Moritz Leuenberger

Porträts / Weltwoche
Der Schweizer Bundesrat, der lieber als Politiker ganz sicher Schriftsteller wäre, aber trotzdem Politiker ist. Was hat das für einen Grund?

Erste Überraschung: Bundesrat Moritz Leuenberger macht wirklich witzige Witze. Eben hat er noch mit einem nicht genau zu deutenden Gesichtsausdruck seinem österreichischen Politikerkollegen Caspar Einem zugehört, der über das Livealbum «Get Yer Ya-Ya's Out» von den Rolling Stones doziert. Dieser Gesichtsausdruck oszilliert zwischen grantigem Interesse, banaler Langeweile und der leisen Verärgerung darüber, dass sich der Moderator der Veranstaltung jetzt schon geschlagene zwanzig Minuten mit dem ehemaligen SP-Innenminister der Republik Österreich über Innen- und Außenwirkungen der Stones unterhält und das Wort nicht ein einziges Mal an Leuenberger gerichtet hat.

Allerdings wird es jetzt spannend. Das Gespräch bewegt sich auf die längst fällige Gewissensfrage zu: Beatles oder Stones? Welcher Fraktion gehörte man an, als es diese Fraktionen noch gab, Herr Bundesminister a. D.?

Einem, der sich die Wangen rot geredet hat mit ein bisschen Achtundsechzig und Paris und dem Rotwein, den das Luzerner Theater auf den Bühnentisch gestellt hat, würde sich ja gerne zu den Stones bekennen, muss aber mit einem entwaffnenden Kopfschütteln zugeben, dass ihm die Beatles näher standen. Sich in der Öffentlichkeit als Beatles-Fan zu erkennen zu geben, Weicheier aller Länder vereinigt euch.

Entweder weiß Leuenberger das nicht, oder er will es nicht wissen, oder er weiß mehr, als er zu wissen vorgibt. Jedenfalls sagt er wie aus der Pistole geschossen: «Beatles. Ich zählte selbstverständlich zu den Feinfühligen.»

Das feinfühlige Publikum dankt es ihm mit Szenenapplaus, dem ersten. Später wird Leuenberger für eine Pointe mit Lastwagen auf noch größere Zustimmung stoßen. Er setzt gerne Pointen mit Lastwagen. LKW-Witze transportieren einen Verkehrsminister schwerverkehrsabgabenfrei in den Stand der Ironie, womit das zweifellos wichtige, aber tendenziell fade Ressort wenigstens für eine feinsinnige Distinktion gut ist. Übrigens weiß Leuenberger auch den semantischen Mehrwert des Wortes «Laster» fein zu bespielen.

Zweite Überraschung: Aus den komischen schwarzen Würfeln, die an der Wand hinter der Bühne befestigt sind, strömt Musik.  Der Moderator des Abends mit dem schönen Titel «Replay», an dem die beiden Politiker im Hotel Union, einer Außenstelle des Luzerner Stadttheaters, über Musik, Erinnerung und Politik reden, gibt der Technik den Wink, «Little Queenie» zu starten. Das ist jener Stones-Song, in der sich für Caspar Einem jenes Korn Erinnerung verbirgt, das seine Beine stets in Tanzbeine verwandelt. Während das Publikum also bei durchaus bemerkenswertem Lärmpegel Caspar Einem dabei zuschaut, wie er doch nicht tanzt, mustert Moritz Leuenberger, die Beine sichtlich unbequem übereinander geschlagen, die Lautsprecher so entgeistert, als erlebe er dieses Wunder der Technik zum ersten Mal. Sein Charme, der gerade noch plakativ und spürbar war und von Leuenbergers frontalem, regelmäßige Zahnreihen zeigenden Lächeln illustriert wurde, ist genauso schnell erloschen, wie er gerade zu sprühen begonnen hatte.

Aber Leuenberger hat kein leises Lächeln im Repertoire, keinen latent ironischen, nicht einmal einen soliden, amüsierten oder wenigstens grundinteressierten Gesichtsausdruck. Die tiefen Furchen, die von den Nasenflügeln hinunter zu den Mundwinkeln leiten und deren Abwärtstendenz vorwegnehmen, sind das Älteste im Gesicht des ansonsten erstaunlich jung gebliebenen 58jährigen. Sie sorgen dafür, dass Leuenberger, wenn er nicht selbst am Ball ist, unzufrieden wirkt, verloren, sauertöpfisch, misstrauisch, etwas auf dieser Palette der wirkungstechnischen Grautöne.

Dritte und größte Überraschung: Leuenberger fand sich selbst «kitschig». «Kitsch» ist für ihn ein traumatischer Ausdruck. Er verwendet das Wort Kitsch weniger im Sinn von «Geschmacklosigkeit», sondern vielmehr als Summe alles Unpassenden. In diesem Sinn hat er die Sorge, an diesem Abend nicht das geleistet zu haben, was von ihm erwartet worden war. Als er nach der Veranstaltung mit einer kleinen Runde von Freunden und Bekannten noch auf einen Imbiss in die Wohnung von Dominique Mentha spaziert, dem neuen Intendanten des Luzerner Theaters, sortiert er die Sorgen des Abends.

Lag ich mit Beethoven richtig? Leuenberger hatte als Reverenzstück die Sechste Beethoven, die Pastorale, gewählt, in einer Interpretation des Dirigenten Sergiu Celibidache, der die Symphonie langsam, langsamer, am langsamsten aufgenommen hatte.

Natürlich wollte Leuenberger mit dieser Wahl etwas mitteilen, und nicht nur, dass er mit klassischer Musik aufgewachsen ist; rein passiv übrigens, denn sein aktives Tun wurde unterbunden, als er die elterliche Barockblockflöte zerbiss. Der Bieler Pfarrershaushalt, den sein Vater mit relativ strenger Hand regiert haben muss, zeigte sich dann selbst für die Beatles zu feinfühlig. Ein entsprechender Versuch, die Eltern mit deren Werk zu konfrontieren, stieß «nicht auf das leiseste Verständnis».

Aber Leuenberger wollte sich vor dem Luzerner Theaterpublikum nicht den Anstrich des rotweintrinkenden Bildungsbürgers geben, der zu Hause vor dem Kamin sitzt und über die verschiedenen Möglichkeiten, Beethoven zu interpretieren, nachdenkt. Dieses Image haftet ihm ohnehin schon an. Wenn Christoph Blocher über Leuenberger ätzt, die Arbeit im Departement sei ihm nichts als Pflichtübung, lieber sitze er in der Oper, dann ist das bestimmt nicht anerkennend gemeint; wahrscheinlich vor allem, weil es stimmt. Seit Leuenberger in Zürich den «Freischütz» in der Regie von Ruth Berghaus gesehen hat, ist er der Oper tatsächlich verfallen.

Leuenberger ist seit neun Jahren Bundesrat. Er hat in der Verkehrspolitik mit dem Abschluss der bilateralen Verträge einen echten Erfolg erzielt, mit der Privatisierung diverser Staatsunternehmen professionell auf wirtschaftspolitische Notwendigkeiten reagiert und steht in Sachen Südanflüge, wenn auch etwas ungerecht, als offizieller Sündenbock da. Dass Leuenberger seine Arbeit ordentlich macht, wird nur vom ihn bekämpfenden politischen Gegner in Abrede gestellt. Dass er leidenschaftlich bei der Sache ist, glauben hingegen nicht einmal seine Freunde. Wenn Adolf Ogi, der Tourismusdirektor unter den Schweizer Politikern, Moritz Leuenberger als «Poet im Bundesrat» identifiziert, dann erzählt das weniger über die dichterischen Fähigkeiten des einen als über die Schwierigkeiten des anderen, den einen zu verstehen.

Denn natürlich ist Leuenberger kein Dichter, und er wäre der letzte, der das behauptete. Er ist auch kein Schauspieler, kein Schriftsteller, kein Welterfinder, kein Dadaist, kein Philosoph, nicht einmal ein Philanthrop. Okay, er fühlt sich zum intellektuellen Leben hingezogen, liebt Theater, Literatur und Kino, ohne sich jedoch jemals als Kenner oder gar Experte in den Vordergrund zu spielen. Vielleicht ist es noch einfacher. Einer seiner Brüder ist Kunstmaler, der andere Fotograf. Seine Schwester ist Musikerin, der jüngere Sohn Schauspieler, die Ehefrau Architektin.

Er ist mit Adolf Muschg befreundet, mit Hugo Loetscher. Beide Granden der Schweizer Literatur hat er in Reden, die nicht einmal seine besten waren, laudiert und zählt sie heute zur erweiterten Familie. Er hat mit Operndirektor Alexander Pereira das Grab dessen Vaters in Indien gesucht und ist den Marthalers verbundener, als ein Premierenabonnent das sein müsste. Wenn er sagt, in der Möglichkeit, Menschen kennen zu lernen, die man sonst nicht kennen lernen könnte, liege das Privileg des Politikers, wer könnte ihm widersprechen? Es wäre gar nicht notwendig, dass Leuenberger seinen Spray gegen etwaigen Kitsch-Geruch aus der Schreibtischlade holt und uns alle vorsorglich immunisiert. Dass er sich diesen Freundeskreis qua Funktion erobert hat, erzählt nichts anderes, als dass er die Funktion richtig verstanden hat.

Natürlich profitiert Leuenberger in seiner Aussenwirkung stark davon, wie sehr er sich von anderen Regierungspolitikern abhebt. In der Garde der aktiven Bundesräte ist er der einzige, dem man abnimmt, sowohl an politischen, als auch an kulturellen Inhalten interessiert zu sein, notfalls sogar Zusammenhänge den Disziplinen herstellen zu können. Bei Calmy-Rey muss man an Ideologie und Hilflosigkeit denken, bei Merz an Ökonomie und Hilflosigkeit, bei Blocher an die Lufthoheit über dem Schwingerfest, in den Augen Couchepins sieht man die ungefilterte Freude an der Macht glänzen, Deiss kommt nicht vor, und bei Samuel Schmid fragt man sich, ob er überhaupt lesen und schreiben kann. Kein Wunder, dass Leuenberger durch seine nicht einmal akzentuiert zur Schau getragene Affinität zum kulturellen Leben herausragt.

Wobei. «Der Chef möchte bitte nicht als heimlicher Kulturminister bezeichnet werden», sagt dessen Pressesprecher Hugo Schittenhelm am Rand eines Hintergrundgesprächs mit Leuenberger in dessen Berner Büro - was Leuenberger selbst gar nicht so eng sieht. Er möchte sich selbst nicht als heimlicher Kulturminister ins Gespräch bringen, präzisiert er; wie das die anderen sähen, könne er schließlich nur passiv beeinflussen.

Leuenberger schreibt ohne Zuhilfenahme eines Ghostwriters passable bis erstklassige Reden und legt in diesen ein relativ klassisch bildungsbürgerliches Referenzsystem offen, von Johann Peter Hebel bis Conrad Ferdinand Meyer, von der Bergpredigt bis, immer wieder, Vaclav Havel (in seiner Funktion als Politiker übrigens, nicht als Schriftsteller). Das reichte - neben der Tatsache, dass Leuenberger 1995, zur Zeit seiner Wahl zum Bundesrat, der einzige deklariert urban und intellektuell orientierte Politiker in einem sonst eher ländlich-wirtschaftsorientierten Gremium war - um den gelernten Anwalt zum wahrgenommenen Philosophen umzufunktionieren.

Ich, ein Philosoph? Leuenberger muss nicht einmal lachen. Sofort bringt er die Artillerie seiner Abschwächungen und Relativierungen in Stellung: «Ich maße mir nicht an....», «Ich will beileibe nicht...», «Ich bin zwar interessiert, habe aber den Zugang nicht so...» Ist es die zwinglianische Erziehung, eine fast schon eitle persönliche Bescheidenheit, oder das strategische Kalkül, besser keine Fehler zu machen, was Leuenberger so defensiv agieren lässt?

Vielleicht ist es nur seine Unfähigkeit, sich mit einfachen Antworten zufrieden zu geben. Auf meine Frage, was Politiker verführen könnte - Leuenberger hatte eine Rede über «Die Verführung» geschrieben, für die er 2003 in Bonn mit dem «Cicero», dem Preis für die beste politische Rede des Jahres ausgezeichnet worden war, insofern konnte er mit einer entsprechenden Frage rechnen - schweigt Leuenberger lange. Dann sagt er: «Das ist jetzt für mich zu schwierig. Einer, der dauernd bei Talkshows ist, wüsste vielleicht eine gute, knallige Antwort. Ich müsste Zeit haben, nachzudenken.»

Das nächste Mal verlangsamt sich unser Gespräch beim Thema «Ehrlichkeit in der Politik». Zuerst antwortet Leuenberger, er halte es für möglich, dass ein Politiker ehrlich sei, er müsse bloß das Dilemma, in dem er sich praktisch pausenlos befinde, als solches erkennen und transparent machen.

Etwas später findet er die Antwort «furchtbar kitschig» und stellt sie sofort wieder in Frage. «Ich muss bohren, ob ich recht habe», sagt er. «Ich weiß ja oft nicht einmal, ob ich zu mir selbst ehrlich bin. Deshalb kann es auch zu billig sein, wenn ich sage: Ich stehe zu meinen Dilemmata.»

Er setzt eine lange Pause, bevor er, wie so oft, dialektisch weiterargumentiert.

«Denn ich stehe auch zu Unwahrheiten in der Politik. Man muss sie bloß moralisch legitimieren können. Das klassische Beispiel: Die Frage, ob Lösegeld für eine Geisel bezahlt wurde. In diesem Fall ist es legitim, zu lügen. Man muss mit ,unantastbaren' Werten aufpassen. Sie sind immer antastbar, sobald man in die Tiefe geht.»

Man könnte ihm das offen zur Schau gestellte Zweifeln als Koketterie auslegen, als Ein-Schweizer-Bundesrat-macht-auf-Sokrates-Gehabe. Aber warum eigentlich? Leuenbergers Zweifeln ist organisch. Es hat ihm einerseits die Vorwürfe latenter Depressivität und Amtsmüdigkeit eingetragen, andererseits das Misstrauen jener, die ihn für arrogant oder mindestens unerträglich eitel halten wollen.

Kann schon sein, dass Leuenberger eitel ist. Es fällt ihm schwer, zu einem Blick in den Spiegel nein zu sagen. Indizien für intellektuelle Eitelkeit finden sich jedoch kaum. In seinen Reden bemüht er sich auffällig um stringente, nachvollziehbare Argumentationen, die er mit jugendfreien, ironischen Schlenkern aufpeppt - sein Steckenpferd ist sowieso die Ironie. Je weniger genau er es allerdings mit deren Abgrenzung zum Zynismus nimmt, desto besser sitzen die Pointen, und wenn Leuenbergers geschriebener Witz manchmal ein wenig bieder daher kommt, ist sein spontaner umso schärfer.

Doch selbst dieses Lob will Leuenberger so nicht stehen lassen. Ironie ja, aber nur solange sie als solche erkennbar sei: «Ich möchte niemanden verunsichern», sagt er und lässt durchblicken, wie sehr er als Halbwüchsiger unter exakt dieser Verunsicherung gelitten haben muss, weil seine Eltern die Kunst der Ironie wohl etwas zu militant ausgeübt hatten.

 

Nächste Überraschung: Leuenberger hat die langsame Sechste Symphonie von Beethoven nicht nach Luzern mitgebracht, um übergangslos auf seinen Aufsatz «Die Kunst der richtigen Tempi» zu sprechen zu kommen, das wäre auf der Hand gelegen. In dieser Rede, gehalten vor Managern an der HSG St. Gallen im Frühjahr 2000, präsentiert sich der Bundesrat nämlich at his best. Er definiert die Unterschiede politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsprozesse am Beispiel des C. F. Meyer-Gedichts «Zwei Segel» und der Zubereitung einer Mayonnaise; er kritisiert den Internationalen Währungsfonds, indem er die Rede des St. Just in Büchners «Dantons Tod» in ihre Einzelteile zerlegt. Leuenberger gelang mit dieser Rede ein geistreiches, erhellendes Stück, eine Fülle unüblicher, gelungener Assoziationen, warum sollte er heute Abend nicht darauf zurück kommen?

Aber Leuenberger will hier und jetzt bloß seiner Bewunderung dafür Ausdruck verleihen, wie Beethoven im vierten Satz das Gewitter komponiert hat. Wie sich im Grollen der Streicher die Kunst über die Ratio stellt.

Einen Augenblick lang ist nicht klar, ob Leuenberger diese doch eher banale Beobachtung irgendwie ironisch angetragen hat. Aber er meint tatsächlich, was er sagt, und dann füllt der Moderator das allgemeine Schweigen schon mit der Schnurre, dass der Dirigent Celibidache, dessen Beethoven-Interpretation schließlich auf dem Prüfstand steht,  «alle Kritiker für Trottel hielt».

Leuenberger: «Das zeigt, dass er ein guter Politiker geworden wäre.»

Bumm. Und Beethoven lässt es donnern.

Irgendwann an diesem Abend erzählt Leuenberger, dass er das Eidgenössische Jodelfest besucht habe, und dass ihn die dort dargebotene Volksmusik wirklich berührt habe. Wenn Leuenberger von den Freuden des Alphorns und der Jodelchöre erzählt, klingt er wie ein Politiker, dem seine Konsulenten ein bisschen Volkstümlichkeit empfohlen haben.

Das ist außergewöhnlich. Denn Moritz Leuenberger wirkt relativ selten wie ein Politiker. Sobald er mit einer Schaufel in der Hand ein neues Autobahnteilstück eröffnen muss, sieht er aus wie ein Komparse, der einen unglücklichen Politiker darstellt. Interessanterweise ändert sich dieser Eindruck, wenn Leuenberger als er  selbst auftritt, wie in seinem selbst gedrehten Sketch zum 50jährigen Jubiläum des Schweizer Fernsehens. Dann wirkt er wie ein Politiker, der einen unglücklichen Schauspieler spielt.

Aber auch auf einem Parkett, das ihm tendenziell mehr liegen müsste, bewegt sich Leuenberger nicht entspannt. Auf der Premierenfeier der Falk Richter- Inszenierung von Tschechows «Möve», einer Gastproduktion des Zürcher Schauspielhauses bei den Salzburger Festspielen, zu der Leuenberger mit Gattin Gret Loewensberg nach Salzburg gereist war, lässt er genau das aus, was man von einem Politiker seiner Spielklasse erwarten würde: er steigt, als das Ensemble, angeführt vom frisch geduschten André Jung, zur Premierenfeier in der Salzburger Galerie Charim eintraf, nicht auf einen Stuhl. Er richtet das Wort nicht an die Versammelten. Er rühmt weder das Ensemble, das passabel in die erste Saison nach Christoph Marthaler gestartet ist, noch dessen interimistischen Nachfolger Andreas Spillmann, der einen sympathischen, wenn auch etwas nervösen Botschafter schweizerischen Kulturlebens abgegeben hat.

Nein. Der Bundesrat verzichtet auf den Applaus, der im Raum hängt und gespendet werden will. Er blieb auf seinem Heurigenbänkchen sitzen, eingeklemmt zwischen die elegante Laufkundschaft der Festspiele, und verzehrt sein Hühnchen. Die fällige Rede hält dann Jürgen Flimm, damals noch Schauspielchef der Festspiele, heute ihr designierter Intendant. Flimm hält sich nicht lang mit guten Formulierungen auf, gratuliert allen, vergisst aber auch nicht zu bemerken, dass er noch nie einem Politiker begegnet sei, der so laut geschwiegen habe wie der Herr Bundesrat dort drüben.

Leuenberger nimmt die Spitze als Kompliment.

Denn die Verpflichtung, die dem Bundesrat aus seiner Prominenz entsteht, ist Leuenberger ein Gräuel. Als ihn tags darauf bei einer improvisierten Einladung in der Nähe des Residenzplatzes der Hausherr, ein Salzburger Rechtsanwalt, mit: «Willkommen, Herr Bundespräsident» begrüsst, winkt Leuenberger hektisch ab, beidhändig: «Das bin ich längst nicht mehr.»

Doch der Rechtsanwalt insistiert, lachend. «Wissen Sie, Herr Bundespräsident, bei uns in Österreich wird man ein Leben lang mit dem höchsten Titel angesprochen, den man je bekleidet hat...»

Leuenberger schüttelt den Kopf so heftig, dass seine etwas fragile Frisur in Unordnung gerät. Ich bin kein Star. Holt mich hier raus. Seine Bescheidenheit ist nicht angelernt, und sie ist in ihrer Unangemessenheit sympathisch. Manchmal hat sie jedoch quälende Auswirkungen, und die einzige Frage, die sich so beantwortet, ist, ob die Bescheidenheit echt ist. Ja. Mehr echt geht gar nicht.

Der Zufall will es, dass wenig später Rudolf Scholten zum Tor hereinschneit, lange Zeit Österreichs Kulturminister und als solcher der seltene Prototyp eines klugen, weltoffenen Repräsentanten, den die Politik an das intellektuelle Leben eines Landes zu verborgen hat. Kein Zufall, dass der Sozialdemokrat Scholten im eher miefigen Österreich wilden Anfeindungen ausgesetzt war - die damals noch oppositionelle Freiheitliche Partei ließ während Scholtens Amtszeit Plakate kleben, auf denen sie fragte: Wollen wir Scholten, Peymann, Jelinek? Oder wollen wir Kunst und Kultur?

Leuenberger freut sich sichtlich, Scholten zu sehen. Die beiden lernten einander bei den Bilateralen Verhandlungen kennen, als Scholten das Kulturressort bereits abgegeben hatte und zum Verkehrsminister umfunktioniert worden war. Rasch wird ein Sessel geholt, Scholten nimmt an der Seite Leuenbergers Platz und nimmt augenblicklich die Fäden der Unterhaltung in die Hand.

Das Gespräch dreht sich locker um Kunst, ums Theater, um die Ästhetik der Festspiele, um große Auftritte und kleine Skandale. Scholten zeigt sich bestens informiert, er streut gut gelaunt Anekdoten in die Unterhaltung, ...als ich mit Salman Rushdie..., zuletzt mit Helmut Schmidt..., und der späte Vormittag beginnt zu funkeln.

Scholten ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Politiker, auch wenn er die Politik schon seit Jahren hinter sich gelassen hat. Er wirbt mit seiner Person für das Anliegen, das er verkörpert, und das ist genau, was Leuenberger nicht tut. Seltsam. Denn weder fehlt dem Schweizer die Weltoffenheit noch der Anekdotenschatz des Österreichers. Ihm fehlt dessen, um es negativ zu formulieren, Exhibitionismus. Positiv formuliert fehlt ihm das Talent zum Entertainer. Leuenberger scheint sich selbst verdächtig zu sein, sobald er um Sympathien heischt, also lässt er das Heischen sein. Sein Rückzugsgebiet, einmal mehr: die Intimität; der Zweifel.

«Kennt ihr die Franziskanerkirche?» fragt Scholten, und bietet sich als Fremdenführer an. Die Salzburger Franziskanerkirche wird von einer relativ engen Gasse aus begangen, so dass man ihre Dimension von außen nicht genau ermessen kann. Das Kirchenschiff ist von seinen eleganten, gotischen Bögen geprägt, aber die wahre Überraschung birgt die Kuppel über dem Altar: ihre beeindruckende Höhe und ungewöhnliche Marmorierung öffnet sich dem Blick dessen, der das Schiff langsam durchquert, auf atemberaubende Weise.

Scholten weiß das. Er instruiert Gret und Moritz leise, und er genießt das Lächeln, das der spektakuläre Perspektivengewinn auf die Gesichter der beiden zaubert. Später wird der Schweizer Bundesrat sagen, dass dies der eindrücklichste Moment seiner Stadtwanderungen durch Salzburg war.

Es ist zu fortgeschrittener Stunde auf der Premierenfeier der «Möwe», als Moritz Leuenberger von seinen Zweifeln erzählt. Er spricht von der Beschränktheit seiner Macht, von der Gefahr der Abstumpfung, wenn man die andauernde Kritik der Medien in den Wind schlägt, und von der Gefahr  der Überempfindlichkeit, wenn man das nicht tut. Er sagt Sätze wie: «Ich überlege mir jeden Morgen, ob es noch Sinn macht, ins Büro zu fahren. Um sieben Uhr früh denke ich: Nein.»

Er setzt den Satz allerdings fort mit: «Um acht Uhr früh weiss ich: Es hat Sinn, und dann kommt auch die Freude zurück.»

Wenig später dreht Leuenberger eine Runde durch den Saal, begrüßt Schauspieler und Regisseur einzeln, teilt Komplimente aus, die er nicht erfunden, sondern ordentlich sortiert hat, und es bleibt dahingestellt, ob die Wirkung, die er damit erzielt, nicht vielleicht doch nachhaltiger ist als eine launige Ansprache zu Beginn des Abends. Wer weiss.

Letzte Überraschung: Der Bundesrat lässt sich relativ schnell davon überzeugen, dass sein Luzerner Auftritt keinesfalls kitschig gewesen sei, was für ein Kriterium soll «Kitsch» in diesem Zusammenhang überhaupt sein? Leuenberger schlägt verdächtig oft Kitschalarm, bei Operngästen, die das Paläozoikum moderner Premieren glorifizieren, genauso wie bei Bundesräten, die zu stolz auf ihre berühmten Freunde sind. 

Leuenberger lobt Dominique Menthas Monumentallüster über dessen riesigem Postpremieren-Esstisch, obwohl der Lüster, wiewohl ein Designerstück, den Verdacht wahrscheinlich von allen am ehesten verdient hätte. Aber «Kitsch und Kunst oszillieren», sagt Moritz Leuenberger. «Es gibt nicht immer klare Antworten.»

Stimmt schon wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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