Die atemberaubende Karriere des österreichischen Weins und seines Zuhauses. Oder: Wie man aus dem Baustoff Psychologie Optimismus baut. Ein Panorama.
I. Ufo-Landung in Jois
Am südöstlichen Rand Österreichs wachsen futuristische Häuser auf Weinbergen. So viele Häuser einer Sorte hat man nicht mehr gesehen, seit in Vorarlberg neue, quaderförmige Holzhäuser in die Landschaft gestellt wurden oder in Tirol die Supermärkte der M-Preis-Kette. Die Neubauten verteilen sich über den Norden des Burgenlands, rund um den Neusiedlersee, über das Mittelburgenland um Neckenmarkt und Lutzmannsburg hinunter ins Südburgenland um den Eisenberg und Deutsch-Schützen. Von dort führt die architektonische Spur weit in den Süden der Steiermark, wo entlang der Ratscher Weinstraße bis nach Leutschach neue, zum Teil spektakuläre Gebäude aus der alten Kulturlandschaft stechen.
Das Weingut von Leo Hillinger in Jois übernimmt für die etwa ... gezählten Neubauten, die mehrheitlich in den letzten fünf Jahren entstanden, die Rolle des Klassensprechers. Der Neubau von gerner°gerner ist formal streng und verbirgt den größeren Teil des 1500 Quadratmeter großen Baukörpers unter der Erde, nicht aber ohne auf den notwendigen, spektakulären Akzent zu verzichten. Aus dem Landschaftsschutzgebiet ragt weit sichtbar der aus Sichtbeton konstruierte Verkostungsraum - die „Hill-Lounge" - und verbreitet die frohe Botschaft: hier wird auf eine völlig neue Weise Wein gemacht - und verkauft
.
Eine Führung durch Leo Hillingers Weingut ist ein Abarbeiten von Superlativen. Die modernste Kellertechnik. Die größten Tanks. Der steigende Umsatz. Der explodierende Export. Der Plan, 2006 statt den 670.000 Flaschen von 2005 gleich eine Million zu verkaufen.
Die Marketingorientierung des Unternehmens wird auf fast schon groteske Weise sichtbar gemacht. Sie beginnt bei der Adresse des Weinguts „Hill 1" und setzt sich fort, indem Mensch und Maschinen ausnahmslos mit dem charakteristischen, seitenverkehrten LL des Hillinger-Logos gebrandet werden. Wenn es einen österreichischen Winzer gibt, der auf dem besten Weg ist, „zur Marke zu werden" (dieser Wunsch beseelt ja inzwischen jeden Provinzbürgermeister nach dem Absolvieren seines ersten Marketingseminars), dann ist es Hillinger. Entsprechend entschlossen liefert er mit seinem Weingut und dessen Bestandteilen Anreize für die „notwendige Wiedererkennbarkeit."
Hubschrauberlandeplatz. Seminarraum. Doppelt bemantelte Edelstahltanks. Das vom Priester geweihte Denkmal für Leo Hillinger. Flachbildschirm mit Werbeloops. Promigalerie. Der offene Kamin, der mit der Fernbedienung gezündet werden kann (nein, nicht einer jener Kamine, die nur so tun, als ob sie brennen: dieser brennt wirklich).
Hinter dem Verkaufsbeförderungstrubel und der lauten Musik in der „Lounge" scheint das Gebäude, das mit seiner interessanten Transparenz zwischen Produktions-, Lager- und Präsentationsräumen bestimmt Besseres verdient hätte, zu verblassen. Die Haltung, die hinter der Nutzung steht, legt sich bleiern auf die Ästhetik. Die neue Weinarchitektur besteht, wie auch der Wein, dessen Produktion sie dient, zu einem hohen Anteil aus dem Baustoff Psychologie.
II. Die Schloss-Theorie
Der Wein und sein Haus. Erstens beruht der Zusammenhang auf Selbstverständlichkeit. Kein Wein ohne Haus. Der Ertrag jedes Weinbergs muss zu seiner Zeit durch das Nadelöhr der Presse in den Keller, in sein Fass, in seine Flasche.
Damit ist die Selbstverständlichkeit freilich bereits aufgebraucht. Denn was im Haus geschieht, für welche Funktionen es gebraucht wird, das könnte unterschiedlicher nicht sein.
An den Ufern der Gironde, wo die berühmten Weingüter des Bordeaux vor Anker liegen, hat man sich leichten Herzens zur Förmlichkeit entschlossen. Man baute Schlösser. Große Tore, Alleen, Türme, Zinnen. Das hat einerseits eine gewisse Kongruenz zu den Preisen der Weine, lenkt andererseits aber auch nicht vom Kapital der Region ab: ihrer Tradition, ihrem Ruhm, ihrer Größe. Besucher, die sich für eine Verkostung bei einem der besseren Betriebe anmelden, müssen einen guten Grund vorbringen, um akzeptiert zu werden, und selbst wenn sie - was vorausgesetzt werden kann - bereit sind, für eine Lieferung Wein den Preis einer kleinen Eigentumswohnung zu bezahlen, ähnelt der Besuch seiner Form nach einer Audienz: „Sie stehen nicht auf der Subskriptionsliste? Mon Dieu, wo soll ich den Wein für Sie herzaubern?"
Der Erzeugerstolz, der aus dieser Geste spricht, findet seine Entsprechung in Namen der jeweiligen Weingüter. Sie nennen sich „Chateau", Schloss. Es ist gleichzeitig logisch und selbstverständlich, dass die diversen Schlösser auch die Etiketten der Weine, die in ihren Kellern vinifiziert werden, schmücken: das Haus und sein Wein.
III. Österreichischer Wein. Eine Karriere
Die Neubauten der burgenländischen und steirischen Winzer entsprangen weltlichen Notwendigkeiten. Viele Betriebe produzierten mit längst überholter Weinberg- und Kellertechnik. Die neue Generation von Weinmachern, mehrheitlich junge Männer, die ihre Lehr- und Wanderjahre in den besten Weinbaugebieten der Welt absolviert hatten, übernahm die Betriebe von den Vätern und entschloss sich, in die Qualitätsverbesserung zu investieren.
Andere Betriebe waren für den eigenen Erfolg nicht gerüstet. Sie konnten die steigende Nachfrage nur mit erhöhter Improvisationsfähigkeit bewältigen und platzten zwangläufig bald aus allen Nähten. Die Möglichkeit, weiter expandieren zu können, war eng mit dem Entschluss verbunden, zuzubauen, oder, falls dafür kein Platz vorhanden war, einen Neubau zu wagen.
Gleichzeitig veränderte sich die Rezeption des Weins. Spätestens in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde der österreichische Wein zu einem Lifestyle-Produkt. Wer sich in den achtziger Jahren beim Wirten am Eck noch mit der Entscheidung zwischen „rot" oder „weiß" schwer tat, verfügt inzwischen freihändig über die Namen der zwanzig, dreißig bekannteren Winzer Österreichs als Konversationskapital. Wein zu trinken gewann Jahr für Jahr an Prestige, das muss von den Winzern auf den verschiedensten Feldern bewirtschaftet werden.
IV. Der Motor Weinskandal
Am 23. April 1985 wurde das Landwirtschaftsministerium in Wien durch mehrere anonyme Anzeigen darauf aufmerksam gemacht, dass im burgenländischen Weinbau nicht alles mit rechten Dingen zugehe. Die darauf ausschwärmenden Beamten fanden bei Stichproben in burgenländischen Kellereien nicht nur Spuren von nachträglich zugefügtem Zucker, sondern auch Diäthylenglykol: einen süßen, öligen Alkohol, der vor allem in Frostschutzmitteln zur Anwendung kam. Sowohl Zucker als auch Diäthylenglykol sollten die für den Export bestimmten Weine - angebliche Spätlesen - süßer und geschmeidiger machen. Mit Weinen dieser Charakteristik ließen sich am internationalen Markt die besten Preise erzielen.
Während der Skandal vorerst von offizieller Seite heruntergespielt wurde, kamen immer neue Details ans Tageslicht. Nicht nur in Exportweinen, auch auf dem heimischen Markt, tauchte gepanschter Wein auf. Das Diäthylenglykol war nicht, wie anfangs gemeldet, nur in Spurenelementen eingesetzt worden, sondern in einzelnen Fällen auch in gesundheitsschädlicher Dosis.
Die Exekutive schritt ein. 24 Menschen wurden in U-Haft genommen. Über 300 Personen wurden auf freiem Fuß angezeigt. Das deutsche Gesundheitsministerium veröffentlichte eine Liste von 803 österreichischen und 27 deutschen Weinen, die mit der Chemikalie versetzt worden waren, und warnte vor dem Genuss österreichischen Weins. Im August verbot das amerikanische Amt für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen dessen Import. Polen, Frankreich und Großbritannien zogen nach und entfernten österreichische Weine aus dem Regal. Griechenland verbot die Einfuhr komplett. Dänemark setzte 50 Sorten auf den Index. Die „Neue Zürcher Zeitung" schrieb: „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben."
Zahlreichen Weinpanschern wurde der Prozess gemacht. Sie erhielten Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr und acht Jahren. Der Export österreichischer Weine brach zusammen. Das Landwirtschaftsministerium bezifferte den Schaden auf 124 Millionen Schilling (9 Millionen Euro). Zahlreiche Betriebe mussten Konkurs anmelden.
Ein Jahr später kelterte Ernst Triebaumer aus Rust seinen Blaufränkisch „Marienthal", einen für die weitere Entwicklung der Branche legendären Wein. Der „Marienthal" hatte, was bisher nicht für möglich gehalten worden war: nationalen Ausdruck mit internationaler Eleganz.
Der „Marienthal" hätte zu keiner besseren Zeit auf die Welt kommen können. Er diente in einer Zeit frostiger Depression als Optimismus-Berechtigung. Der „Marienthal" stand als Solitär am Anfang dessen, was 20 Jahre später als „österreichisches Weinwunder" gilt.
Dieses „Weinwunder" fasst den beispiellosen Aufbruch einer Branche zusammen, deren kommerzielle Nischenpolitik zusammengebrochen war. Der Aufbruch führte zum Bruch mit alten Gewohnheiten: das Traubenmaterial wurde selektiert und ausgedünnt, um die Erträge zu vermindern und zu verbessern. Im Weingarten wurde sorgfältiger gearbeitet, um nur gesundes, perfektes Traubenmaterial lesen zu können. Die Kellertechnik wurde zeitgemäß aufgerüstet.
Die Ergebnisse ließen nicht lang auf sich warten. Im Windschatten der Pioniere lieferte eine neue Generation von Winzern plötzlich annehmbare, Jahr für Jahr bessere Weine.
Zuerst machte der österreichische Weißwein Furore, namentlich der aus der Wachau. Ausgerechnet der Wein, der bis in die sechziger Jahre für den Spottreim „sauer wie ein Wachauer" gesorgt hatte, räumte bei internationalen Verkostungen Titel um Titel ab und positionierte sich in einer Liga mit den großen Weißweinen aus dem Burgund.
Gleichzeitig kamen aus dem burgenländischen Seewinkel brillante Süßweine, namentlich aus der Werkstatt von Alois Kracher. Kracher, der sich über ein begreiflicherweise besonders heikles Segment gewagt hatte, etablierte sich mit den Vorzügen seiner Weingärten gegen den Zeitgeist. Er produzierte Süßweine von ungeahnter Raffinesse und übernahm mit deren internationaler Etablierung auch den Nebenjob, Österreichs liebliche Sorten zu rehabilitieren.
Zuletzt legten die burgenländischen Rotweinwinzer nach. Sie entwickelten eine Generation hochkonzentrierter Garagenweine, bevor sie sich auf die Pflege der typisch österreichischen Sorten, Zweigelt und vor allem Blaufränkisch, besannen und dabei sind, diese Weine auf internationales Niveau hoch zu züchten.
Ob der Weinskandal die Ursache oder bloß ein Beschleuniger dieser Entwicklung war, ist umstritten. Sicher ist: der Wein wurde besser. Die Preise zogen an. Das Publikum stellte das Bierglas zur Seite und wurde verständig. Eine neue Generation von Winzern bediente das neue Publikum immer besser. Die Qualitätsspirale drehte sich nach oben. Die Aufmerksamkeitsmaschinerie entdeckte die Weinbranche als lohnendes Feld. Die besten Winzer wurden, wie auch die besten Köche und Gastgeber, zu Stars der kulinarischen Revolution, die über Österreich hereinbrach.
V. Plötzlich Weltklasse
Lois Kracher ist in seinem Korridor ein unbestrittener Weltstar. Er hält sich, wie es einem Weltstar gebührt, entsprechend viel im Flugzeug auf und repräsentiert die Früchte seiner Arbeit überall dort, wo man sie genießen möchte. Lois Kracher produziert herausragende Süßweine. Kein Restaurant von Rang zwischen Illmitz und Seattle verzichtet auf Krachers halbe Flaschen. Ihm gelang es, die Monopolstellung des Sauternes zu unterminieren, und es gelang ihm, weil er die wesentlichen Aufgaben beherrschte, die ein moderner Winzer zu beherrschen hat.
Kracher hat ein einmaliges Produkt, das er international vermarktet. Er hat in den letzten 20 Jahren ein weltweites Netzwerk von Kunden, Importeuren, Sommeliers und Kritikern geknüpft, das es ihm erlaubt, rund um die Welt zu agieren, aufzutreten, zu verkaufen. Die Tatsache, dass Kracher persönlich ein verbindlicher, bodenständiger Mensch geblieben ist und ein großes Talent als Entertainer entwickeln kann, kommt dem unbändigen Bedürfnis nach Personalisierung entgegen, das die Branche erfasst hat.
Der Winzer, ein Publikumsmagnet. Kein Weinverkauf, ohne dass der Winzer ein paar Worte beisteuern würde. Österreichs Weinmacher haben mit den schüchternen Weinviertlern im Blaumann, die alle paar Wochen im Wiener Schrebergarten auftauchten, um die neuen Doppler abzugeben, nichts mehr zu tun. Sie reiften zu Persönlichkeiten, wurden von den immer wichtigeren Lifestyle-Medien entdeckt, und sie wären ihr eigener Feind gewesen, hätten sie ihre neue Berühmtheit nicht ausgenützt, um ihren Wein zu verkaufen. Jetzt werden sie diese Geister allerdings nicht mehr los, zum Beispiel, wenn es darum geht, Zeit für den Weingarten frei zu schaufeln.
Lois Kracher hat sein Haus in Illmitz in mehreren Etappen umgebaut und für seine Bedürfnisse maßgeschneidert. Er muss zum Beispiel 60 Masters of Wine, hochrangige Experten, die aus der ganzen Welt nach Illmitz eingeflogen werden, an einem Tisch bewirten können. Das tut Kracher in einem eindrucksvoll dimensionierten und dennoch bescheidenen Raum unter zwei unterschiedlich hohen Dächern seines Hauses. Der Raum ist mit dicken, geölten Eichenbohlen ausgelegt und verdankt die Absenz von Querträgern der ausgetüftelten statischen Konstruktion des Büros „Gmeiner Haferl". Die Wände sind schlicht weiß verputzt. Ein offener Kamin an der Stirnseite des Raums vermittelt Behaglichkeit. Die sparsame Möblierung bringt die Größe der Grundfläche erst zur Geltung. Lois Kracher passt in diesen Raum. Der Raum passt ihm.
Der Kracher-Umbau des Architekturbüros Halbritter & Hillerbrand ist ein gutes Beispiel für die neue Architektur der Weinproduktion und ein schlechtes. Gemessen an Krachers Bedeutung für die österreichische Weinszene hätten ihm die Architekten ein Repräsentations-Hochhaus auf eine künstliche Insel im Neusiedlersee stellen müssen. Aber Kracher wehrte sich gegen alles zu Spektakuläre. Es ging ihm bei seinem Bauprojekt eindeutig mehr um Funktionalität als um Selbstdarstellung. Im Konzert der bauenden Winzer spielt er mit diesem Ansatz einen leisen, kaum hörbaren Part.
VI. Winzer im Baurausch
Wilhelm Holzbauer baute für die Genossenschaft der „Vereinten Winzer Blaufränkischland" und das Arachon-Trio Tement-Pichler-Szemes eine laute und mächtige Coverversion der Dominus Winery an den Dorfrand von Horitschon.
Steven Holl stellte der Weingemeinde Langenlois ein begehbares, glänzendes Denkmal in die Peripherie und ergänzte das „Loisium" um ein buntes Klassehotel.
Werner Schüttmayr, Klaus Jaretzky und Christian Leitner entwarfen für das Weingut Tement einen mehrstöckigen Multifunktionspalast, der in die großartige Landschaft des südsteirischen Berghausen platziert wurde.
Igor Skacel stellte für das Weingut Sabathi einen mehrteiligen Produktions- und Präsentationskomplex an die Straße von Leutschach nach Pössnitz.
Doch, es ging auch subtiler.
Pichler & Traupmann kombinierten für das Weingut Krutzler in Deutsch-Schützen die bestehende Wohn- und Kellerpartie mit einer intelligenten, in sämtlichen Details sorgfältig umgesetzten, vorbildlichen Produktionshalle.
Halbritter & Halbritter bauten für das Weingut Pitnauer einen überzeugend simplen Glas-Beton-Kubus in die Weinberge von Gols.
Raimund Dickinger vollzog für das Weingut Weninger im Ortskern von Horitschon einen sensiblen Umbau des burgenländischen Streckhofs und eine intelligente bauliche Adaptierung der Produktionsabläufe.
Rolf Rauner gelang es auf brillante Weise, das alte Wohnhaus des Gamlitzer Weinguts Lackner-Tinnacher zu modernisieren und mit einem holzverkleideten Stahlbau zu verbinden, der sowohl ästhetisch als auch technisch erstklassig dasteht.
Martin Promintzer adaptierte den Betrieb von Josef Umathum in Frauenkirchen auf gefühlvolle Weise und versah das Fasslager mit geradezu sakraler Stimmung.
Das Büro „creuz & quer" entwarf für das Weingut Mariell in Grosshöflein ein fast vorarlbergerisch anmutetendes, zurückhaltend harmonisches Flaschenlager aus Beton und Holz.
VII. Bestandteil des Zaubers
Weinbau ist ein Traditionsgeschäft. Wir wissen, dass im Südirak bereits 5000 v. Chr. Weinreben kultiviert wurden, dass sich die Helden der griechischen Antike mit Wein stärkten, dass römische Soldaten aus hygienischen Gründen Wein schluckten und zahlreiche dunkle Flecken des Mittelalters deshalb ertragen wurden, weil die Belegschaft sie sich schön getrunken hat.
Bei so viel Geschichte leuchtet es ein, dass auf alten Weingütern alte Häuser stehen müssen. Wenn diese Betriebe sorgfältig an die technischen Voraussetzungen der Gegenwart herangeführt werden, so passiert das tunlichst unsichtbar. Die Fassaden von gestern charakterisieren die Weine von heute noch immer am besten.
In der schönen Wachau wird diesen Satz zum Beispiel niemand hinterfragen. Österreichs Paradeweinbau-Region ist reich an herausragenden Weißweinen und an breitschultrigen, aristokratischen Winzerhäusern. Die Ortsbilder von Dürnstein, Loiben, Joching und Spitz sind vergleichsweise unangekränkelt von Baumeister-Modernismus und ehrgeiziger Architektur. Die Trutzburgen der Traditionswinzer stützen mit ihrem Rennaissanceschwung einen selbstzufriedenen Konservatismus.
Unter dem malerisch barocken Verkostungs-Schlösschen der „Freien Weingärtner Wachau" wurde zum Beispiel eine der modernsten Kellermaschinerien Österreichs in die Erde gegraben, ohne dass jemand davon sichtbar Aufhebens machen würde. Jeder Besucher bekommt zum Riesling Kellerberg eine Portion Staunen: über das Geschick, wie eine ausgeklügelte technische Gewaltleistung so gut versteckt werden konnte.
Es war kein Zufall, dass der Neubau der Dominus Winery, den Herzog De Meuron 1995 in Yountville im Napa Valley in die Landschaft stellten, sowohl in Architekten- als auch Winzerkreisen hohe Wellen schlug. Die Bauaufgabe, ein ganzes Weingut von Grund auf neu zu denken, zu planen und zu organisieren, war bis dahin betont sachlich umgesetzt worden. Die Produktionsanlagen, die in neu erschlossenen Weinbaugebieten, in der Neuen Welt, Südafrika oder in Chile in die Landschaft gesetzt worden waren, folgten rein industriellen Notwendigkeiten.
Herzog De Meuron, Spezialisten für bedeutungsvolles Bauen, gingen mit ihrem spektakulären Quader, dessen Außenwände aus in Drahtgitterkäfigen gefassten Basaltsteinen bestehen, einen Schritt weiter. So wie sie bereits ihre Fußballstadien zu urbanen Rufzeichen gemacht hatten, gaben sie einem einfachen Wirtschaftsgebäude jenes Stück Zauber mit auf den Weg, das sich dieses bis dahin selbst verdient haben musste: durch Geschichte, Qualität der Erzeugnisse, Legenden der Rezeption. Dass die Gestaltung der Produktionsstätte Bestandteil dieses Zaubers sein könnte, war bis dato unbekannt. Aber der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden.
VIII. Ästhetik der Technik
Eine der besten Lösungen bei der Kombination der vielfältigen Ansprüche an ein neues Weingut gelang dem Golser Winzer Gernot Heinrich. Heinrich gehört zu den umsatzstärksten Qualitätswinzern, er produziert etwa 450.000 Flaschen pro Jahr, darunter hochpreisige Spitzenweine („Gabarinza", „Salzberg"), aber auch das für den jungen Weinliebhaber attraktive Cuvée „Red", das zeitgemäß verpackt und moderat gepreist ist.
Nach „zehn Jahren voller Kompromisse" in der Produktion entschied sich Heinrich 2002, seinen gesamten Betrieb neu zu erfinden. Er beauftragte den Architekten Werner Schüttmayr nach genauen technischen und organisatorischen Vorgaben mit dem Neubau.
Schüttmayr fasste den Betrieb in drei elegante, übereinander geschachtelte Sichtbetonetagen, die miteinander durch Lifte und Schächte verbunden sind. Das wesentliche Anliegen Heinrichs bestand darin, seinen Wein unter maximaler Schonung des Traubenmaterials produzieren zu können.
- Zur Erklärung die schematischen Verarbeitungsschritte bei der Rotweinproduktion:
1. Das Traubenmaterial wird angeliefert und von den Stängeln befreit. Die aus Saft und Häuten bestehende Maische wird in Gärtanks befördert und nach Bedarf geschwefelt. Wichtig ist, dass Pressen und Transport schonend erfolgen, denn zerdrückte Traubenkerne geben unerwünschte Gerb- und Bitterstoffe an den Wein ab. Viele Winzer suchen deshalb nach Möglichkeiten, das Pumpen der Maische in den Tank zu umgehen. Gernot Heinrich bedient sich dafür der Schwerkraft. Er liefert seine Trauben im Erdgeschoß des Produktionsgebäudes an und lässt sie durch Öffnungen im Boden in die Gärtanks gleiten, die eine Etage tiefer aufgestellt sind.
2. Im Gärtank - meistens Edelstahltanks, deren Innentemperatur durch kombinierte Heiz- und Kühlsysteme reguliert werden können - wird die Maische vergoren. Es sind Fragen der Winzerideologie, ob die Gärung mit künstlichen Hefen, erhöhter Tanktemperatur oder anderen Hilfsmitteln unterstützt wird oder ob der Kellermeister bloß kontrolliert, dass keine unerwünschten Reaktionen stattfinden. Die Gärung dauert zwischen vier und zehn Tagen.
3. Nach der alkoholischen Gärung wird der Wein entweder „abgestochen", von seinen festen Bestandteilen getrennt, oder auf der Maische stehen gelassen, um deren Extrakte noch intensiver aufnehmen zu können. Die ständige Umwälzung der nach oben steigenden Maische wird dabei von Hand, mit pneumatischen Maschinen, oder wie bei Heinrich, mit Druckluft unternommen.
4. Anschließend erfolgt der „biologische Säureabbau", die zweite (malolaktische) Gärung des Weins. Dabei wird die im Wein enthaltene Apfelsäure durch spezielle Milchsäurebakterien in mildere Milchsäure verwandelt. Ob die malolaktische Gärung im Tank oder im Fass stattfindet, kommt auf die gewünschte Charakteristik des Weins an.
5. Erst jetzt wird der Wein für die Reifung vorbereitet und in neue Gebinde gefüllt, Stahltanks, große Holzfässer, gebrauchte oder neue Barriques aus meist französischer Eiche. Im Betrieb Gernot Heinrichs wandert der Wein schwerkraftbefeuert eine weitere Etage tiefer und wird dort so lange (bis zu 30 Monate) im Fass gelagert, bis die jeweilige Sorte in Flaschen gefüllt wird.
Heinrichs Neubau ist der zweite in zehn Jahren. 1995 bauten seine Frau Heike und er ein neues Wohnhaus (Architekt: Michael Schwarz), sieben Jahre später das neue Weingut. Der Verkostungsraum - bei sämtlichen Winzerneubauten das logische Zentrum der Selbstdarstellung - wurde vom Wiener Büro „propeller z" als betont zeitgemäße Kanzel an der hintersten Ecke des eleganten Produktionstrakts eingerichtet, ohne sichtbare Bezüge zu Region oder Landstrich. Die wichtigere Referenz besteht ganz offensichtlich darin, den Winzer sichtbar in seine Zeit zu stellen und den Zeitgeist für einen Augenblick festzuhalten. Das ist geglückt, als Komplettierung einer anspruchsvollen Rundumerneuerung. Heinrichs Investitionsvolumen: Sechs Millionen Euro.
IX. Danke, dein Zielgebiet
Die steigenden Raum- und Technologiebedürfnisse der österreichischen Winzer waren evident. Der entscheidende Grund, warum die notwendigen Betriebserweiterungen und -neubauten auf architektonisch anspruchsvollem Niveau durchgeführt wurden, finden sich allerdings in der Entscheidung der Europäischen Union, das Burgenland zum Zielgebiet 1 für die Umsetzung von Artikel 158 des „Amsterdamer Vertrags" zu erklären. Darin setzt sich die EU das Ziel, „den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu stärken und die Entwicklungsunterschiede auszugleichen". Im Klartext hieß das: Jedes bewilligte Projekt durfte damit rechnen, 30 Prozent des Investitionsvolumens an Fördergeldern ausbezahlt zu bekommen.
Das Thema wird nicht etwa verschämt behandelt. Etwa zwei Drittel der Bauherren geben unumwunden preis, dass sie nur deshalb mit Architekten gearbeitet hätten, weil ihr Budget durch die Förderungen signifikant großzügiger kalkuliert werden konnte.
Gleichzeitig entwickelte sich eine spezielle Spielart kulturell wertvollen Gruppendrucks. Nachdem die ersten Weinarchitektur-Projekte noch mit angehaltenem Atem absolviert wurden, brach rund um das Millennium die Bauwut aus. Lokale Bauherren begaben sich auf die Suche nach Architekten, und sie wurden vorrangig vor Ort fündig.
Die Evaluierung der jeweiligen Architektenteams zeigt, wie bodenständig viele Bauherren agierten. Das Starsystem der Architekturwelt erschloss sich den Stars der Weinwelt nicht. Franz Weninger zum Beispiel trat deshalb an den Architekten Raimund Dickinger heran, weil der im selben Ort die Werkstatt des Orgelbauers umgebaut hatte, die Handschrift hatte ihm gefallen. Gabriele und Richard Mariel beauftragten „creuz & quer", weil die gute Kunden des Hauses gewesen waren. Gerhard Pitnauer wählte die burgenländischen Platzhirschen Halbritter & Halbritter, weil er sich - wie sich zeigte, zurecht - nicht nur Hilfe bei der Lösung von architektonischen Fragen versprach, sondern auch Tempo bei deren behördlicher Verabschiedung. Der Architekt Anton Mayerhofer besorgte im Mittelburgenland einen Umbau nach dem anderen, sein nächster Kunde konnte über den Zaun schauen, was sein voriger Kunde gerade in den Garten gestellt bekam.
Kaum ein Winzer, der sich lange mit theoretischen Grundlagen abgequält hätte. Nur bei Josef Umathum, einem langsamen, bedächtigen Mann aus Frauenkirchen, lag ein Buch auf dem Tisch, das sichtbar Einfluss gehabt hatte auf den neu gebauten, leisen und feierlichen Trakt von Umathums Weingut: Roland Rainers Klassiker „Anonymes Bauen Nordburgenland".
Erstaunlich, dass die Formensprache der Architekten am Schluss doch so genau mit dem Ausdruck übereinstimmte, den die Winzer für ihren jeweiligen Wein gewählt hatten, weit abseits von Namen und Images, hinuntergebrochen auf die pure Philosophie von Geschmack und Handwerk. Niemand, der schlanke, elegante Weine produziert, ließ sich ein protziges Chateau in den Weinberg stellen. Niemand, der wuchtige, eindrucksvolle Weine bevorzugt, hielt sich mit filigranen Details an seinem neuen Haus auf.
Der Baustoff Psychologie erweist sich als überraschend konstruktiv.
Am südöstlichen Rand Österreichs wachsen futuristische Häuser auf Weinbergen. So viele Häuser einer Sorte hat man nicht mehr gesehen, seit in Vorarlberg neue, quaderförmige Holzhäuser in die Landschaft gestellt wurden oder in Tirol die Supermärkte der M-Preis-Kette. Die Neubauten verteilen sich über den Norden des Burgenlands, rund um den Neusiedlersee, über das Mittelburgenland um Neckenmarkt und Lutzmannsburg hinunter ins Südburgenland um den Eisenberg und Deutsch-Schützen. Von dort führt die architektonische Spur weit in den Süden der Steiermark, wo entlang der Ratscher Weinstraße bis nach Leutschach neue, zum Teil spektakuläre Gebäude aus der alten Kulturlandschaft stechen.
Das Weingut von Leo Hillinger in Jois übernimmt für die etwa ... gezählten Neubauten, die mehrheitlich in den letzten fünf Jahren entstanden, die Rolle des Klassensprechers. Der Neubau von gerner°gerner ist formal streng und verbirgt den größeren Teil des 1500 Quadratmeter großen Baukörpers unter der Erde, nicht aber ohne auf den notwendigen, spektakulären Akzent zu verzichten. Aus dem Landschaftsschutzgebiet ragt weit sichtbar der aus Sichtbeton konstruierte Verkostungsraum - die „Hill-Lounge" - und verbreitet die frohe Botschaft: hier wird auf eine völlig neue Weise Wein gemacht - und verkauft
.
Eine Führung durch Leo Hillingers Weingut ist ein Abarbeiten von Superlativen. Die modernste Kellertechnik. Die größten Tanks. Der steigende Umsatz. Der explodierende Export. Der Plan, 2006 statt den 670.000 Flaschen von 2005 gleich eine Million zu verkaufen.
Die Marketingorientierung des Unternehmens wird auf fast schon groteske Weise sichtbar gemacht. Sie beginnt bei der Adresse des Weinguts „Hill 1" und setzt sich fort, indem Mensch und Maschinen ausnahmslos mit dem charakteristischen, seitenverkehrten LL des Hillinger-Logos gebrandet werden. Wenn es einen österreichischen Winzer gibt, der auf dem besten Weg ist, „zur Marke zu werden" (dieser Wunsch beseelt ja inzwischen jeden Provinzbürgermeister nach dem Absolvieren seines ersten Marketingseminars), dann ist es Hillinger. Entsprechend entschlossen liefert er mit seinem Weingut und dessen Bestandteilen Anreize für die „notwendige Wiedererkennbarkeit."
Hubschrauberlandeplatz. Seminarraum. Doppelt bemantelte Edelstahltanks. Das vom Priester geweihte Denkmal für Leo Hillinger. Flachbildschirm mit Werbeloops. Promigalerie. Der offene Kamin, der mit der Fernbedienung gezündet werden kann (nein, nicht einer jener Kamine, die nur so tun, als ob sie brennen: dieser brennt wirklich).
Hinter dem Verkaufsbeförderungstrubel und der lauten Musik in der „Lounge" scheint das Gebäude, das mit seiner interessanten Transparenz zwischen Produktions-, Lager- und Präsentationsräumen bestimmt Besseres verdient hätte, zu verblassen. Die Haltung, die hinter der Nutzung steht, legt sich bleiern auf die Ästhetik. Die neue Weinarchitektur besteht, wie auch der Wein, dessen Produktion sie dient, zu einem hohen Anteil aus dem Baustoff Psychologie.
II. Die Schloss-Theorie
Der Wein und sein Haus. Erstens beruht der Zusammenhang auf Selbstverständlichkeit. Kein Wein ohne Haus. Der Ertrag jedes Weinbergs muss zu seiner Zeit durch das Nadelöhr der Presse in den Keller, in sein Fass, in seine Flasche.
Damit ist die Selbstverständlichkeit freilich bereits aufgebraucht. Denn was im Haus geschieht, für welche Funktionen es gebraucht wird, das könnte unterschiedlicher nicht sein.
An den Ufern der Gironde, wo die berühmten Weingüter des Bordeaux vor Anker liegen, hat man sich leichten Herzens zur Förmlichkeit entschlossen. Man baute Schlösser. Große Tore, Alleen, Türme, Zinnen. Das hat einerseits eine gewisse Kongruenz zu den Preisen der Weine, lenkt andererseits aber auch nicht vom Kapital der Region ab: ihrer Tradition, ihrem Ruhm, ihrer Größe. Besucher, die sich für eine Verkostung bei einem der besseren Betriebe anmelden, müssen einen guten Grund vorbringen, um akzeptiert zu werden, und selbst wenn sie - was vorausgesetzt werden kann - bereit sind, für eine Lieferung Wein den Preis einer kleinen Eigentumswohnung zu bezahlen, ähnelt der Besuch seiner Form nach einer Audienz: „Sie stehen nicht auf der Subskriptionsliste? Mon Dieu, wo soll ich den Wein für Sie herzaubern?"
Der Erzeugerstolz, der aus dieser Geste spricht, findet seine Entsprechung in Namen der jeweiligen Weingüter. Sie nennen sich „Chateau", Schloss. Es ist gleichzeitig logisch und selbstverständlich, dass die diversen Schlösser auch die Etiketten der Weine, die in ihren Kellern vinifiziert werden, schmücken: das Haus und sein Wein.
III. Österreichischer Wein. Eine Karriere
Die Neubauten der burgenländischen und steirischen Winzer entsprangen weltlichen Notwendigkeiten. Viele Betriebe produzierten mit längst überholter Weinberg- und Kellertechnik. Die neue Generation von Weinmachern, mehrheitlich junge Männer, die ihre Lehr- und Wanderjahre in den besten Weinbaugebieten der Welt absolviert hatten, übernahm die Betriebe von den Vätern und entschloss sich, in die Qualitätsverbesserung zu investieren.
Andere Betriebe waren für den eigenen Erfolg nicht gerüstet. Sie konnten die steigende Nachfrage nur mit erhöhter Improvisationsfähigkeit bewältigen und platzten zwangläufig bald aus allen Nähten. Die Möglichkeit, weiter expandieren zu können, war eng mit dem Entschluss verbunden, zuzubauen, oder, falls dafür kein Platz vorhanden war, einen Neubau zu wagen.
Gleichzeitig veränderte sich die Rezeption des Weins. Spätestens in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde der österreichische Wein zu einem Lifestyle-Produkt. Wer sich in den achtziger Jahren beim Wirten am Eck noch mit der Entscheidung zwischen „rot" oder „weiß" schwer tat, verfügt inzwischen freihändig über die Namen der zwanzig, dreißig bekannteren Winzer Österreichs als Konversationskapital. Wein zu trinken gewann Jahr für Jahr an Prestige, das muss von den Winzern auf den verschiedensten Feldern bewirtschaftet werden.
IV. Der Motor Weinskandal
Am 23. April 1985 wurde das Landwirtschaftsministerium in Wien durch mehrere anonyme Anzeigen darauf aufmerksam gemacht, dass im burgenländischen Weinbau nicht alles mit rechten Dingen zugehe. Die darauf ausschwärmenden Beamten fanden bei Stichproben in burgenländischen Kellereien nicht nur Spuren von nachträglich zugefügtem Zucker, sondern auch Diäthylenglykol: einen süßen, öligen Alkohol, der vor allem in Frostschutzmitteln zur Anwendung kam. Sowohl Zucker als auch Diäthylenglykol sollten die für den Export bestimmten Weine - angebliche Spätlesen - süßer und geschmeidiger machen. Mit Weinen dieser Charakteristik ließen sich am internationalen Markt die besten Preise erzielen.
Während der Skandal vorerst von offizieller Seite heruntergespielt wurde, kamen immer neue Details ans Tageslicht. Nicht nur in Exportweinen, auch auf dem heimischen Markt, tauchte gepanschter Wein auf. Das Diäthylenglykol war nicht, wie anfangs gemeldet, nur in Spurenelementen eingesetzt worden, sondern in einzelnen Fällen auch in gesundheitsschädlicher Dosis.
Die Exekutive schritt ein. 24 Menschen wurden in U-Haft genommen. Über 300 Personen wurden auf freiem Fuß angezeigt. Das deutsche Gesundheitsministerium veröffentlichte eine Liste von 803 österreichischen und 27 deutschen Weinen, die mit der Chemikalie versetzt worden waren, und warnte vor dem Genuss österreichischen Weins. Im August verbot das amerikanische Amt für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen dessen Import. Polen, Frankreich und Großbritannien zogen nach und entfernten österreichische Weine aus dem Regal. Griechenland verbot die Einfuhr komplett. Dänemark setzte 50 Sorten auf den Index. Die „Neue Zürcher Zeitung" schrieb: „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben."
Zahlreichen Weinpanschern wurde der Prozess gemacht. Sie erhielten Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr und acht Jahren. Der Export österreichischer Weine brach zusammen. Das Landwirtschaftsministerium bezifferte den Schaden auf 124 Millionen Schilling (9 Millionen Euro). Zahlreiche Betriebe mussten Konkurs anmelden.
Ein Jahr später kelterte Ernst Triebaumer aus Rust seinen Blaufränkisch „Marienthal", einen für die weitere Entwicklung der Branche legendären Wein. Der „Marienthal" hatte, was bisher nicht für möglich gehalten worden war: nationalen Ausdruck mit internationaler Eleganz.
Der „Marienthal" hätte zu keiner besseren Zeit auf die Welt kommen können. Er diente in einer Zeit frostiger Depression als Optimismus-Berechtigung. Der „Marienthal" stand als Solitär am Anfang dessen, was 20 Jahre später als „österreichisches Weinwunder" gilt.
Dieses „Weinwunder" fasst den beispiellosen Aufbruch einer Branche zusammen, deren kommerzielle Nischenpolitik zusammengebrochen war. Der Aufbruch führte zum Bruch mit alten Gewohnheiten: das Traubenmaterial wurde selektiert und ausgedünnt, um die Erträge zu vermindern und zu verbessern. Im Weingarten wurde sorgfältiger gearbeitet, um nur gesundes, perfektes Traubenmaterial lesen zu können. Die Kellertechnik wurde zeitgemäß aufgerüstet.
Die Ergebnisse ließen nicht lang auf sich warten. Im Windschatten der Pioniere lieferte eine neue Generation von Winzern plötzlich annehmbare, Jahr für Jahr bessere Weine.
Zuerst machte der österreichische Weißwein Furore, namentlich der aus der Wachau. Ausgerechnet der Wein, der bis in die sechziger Jahre für den Spottreim „sauer wie ein Wachauer" gesorgt hatte, räumte bei internationalen Verkostungen Titel um Titel ab und positionierte sich in einer Liga mit den großen Weißweinen aus dem Burgund.
Gleichzeitig kamen aus dem burgenländischen Seewinkel brillante Süßweine, namentlich aus der Werkstatt von Alois Kracher. Kracher, der sich über ein begreiflicherweise besonders heikles Segment gewagt hatte, etablierte sich mit den Vorzügen seiner Weingärten gegen den Zeitgeist. Er produzierte Süßweine von ungeahnter Raffinesse und übernahm mit deren internationaler Etablierung auch den Nebenjob, Österreichs liebliche Sorten zu rehabilitieren.
Zuletzt legten die burgenländischen Rotweinwinzer nach. Sie entwickelten eine Generation hochkonzentrierter Garagenweine, bevor sie sich auf die Pflege der typisch österreichischen Sorten, Zweigelt und vor allem Blaufränkisch, besannen und dabei sind, diese Weine auf internationales Niveau hoch zu züchten.
Ob der Weinskandal die Ursache oder bloß ein Beschleuniger dieser Entwicklung war, ist umstritten. Sicher ist: der Wein wurde besser. Die Preise zogen an. Das Publikum stellte das Bierglas zur Seite und wurde verständig. Eine neue Generation von Winzern bediente das neue Publikum immer besser. Die Qualitätsspirale drehte sich nach oben. Die Aufmerksamkeitsmaschinerie entdeckte die Weinbranche als lohnendes Feld. Die besten Winzer wurden, wie auch die besten Köche und Gastgeber, zu Stars der kulinarischen Revolution, die über Österreich hereinbrach.
V. Plötzlich Weltklasse
Lois Kracher ist in seinem Korridor ein unbestrittener Weltstar. Er hält sich, wie es einem Weltstar gebührt, entsprechend viel im Flugzeug auf und repräsentiert die Früchte seiner Arbeit überall dort, wo man sie genießen möchte. Lois Kracher produziert herausragende Süßweine. Kein Restaurant von Rang zwischen Illmitz und Seattle verzichtet auf Krachers halbe Flaschen. Ihm gelang es, die Monopolstellung des Sauternes zu unterminieren, und es gelang ihm, weil er die wesentlichen Aufgaben beherrschte, die ein moderner Winzer zu beherrschen hat.
Kracher hat ein einmaliges Produkt, das er international vermarktet. Er hat in den letzten 20 Jahren ein weltweites Netzwerk von Kunden, Importeuren, Sommeliers und Kritikern geknüpft, das es ihm erlaubt, rund um die Welt zu agieren, aufzutreten, zu verkaufen. Die Tatsache, dass Kracher persönlich ein verbindlicher, bodenständiger Mensch geblieben ist und ein großes Talent als Entertainer entwickeln kann, kommt dem unbändigen Bedürfnis nach Personalisierung entgegen, das die Branche erfasst hat.
Der Winzer, ein Publikumsmagnet. Kein Weinverkauf, ohne dass der Winzer ein paar Worte beisteuern würde. Österreichs Weinmacher haben mit den schüchternen Weinviertlern im Blaumann, die alle paar Wochen im Wiener Schrebergarten auftauchten, um die neuen Doppler abzugeben, nichts mehr zu tun. Sie reiften zu Persönlichkeiten, wurden von den immer wichtigeren Lifestyle-Medien entdeckt, und sie wären ihr eigener Feind gewesen, hätten sie ihre neue Berühmtheit nicht ausgenützt, um ihren Wein zu verkaufen. Jetzt werden sie diese Geister allerdings nicht mehr los, zum Beispiel, wenn es darum geht, Zeit für den Weingarten frei zu schaufeln.
Lois Kracher hat sein Haus in Illmitz in mehreren Etappen umgebaut und für seine Bedürfnisse maßgeschneidert. Er muss zum Beispiel 60 Masters of Wine, hochrangige Experten, die aus der ganzen Welt nach Illmitz eingeflogen werden, an einem Tisch bewirten können. Das tut Kracher in einem eindrucksvoll dimensionierten und dennoch bescheidenen Raum unter zwei unterschiedlich hohen Dächern seines Hauses. Der Raum ist mit dicken, geölten Eichenbohlen ausgelegt und verdankt die Absenz von Querträgern der ausgetüftelten statischen Konstruktion des Büros „Gmeiner Haferl". Die Wände sind schlicht weiß verputzt. Ein offener Kamin an der Stirnseite des Raums vermittelt Behaglichkeit. Die sparsame Möblierung bringt die Größe der Grundfläche erst zur Geltung. Lois Kracher passt in diesen Raum. Der Raum passt ihm.
Der Kracher-Umbau des Architekturbüros Halbritter & Hillerbrand ist ein gutes Beispiel für die neue Architektur der Weinproduktion und ein schlechtes. Gemessen an Krachers Bedeutung für die österreichische Weinszene hätten ihm die Architekten ein Repräsentations-Hochhaus auf eine künstliche Insel im Neusiedlersee stellen müssen. Aber Kracher wehrte sich gegen alles zu Spektakuläre. Es ging ihm bei seinem Bauprojekt eindeutig mehr um Funktionalität als um Selbstdarstellung. Im Konzert der bauenden Winzer spielt er mit diesem Ansatz einen leisen, kaum hörbaren Part.
VI. Winzer im Baurausch
Wilhelm Holzbauer baute für die Genossenschaft der „Vereinten Winzer Blaufränkischland" und das Arachon-Trio Tement-Pichler-Szemes eine laute und mächtige Coverversion der Dominus Winery an den Dorfrand von Horitschon.
Steven Holl stellte der Weingemeinde Langenlois ein begehbares, glänzendes Denkmal in die Peripherie und ergänzte das „Loisium" um ein buntes Klassehotel.
Werner Schüttmayr, Klaus Jaretzky und Christian Leitner entwarfen für das Weingut Tement einen mehrstöckigen Multifunktionspalast, der in die großartige Landschaft des südsteirischen Berghausen platziert wurde.
Igor Skacel stellte für das Weingut Sabathi einen mehrteiligen Produktions- und Präsentationskomplex an die Straße von Leutschach nach Pössnitz.
Doch, es ging auch subtiler.
Pichler & Traupmann kombinierten für das Weingut Krutzler in Deutsch-Schützen die bestehende Wohn- und Kellerpartie mit einer intelligenten, in sämtlichen Details sorgfältig umgesetzten, vorbildlichen Produktionshalle.
Halbritter & Halbritter bauten für das Weingut Pitnauer einen überzeugend simplen Glas-Beton-Kubus in die Weinberge von Gols.
Raimund Dickinger vollzog für das Weingut Weninger im Ortskern von Horitschon einen sensiblen Umbau des burgenländischen Streckhofs und eine intelligente bauliche Adaptierung der Produktionsabläufe.
Rolf Rauner gelang es auf brillante Weise, das alte Wohnhaus des Gamlitzer Weinguts Lackner-Tinnacher zu modernisieren und mit einem holzverkleideten Stahlbau zu verbinden, der sowohl ästhetisch als auch technisch erstklassig dasteht.
Martin Promintzer adaptierte den Betrieb von Josef Umathum in Frauenkirchen auf gefühlvolle Weise und versah das Fasslager mit geradezu sakraler Stimmung.
Das Büro „creuz & quer" entwarf für das Weingut Mariell in Grosshöflein ein fast vorarlbergerisch anmutetendes, zurückhaltend harmonisches Flaschenlager aus Beton und Holz.
VII. Bestandteil des Zaubers
Weinbau ist ein Traditionsgeschäft. Wir wissen, dass im Südirak bereits 5000 v. Chr. Weinreben kultiviert wurden, dass sich die Helden der griechischen Antike mit Wein stärkten, dass römische Soldaten aus hygienischen Gründen Wein schluckten und zahlreiche dunkle Flecken des Mittelalters deshalb ertragen wurden, weil die Belegschaft sie sich schön getrunken hat.
Bei so viel Geschichte leuchtet es ein, dass auf alten Weingütern alte Häuser stehen müssen. Wenn diese Betriebe sorgfältig an die technischen Voraussetzungen der Gegenwart herangeführt werden, so passiert das tunlichst unsichtbar. Die Fassaden von gestern charakterisieren die Weine von heute noch immer am besten.
In der schönen Wachau wird diesen Satz zum Beispiel niemand hinterfragen. Österreichs Paradeweinbau-Region ist reich an herausragenden Weißweinen und an breitschultrigen, aristokratischen Winzerhäusern. Die Ortsbilder von Dürnstein, Loiben, Joching und Spitz sind vergleichsweise unangekränkelt von Baumeister-Modernismus und ehrgeiziger Architektur. Die Trutzburgen der Traditionswinzer stützen mit ihrem Rennaissanceschwung einen selbstzufriedenen Konservatismus.
Unter dem malerisch barocken Verkostungs-Schlösschen der „Freien Weingärtner Wachau" wurde zum Beispiel eine der modernsten Kellermaschinerien Österreichs in die Erde gegraben, ohne dass jemand davon sichtbar Aufhebens machen würde. Jeder Besucher bekommt zum Riesling Kellerberg eine Portion Staunen: über das Geschick, wie eine ausgeklügelte technische Gewaltleistung so gut versteckt werden konnte.
Es war kein Zufall, dass der Neubau der Dominus Winery, den Herzog De Meuron 1995 in Yountville im Napa Valley in die Landschaft stellten, sowohl in Architekten- als auch Winzerkreisen hohe Wellen schlug. Die Bauaufgabe, ein ganzes Weingut von Grund auf neu zu denken, zu planen und zu organisieren, war bis dahin betont sachlich umgesetzt worden. Die Produktionsanlagen, die in neu erschlossenen Weinbaugebieten, in der Neuen Welt, Südafrika oder in Chile in die Landschaft gesetzt worden waren, folgten rein industriellen Notwendigkeiten.
Herzog De Meuron, Spezialisten für bedeutungsvolles Bauen, gingen mit ihrem spektakulären Quader, dessen Außenwände aus in Drahtgitterkäfigen gefassten Basaltsteinen bestehen, einen Schritt weiter. So wie sie bereits ihre Fußballstadien zu urbanen Rufzeichen gemacht hatten, gaben sie einem einfachen Wirtschaftsgebäude jenes Stück Zauber mit auf den Weg, das sich dieses bis dahin selbst verdient haben musste: durch Geschichte, Qualität der Erzeugnisse, Legenden der Rezeption. Dass die Gestaltung der Produktionsstätte Bestandteil dieses Zaubers sein könnte, war bis dato unbekannt. Aber der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden.
VIII. Ästhetik der Technik
Eine der besten Lösungen bei der Kombination der vielfältigen Ansprüche an ein neues Weingut gelang dem Golser Winzer Gernot Heinrich. Heinrich gehört zu den umsatzstärksten Qualitätswinzern, er produziert etwa 450.000 Flaschen pro Jahr, darunter hochpreisige Spitzenweine („Gabarinza", „Salzberg"), aber auch das für den jungen Weinliebhaber attraktive Cuvée „Red", das zeitgemäß verpackt und moderat gepreist ist.
Nach „zehn Jahren voller Kompromisse" in der Produktion entschied sich Heinrich 2002, seinen gesamten Betrieb neu zu erfinden. Er beauftragte den Architekten Werner Schüttmayr nach genauen technischen und organisatorischen Vorgaben mit dem Neubau.
Schüttmayr fasste den Betrieb in drei elegante, übereinander geschachtelte Sichtbetonetagen, die miteinander durch Lifte und Schächte verbunden sind. Das wesentliche Anliegen Heinrichs bestand darin, seinen Wein unter maximaler Schonung des Traubenmaterials produzieren zu können.
- Zur Erklärung die schematischen Verarbeitungsschritte bei der Rotweinproduktion:
1. Das Traubenmaterial wird angeliefert und von den Stängeln befreit. Die aus Saft und Häuten bestehende Maische wird in Gärtanks befördert und nach Bedarf geschwefelt. Wichtig ist, dass Pressen und Transport schonend erfolgen, denn zerdrückte Traubenkerne geben unerwünschte Gerb- und Bitterstoffe an den Wein ab. Viele Winzer suchen deshalb nach Möglichkeiten, das Pumpen der Maische in den Tank zu umgehen. Gernot Heinrich bedient sich dafür der Schwerkraft. Er liefert seine Trauben im Erdgeschoß des Produktionsgebäudes an und lässt sie durch Öffnungen im Boden in die Gärtanks gleiten, die eine Etage tiefer aufgestellt sind.
2. Im Gärtank - meistens Edelstahltanks, deren Innentemperatur durch kombinierte Heiz- und Kühlsysteme reguliert werden können - wird die Maische vergoren. Es sind Fragen der Winzerideologie, ob die Gärung mit künstlichen Hefen, erhöhter Tanktemperatur oder anderen Hilfsmitteln unterstützt wird oder ob der Kellermeister bloß kontrolliert, dass keine unerwünschten Reaktionen stattfinden. Die Gärung dauert zwischen vier und zehn Tagen.
3. Nach der alkoholischen Gärung wird der Wein entweder „abgestochen", von seinen festen Bestandteilen getrennt, oder auf der Maische stehen gelassen, um deren Extrakte noch intensiver aufnehmen zu können. Die ständige Umwälzung der nach oben steigenden Maische wird dabei von Hand, mit pneumatischen Maschinen, oder wie bei Heinrich, mit Druckluft unternommen.
4. Anschließend erfolgt der „biologische Säureabbau", die zweite (malolaktische) Gärung des Weins. Dabei wird die im Wein enthaltene Apfelsäure durch spezielle Milchsäurebakterien in mildere Milchsäure verwandelt. Ob die malolaktische Gärung im Tank oder im Fass stattfindet, kommt auf die gewünschte Charakteristik des Weins an.
5. Erst jetzt wird der Wein für die Reifung vorbereitet und in neue Gebinde gefüllt, Stahltanks, große Holzfässer, gebrauchte oder neue Barriques aus meist französischer Eiche. Im Betrieb Gernot Heinrichs wandert der Wein schwerkraftbefeuert eine weitere Etage tiefer und wird dort so lange (bis zu 30 Monate) im Fass gelagert, bis die jeweilige Sorte in Flaschen gefüllt wird.
Heinrichs Neubau ist der zweite in zehn Jahren. 1995 bauten seine Frau Heike und er ein neues Wohnhaus (Architekt: Michael Schwarz), sieben Jahre später das neue Weingut. Der Verkostungsraum - bei sämtlichen Winzerneubauten das logische Zentrum der Selbstdarstellung - wurde vom Wiener Büro „propeller z" als betont zeitgemäße Kanzel an der hintersten Ecke des eleganten Produktionstrakts eingerichtet, ohne sichtbare Bezüge zu Region oder Landstrich. Die wichtigere Referenz besteht ganz offensichtlich darin, den Winzer sichtbar in seine Zeit zu stellen und den Zeitgeist für einen Augenblick festzuhalten. Das ist geglückt, als Komplettierung einer anspruchsvollen Rundumerneuerung. Heinrichs Investitionsvolumen: Sechs Millionen Euro.
IX. Danke, dein Zielgebiet
Die steigenden Raum- und Technologiebedürfnisse der österreichischen Winzer waren evident. Der entscheidende Grund, warum die notwendigen Betriebserweiterungen und -neubauten auf architektonisch anspruchsvollem Niveau durchgeführt wurden, finden sich allerdings in der Entscheidung der Europäischen Union, das Burgenland zum Zielgebiet 1 für die Umsetzung von Artikel 158 des „Amsterdamer Vertrags" zu erklären. Darin setzt sich die EU das Ziel, „den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu stärken und die Entwicklungsunterschiede auszugleichen". Im Klartext hieß das: Jedes bewilligte Projekt durfte damit rechnen, 30 Prozent des Investitionsvolumens an Fördergeldern ausbezahlt zu bekommen.
Das Thema wird nicht etwa verschämt behandelt. Etwa zwei Drittel der Bauherren geben unumwunden preis, dass sie nur deshalb mit Architekten gearbeitet hätten, weil ihr Budget durch die Förderungen signifikant großzügiger kalkuliert werden konnte.
Gleichzeitig entwickelte sich eine spezielle Spielart kulturell wertvollen Gruppendrucks. Nachdem die ersten Weinarchitektur-Projekte noch mit angehaltenem Atem absolviert wurden, brach rund um das Millennium die Bauwut aus. Lokale Bauherren begaben sich auf die Suche nach Architekten, und sie wurden vorrangig vor Ort fündig.
Die Evaluierung der jeweiligen Architektenteams zeigt, wie bodenständig viele Bauherren agierten. Das Starsystem der Architekturwelt erschloss sich den Stars der Weinwelt nicht. Franz Weninger zum Beispiel trat deshalb an den Architekten Raimund Dickinger heran, weil der im selben Ort die Werkstatt des Orgelbauers umgebaut hatte, die Handschrift hatte ihm gefallen. Gabriele und Richard Mariel beauftragten „creuz & quer", weil die gute Kunden des Hauses gewesen waren. Gerhard Pitnauer wählte die burgenländischen Platzhirschen Halbritter & Halbritter, weil er sich - wie sich zeigte, zurecht - nicht nur Hilfe bei der Lösung von architektonischen Fragen versprach, sondern auch Tempo bei deren behördlicher Verabschiedung. Der Architekt Anton Mayerhofer besorgte im Mittelburgenland einen Umbau nach dem anderen, sein nächster Kunde konnte über den Zaun schauen, was sein voriger Kunde gerade in den Garten gestellt bekam.
Kaum ein Winzer, der sich lange mit theoretischen Grundlagen abgequält hätte. Nur bei Josef Umathum, einem langsamen, bedächtigen Mann aus Frauenkirchen, lag ein Buch auf dem Tisch, das sichtbar Einfluss gehabt hatte auf den neu gebauten, leisen und feierlichen Trakt von Umathums Weingut: Roland Rainers Klassiker „Anonymes Bauen Nordburgenland".
Erstaunlich, dass die Formensprache der Architekten am Schluss doch so genau mit dem Ausdruck übereinstimmte, den die Winzer für ihren jeweiligen Wein gewählt hatten, weit abseits von Namen und Images, hinuntergebrochen auf die pure Philosophie von Geschmack und Handwerk. Niemand, der schlanke, elegante Weine produziert, ließ sich ein protziges Chateau in den Weinberg stellen. Niemand, der wuchtige, eindrucksvolle Weine bevorzugt, hielt sich mit filigranen Details an seinem neuen Haus auf.
Der Baustoff Psychologie erweist sich als überraschend konstruktiv.

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