Muscheln

Kolumnen / Zu Tisch, Weltwoche
Es war nicht mehr als eine flüchtige Idee, eine Laune, die vielleicht der früh geöffneten Flasche Rosato entsprang, jedenfalls lieferte jemand das Stichwort: «Machen wir doch einen Teller Nudeln mit Muscheln». Wir hielten uns gerade an der südlichen Adriaküste Italiens auf, und im Kühlschrank warteten noch ein, zwei Flaschen des hervorragenden «Saturnino» der «Tenuta Rubino» aus Brindisi. Die Sache mit den Muscheln schien maßgeschneidert zu sein für einen windstillen, apulischen Frühsommerabend. 

Die Einkäufer kehrten strahlend mit zwei Kilo «Cozze» zurück und der Anweisung des Verkäufers, diese zehn Minuten, bevor der Sugo fertig sei, in den Topf zu werfen, fertig. Fertig? Ich leerte den nach Meer riechenden Plastiksack mit der Muschelbeute und betrachtete die schwarzen Schalen, die wie deformierte Trauben eines Weinstocks aneinander klebten: trutzig, sandig und wild entschlossen, sich nicht kampflos in Sugo verwandeln zu lassen.

«Was hat der Fischhändler zum Thema Waschen gesagt?" fragte ich vorsichtig.

Die Antwort kam beiläufiger als es ihr zustand: «Ja. Waschen.»

Wissen Sie, wie man Muscheln wäscht? Ich weiß es jetzt.

Die Theorie lautet so: «Die Muscheln fünf Minuten wässern, anschließend mit einer harten Bürste abschrubben. Das Wasser wechseln und den Vorgang zwei bis drei Mal wiederholen, bis sich kein Sand mehr am Boden der Schüssel absetzt.»

Wissen Sie, in wie viele Einzelexemplare sich zwei Kilo Muscheln zerlegen lassen? Mehr; und vielleicht tragen Sie ja immer eine harte Bürste bei sich. Ich nicht. Es verbrachten schließlich fünf Erwachsene den frühen Sommerabend damit, Muscheln mit Scheuerwolle von unter der Abwasch auf Hochglanz zu polieren.

Der Rest war ein Kinderspiel. Die Muscheln kamen dreilagig in einen großen Topf aufs heiße Feuer, öffneten sich planmäßig und sonderten einen delikaten Sud ab (in diesen Sud, der auf dem Esstisch zwischengeparkt wurde, fiel mir übrigens die nagelneue Digitalkamera, mit der ich die Arbeiten festhalten wollte. Sie war sofort tot). In dem großen Topf wurde nun in Scheiben geschnittener Knoblauch in Olivenöl angeschwitzt, es kamen Tomatenstücke, Petersilie und eine gehackte Chilischote dazu und ein Glas Weißwein, bis es eingekocht war. Nun wechselten die kurz vorgekochten Spaghettini den Topf, der durch Küchenkrepp gefilterte Sud (ohne Kamera) wurde aufgeschüttet, so dass die Nudeln in der Muschelflüssigkeit perfekt finalisiert werden konnten. Fertig war der einfache, köstliche Teller Nudeln mit Muscheln. Es war kurz vor Mitternacht.

Food & Beverage

Christian Seilers
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