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Geschichten / Nido
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Bild: Nido

Über das heikle Terrain, das wir betreten, wenn wir unsere Eltern zu Großeltern gemacht haben



Meine Großmutter hatte drei Söhne, und als zwei von ihnen aus der kleinen Zweizimmerwohnung ausgezogen waren, zog ein vierter bei ihr ein, für den sie gar nichts konnte. Das war ich. 

Ich bin ein Großmutter-Kind, und ich war gern ein Großmutter-Kind. Als mich die Oma unter den Arm nahm und nach Hause trug, um mich zu nähren und zu lieben, war ich ein paar Wochen alt, und am Ende blieb ich, bis ich fünfzehn war. Die glückliche Jugend, die ungeteilte Aufmerksamkeit, die routinierte Förderung meiner Interessen und Talente, verdanke ich ihr. Sie kochte mir gesundes Essen, ließ mich am Sonntag Vormittag schlafen, so lange ich wollte, brachte mich zum Fußball, las mir Theodor Storm vor, bis ich ein langweiliger Schriftsteller werden wollte, und nur ihre Hartnäckigkeit, mit der sie mich zum Flötisten auszubilden versuchte, erwies sich retrospektiv als nutzlos.

Ich bin daher ein Experte in Großmütter-Fragen. Großmütter, so pflegte ich bei jeder Gelegenheit zu sagen, sind die besseren Mütter. Sie müssen nichts. Sie dürfen nur. Sie dürfen sich aussuchen, wie viel Zeit sie mit ihren Enkeln verbringen, und wenn sie keine Lust mehr haben, greifen sie zum Telefon mit den großen Tasten und rufen die Eltern an, sie sollen ihre Kinder abholen. Diese Freiwilligkeit schien mir immer das Geheimnis für die virtuose Leichtigkeit zu sein, mit der Großeltern und Enkel sich ineinander verlieben. Sechsstündige Playmobilseeschlacht ja, aber wenn abends der „Tatort" beginnt, ist wieder Ruhe am Schiff.   

Enkel, die sich in ihre Großeltern verlieben, haben Glück. Sie kriegen Zeit, gute Worte und so viele Playmobil-Figuren, wie sie wollen. Aber die Großeltern haben noch mehr Glück. Sie bekommen von ihren Kindern Enkel geliefert, die sie lieben können, ohne sich dafür selbst ins Zeug legen zu müssen. Das Bedingungslose der Liebe zu den eigenen Kindern, aber auch das Fehlen jeder Abnützungserscheinung, welches die Beziehung von Eltern zu ihren erwachsenen Kindern prägt, wird den Großeltern in einer Light-Version ein zweites Mal geliefert. 

Mein Vater ging mir mit seinem ewigen Wenn-ich-erst-eine-Enkeltochter-habe-dann-werde-ich-ein-super-Opa-sein ziemlich auf den Wecker, aber ich verstand, dass er damit vor allem mir etwas sagen wollte, was er ungefiltert nicht über die Lippen brachte: ich wäre Dir gern ein besserer Papa gewesen. Bittere Ironie, dass er lange, bevor mein Sohn auf die Welt kam, starb. Es ist ein kontinuierlicher Schmerz, das Gesicht meines Vaters nie gesehen zu haben, wenn er meinen Kleinen ansah, seinen Kinderwagen schob oder mit ihm vom Würstchen-Essen zurückkam. 

Ich glaube, dass die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln ein großes, kosmisches Kompensationsgeschäft ist: die Großeltern revanchieren sich mit ihrer Zeit, ihrer Begeisterung, oft genug auch mit ihrem Geld für alles, was sie, als sie uns groß zogen, versäumt haben - oder versäumt zu haben glauben, weil sie im Wildwasser des Alltags alle Kräfte brauchten, um zu rudern, zu rudern, um nicht abgetrieben zu werden.

Rudern. Da können wir mitreden. Niemand hat uns darauf vorbereitet, wie heftig die Veränderung des Lebens mit der Geburt des ersten Kindes tatsächlich sein würde. Die Wucht der Elternschaft. Das von einer Springflut an Glückshormonen zwar abgemilderte, aber dennoch unerwartet anstrengende Funktionieren-Müssen, tagsüber und in der Nacht, wenn das Baby schreit. Der psychologische Hammer, dass der Anstrengungslevel jetzt für ein paar Jahre im roten Bereich bleibt. Der emotionale Tauschhandel mit sich selbst, die gravierendste Veränderung des eigenen Lebens super finden zu müssen, weil man sie sich schließlich gewünscht hat oder wenigstens dazu ja gesagt. Die Arbeit, die es schließlich auch noch gibt, der man die Kohle, oft aber auch Identitätsstiftung verdankt, in die man jedenfalls einige Jahre lang die ganze Energie investiert hat, und den Ehrgeiz, die Arbeit gut zu machen. Die finanziellen Verpflichtungen, weil man, spätestens seit die Kinder da sind, vernünftig wohnen wollte oder wenigstens nicht ganz so WG-mäßig wie bisher. Der Zweifel, ob alle Puzzlesteine am Schluss ein Bild ergeben und nicht nur einen Haufen Teile, die nicht zusammenpassen.
An dieser Stelle erscheinen die eigenen Eltern in einem ungewohnten Kostüm am Ufer des eigenen Lebens, an dem sie oft lang genug nicht mehr teilgenommen haben. Sie tragen Helme und leuchtende Jacken. Sie sind da, um uns zu helfen. Sie sind die Feuerwehr.

Ich kenne viele Familien, deren ökonomisches Grundlayout darauf basiert, dass die Großeltern mit anpacken, und zwar regelmäßig. Wenn beide Elternteile arbeiten - und das ist inzwischen in mehr als zwei Drittel aller Familien der Fall - braucht es permanent die ordnende Hand im Backoffice: Kinder von der Kita abholen, Kinder in die Klavierstunde bringen oder zum Judo, vielleicht auch einmal die Woche am Abend einspringen, wenn man mit der Arbeit nicht fertig geworden ist oder sich zu zweit ein paar Absacker an einem Ort gönnt, den man den eigenen Kindern bei aller Entschlossenheit, sie überallhin mitzunehmen, nicht zumuten möchte, Stichwort Dezibelwahnsinn. Und da haben wir noch keine Sekunde über Unvorhergesehenes nachgedacht, über den Moment, wenn sich die Kleine die Windpocken eingefangen hat, mit weißem Anti-Juck-Lack getröstet werden muss, und für vierzehn Tage die Kita nicht betreten darf. 

Bei uns brennt's, und die Eltern helfen löschen. Super. Was kann daran falsch sein? 
Nichts ist daran falsch, aber oft genug fühlt sich der Moment danach, in dem wir Opa und Oma in den Arm nehmen müssten und „danke" sagen, ein bisschen schal an. „Danke" sagen, gut und schön. Aber gleich in den Arm nehmen? Wann haben wir die eigenen Eltern denn zum letzten Mal in den Arm genommen? Und warum eigentlich nicht? Plötzlich stehen wir vor dem Schrank, in den die eigene Geschichte hineingestopft wurde, und wir wissen, wenn wir die Tür öffnen, fliegt uns mehr um die Ohren, als wir mit zwei Händen auffangen können, und haben wir an der einen Hand nicht den Kleinen und in der anderen die Einkaufstüte? Also lassen wir den Schrank lieber zu und schicken wir uns in unser Glück, danke, Mutti, danke, Vater, ihr habt uns wirklich aus der Patsche geholfen, dürfen wir nächste Woche wieder? 
Danke, Küsschen.

Über den Part, den meine Eltern in meiner Kindheit für mich gespielt haben, habe ich nie wirklich nachgedacht. Sie waren jung - sehr jung, 20 und 19 Jahre alt, als ich zur Welt kam, und mir schien es nicht eine Sekunde lang verwunderlich, dass sie den Kleinen - mich - zur Pflege bei der Großmutter, der Mutter meines Vaters einstellten. Kam dazu, dass meine Eltern so verschieden waren wie Giraffe und Zebra, so dass sie sich, als ich zwei war, logischerweise und mit jeder Berechtigung trennten, dass meine Mutter in eine andere Stadt zog, dass meine Großmutter schließlich alle Fäden in der Betreuung des Giraffenzebras in der Hand hatte. Ich habe das nie anders betrachtet als vom Ergebnis her: meine Kindheit war gelungen. Wozu darüber nachdenken?

Die Fragen nach meiner Mutter, nach dem Grund, warum sie meine Erziehung an meine Großmutter abgetreten hatte, wischte ich stets zur Seite: ich wollte mir meine wunderbare Kindheit nicht mit Theorien der Zurückweisung ankränkeln lassen, mit der Enttarnung einer tiefenpsychologischen Fallgrube, in die ich unberechtigterweise nicht getappt war. 
Ich schob die Sache also vor allem einmal auf. Wenn ich selbst einmal ein Kind habe, dachte ich, wird auch der Dialog mit meiner Mutter neu beginnen. Der Kontakt zwischen ihr und mir war okay, an der Oberfläche. Ein Blumenstrauß von Fleurop zu Weihnachten, ein Presseexemplar, wenn ein neues Buch erschien, vier Telefonate pro Jahr, und wenn ich im Süden Station machte, gingen wir auch einmal essen. Aber eine Adresse, an der ich Versagensängste oder Liebeskummer losgeworden wäre, war meine Mutter nie, und ich vermisste sie auch nicht. 

Als mein Bub schließlich da war, machte meine Mutter ihren Anstandsbesuch, sie schob den Kinderwagen, und sie lud uns bei nächster Gelegenheit zu sich nach Hause ein. Sie lebt längst mit neuer Familie, die eine viel passendere Gesellschaft für sie ist, als mein Vater es je hätte sein können, und ich ertappte mich schneller, als ich gedacht hätte, beim Feuerwehrgedanken: ...und dann lassen wir den Kleinen drei Tage bei der Oma und fahren weiter nach Venedig, essen schwarze Pasta in der Trattoria „alla Madonna", das haben wir uns verdient nach monatelangem Dauerdienst.

Aber die Oma wollte nicht. Sie wollte uns zwar gern empfangen, ein Essen auftischen und eine Flasche Wein aufmachen, aber zur Feuerwehr, nein, zur Feuerwehr eigne sie sich nicht. 
Okay, dachte ich mir, okay. Müssen wir wenigstens miteinander nicht ganz von vorn anfangen, und mir fiel der Anfang des Romans „Ein Mord den jeder begeht" ein, in dem Heimito von Doderer wie nebenbei eine Theorie für die unheimlichen Kräfte des Anfangs formuliert: „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will." 

Es war die Zeit, als ich noch ein bisschen eifersüchtig auf das Stöhnen mancher Freunde war, die sich am anderen Ende des Spektrums wilde Gefechte mit ihren Eltern lieferten, weil diese allzu gern eingreifen, aushelfen, Großeltern sein wollten. Ich wurde Zeuge, wie eine Freundin das Telefon abhängte, weil ihr ihre Mutter in erregtem Ton vorschreiben wollte, das Enkelkind aber ganz sicher noch zwei Monate länger zu stillen - „du wurdest auch sieben Monate gestillt, hast du das ganz vergessen?". Ich amüsierte mich über die Abenteuer der Kolumnistin Doris Knecht, die über der Anspruchslosigkeit der eigenen Mutter verzweifelte, die jedes Mal mit eigener Bettwäsche und eigenen Handtüchern anreiste, um heimlich die Wohnung zu putzen, wenn sie mit ihren Enkeln allein war. Ich betrachtete skeptisch, wie strapazierte Verhältnisse zu strapazierten Großmüttern plötzlich im Zeichen des neuen Pragmatismus einen Relaunch erhielten, wie aus den Wochenenddiensten der Oma für das Enkelkind Wochenddienste der Eltern für die Oma entsprangen, weil die auch noch was von der Welt sehen wollte. Nein, umsonst ist nix.

Mein Sohn ist ein Fan seiner Großeltern, der Mutter und des Vaters meiner Frau. Der Großvater, geschickter Gärtner, virtuoser Blumenerklärer, geht sofort auf die Knie, wenn der Kleine ankommt, und dann spielen sie auf dem weichen Spannteppich, sie spielen ohne Pause, Schach, Bauklotz, Mensch ärgere dich nicht, Blumenquartett. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie vertieft die beiden auf dem Teppich herumkugeln, und hie und da erfasst mich sogar eine Welle zartgelber Eifersucht, weil sich der Kleine gar so gut mit dem Opa versteht, und weil der Opa sich so herschenken kann in den Stunden, in denen er mit ihm spielt, und nicht nach einer halben Stunde auf die Uhr schaut und ganz dringend noch die Mails checken muss oder nachdenkt, was er heute einkaufen muss, weil morgen ein Haufen Gäste bei uns einfällt. Ich bin dann auf hinterhältige Weise dankbar, wenn die Oma alle an den Tisch zitiert, um die Auswahl ihrer selbst gebackenen Kuchen auf dem Esstisch zu präsentieren, so dass Enkel und Opa, aber auch meine Frau und ich zusammenlaufen und unverbindlich quasselnd mehr Kuchen essen als im Rest des Jahres.

Natürlich sind Großeltern mehr als Absender und Empfänger von Gefälligkeiten. Sie sind Speicher von Wissen, über das niemand außer ihnen verfügt. Wie war denn meine Frau, als sie ein Kind war? Wo lagen ihre Talente, wo ihre Schwächen, und hatte sie auch so einen Spaß daran, Comics zu lesen wie der Kleine, oder hat er das allein von mir? Haben alle Männer in der Familie so einen hohen Haaransatz wie du, Großvater, oder gibt es eine Chance, dass die Mähne des Kleinen auch noch weht, wenn die ersten Haare grau werden? 
Wie war ich damals, fragt meine Frau schon etwas spezifischer, und sie fragt es, weil sie wissen will, wie der Kleine werden könnte, und vorsichtig tasten wir uns an Informationen heran, die auch der Mann von der Lebensversicherung immer wissen will. Gehäufte Krankheiten in der Familie? Andere Vorkommnisse, die sich wiederholten? Triumphe? Geschichtslücken?

Es gibt natürlich die Momente, wo es ganz innig wird, und wo plötzlich das unwiderlegbare Wissen im Raum steht, dass eine ganze Menge Energie nötig war, um diese Runde von Menschen an einem Tisch zu versammeln, gesunde Kinder, zufriedene Eltern, und aus dem Radio, das immer eingeschaltet ist, dudelt ausnahmsweise ein Stück Musik, das nicht dauernd den Refrain wiederholt, den nur ich hören kann: „Dreh mich ab, ich bin ein Scheißlied".

Freilich ist dieser Augenblick eine Einzelanfertigung, und es dauert nicht lange, bis es wieder leise zu knirschen beginnt, zwischen den Großeltern, zwischen uns, und nur der Kleine sitzt ohne Verwerfungen im Plüsch des Spannteppichs und hat die Zunge zwischen den Zähnen, weil er mit den nächsten Zug dem Großvater die Dame stiebitzen wird.

Die Großeltern leben eine Tagesreise von uns entfernt. Unsere gegenseitigen Besuche sind Warentermingeschäfte. Entweder holen wir die Weihnachtskekse ab, mit denen sich die Großmutter viel zu viel Mühe gibt, wie wir immer sagen, die Kekse aber gerne nehmen, oder wir empfangen die beiden zu einem ihrer Geburtstage und zeigen ihnen, wie wir glauben, dass man einen runden Geburtstag zu feiern hat. Während die Oma es liebt, in Lokale zu gehen, in denen links und rechts des Tellers eine Batterie von Besteck liegt, erkundigt sich der Opa beim Kellner, der die Bestellung aufnimmt, ob er vom Schweinsbraten auch eine halbe Portion haben kann. Auch das ist ein Tauschhandel. Opa muss am Schluss doch den ganzen Braten essen, und unser Bub stellt beim Kekse-Abholen die richtigen Fragen: Warum hast du so wenige Vanille-Kipferl gebacken, Oma? 

Die Kekse und die Klischees sind wohldosiert. Die Differenzen, die wir hätten, wenn wir uns öfter besuchen würden, zeichnen sich ab, bleiben aber Konturen, weil keine Zeit bleibt, um sie mit Inhalt zu füllen. Bleibt, was gut ist. Die Sicherheit, den Kleinen in der Obhut der Großeltern gut aufgehoben zu wissen, neutralisiert die Sorge, welcher Gefallen für den Gefallen der Großeltern, uns ein Wochenende in Venedig ermöglicht zu haben, fällig wird. Und wenn am Monatsbeginn der Kontoauszug von der Bank kommt und meldet, dass die Großeltern wie jeden Monat etwas aufs Sparbuch unseres Kleinen eingezahlt haben, dann bin ich nur beschämt und dankbar - aber auch froh, dass ich nicht jeden Tag Gelegenheit habe, danke zu sagen.






Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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