Lukas Resetarits

Interviews / profil

Der Kabarettist über Kottan und die KPÖ, Caspar Einem und ein Publikum, das seine Witze nicht mehr versteht



profil: Sind Sie in den zwanzig Jahren Ihrer Karriere pessimistischer geworden?

 

Resetarits: Die Blauäugigkeit ist weg. Rückwirkend denk ich: Mein Gott, war ich naiv. Andrerseits möchte ich nicht anders gewesen sein.

 

profil: Warum?

 

Resetarits: Weils für mein Leben schöner war, naiv gewesen zu sein.

 

profil: In Ihren Programmen waren oft Fußballer. Haben auch die Politiker den Schulterschluß mit Ihnen gesucht?

 

Resetarits: Ich bin sehr froh, daß sie nicht gekommen sind.

 

profil: Gibt es überhaupt Politiker, die für Sie etwas Interessantes verkörpern?

 

Resetarits: Caspar Einem war so eine Figur. Offenbar muß er in seiner Partei jetzt allerdings ums Leiberl raufen. Er ist schließlich ein Störfaktor für die stromlinienförmige Sozialdemokratie.

 

profil: Fühlen Sie sich im gegenwärtigen parteipolitischen Spektrum überhaupt noch vertreten?

 

Resetarits: Nein. Eigentlich nicht. Ich hege eine gewisse Sympathie für die Grünen. In der SPÖ gibt es den immer kleiner werdenden Teil um Einem und seine Umgebung. Aber eigentlich würde ich mir eine ihre Traditionen reflektiert in Frage stellende KPÖ wünschen. Das wär für mich eine spannende Partei.

 

profil: Wo müßte diese Partei angesiedelt sein?

 

Resetarits: Irgendwo, wo's mit „Sozial" anfängt. Es geht mir ziemlich auf die Nerven, daß alles, was mit Sozial beginnt, einen so schlechten Geruch hat. Dieser Geruch wurde ja von außen aufgesprüht. Der Begriff steht auf der schwarzen Liste. Warum eigentlich?

 

profil: Vielleicht, weil die Marktwirtschaftlichkeit zum neuen Zauberwort geworden ist.

 

Resetarits: Ja, aber wenn jetzt zum Beispiel Millionäre über die neuen Mindestrenten verhandeln, muß nicht unbedingt etwas Einfühlsames dabei herauskommen, oder? In meinem Programm frag ich ja danach, was man mit denen tun soll, die den Staat belasten: Gleich umbringen? Schaut blöd aus. Vielleicht einfrieren.

 

profil: Was orten Sie dahinter für eine Ideologie?

 

Resetarits: Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Ich wäre manchmal sogar schon mit einer konservativen Unternehmerethik zufrieden, die sagt: die Leute müssen auch leben, sonst ist es ja sinnlos, daß wir Autos bauen.

 

profil: Sie spielen nicht mehr in den ganz großen Hallen. Müßten Sie für ein Massenpublikum zu viele Kompromisse machen?

 

Resetarits: Auf lange Sicht schon. Ich kann mich nicht nur auf schwierige Themen konzentrieren.

 

profil: Damit folgen Sie den Gesetzen jedes Mediums. In der Zeitung müssen wenigstens auf der letzten Seite ein paar lustige Geschichten stehen.

 

Resetarits: Ja, letztlich ist es so. Auf den Triumph, daß ich ein gescheites, gediegenes, leiwandes Programm mach', das sich keiner anschaut, kann ich verzichten.

 

profil: Wären Sie ein erfolgreicher Kabarettist geworden, wenn Sie nicht im Fernsehen den Kottan gespielt hätten?

 

Resetarits: Ich habe den Kottan sehr bewußt vom Kabarett getrennt, und darüber bin ich heute froh. Der Name Kottan durfte auf keinem Plakat aufscheinen.

 

profil: Warum kamen zu Ihnen Leute ins Theater, die noch nie im Theater gewesen waren?

 

Resetarits: Weil der Kottan so sprach wie sie. Ich kriegte quantitativ eine Menge Leute, von denen qualitativ ein Teil zum Kabarettpublikum wurde und ein anderer Teil sich wieder geschlichen hat, Gottseidank. Das waren die Leute, die den Kasperl in natura sehen wollten.

 

profil: Kottan lockte ein unbedarftes Publikum ins Kabarett, das nicht a priori Ihrer Meinung war. An das konnten Sie Ihre politischen Inhalte adressieren.

 

Resetarits: Solche Phänomene wären heute nicht mehr möglich. Der Boulevard bedient die Menschen mit eindimensionalen Informationen und verlangt keine Reflexion. Der schlechte Informationsstand der Menschen macht es auch für mich als Kabarettisten schwierig. Ich kann ja während der Vorstellung keinen Bildungsworkshop veranstalten.

 

profil: Heißt das, die Leute verstehen Ihre Witze nicht mehr?

 

Resetarits: Bei der Ausländerfrage oder Nummern über die Situation am Arbeitsmarkt gibts diesbezüglich keine Probleme. Aber zum Beispiel die Probleme der Globalisierung sind den Leuten schwer rüberzubringen. Ich stell immer wieder fest, daß sich jene, die von diesen Problemen am meisten betroffen sind, am wenigsten dafür interessieren. Die Wirklichkeit ist ihnen zu kompliziert und zu wenig lustig.

 

profil: Dafür gibt es auch eine umfangreiche Unterhaltungsindustrie.

 

Resetarits: Stimmt. Die Ablenkungsindustrie liefert ein mörderisches Überangebot, noch dazu in unmöglicher Lautstärke. Ich warte nur mehr auf das Comeback der Stille. Aber ich fürchte, da werde ich noch lange warten, weil sich keiner traut, damit anzufangen.

 

profil: Sie gehören selbst zur Ablenkungsindustrie.

 

Resetarits: Klar. Aber mit dem einen Unterschied, den ich für mich in Anspruch nehme, daß die Leute bei mir nicht blöder rausgehn, als sie reingehn.

 

profil: Schlechte Zeiten, gutes Kabarett?

 

Resetarits: Die siebziger Jahre widersprechen diesem Grundsatz. Damals waren die Zeiten gut und das Kabarett auch. Heute sind die Zeiten nur gut, weil man sich nicht sagen traut, daß sie für manche nicht gut sind. Vor allem die Betroffenen können's immer weniger sagen.

 

profil: Wo kristallisieren sich also die politischen Probleme der Gegenwart?

 

Resetarits: Nehmen wir nur die Bombengeschichte. Niemand will, daß der Täter politisch motiviert ist. Daß es mehr als einen Täter geben könnte. Man will, daß der Bombenbauer ein wahnsinniger Psychopath ist, der alles allein gemacht hat. Das will man in anderen Bereichen auch, in der Wirtschaft zum Beispiel. Weder will man wirtschaftliche Maßnahmen hinterfragen und noch weniger, daß sie hinterfragt werden. Das entspricht dem alten SPÖ-Slogan „Net deppert fragen"!

 

profil: Sie müssen als öffentliche Figur mit den Medien arbeiten, die sie kritisieren, auch mit den größten.

 

Resetarits: Du kommst Ihnen eh nicht aus. Wenn „News" zu meinem Fünfziger eine Geschichte machen will, im April, damit sie die Garantie haben, daß sie sechs Monate vorn sind, dann machen sie's. Auch wenn ich nicht will. Dann halt ohne Interview.

 

profil: Wie reagieren Sie darauf?

 

Resetarits: Ich entziehe mich. Ich möchte nicht Getriebener meinerselbst oder meiner Entscheidungen sein. Ich will nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen für alles, was PR-mäßig wichtig sein könnte. Das würde meine Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Lieber verdiene ich weniger Geld.

 

profil: Auf wieviel Geld haben Sie so verzichtet?

 

Resetarits: Schwer zu sagen. Vor Jahren hab ich mir überlegt, daß ich zum Beispiel, hätte ich Werbung gemacht, circa doppelt so viel verdient hätte als ich habe. Aber ich finde, man kann nicht politisches Kabarett machen und am Nachmittag in einem Studio sagen: Kauft's das Waschpulver!

 

profil: Ihre Diagnose lautet, daß sich unsere Gesellschaft entsolidarisiert, veroberflächlicht hat. Müssen Sie nicht andere Programme schreiben, um verstanden zu werden?

 

Resetarits: Ich hab mir schon oft überlegt, ob ich auf meine alten Tage etwas anderes als Kabarettprogramme schreiben soll. Aber ich weiß nicht, was das sein könnte. Ein Theaterstück oder ein Film hätten wahrscheinlich weniger Impact als ein Kabarettprogramm, das ich 165mal quer durch Österreich spiele.

 

profil: Aber Sie bleiben bei der Attitüde, mit Ihrer Arbeit die Welt verbessern zu wollen?

 

Resetarits: Ja. Davon komm ich halt nicht weg.

 

profil: Das klingt nicht sehr modern.

 

Resetarits: Ich weiß. In gewissen Intellektuellenkreisen ist „Kabarettist" ja inzwischen ein Schimpfwort wie früher „Arschloch". Man will vielleicht nicht, daß der alte Scheißer plötzlich beginnt, Inhalte anzusprechen.

 

profil: Der alte Scheißer sind Sie?

 

Resetarits: Wer sonst?


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Christian Seilers
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