt vom Mont Gros startet, dübeldumm, und er absolviert zwar ein paar grandiose Grundstücke im Anflug auf das Zielfloß, aber am Schluss verpasst er das Ziel um ein paar Meter und landet im leuchtend blauen Wasser der Cote d'Azur, so dass nicht nur die Fans, sondern auch die Lifeguards zu ihrem Einsatz kommen. Aber dann steht er auf dem Floß, nass wie eine Katze, lachend, seinen Supporter Thomas, ebenfalls nass, im Arm und strahlt. Dübeldumm. Was für ein Vorsprung. Was für ein Rennen. Was für ein Sieger.

Das Rennen

Chrigel Maurer gewann ein Rennen, wie es selektiver nicht sein konnte. Die Strecke führte von der Salzburger Innenstadt nach Monaco, 818 Kilometer Luftlinie, sechs zu passierende Turnpoints: Gaisberg, Watzmann, Großglockner, Marmolada, Matterhorn, Montblanc, zuletzt der Mont Gros oberhalb Monacos. Die 30 Sportler, aus einer Unzahl von Bewerbungen von den Organisatoren, dem Red Bull-Airrace-Piloten Hannes Arch und dem Gleitschirm-Weltmeister Steve Cox, herausselektiert, durften sich nur auf zwei Weisen voranbewegen: zu Fuß, oder mit ihren Gleitschirmen, die sie laut Reglement stets bei sich tragen mussten. Maurer bewältigte die multiplen Schwierigkeiten - unwegsames Gelände, riesige Höhenunterschiede, unwirtliches Wetter, schwierige Peilung, außergewöhnliche Anforderungen an Physis und Psyche - mit der Akkuratesse eines Uhrwerks. Er kombinierte seine speziellen Flugfähigkeiten mit einer aufwändigen, ausgeklügelten Vorbereitung und distanzierte den Zweiten, seinen Landsmann Alex Hofer, immerhin zweimaliger Sieger der Red Bull X-Alps, um nicht weniger als eineinhalb Tage.

Die Teilnehmer

Um das Abenteuer X-Alps bewältigen zu können, reicht es nicht, fit zu sein oder wild oder entschlossen. Die Aufgabe erfordert eine spezielle Mischung von körperlicher und geistiger Fitness. Ein Athlet, der schnell von Salzburg nach Monaco kommen will, muss zum Beispiel die Fähigkeit haben, bei entsprechender Wettervorhersage und dem richtigen Gespür warten zu können: der Wind, der morgen früh drehen wird, trägt ihn nämlich weiter, als er während einer ganzen Nacht laufen könnte. Der Bedarf nach ruhigen Entscheidungen und einer kaltblütigen Kreativität bringt es, dass nicht nur blutjunge, kraftstrotzende Athleten am Start sind, sondern auch lederhäutige Männer in den besten Jahren. Der älteste im Feld war der Japaner Kaoru Ogisawa, 49, von seinen Freunden „Ogi" gerufen, der das Rennen als 13. beendete, 297 Kilometer vom Ziel entfernt (das Rennen endete 48 Stunden nach dem Eintreffen des Siegers in Monaco). Chrigel Maurer, 26, kombinierte die Energie der Jugend und die Abgeklärtheit des routinierten Fliegers. Er legte 72 Prozent der Strecke in der Luft zurück.

Die Strategie:

Sieben Monate vor dem Rennen begann Chrigel Maurer mit gezieltem Fitnesstraining. Gleichzeitig testete er Nahrungsmittel: wann war es richtig, zu essen, was, wieviel? Welcher Power-Bar lässt sich gut verzehren, wenn man ausgepumpt ist? Was isst man am besten in der Luft? Welche isotonische Getränke beruhigen, welche übersäuern den Magen? Er überprüfte jedes Detail seiner Ausrüstung. Welche Kleidung fürs Hiken, welche fürs Fliegen optimal war. Wie sich der Faktor Gewicht zum Faktor Effizienz verhielt. Maurer, Testpilot für die Gleitschirmmanufaktur „Advance", betrachtete auch sein wichtigstes Sportgerät, den Schirm, unter dieser Voraussetzung. Er ließ sich nicht weniger als drei Prototypen entwickeln, ehe der vierte den Ansprüchen für das Abenteuer „X-Alps" genügte: spezieller Radius, effiziente Leistung bei möglichst niedrigem Gewicht. Schließlich muss der Athlet seinen Schirm permanent tragen- wenn ihn nicht dieser trägt.
Auf dem Landeplatz in Mürren lernte Maurer Thomas Theurillat kennen, einen flugbegeisterten Bergführer und Sportpsychologen. Chrigel gewann Thomas als Supporter. Die Aussicht auf „das gemeinsame Abenteuer" motivierte die beiden, eine Vorbereitung von bisher ungekannter Gründlichkeit in Angriff zu nehmen. Sie dachten das Rennen vom Start bis zum Ziel durch, sortierten Eventualitäten, bereiteten sich minutiös darauf vor, dass die eigenen Entscheidungen auch unter extremen Bedingungen - Stress, Müdigkeit, Schlechtwetter - funktionieren würden. Sie testeten eine Woche auf der Strecke und entwarfen ein psychologisch motiviertes Roadbook, „die Story vom idealen Rennen", das sich nicht an den Etappen der Strecke orientierte, sondern an sechs „Kapiteln", die der Psychologe Theurillat definiert hatte. Zuerst starten und den Rhythmus finden - Zell am See - italienische Grenze - Bozen - Domodossola - Chamonix - Südwärts. „Das war", sagte Theurillat, „unser eigener Film. Wir konnten jedes Ziel abhaken und hatten nicht einmal, sondern sechsmal Erfolg."
Maurer, Europameister 2004 und Sieger im Paragliding World Cup 2007, wusste, dass seine Stärken ihm erlauben würden, einen möglichst großen Teil der Strecke in der Luft zurückzulegen. Er wusste auch, dass nächtelange Fußmärsche nicht seine Sache sind. Darauf war die Strategie ausgerichtet, doch wie ausgeklügelt das psychologische Unterfutter war, zeigte sich erst, als Maurer einen seiner raren Fehler machte und sich verlief. Die Anweisung des Supporters war geradzu buddhistisch, nach der Methode „wenn du schnell sein willst, musst du einen Umweg machen": „Gerade in Krisensituationen ist es wichtig, die Motivation mit erreichbaren Zielen zu stärken. Also gab ich für den Tag das Ziel aus, um zehn Uhr abends in einer Hütte zu sitzen und Bier zu trinken." Am nächsten Tag ging alles doppelt so schnell.


Hannes Arch:

Hannes Arch stand im Schatten der Dining-Zone des Strandclubs „Le Note Bleu", wo das provisorische Pressezentrum der Redbull-X-Alps untergebracht war, und schüttelte den Kopf. Der ehemalige Base-Jumper, Testpilot und amtierende Redbull-Airrace-Weltmeister, der in der Organisation des Rennens von Beginn an eine wesentliche Rolle spielt, trug eine Dreiviertelhose mit Camouflage-Muster und Flip-Flops, und er telefonierte und telefonierte. Berichte von der Strecke, Presseanfragen, kurze Abstimmung mit den anderen Organisatoren.
„Zufrieden mit dem Rennen?"
„Extrem happy."
„Was gefällt Ihnen besonders an den Siegern?"
„Dass sie nicht nur schnell, sondern auch smart sind. Das Schweizer Team hat das Niveau dieses Rennens auf eine neue Stufe gehoben."
„Die wichtigsten Veränderungen, seit es das Rennen gibt?"
„Dass es uns gelungen ist, eine Sportart, die früher nur wenigen vorbehalten war, mit den Mitteln moderner Technik und professioneller Kommunikation auf Mainstream-Niveau zu bringen - man muss sich nur anschauen, wie viele Menschen dieses Jahr via Livetracking im Internet dabei waren."
„Was zeichnet die Teilnehmer an diesem Rennen aus?"
„Sie sind die Besten. Wir haben schließlich aus vielen, vielen Bewerbungen die 30 Athleten mit den besten Fähigkeiten ausgesucht. Sie sind mit Herz und Seele dabei. Echte Soulsportler."
„Sie sind selbst seit vielen Jahren Extremsportler. Was beeindruckt Sie an diesen Ahtleten?"
„Ihr Spirit. Sie sind in guter Stimmung, auch wenn sie etwas enorm Anstrengendes und Gefährliches unternehmen."
„Wie groß ist die Gefahr?"
„Groß. Jeder Tag sieht wenigstens fünf kritische Situationen."
„Wann sind Sie entspannt."
„Wenn das Rennen aus und der letzte Athlet am Boden ist."


Die Einsamkeit

Als die 30 Athleten in ihr Abenteuer starteten, war der Himmel über dem Salzburger Residenzplatz verhangen, und aus den Boxen der Begleitfahrzeuge strömte energische Musik. Als sie eine gute Stunde später den ersten Wendepunkt auf dem Gaisberg erreichten, herrschte dort Volksfeststimmung. In Bussen waren Fans und Schaulustige auf den Salzburger Hausberg gefahren, um die Athleten beim ersten Flug auf ihrem Weg in den Süden zu beobachten. Es regnete. Hubschrauber kreisten. Die Besucher packten ihre Kameras aus, während die Athleten in ihren türkisen Funktions-Shirts den Aufstieg bewältigten. Mit ruhigen Händen breiteten sie ihre Schirme aus. Anlauf, ein Ruf, ein Winken, ein Witz, dann schob der Wind sie nach Süden, wo ihr Ziel lag, nicht aber der nächste Wendepunkt. Dieser, der Watzmann, lag im Westen der Stadt Salzburg, der von hier oben puppenhaft kleinen Stadt, aus deren Mitte die Festung herauswuchs wie eine optische Täuschung.
Der erste Flug war kurz, einige Sportler fanden auf den Straßen wieder zusammen zu einem kleinen Pulk. Man schwätzte, scherzte, aber man wusste, dass die wirklichen Herausforderungen noch nicht begonnen hatten. Spätestens nach dem nächsten Aufstieg, als der Wind günstig war, trennten sich die besseren Flieger von den besseren Läufern, manifestierten sich die verschiedenen Strategien, die den Sportlern den Weg dorthin wiesen, wo sie die nächsten Tage verbringen mussten, bevor das Ziel in Sicht kam: In die Einsamkeit. In den intensiven Dialog mit den eigenen Schwächen und Ängsten. In das Erleben von Natur, wie sie niemand erlebt, der nicht bei Tagesanbruch die Täler wechselt und auf Thermik wartet. Es warteten Erlebnisse, die frustrierend und mühselig waren, aber auch von ungeheurer Schönheit. Chrigel Maurer erzählt von einem Moment in den Schweizer Alpen, als die Sonne über der Nebeldecke unterging und eine so heilige Ruhe über die Landschaft breitete, dass er auf das Rennen vergaß und einfach sitzen blieb, bevor ihm nach einer halben Stunde einfiel, dass er gar keine Zeit zu verschenken hatte.

Die Ausrüstung:

Das Reglement des Rennens schreibt vor, dass die Athleten ihre Ausrüstung stets bei sich tragen müssen. Ein leistungsfähiger Schirm wird nach der Landung zum Ballast, er muss daher möglichst leicht sein. Der Schirm des Siegers wog nach etlichen Entwicklungsdurchläufen des Herstellers keine vier Kilogramm mehr, das Liegegurtzeug mit Speedbag und einfachem Protektor zwei Kilogramm.
Dazu kommen Kleidung, GPS-System, Handy, detaillierte Geländekarten, diverse Accessoires wie Sonnenbrille, Sonnencreme, Taschenlampe und die nötigsten Nahrungsmittel. Für die Versorgung des Athleten an den Tagesrändern, für seine psychologische und physiologische Betreuung ist der Supporter zuständig, der zweite Mann des Teams.

Die Supporter  

Sie fahren die Camper, in denen die völlig ausgepumpten Athleten ein paar Stunden schlafen, bevor in der Morgendämmerung wieder der Wecker schrillt (falls die Athleten den Camper finden oder der Camper dorthin fahren kann, wo die Athleten übernachten wollen). Sie kochen auf einer Flamme Spaghetti, damit der Partner etwas Warmes in den Bauch kriegt, sie verarzten seine Blasen an den Füssen, waschen die durchgeschwitzte Kleidung und sorgen dafür, dass morgens Früh trockene Kleider zur Verfügung stehen und der Kaffee rechtzeitig fertig ist. Sie sind Fahrer, Köche, Pfarrer, Psychologen und Blitzableiter. „Wenn ich erschöpft bin", sagte etwa der deutsche Athlet Michael Gebert, „kann ich mich unheimlich darüber aufregen, dass der Wagen nicht dort wartet, wo wir es ausgemacht haben, sondern hundert Meter weiter. Dann kracht es schon einmal."
Thomas Theurillat, Supporter von Chrigel Maurer, Bergführer und ausgebildeter Psychologe, bereitete mit seinem Athleten selbst den Abfluss negativer Energien vor. Er entwarf für das perfekte Rennen ein schönes Bild: einen Holzzuber, der aus 14, 15 Brettern zusammengesetzt wird, Ausrüstung, Strategie, Kommunikation, etc. Der Inhalt dieses Zubers, so Theurillat, wird von dem Brett bestimmt, das am kürzesten ist. Entsprechend sorgfältig wurde auch das Agieren unter Stress und Müdigkeit vorbereitet, aber auch das Abbauen von Aggressionen. Im Bus hing eine Checkliste, was abends zu tun ist („Sind alle Geräte am Stecker?") und worauf in der Früh beim hastigen Aufbruch nicht vergessen werden darf („Karten?", „Regenjacke?"), so dass die Fehler vermieden werden, die leicht zu vermeiden sind.

Der Sieger

Chrigel Maurer sitzt bloßfüßig in seinem Stuhl, im Hintergrund klappern monegassische Kellner mit den Tellern, Maurer zeigt seine Füße.
„Kein Blasen", sagt er zufrieden, und das ist nicht selbstverständlich, schließlich ist er in neun Tagen immerhin 380 Kilometer zu Fuß gegangen, eine Marathondistanz von 42 Kilometern täglich. Aber er ist nie zu weit gegangen, er hat den Ratschlag seines Supporters befolgt, zu rasten, bevor er zu müde ist, um sich schnell zu erholen. Er lag bald in Führung, und das Gefühl voran zu liegen, motivierte ihn, kühne Dinge auszuprobieren, zum Beispiel den Start auf dem Weisstor-Pass, das Matterhorn bereits in Sichtweite. Dort zog Thomas Theurillat ein Seil hinter sich her, an dem Chrigel Maurer hing wie ein Drache, aufstieg, abhob, flog, auf und davon, dem Süden entgegen.
Sein Gesicht ist vom Wetter gegerbt. Die Augen liegen tief, aber die Spuren der letzten neun Tage dominieren nicht das Gesicht des Siegers, sondern sein Lachen, noch nicht ausgelassen, aber das wird schon, morgen, gleich, nach dem Ausschlafen. Chrigel bestellt sich Pasta, was sonst. Schaut hinaus auf das blaue Meer, schüttelt unmerklich den Kopf und sagt: „Eigentlich schade, dass es so schnell vorbei war."





Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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