Peter Handke

Interviews / profil
Der Schriftsteller über Gerechtigkeit für Serbien. Mit Wolfgang Reiter

profil: Wenn Sie das Wort "Jugoslawien" hören, was fällt Ihnen dazu ein?

Handke: Ich sehe das Land, das von den windischen Hügeln in der Steiermark oder von den Karawanken in Kärnten, von Jesenice bis zum Ochitz-See, wo die Grenze nach Albanien verläuft, oder Mazedonien, das ich kenne, wo die Adria-Küste dabei ist, aber auch die bosnischen Berge und die fast schon Puszta-hafte Ebene um Novisad. Ja, alles. Natürlich fällt mir auch die Insel Goli Otoc ein, die kahle Insel, wo erstmal die sogenannten Stalinisten interniert wurden und dann alle Regime-Gegner.

profil: Wenn Sie Jugoslawien hören, denken Sie auch an den Krieg?

Handke: Es kommt drauf an, wann ich es höre. Wenn ich in Übereinstimmung mit meiner eigenen Lebensgeschichte bin, denke ich nicht Krieg. Dann denke ich zum Beispiel an den Bruder meiner Mutter, an einen der Brüder meiner Mutter, der in der Zeit von 1932 bis 1937 die Landwirtschaftsschule in Maribor besucht hat. Viele Bilder, die ich habe, hängen mit den Briefen, die er damals an die Eltern schrieb, zusammen. Sie beruhen auf seinen Erzählungen von dieser relativ friedlichen und arbeitsamen Zeit. Wenn ich nicht kriegerisch-historisch an Jugoslawien denken muß, fällt mir diese Zwischenkriegszeit - da steckt auch schon wieder das Wort Krieg drinnen - ein. Es ist die Zeit, wo mein Onkel ein bewußter Slowene geworden ist und als überzeugter Slowene nach Kärnten heimkam, auf den kleinen Hof seines Vaters. Er wurde dann gegenüber der Familie zum Agitator, was der Familie gar nicht recht war. Die Schwester meiner Mutter sagte, ihr Bruder habe so den Krieg in die Familie getragen, indem er als nationaler Slowene zurückkam. Auch daran zeigt sich schon wieder, daß es gar nicht so friedlich ist, was ich im Sinn habe.

profil: Das erste Mal, wenn Sie im Zusammenhang mit Jugoslawien an Menschen denken, fallen Ihnen Lager ein.

Handke: Goli Otoc, ja, dieses Bild steht mir ganz klar vor Augen. Als ich vor rund zehn Jahren mit dem Omnibus von Norden nach Süden gefahren bin, habe ich nach all den Touristen-Inseln plötzlich in der Novembersonne, naß und kahl, diese seltsame Insel vor mir gesehen. Auf den ersten Blick wußte ich gar nicht, was das war, erst später, als ich auf die Karte sah und den Namen las, fügte sich der erschreckende Anblick zu der Geschichte, die diese Insel gehabt hat. Doch allein ihr Naturanblick ist schon erschreckend, es ist fast schon selbstverständlich, daß sie für so einen Zweck ausgewählt wurde.

profil: Haben Sie Ihren Onkel persönlich als Agitator kennengelernt?

Handke: Ich habe ihn überhaupt nicht kennengelernt. Ich habe keine Erinnerung an ihn. Er ist 1943 auf der Halbinsel Krim gefallen. Sein Bruder, der wie ich ein Internatling war, es im Internat aber vor Heimweh nicht aushielt, ist bereits ein Jahr früher als 20jähriger im Norden Rußlands gefallen.

profil: Wie war das Verhältnis Ihrer Familie zum Vielvölkerstaat Jugoslawien?

Handke: Sie meinen die Familie meiner Mutter. Ich bin ziemlich sicher, daß mein Großvater an Jugoslawien hing, allein wegen der Tatsache, daß er bei der Kärntner Volksabstimmung für Jugoslawien gestimmt hat. Meine Mutter fühlte sich auch sehr hingezogen, und die, die übrig geblieben sind, waren wiederum getrennt. Der Bruder meiner Mutter, der einzige überlebende Mann aus der Familie, wurde wiederum nach dem Krieg seltsamerweise als Slowene ein Deutschnationaler. Der einzige, dem sein Leben geglückt ist - als Zimmerermeister -, wurde Gemeinderat der FPÖ. Aber das hing wiederum damit zusammen, daß er einen Obstgarten gekauft hat, mit einem villenartigen Haus, und dabei nicht wußte, daß dieses Haus und dieser Garten Juden gehört hatte und enteignet worden war. Er, der davon nicht wußte, mußte nach dem Krieg dafür Entschädigung zahlen. Oft gibt es solch seltsame Geschichten. Dadurch, daß er nicht gerade schuldhaft dazu gezwungen wurde, Entschädigung zu zahlen, wurde er nach dem Krieg eine Art Antisemit - vielleicht ist das auch zu grob gesprochen. Es gab also immer eine Art Zwist in der Familie, der allerdings nie ausgetragen wurde. Meine Mutter war slowenisch bestimmt, der Bruder meiner Mutter, der fast besser Slowenisch sprach als sie, war wiederum deutschnational bestimmt. Die ganze Familiengeschichte ist nicht zu entschlüsseln. Andererseits waren die Vermögensverhältnisse so bescheiden, daß eine sich politisch identifizierende Haltung in der Familie kaum ans Licht kam. Es blieb immer beim Weitererzählen der Familienlegenden. Es kam nie zu einer politischen Handlung.

profil: Wie haben Sie Ihr persönliches Verhältnis zu Jugoslawien ausgebildet?

Handke: Während meiner Internatszeit - ich habe das ja in meinem Buch "Die Wiederholung" angedeutet - hatte ich sogar Aggressionen gegen das Slowenische, um nicht von Jugoslawien zu sprechen. Die slowenischen Schüler im Internat haben sich nämlich zusammengeschlossen, vielleicht auch durch die Bestrittenheit, die sie von den Deutschen erlebt haben. Sie haben sich verbündet, haben kulturelle Zirkel, meinetwegen auch Gesangszirkel, Schachzirkel, Sprachzirkel gebildet, während Leute wie ich, die dazwischenstanden, ganz für sich blieben, isoliert blieben und in dieser Isolation eine Art Neid bildeten gegenüber den Leuten, die sich in einer Gruppe gefunden haben. So habe ich eine Zeitlang gemault gegen die, die sich in der Gruppe gefunden haben. Dann wurde es anders. Ab 15, 16 habe ich auch an Slowenisch-Kursen teilgenommen, allerdings nicht mit großem Fleiß.

profil: War diese Zeit in Kärnten nicht vom problematischen Verhältnis zwischen Österreich und Jugoslawien geprägt?

Handke: Es herrschte ein gewaltiges Grenzlandbewußtsein, von dem Kärnten ja immer noch bestimmt ist. Die Grenzwachtstimmung ist ja nicht gerade das Freieste, was ein Mensch erleben kann.

profil: Sie sprechen von Ihrer Situation zwischen den deutschen und den slowenischen Schülergruppen . In dieser Situation sind offensichtlich auch jene im ehemaligen Jugoslawien, die sich keiner der ethnischen Gruppen zugehörig fühlen wollen. Sind das Seelenverwandte von Ihnen?

Handke: Hätte ich das Recht, mich Jugoslawe zu nennen - was ich ja nicht kann, weil ich österreichischer Staatsbürger bin -, würde ich mich im Bewußtsein, im Geist, im Verstand, in der Seele, auch in meinem Raummaß, würde ich mich gern als Jugoslawe bezeichnen. Unter den verlorenen Splitterleuten der Jungen und sehr Alten im ehemaligen Jugoslawien sind doch noch einige, die sich als Jugoslawen sehen. Zu denen möchte ich mich auf dem eh sehr kleinen Gruppenfoto dazustellen.

profil: Sie haben Ihre Meinung in dem langen Text "Gerechtigkeit für Serbien" dargelegt. In der nächsten Woche kommen Sie auf Lese-Reise nach Österreich. Warum haben Sie das Bedürfnis nach 20 Jahren erstmals wieder einen eigenen Text vor Publikum vorzulesen?

Handke: Es wäre vielleicht eine ganz spannende Mühe, die sich einer machen könnte, eine Collage aus allen Stellen meiner Bücher zu machen, der Stellen, die sich mit slowenischer, jugoslawischer Landschaft, vielleicht auch mit Staat und Geschichte befassen. Dann würde mein Artikel nicht so erstaunlich wirken. Als ich noch als Kärntner Slowene galt, waren doch noch einige aus diesem Volk stolz, Spuren in meinen Texten zu finden, was das Slowenische und Jugoslawische betrifft. Das hat aufgehört, seitdem ich mich vom slowenischen Staat eher abgewandt habe. Seit drei, vier Jahren ist diese Spurensuche versickert. Es würde weniger erstaunen, was ich jetzt verbrochen habe.

profil: Ist Ihr neuer Artikel aus demselben Gefühl des Verlustes entstanden wie "Der Abschied des Träumers vom neunten Land"?

Handke: Da ist keine Parallele zu ziehen, das haben einige nicht gerade im guten Willen versucht. Slowenien war ein ganz anderer Verlust. Nach meiner Reise durch Serbien habe ich ganz und gar nicht von meinem Verlust erzählt, ganz und gar nicht. Die Staatsgründung Sloweniens war für mich ein Verlust. Serbien war und ist für mich ein fremdes Land. Ich bin ganz und gar nicht dorthin gegangen, um wieder eine Heimat zu finden.

profil: Sie beschreiben Serbien wie seinerzeit Slowenien anhand von Landschaften, Dingen, Stimmungen.

Handke: Ich habe eine Scheu, Menschen zu beschreiben. Das ist ein anderes Problem. Ich kann und will keine Gesichter beschreiben, keine Mienen. Ich will nicht charakterisieren, Träume und Landschaften zu beschreiben, ist für mich ein Umweg, mich Menschen zu nähern. Das ist mein Instinkt.

profil: Woher kommt diese Scheu?

Handke: Weil ich selber das nicht gerne lese. Wenn  ich - wenn auch ironisch - eine Gesichtsbeschreibung lese, Hakennase oder Stupsnase oder volle Lippen oder blaue Augen oder gekräuselte Haare: Auch die subtileren Gesichts- oder Physiognomie-Beschreibungen haben mich seit jeher in der Literatur abgestoßen. Ich möchte Menschen nur evoziert wissen. Am besten geht das für mich über die Art, wie sie gehen, wie sie sprechen, wie das Licht der Landschaft und der Räume ist, das sie entweder begleitet oder kaputtmacht. So habe ich angefangen, und nie gehe ich davon ab. Die physiognomische, sich in Menschen hineinstehlende und etwas von Menschen behauptende Literatur kann von Menschen fast nichts wissen, vor allem nicht schreiben. Im Reden ist das etwas anderes, im Schreiben weiß ich nichts, und bin ganz begeistert nicht wissend. Das ist mein Ansatz. Wenn man das einen Trick nennen will, kann man das auch so nennen. So habe ich mich auch Slowenien genähert und so habe ich Serbien gesehen. Mir scheint es fast schon eine Überschreitung, wenn ich meinen Übersetzer vorkommen lasse, wie er über Schwellen stolpert, wie er, der Serbe, der lange nicht dort war, die Türen in die falsche Richtung aufmachen will - mir kommt das für einen Moment fast schon wie der Verrat an der Eigenart eines anderen vor. In diesem Fall habe ich es gebraucht, um zu zeigen, wie ein Mensch im eigenen Land nicht zu Hause ist. Obwohl ich vermute, daß er schon immer nicht zu Hause gewesen ist. Und daß es nicht die kriegerischen Verwicklungen Serbiens gewesen sind, die ihn dazu gebracht haben, sondern daß seine Natur so ist.

profil: Können Sie diese Genauigkeiten nur im Schreiben ausdrücken?

Handke: Die Verwandlung der Sprechsprache in Schriftsprache ist für mich die einzige Instanz. Sonst wäre ich kein Schreiber geworden. Im Reden komme ich nicht zurecht mit dem, was ich sagen will. Nie. Ich brauche den Umweg über das Schreiben. Erst im Schreiben habe ich den Eindruck, mich einer gewissen Komplexheit - um das Wort Wahrhaftigkeit zu vermeiden - zu nähern. Im Reden kann ich noch so triftig werden, ich bin ganz fern der Gewißheit, etwas zutreffendes zu sagen, so war´s immer. Deswegen ist für mich die Schrift auch immer noch die größte Erfindung. Auch wenn die Literatur vielleicht zum Mündlichen zurückkommen soll, für mich ist das ein anderer Strang. Für mich auch ein Ideal: Daß das Schriftliche so ist, daß es auch wieder mündlich werden kann. Deswegen habe ich ja auch gedacht, ich lese. Ich lese meine Geschichte zu Serbien vor. Nicht, um den Text zu diskutieren. Mein erster und einziger Impuls ist, die Geschichte vorzulesen. So wie es bei Tania Blixen einmal heißt, "Er lebte, um die Geschichte zu erzählen."

profil: Worin besteht Ihr Impuls, vorzulesen? Können Sie eine größere Intimität zwischen dem Text und dem Zuhörer herstellen, wenn Sie lesen?

Handke: Ich bin mir selber nicht klar. All die Jahre habe ich mich gesträubt, gegen jede Art, vorzulesen. Ich habe das letzte Mal vor 24 Jahren gelesen. Weil ich gemerkt habe, daß eine Suggestivität entsteht durch die Stimme, durch die Fertigkeit des Vorlesens. Das habe ich zum ersten Mal erlebt, als ich Canetti zugehört habe. Da dachte ich mir: Wie kann jemand so schauspielerhaft seine Sachen vorlesen. Das hat mein Bild von diesem Schriftsteller ganz geändert. Nur war das nie meine Sache in dieser Karl Kraus-Rezitations-Schulen-Nachfolge je etwas vorzulesen. Und ich habe bei meinen früheren Lesungen gemerkt, daß es reine Glückssache ist, wie sie beim Publikum ankommen. Es entsteht ein falsches Fieber. Damit war das Vorlesen für mein Leben abgetan. Aber nach den Reaktionen auf meinen Serbien-Artikel, nachdem Dinge drüber standen, die ich nicht fassen konnte, staunend, in einem nicht sehr fruchtbaren Staunen, dachte ich, ich muß das vorlesen. Das kann ich nicht erklären. Nun bin ich in der Falle. Ich habe in Deutschland dreimal gelesen und denke: Ich muß meinen Text nicht mehr beweisen. Dann wieder denke ich, vielleicht ist dieser Text ja auch etwas anderes als ein Artikel. Ich spürte beim Vorlesen, daß er ist wie eine Ballade. Ballade nicht im Sinn von Ginzkey oder Fontane oder Gottfried August Bürger, sondern Ballade wie von Bruce Springsteen. Nur singe ich halt nicht. Irgendeine Verwandtschaft habe ich da gespürt. Eine Ballade, wo es zwischendurch ein paar Aufbrüche gibt, das sind die polemischen Stellen meines Textes. Das paßt doch auch zur Ballade dazu. Ich finde dann umso besser zurück zu dem Balladenton.

profil: Haben Sie durch das Vorlesen etwas Neues über Ihren eigenen Text gelernt?

Handke: Ich habe gelernt, daß mit dem Text nichts passieren kann. Der Text öffnet und weitet das Bewußtsein, das habe ich erfahren. Andererseits dachte ich mir, jetzt darfst du nur nicht sicher werden. Ich mußte nach diesen Lesungen vor nicht wenigen Leuten zu der Aufmerksamkeit zurückfinden, mit dem ich diesen Text geschrieben habe. Es bestünde durch eine zu große Sicherheit die Gefahr, in eine rhetorisch-demagogische Haltung beim Vorlesen zu gelangen. Dieses Problem wird mich jetzt weiter begleiten.

profil: Sie kommen bei Ihren Lesungen in ganz direkten Kontakt mit Ihren Gegnern.

Handke: In Frankfurt sollte ich von der Sicherheitsbehörde am Bühneneingang abgesetzt werden, als ich mit dem Auto am Theatereingang vorbeifuhr, sah ich zu meiner Überraschung all die Transparente und Särge, die vor dem Schauspielhaus aufgestellt waren. Ich dachte mir, da kannst du nicht vorbeifahren. Ich stellte mich dahin und bekam ein Flugblatt gegen mich selber in die Hand gedrückt. Die haben mich zuerst gar nicht erkannt. Dann kam der Capo der Protestierer und sprach mich zwar nicht mit meinem Namen an, aber nach zehn Minuten, die er auf mich einredete, kam mir vor, er wisse, mit wem er da spricht. Erstaunlich war, daß er während der ganzen Zeit von mir kein einziges Wort erwartete. Es schien, als ob etwas abliefe, was in ihm war und in den Menschen mit ihm - eine Frau aus Sarajevo, eine andere Frau aus Tuzla, die redeten auf mich ein, ihne auch nur einen einzigen Moment zu erwarten, daß ich antworten könnte. Die wollten gar nicht, daß ich ihnen Rede und Antwort steh. Die redeten 20 Minuten auf mich ein. Meine einzige Gegenfrage war, wo diese Frau wohnt, sie sagte mir, sie habe eine Schwester in Paris, da habe ich ihr vorgeschlagen, wenn sie nach Paris kommt, könnten wir doch zu zweit miteinander reden, und ich gab ihr meine Telefonnummer. Dann schaute sie mich etwas erstaunt an, und ich ging zu meiner Lesung. Es ist fast beängstigend, meine Gegner wollten kein Gespräch. Ich habe keine Lust, da eine Verdächtigung auszusprechen, aber .... es hat mir nicht gefallen. Daß man mit dem Elend so erpresserisch umgeht. Die Leute - es waren gewiß Kriegsopfer unter ihnen - kamen mir wie Puppen vor. Nach der Lesung in Frankfurt hätte ich gerne gehabt, daß man den Capo Tieman Zülch 1) aussprechen läßt, um zu sehen wie unverhältnismäßig das ist, was er zu sagen hat. Doch seine Wortmeldung ging im Lärm des Publikums unter, schade, denn es wäre lehrreich gewesen, den anderen aussprechen zu lassen.

profil: Sie haben bei Ihrer letzten Lesung in München bereits wesentlich suggestiver gelesen als bei den ersten Veranstaltungen. Übung oder Zorn?

Handke: Es hat sich ein Zorn in mir aufgestaut. Es waren soviele Leute in meinen Lesungen, die etwas ganz anderes mit meinem Text erlebt haben als dann in den Zeitungen stand. Es stand nicht das in den Zeitungen, was sich ereignet hat, was mit dem Publikum vor sich ging. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube nicht, daß ich so selbstblind oder weltblind bin, daß ich mich getäuscht hätte. Mir kam vor, daß der größere Teil des Publikums immer mehr zugehört und seine Bedenklichkeit gesteigert hat. Ich glaube, daß das stattgefunden hat, um nicht mehr zu sagen. Warum kann man das in den Zeitungen nicht weitergeben? Daher kam mein Zorn. Ich weiß ganz genau, ich darf mich mit dem Zorn nicht gehen lassen. Oder warum eigentlich nicht, vielleicht kommt das noch?

profil: Nach welchen Kriterien haben Sie die Stellen, die Sie vorlesen, ausgewählt?

Handke: Würde ich den Text ganz vorlesen, wogegen ich auch nicht wäre, dauerte das etwa vier Stunden. Das Verhältnis zwischen polemischen und erzählerischen Stellen ist vielleicht eins zu drei. Als ich jetzt für die Lesungen kürzte, strich ich von den polemischen Stellen vielleicht die Hälfte und von den anschaulichen Stellen über zwei Drittel. Ich habe das Verhältnis beim Vorlesen zu Ungunsten der Stellen, die mir am meisten entsprechen, verändert. Das dachte ich, dem Publikum schuldig zu sein.

profil: Ein Großteil der Kritik an Ihrem Text entspringt den Vorwürfen, die Sie dem Journalismus entgegenbringen. Sie sprechen von "käuflichem Halbwissen" und fordern, von Kriegsberichterstattern, daß diese "entschlossen unwissend" auf den Balkan reisen sollten. Haben Sie inzwischen Kollegen kennengelernt, die diesen Ihren Kriterien entsprechen?

Handke: Es gab noch und noch österreichische und deutsche Journalisten, die mir nach dem Erscheinen meines Artikels in der "Süddeutschen Zeitung" ihre Arbeiten während der letzten viereinhalb Jahre geschickt haben, die sie am Anfang noch in mehr in die Mitte gerückten Organen publizieren konnten und dann aber immer weniger. Ihre Artikel erschienen dann in eher am Rand der Öffentlichkeit stehenden Organen und schließlich fast schon gar nicht mehr. Das waren Artikel, die in keiner Weise polemisch waren, sondern verständige, bedachtsame Texte, in denen die Schuldigen und die Opfer eben nicht so klar voneinander getrennt waren wie im Hauptstrang der Artikel. Ich habe gesehen, daß diese Artikel oft eindeutiger waren als meiner, daß sie Tatsachen behaupteten, wo ich Fragen gestellt habe. Was zuerst in der "Frankfurter Rundschau", in der "Süddeutschen" und auch in der "Zeit" erscheinen konnte, war ab diesem Moment, als man meinte, die bosnischen Serben täglich verurteilen zu müssen, nicht mehr möglich.

profil: Kamen von seiten der Medien, die Sie verurteilt haben, Reaktionen, die Ihnen beweisen wollten, daß die geleistete Arbeit in Ordnung gewesen ist?

Handke: Es wäre eine Illusion zu glauben, daß vom "Spiegel" oder der "Frankfurter Allgemeinen" eine Beweisführung oder eine kleine Relativierung stattgefunden hätte. Nein. Es gab ein paar Zusendungen von Journalisten, die ich meinem Aufsatz ohnehin hochgehalten habe, die "anderen Feldforscher". Von denen fühlten sich einige seltsamerweise auch angegriffen. Für mich waren diese Geschichten nicht gerade lehrreich, aber erfahrungsöffnend. Darüber bin ich auch froh. Wenn niemand etwas von meiner Geschichte über Serbien hat, dann bin zumindest ich es, der Tag für Tag bereichert wird. Nicht, was Informationen betrifft, sondern was Haltungen und Fragestellungen betrifft.

profil: Haben Sie die zahlreichen schriftlichen Reaktionen auf Ihren Artikel zum Nachdenken gezwungen?

Handke: Zum Nachdenken kann man nicht gezwungen werden. Aber gewisse Dinge waren doch neu für mich. Was Jürgen Busche etwa in der "Wochenpost" geschrieben hat, daß mein Artikel Literatur sei und nicht Journalismus, daß er nicht nacherzählt und paraphrasiert werden könne - wie auch "Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter" nicht nacherzählt werden kann - daß bei der Nacherzählung nämlich nichts übrigbleibe, das hat mir sehr eingeleuchtet. Man kann meinen Artikel in kein anderes Sprachmedium überführen. So gibt es noch vieles. Ich habe von serbischen Journalisten, die in Deutschland, Frankreich und Holland leben, seltsame Dinge zu lesen bekommen. Ich als Leser machte die Erfahrung, daß überall in der Welt serbische Leute leben, die während der letzten viereinhalb Jahre wie Zeugen Zeugnisse einer anderen Geschichtsschreibung gesammelt haben, die Zeitungsausschnitte sammelten, selber schrieben, ohne daß sie voneinander etwas wußten. Aber jeder von ihnen hat Belege für eine andere Historie gesammelt. Zeitweise war das fast komisch, dann wieder sehr anrührend, sie treffen sich manchmal in dem, was sie sammeln, wissen aber nichts voneinander. Fragmente dieser Gegengeschichte kamen, fast wissenschaftlich dokumentiert, von diesen Stellen in der Welt zu mir. Was für eine seltsame Erfahrung. Damit bin ich noch nicht fertig. Ich bekomme jeden Tag vier, fünf dieser seltsamen Zeugnisse aus fast aller Welt. Daraus lerne ich, daraus werde ich bedenklich gestimmt. Ich frage mich, ob das große Jugoslawien, das zweimal gegründet wurde -  das erste Mal nach dem Ersten Weltkrieg, das zweite Mal nach dem Zweiten - nicht auf Kosten der Serben gegründet wurde. Die Serben waren militärisch immer die Gewinner und zugleich das einzige Staatsvolk auf dem Balkan. Haben sie mit Jugoslawien nicht etwas verloren? Diese Haltung, die man nicht als nationalistisch ansehen darf, kommt mir näher, ohne daß ich sie mir zu eigen mache. Die Frage lautet: Haben die Serben mit Jugoslawien zweimal einen Irrtum begangen? Denn sie haben nichts von Jugoslawien gehabt. Sie waren das multi-ethnische Volk, das nie Pogrome begangen hat, das nie auch mit der orthodoxen Religion einen Missionszug angefangen hat, im Gegensatz zu den kroatischen Katholiken, die noch und noch zwangsbekehrt haben. Der serbische Staat hätte von den beiden Jugoslawien am meisten Nachteile gehabt. Das habe ich nie so bedacht.

profil: Nach der Lesung in Frankfurt wurden Sie gefragt, ob Sie Ihren Artikel angesichts der vielfältigen Reaktionen verändern würden. Sie erklärten, Sie würden ihn höchstens an gewissen Stellen verschärfen. Wo?

Handke: Das habe ich in der Erleichterung, daß die Lesung vorbei war und die Zuhörer angesprochen hat, unbedacht gesagt. Ich kann nur dabei bleiben: ich würde nichts ändern. Der Text ist scharf genug und weit genug.

profil: Kein Argument Ihrer Kritiker hat Sie überzeugt? Zum Beispiel, daß Sie mit der Frage, wer der Aggressor im Balkankrieg sei, leichtfertig umgegangen seien.

Handke: Ich habe in meinem Text zu entfalten versucht, daß der Krieg provoziert wurde, indem die 600.000 Serben aus der Verwaltungseinheit Kroatien in einen Staat Kroatien überführt wurden. Das steht als Frage, könnte man das nicht auch als erste Aggression ansehen? Da habe ich nichts zurückzunehmen. Ebenso mit der Gründung des moslimischen Staates. 35 Prozent Serben auf einem plötzlich zum fremden Staatsgebiet erklärten Land, das konnte nur Krieg bedeuten. Ich frage, wer war der Aggressor? Diese Frage kann ich auch nicht zurücknehmen. Die Art, wie die bosnischen Opfer fotografiert wurden, verglichen mit der Art, wie serbische Opfer fotografiert wurden: Ich weiß nicht. Es ist doch wahr. Ewig steht das da. Was hätte ich zurücknehmen können? Der schleichendste Vorwurf aber stand in der "Neuen Zürcher Zeitung", ich hätte in meinem Text alle Einwände vorbedacht. Eine Grübelei, die ein Mensch wie ich über all die Jahre mit sich selbst betreibt, eine Bewußtseinserforschung, dann als Spiel mit möglichen Einwänden auszugeben, ist von allen niedrigen Vorwürfen der niedrigste, weil er zugleich als der Schlaueste und der Denkerischste auftritt. So wie ich es vorher in den drei Büchern meiner Versuche getan habe, habe ich auch hier einen platonischen Dialog geführt: Kannst du das? Die kleinen Wehwehchen in Serbien aufführen und das große Leid in Bosnien vergessen oder verbessern? Verzeihen Sie mir das Pathos: Nächte der Schlaflosigkeit habe ich darüber verbracht. Und daß mir nun hingestellt wird, ich hätte mit dem Text Strategie betrieben, das ist das Oberschlaue und das Unter-dem-Hund-Seiende an der Kritik an mir. Was könnte ich mir sagen, falsch gemacht zu haben. Vielleicht hätte ich eine Grenze überschritten, die sich nicht gehört. Die Reaktionen haben körperlich so stark auf mich gewirkt, daß körperlich der Gedanke entstand, ich muß etwas falsch gemacht haben. Doch das hat sich nicht übersetzt ins Denken. Bis jetzt nicht. Jeden Tag, wenn ich trübsinnig oder traurig gestimmt bin, kommt der Moment, indem ich mich frage: Welcher Satz, welcher Gedanke, welche Redewendung ist frevelhaft oder unstatthaft oder leichtsinnig. Bis jetzt komme ich nicht drauf, fragen Sie mich in einem Jahr wieder.

profil: Ein Kritikpunkt hieß, Sie wüßten zu wenig von Jugoslawien.

Handke: Der Einwand ist sehr beliebt. Wer weiß schon etwas? Ich sage schließlich an einer Stelle: "Niemand kennt Serbien", in Paraphrase zur Erzählung von Thomas Wolfe "Nur die Toten kennen Brooklyn". Nie in meinem Leben wollte  ich mit Wissen prunken. Doch was Jugoslawien betrifft, bilde ich mir doch ein, um einiges mehr zu wissen, zu ahnen und zu spüren als nicht so wenige der Journalisten, die darüber geschrieben haben. Viele der Leute, die über Jugoslawien geschrieben haben, waren Revanchisten, auch zu Recht, weil sie nach Titos Machtübernahme als Kollaborateure der Deutschen oder als Deutschstämmige mehr als penibel Jugoslawien verlassen mußten, das auch ihr Land war. Gibt es nur solche Revanchisten oder Nachkommen der Revanchisten, die über Jugoslawien schreiben? Oder es gibt die springlebendigen jungen Reporter, die vorher überhaupt nicht wußten, was Jugoslawien war. Es fehlen mir die Dritten. So Leute wie ich. Oder wie Kustorica. Für die das große Jugoslawien etwas bedeutet hat. Für die das kein totalitärer Staat war. Es ist ein Unsinn zu sagen, der Tito-Staat sei mein Auslauf gewesen. Nein, es war Jugoslawien. Als Jugoslawien anfing mir etwas zu bedeuten, war Tito schon am Verwesen, und Jugoslawien war schon ein relativ liberaler Staat, der Goli Otoc war vorbei. Es haben mir über die Jahre diese dritten Leute gefehlt, jetzt ist es zu spät. Diese dritten Leute, nehmen Sie mir das nicht übel, werden in der Regel keine Journalisten. Diese dritten Leute sind Sänger, sind Filmemacher, sind vielleicht auch Sportler. Gerade die jugoslawischen Sportler habe ich immer als Leute gesehen, die das Land zusammenhielten. Wenn ich an die großen Basketball-Spieler aus Montenegro, aus Serbien, aus Kroatien denke, die untereinander auch Jugoslawien gebildet haben, frage ich mich, was mit deren Land geschehen ist. Künstler, Sportler, Studenten und die Alten, die das Jugoslawien im Krieg erkämpft haben, als Partisanen - warum nicht das Wort verwenden -, denen Jugoslawien gehört und gebührt hat. Was machen diese alten Krieger? Die haben jetzt überhaupt nichts mehr. Auch in Slowenien und Kroatien. Die sind in ihrem Bewußtsein und in ihrer Seele ja die Ärmsten. Die sind um ihren doch ziemlich gerechten Kampf betrogen worden. Es sind die, die nach Titos Tod ein ganz anderes Jugoslawien wollten, ein drittes Jugoslawien wollten, nicht das königliche, nicht das kommunistische. Das dritte Jugoslawien war auf dem Weg. Ich weiß das. Ich hab das gespürt. Auf allen meinen Reisen, die ja nie Gruppenreisen waren, sondern in der Regel allein, um zu hören, um zu schauen. Ich hab gespürt: Das dritte Jugoslawien war auf dem Weg, zu werden. Das wäre das Modell für Europa gewesen. Die alten Kämpfer und die jungen Enthusiasten, die sind betrogen worden. Nicht nur von den einheimischen Politikern, aber vor allen von denen: Von den serbischen Nationalisten und von den kroatischen und von den slowenischen und auch von den muslimischen. Izetbegovich ist für mich um keinen Hauch besser als Tudjman oder Milosevic. Was machen diese Betrogenen? Ich bin ja schließlich nur ein schwerbeteiligter Zuschauer.

profil: Haben Sie Ihre Kritik auch im Namen derer formuliert?

Handke: Die Leute, deren Bild ich gerade skizziert habe, sind jene, die mir schreiben, deren Leserbriefe aber nicht in den deutschen Zeitungen veröffentlicht werden. Nie.

profil: Man kann in der gegenwärtig explosiven Situation kaum einen Standpunkt einnehmen, der nicht wieder auf die Situation selbst zurück wirkt. Man wird automatisch Partei.

Handke: Das akzeptiere ich auch. Ich bin auch Partei.

profil: Emir Kustorica wurde unterstellt, er verherrliche mit seinem Film "Underground" Titos Jugoslawien.

Handke: Was Kustorica erzählt hat, muß erzählt werden. Das ist keine Nostalgie. Das ist keine Nacherzählung. Das ist eine Vorerzählung. Auch wenn es in hundert Jahren keine Wirkung hat. Es wird das Modell eines Blicks bleiben.

profil: Der Entwurf Jugoslawiens spielt in Ihrem Artikel kaum eine Rolle mehr.

Handke: Bei mir steht der Drang im Vordergrund, das Land Serbien zu öffnen. Das ist der Hauptstrang. An keiner Stelle steht, daß ich das heutige Regime rechtfertige, ich habe es auch auf meiner Reise vermieden, offizielle Menschen zu treffen. Es hat mich getrieben, das Land zu öffnen. Man sagt mir jetzt, man habe ohnedies gewußt, daß dort auch Menschen lebten - das ist für mich auch einer der scheinheiligsten Sätze -, vielleicht hat man gewußt, daß in Serbien auch Menschen lebten, aber man hat es nicht gespürt, es wurde nicht spürbar. Das ist es: Es muß spürbar werden, daß es dort ein Land gibt und Menschen gibt. Das war für mich der Hauptantrieb, was wäre da zurückzunehmen? Darüber, daß mir das gelungen ist, freue ich mich.

profil: Kamen Sie nach Ihrem Artikel mit Kusturica zusammen?

Handke: Ich kannte Kusturica schon aus einer Zeit, als ich in der Jury des Filmfestivals von Cannes saß. Damals lief sein Film "Die Zeit der Zigeuner" dort. Dort traf ich ihn kurz und versuchte, Slowenisch mit ihm zu sprechen. Andererseits war ich nicht begeistert von der "Zeit der Zigeuner" und war in der Jury einer der wenigen, die gegen den Film gesprochen haben. Seit damals haben wir uns nicht mehr gesehen.

profil: Auch nach Ihrem Plädoyer für ihn nicht?

Handke: Ich sollte seinen Film "Underground" in einer Privatvorführung sehen, wollte diese offiziellen Geschichten vermeiden und schaute mir den Film in einem normalen Kino an, passend zu meiner Serbien-Geschichte. Dann schrieb ich meinen Text, er kann nicht Deutsch, und auf Französisch gibt es den Text noch nicht. Er bekam durch Freunde ein bißchen übersetzt, und hat den Text erst jetzt, nachdem der Artikel in der serbischen Wochenzeitung "Nin" erschienen ist, gelesen, dann hat er mich angerufen. Wir haben uns in seinem Haus in der Normandie getroffen und, glaube ich, nicht schlecht verstanden. Wir haben beschlossen, mit dem Geld, das ich jetzt durch die Lesungen einnehme, etwas nicht so Schlechtes zu leisten: Wir wollen mit dem Geld eine Bar gründen, im ehemaligen Kriegsgebiet. Dort soll eine Bar mit Juke-Box, Flipper und vielleicht noch besseren Sachen entstehen. Wir werden das Geld nicht für "humanitäre Zwecke" verwenden, sondern für etwas, was dem nicht unbedingt widerspricht.

profil: In Sarajevo?

Handke: Kusturica will nicht mehr nach Sarajevo. Seine Familie fühlt sich dort bedroht. Nein, vielleicht irgendwo in Visegrad, weil das die Stadt von Ivo Andric war. Oder vielleicht irgendwo in Montenegro. Die Grenzen werden sich ja bald wieder öffnen und die Orte liegen nicht so weit auseinander.

profil: Was war der konkrete Auslöser, daß sie nach viereinhalb Jahren Krieg in Jugoslawien mit der Niederschrift Ihres Textes begannen?

Handke: Ich glaube, es war als die sogenannten Friedensgespräche in Dayton, Ohio, geplant wurden. Ich dachte, jetzt sei der Moment, nach Belgrad zu fahren. Die Idee, nach Serbien zu fahren, hatte ich immer. Ich wollte mich der Grenze nach Bosnien von der anderen Seite nähern. Ich wollte einfach das Land sehen. Ich wollte wissen, was vom vielleicht bevorstehenden Frieden in Serbien zu spüren sei. Ich wollte keine Interviews machen. Obwohl ich sehr viel gefragt habe, Leute ausgefragt habe. Das Ausfragen kam mir immer blöder vor. Ich dachte mir, ich darf die Leute nicht entleeren, nicht ausbeuten mit meinen Fragen. Ich wollte ihnen ihre Geschichten nicht nehmen. Es kam mir eigentlich nur auf Sehen, Spüren, natürlich auch Lesen an. Lesen von Zeitungen wie von Belletristik, das alles, fragmentarisch aber sollte mich leiten. Ich wollte kein vollständiges Erleben, sondern ein fragmentarisches, wie es sich ergibt. So war meine Vorstellung. Im übrigen genau so wie es mir mit Leben und Schreiben immer geht. Es muß ein Plan her, doch der ist dazu da, um in der Spontanität zu verschwinden. Es ist wie im Stierkampf: Es ist der Moment zu finden. Und das war der Moment. Und ich war nicht sicher, ob ich darüber schreiben würde. Das geht schon daraus hervor, daß ich am Ende meiner Geschichte sage: Das einzige, was ich mir notiert habe und dann folgt der Abschiedsbrief des ehemaligen Partisanen aus dem Dorf. Bajna Basta. Ich habe mir nichts notiert. Ich hatte auch keinen Fotoapparat dabei. Wenn man es eine Absicht nennen kann, war es eine Absicht, nichts zu machen. Nicht einmal zu schauen, vor allem nicht zu beobachten, nur auf sich einwirken zu lassen. Erst auf der Rückfahrt  nach diesen Wochen in Serbien durch die Vojvodina, dann in Ungarn, als wir die Grenze passierten und Ungarn ganz anders wurde - mit den Huren, die am Straßenrand stehen und mit den Händen winken, mit den Polizisten, die einen dauernd aufhalten und wie Straßenräubern Geld abnehmen -,  als wir Budapest passierten und dann seltsamerweise nach Österreich kamen, entstand wieder ein andere Gegensatz, es war Winter, es hat noch immer geschneit, wir haben in Rust am Neusiedler See übernachtet. Eigentlich erst auf der Fahrt über die österreichischen Autobahnen, wo alles frei, sauber und - nein, zivilisiert ist nicht das Wort - komportabel war, wo in den Raststätten jeder für sich saß, stumm, dann fuhr ich weiter nach Salzburg mit dem Zug und sah dort, zum Verladen bereit, auf dem Salzburger Hauptbahnhof mehre weiß angestrichene UNO-Transporter, einer von ihnen war zerstört. Dann kriegte ich noch einen seltsamen Preis, den Schiller-Preis - die ganze Geschichte war ja absurd - und mußte mit den ganzen Politikern reden. Plötzlich dachte ich: Das Land Serbien und all diese Gegensätze in Europa, die ich hier erfahren habe. Das wollte ich dann auch noch erzählen, aber das vertrug sich nicht mit dem "Abschiedsbrief des Herbstmalers". In Stuttgart dachte ich, ja, jetzt muß ich schreiben, undzwar möglichst bald.

profil: Das hätte zu weiteren Mißverständnissen führen können. Ohnehin wirft man Ihnen vor, die Armut in Serbien zu idylisieren.

Handke: Es war plötzlich wieder so einfach zu tanken und im Hotel in Rust war es so warm. Mein serbischer Freund hatte die ganze Zeit gefroren und kam am nächsten Morgen richtig aufgeblüht aus seinem Zimmer, hatte sich die Haare gewaschen, rasiert und ein schönes Hemd angezogen: Er war wieder in Österreich, der serbische Bursche aus der Salzburger Vorstadt in Österreich. Vielleicht auch auf Frauen aus, zum üblichen leichten Leben bereit. Und vorher war es anders. Das Bild mit den lebenden Tankstellen war eines der Hauptbilder, das mich zum Schreiben brachte. Meine Beobachtungen von diesen Not-Markt waren keine Nostalgie nach einer alten Zeit - oder vielleicht doch auch, warum auch nicht -, wenn die Nostalgie zugleich ein Zukunftsbild mitliefert. Ich hatte die Gewißheit, mit diesem Anblick des Benzins, des Diesels und des Öls, das in Flaschen verkauft wurde, daß darin eine mögliche Welt begriffen sei und nicht nur eine vergangene. Auf diesem Not-Markt habe ich gesehen, was Handel sein könnte. Auf kleinstem Raum fanden die Bewegungen fast wie bei einem Ballett statt. Aber die Händler und die Käufer wirkten nicht als Gefangene dessen. Ich hatte als Zuschauer Vergnügen an dem, was Handel ist. Alles war sichtbar, vom Apfel bis zur Elektronik, wie es von einer Hand zur anderen ging, abgesehen von den Mafia-Geschäften, aber davon habe ich nichts gesehen. Ich hab auch nicht extra hingeschaut. Hätte ich etwas erlebt, ich hätte hingeschaut, aber ich hab´s nicht. Man hat mir viel über die Mafia erzählt, aber das habe ich verschwiegen, wie die ihre Restaurant-Boote auf der Donau betreiben, usw., usw. Man hat mir vor allem die beiden Stellen mit dem Handel auf dem Markt und den Öl- und Benzinflaschen vorgehalten. Vielleicht ist es naiv, blöd oder kindisch von mir, aber es hat mir unglaublich gefallen. Es hat mir das Herz geöffnet. Ich habe mich selber dabei erkannt. Ich kann nichts davon zurücknehmen, höchstens das eine oder andere Adjektiv, das ich vielleicht geschrieben habe, um mich preiszugeben. So eine Geschichte wird für mich erst glaubhaft, wenn der, der sie schreibt, sich preisgibt und sich Blößen gibt, das tue ich immer, das habe ich immer gemacht, in meinem ganzen Schreibleben.

profil: Haben Sie abgesehen, daß Ihr Artikel Reaktionen dieses Ausmaßes zeitigen würde?

Handke: Ich weiß es schon nicht mehr. Mir war klar, daß, wenn ich etwas schreibe, es an derselben Stelle wie mein Slowenien-Text vor vier Jahren erscheinen könnte. Das war mein Antrieb. Dann wurde der Text viel zu lang. Gut: Doppelt, so lang, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das war der einzige Grund, warum ich mir denken konnte, daß die "Süddeutsche" das Stück ablehnen könnte. Der Grund war nicht der Inhalt, sondern die Fülle des Textes, deshalb dachte ich: die nehmen das nicht. Ich schickte es ihnen mit dem Gedanken: das können sie nicht machen trotzdem hin, weil es so abgemacht war. Am Tag darauf rief mich der Redakteur an und sagte, wir bringen das. Das war ein Moment, als ich sehr erstaunt und fast glücklich war. Ich weiß nicht, warum. Er sagte, er hätte es gelesen und gedacht, nein, das können wir nicht, dann hätte er eine Nacht darüber geschlafen und sei mit dem Gedanken aufgewacht, wir müssen das bringen. Da dachte ich, es ist recht so. Es stimmt schon, ich war gespannt, wie das aufgenommen würde. Auch ein bißchen aufgeregt. Während der zwei Erscheinungstermine der Geschichte bin ich auch nach Spanien wandern gegangen, um mich zu wappnen gegen das, was ich hab kommen spüren. Und es war dann doch wieder ganz anders. Man kann es sich nicht vorstellen. Wenn ich mir als Autor noch und noch vorgestellt habe, was man gegen meinen Text sagen könnte, es kam immer schlimmer. Es kam immer um eine Verletzung mehr, als ich mir vorgestellt hab. Auf eine andere Weise war es jetzt auch so. Ein Freund sagte: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" wird schweigen. Aber jede Zeitung hat nicht nur eine sondern drei, vier Sachen erwidert. Die "Neue Zürcher Zeitung" mußte drei-, viermal schreiben, nicht einmal eine Diskussion hat sie angezettelt.

profil: Haben Sie diese Verteidigungsmechanismen nicht erwartet?

Handke: Die Mechanismen waren mir schon klar, aber ich konnte mir nicht vorstellen, daß es so primitiv vor sich gehen würde. Und daß es bis jetzt so gleichbleibend primitiv bleiben würde. In der "Presse" erschien das Foto eines verstümmelten Kriegsopfers und die Legende hieß: Peter Handke, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen? Ich war schon richtig neugierig darauf, welche Variante von Niedrigkeit der nächste Tag bringen würde. Ich bin nie enttäuscht worden. In einer Grazer Zeitschrift, behauptete ein Halb-Schriftsteller, ich hätte das alles nur geschrieben, um mich für die Aufführung meines Stückes, die im nächsten Jahr in Wien stattfindet, erfolgreich ins Gespräch zu bringen. Ich bin bereit, noch weitere Varianten zu sammeln. Der Herr Gauss hat in der "Presse" geschrieben, ich sei den jugoslawischen Deserteuren mit meinen Artikeln in den Rücken gefallen. Das hatte mir auch noch gefehlt.... Die einzige Unterschrift, die ich während der viereinhalb Jahre dieses Krieges geleistet habe, war ein Aufruf, die jugoslawischen Deserteure straffrei zurückkehren zu lassen. Und wenn ich mit einem Politiker in Jugoslawien reden würde, in der Hoffnung, daß das was nützt, würde ich deswegen reden, daß jemand wie Milosevic, Deserteure zurückkommen läßt. Wobei in dem Artikel stand, ich sei den Oppositionellen und den Deserteuren in den Rücken gefallen. Das ist nicht schlecht an Gemeinheit.

profil: Sind Sie getroffen von solchen Reaktionen?

Handke: Zuerst bin ich oft getroffen, dann beginne ich blöd zu grinsen.

profil: Erleben Sie noch immer schlaflose Nächte?

Handke: Je älter man wird, desto öfter hat man ohnedies mit Schlaflosigkeit zu tun. Die schlaflosen Nächte bei der Arbeit, die ich hatte, sind mir recht, denn sie sind ideal zum Nachdenken. Die Schlaflosigkeit war mir willkommen. Schlaflosigkeit quält nur dann, wenn man nichts zu arbeiten hat, insofern ist sie jetzt weniger fruchtbar. Was mich vielmehr beschäftigt, ist die Frage, wie kann man den Schmerz im Auge behalten. Dort unten oder dort oben, hinten, oder vorne. Gleich, welche Kritik oder Schmähung gegen meinen Artikel oder gegen mich, der ich ein Nichts bin oder ein vergreisender Dichter-Jüngling vorgetragen wird, das soll sein, wie es ist. Was nicht sein darf ist, daß der jede Sekunde dort stattfindende Schmerz nicht aus den Augen verloren wird. Das sage ich mir angesichts von allem, was momentan mit Öffentlichkeit zu tun hat. Ich weiß nicht, wie man das kann: sich selber etwas einhämmern. Ich muß mir das einhämmern, worum´s geht. Das war beim Schreiben das mich Leitende. Ich muß meine Person zwar, wenn´s nötig ist, bloßstellen, aber das Wichtige ist, mich an den richtigen Stellen aus dem Text herauszuhalten, und somit aus dem Land. Das werde ich, entschuldigen Sie den Ausdruck, weiter verfolgen. Was ich jetzt erlebe, erfahre, mit all dem, was ich Ihnen erzählt habe, wie ich mit meinem weiteren Leben als Schreiber umgehen werde, weiß ich nicht. Mein Schreiber-Leben hat einen Sprung bekommen. Sprung wie bei einem Gefäß oder Sprung wie odus hic alta, da bin ich mir selbst noch nicht sicher. Etwas wird dazukommen müssen oder es wird überhaupt nichts mehr sein. Etwas wird dazukommen müssen, was - was ich immer abgelehnt habe - Historie ist, was Geschichte ist.

profil: Sie können nach dieser Erfahrung nicht mehr weiterschreiben wie Sie vorher geschrieben haben?

Handke: Das scheint mir so.

profil: Haben Sie ein konkretes Projekt?

Handke: Im Moment ist das Schreiben nicht akut, aber es kommen Momente, wo ich das, was ich als Projekt vorhabe, jetzt messe, an dem, was ich jetzt bedenke. Das Projekt, das zu schreiben ich vage im Sinn habe, scheint mir dann nicht schwer genug. Ich muß mir dieses Projekt schwerer machen. Oder es überhaupt nicht stattfinden lassen. Das wär auch nicht schlimm. Das ist für mich als Schreiber ein nicht unspannender Zustand.

profil: Können Sie sich momentan überhaupt vorstellen zu schreiben?

Handke: Ja, vor allem in bedrängten Situationen kann ich am besten phantasieren, was der Fall ist und der Fall sein könnte. Die Personen, über die ich vielleicht erzählen möchte, stehen inzwischen im Regen. Und das ist ganz gut, das ist mir ganz recht.

profil: Wieviel hat die österreichische Politik zum Konflikt auf dem Balkan beigetragen?

Handke: Ich kann mir nicht erlauben zu politisieren. Ich war fassungslos, wie schnell - oder vorschnell - damals alles klar war beziehungsweise schon vorbereitet war, und ich kenne den Alois Mock ein bißchen. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es aus Böswilligkeit passiert ist, sondern nur aus fast archetypischer mitläuferischer Ahnungslosigkeit mit dem Österreichertum. Abgesehen von der Politik war die Presse ja schon vorher so ungeheuerlich borniert in Österreich. Wie ich es zwar schon von Kindesbeinen an gewohnt war, aber wie ich´s so akut, so atombombenhaft, muß man sagen, erlebt habe. Sogar ein Mann, der ab und zu seine lichten Momente hat, wie der Günther Nenning, hatte damals eine Artikelserie in der "Kleinen Zeitung", aus der ich übrigens auch mein Zitat genommen habe: "Slowenen, kommt´s doch herauf zu uns", hat kräftig hineingeschlagen in eine - man kann das Wort nicht vermeiden - Hetze gegen die Serben zugunsten der mitteleuropäischen Slowenen. Zugunsten eines völlig chimärenhaften Mitteleuropatums. Es kommt ja viel zusammen. Die entsetzliche Ideologie von Mitteleuropa - Mitteleuropa kann als Region etwas Schönes sein -, nichts dagegen, aber so wie es politisch wird oder staatstragend werden soll, dann ist es äußerst bedenklich. Mit den ersten Anzeichen eines zerfallenden Jugoslawiens ging es in Österreich unisono los. Und ordentlich wurde da mitgetan am Zerfall von Jugoslawien. Unverzeihlich, für ewig unverzeihlich. Und wie der sogenannte slowenische Krieg ausbrach, ich hab mein Leben lang nicht so etwas Scheußliches erlebt - die österreichischen Tageszeitungen sind im großen und ganzen scheußlich genug, bis auf ein, zwei Ausnahmen - aber daß so etwas Übles geschieht, konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hab gedacht, das gehört für immer der Vergangenheit an. So eine nackte, geile Kriegsstimmung. Und die Slowenen, die immer als Tschuschen galten unter anderen Tschuschen waren plötzlich die tapferen südlichen Brüder gegen den Panzer-Kommunismus und all diesen Unsinn, während doch die Wirklichkeit so war, daß die hunsjämmerlich armen Soldaten der jugoslawischen Armee überhaupt nicht wußten, was sie tun sollten, und die Grenzen des alten Jugoslawiens bewahren wollten. Damals ging mir auf, daß man den Mythos Panzer nicht mit Gewalt gleichsetzen kann. Das ist eine der falschen Legenden unseres Jahrhunderts. Ein Panzer heißt nicht von vornherein Gewalt. Er beinhaltet natürlich Gewalt, aber gerade diese Soldaten der JNA haben fast keine Gewalt ausgeübt. Wer Gewalt ausgeübt hat, waren die sogenannten slowenischen Freiheitskämpfer, weil die wußten, daß sie freie Hand hatten, freie Hand im schlimmsten Sinn. Freie Hand ist eigentlich ein Ausdruck, den man anders anwenden müßte. In Österreich gab´s doch damals diese sozialistische Regierung, und ich kann nicht verstehen, daß der Bundeskanzler seinem Außenminister nicht bedeutet hat, worum es geht. Der nackte, blöde, blinde Wahnsinn ist ausgebrochen.

profil: Vranitzky hat sich vehement gegen das Vorschnellen der ÖVP und von Alois Mock in der Anerkennungsfrage gewehrt.

Handke: Das wäre nicht nur der Moment des Franz Vranitzky in seinem geschichtlichen Leben gewesen, sondern auch der Moment des österreichischen Sozialismus ganz und gar anders zu handeln. Da hat der Sozialismus in Österreich entsetzlich versagt. Das muß man sagen, denn der Sozialismus war an der Regierung oder hat zumindest die Schwerkraft in der Regierung gebildet. Das ist völlig unverständlich.

profil: Glauben Sie, daß es Vranitzky und die SPÖ in der Hand gehabt hätten, die Entwicklung in Jugoslawien zu verändern?

Handke: Ja, absolut. Aber der Einspruch hätte so klar wie nur etwas stattfinden müssen. Auch der Einspruch der deutschen Sozialdemokraten, die nicht an der Macht waren, hätte klar stattfinden müssen. Sie wußten alles besser und haben alles schlechter gemacht.

profil: Warum wohl?

Handke: Ich bin kein Mensch der Dolchstoßlegende, das müssen die Historiker herausfinden.

profil: Alois Mock betrieb seine Jugoslawien-Politik mit vehementem Engagement, geradezu mit Herz...

Handke: ... mit Herz hat das überhaupt nichts zu tun, ich lasse nichts über das Herz kommen. Das war eine äußerst aggressive, eine atavistische Politik, die in den Österreichern über die Generationen gesteckt hat. Mehr weiß ich auch nicht. Sie kennen Ihren Karl Kraus ja besser als ich. Ein Atavismus ist manchmal noch schlechter als die ursprüngliche Gewalt. Eine atavistische Gewalt ist noch um ein paar Grad verfaulter. Rückfällige Gewalt ist schlimmer als die erste Gewalt. Denn die erste Gewalt gegen Serbien kann man fast noch rationalisieren. Das war das Ende des österreichischen Imperiums, und die Serben haben das sozusagen in die Wege geleitet. Aber diese Gewalt jetzt, und es ist Gewalt, was die österreichische Regierung unter der Verantwortung des Herrn Mock und auch des Franz Vranitzky gemacht hat, ist eine faulere Gewalt, die aus dem Sumpf der Generationen kam. Mehr weiß ich auch nicht. Man müßte Shakespeare sein, um das besser darzustellen.

profil: Die neunziger Jahre feierten die Renaissance der Mitteleuropa-Ideologie.

Handke: Das habe ich doch gerade gesagt. Mitteleuropa ist mir immer noch, auch nach all den Schweinereien, die damit angestellt wurden, etwas Liebliches. In einem Aufsatz über den tschechischen Lyriker Jan Skacel  habe ich gesagt, Mitteleuropa wurde mir klar, als ich in Japan einmal an der deutschen Botschaft ein Quintett von Franz Schubert hörte. Durch die Musik von Schubert oder auch Mozart oder gewisse Volkslieder, auch, ja, die Oberkrainer, habe ich Mitteleuropa gesehen. Ich habe in Japan zum ersten Mal Mitteleuropa gesehen. Aber aus einem Schubert´schen Quintett kann man um Gottes willen kein politisches Mitteleuropa konstruieren. Genauso wenig wie aus einem Verlustgefühl gegenüber der Monarchie. Das darf man nicht, das ist furchtbar. Mitteleuropa darf im Herzen mitspielen, es hätte Europa mitkonstruieren können als Landschaft, als kulturelle Landschaft, das ist völlig richtig. Sobald es aber zum Zentrum aggressiver Politik wird, hat Mitteleuropa verspielt. Für mich ist der Begriff Mitteleuropa kaputt. Was mit diesem Begriff angerichtet worden ist ... Als ich noch von den Slowenen als Freund angesehen wurde, wurde ich auf einem der vielen Kolloquien, die vor dem Zerfall Jugoslawiens stattgefunden haben - auch zum Zerfall Jugoslawiens, wie ich Dummkopf erst so spät festgestellt habe - gefragt: Was bedeutet für dich Mitteleuropa? Da habe ich gesagt: Für mich ist Mitteleuropa zu Ende, wenn ich im Karst stehe, wo ich das Meer spüre und den Kalkfelsen sehe und die Sonne und den Wind von unten von der Adria spüre, und ich sehe nach Norden und sehe das Gebirge. Das ist der Nanos und das ist der Trnovaner Wald, und dahinter sind die Julischen Alpen. Und dort sehe ich fast regelmäßig, wie eine Grenze die Wolken stehen bleiben. Wo zum Teil noch Slowenien ist und zum Teil Oberitalien bleiben die Wolken stehen und ab da hört für mich Mitteleuropa auf. Mitteleuropa endet an der Wolkengrenze über dem Berg Nanos, der der heilige Berg der Slowenen ist. Und dem Trnovaner Wald, der auch oft bei Doderer vorkommt. Danach fängt für mich ein anderes Europa an, das nicht Balkan ist, aber auch nicht Mitteleuropa. Ich habe damals viel Gelächter geerntet für diese meteorologische Grenze Mitteleuropas, aber ich stehe immer noch dazu. Mitteleuropa endet an der Südgrenze der Alpen.

profil: Hat Österreich die Möglichkeit in Jugoslawien etwas gut zu machen?

Handke: Es muß, es muß. Doch so wie die Dinge stehen, wird das wahrscheinlich nicht geschehen. Selbst die Politiker, die bewußt oder unbewußt am Zerfall Jugoslawiens mitgewirkt haben, müssen sehen, daß sie Serbien nicht einfach ausschließen können, auch wirtschaftlich - wirtschaftlich vielleicht am ehesten, weil Serbien überhaupt nichts zu exportieren hat. Es werden doch verständige Menschen kommen, die sagen, Europa kann doch nicht über die kleinen Nationalstaaten, die dort entstanden sind, gehen, und daß Österreich im Grunde nichts davon hat. Wenn ein Staat etwas von der gegenwärtigen Lösung hat, dann ist das Deutschland. Deutschland hat jedes Interesse daran, daß es möglichst viele sklavenfähige, auf die Wirtschaftsmacht Deutschland ausgerichtete, Kleinstaaten gibt. Das wird immer klarer werden.

profil: Hat Sie eine persönliche Scham über die österreichische Politik dazu motiviert, "Gerechtigkeit für Serbien" einzufordern?

Handke: Nein. Ich habe keinen Einblick in die österreichische Politik, kenne keine Geheimnisse. Ich bin ausnahmslos von den innerjugoslawischen Daten und Fakten ausgegangen, und mehr noch von den deutschen Zeitungsreaktionen, mehr noch als von den österreichischen. Die sind mir nach wie vor ein Rätsel. Es gibt viele Legenden dazu, wie zum Beispiel, daß der deutsche Geheimdienst in Kroatien das alles betrieben hätte, doch das ist nicht mein Fach, da gibt es plausible und weniger plausible Vermutungen, da müssen Sie einen anderen fragen.

profil: John Le Carré?

Handke: Vielleicht, ja. Der wüßte viel mehr wie so etwas geht.

 

profil: In einer Glosse der "Süddeutschen Zeitung" stand über die Gedichte von Radovan Karadzic, da könne man gleich die Bilder von Hitler ausstellen.

Handke: Ich war nicht froh über diesen Vergleich. Heute bekam ich diese Zeitschrift mit Karadzic´s Gedichten zugeschickt, hab  sie aber noch nicht gelesen.

(steht auf, sucht in der Post, findet eine Literaturzeitschrift, in der auf mehreren Seiten Gedichte von Karadzic auf Serbisch und Deutsch abgedruckt sind)

profil: Können Sie's auf serbisch lesen.

Handke (entziffert die kyrillische Schrift): Wir sind an das Ende der Welt gelangt vor das letzte Haus, das langsam alt wird. Laßt uns wieder das uralte Feuer entfachen... Im Inneren sind Asthma und Alter, der graue Star hat die Fenster getrübt. Wir sind allein, wir und ein wenig Liebe.... Unter einem Himmel, der langsam alt wird...

Man kann nicht sagen, daß das ein Dreck ist, oder? Das könnte auch Kolleritsch geschrieben haben oder Ilse Aichinger, wenn man zynisch sein wollte... Es ist jedenfalls keine Poetasterei.

 


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Christian Seilers
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