Luftschlösser auf den Weinbergen

Geschichten / Schweizerische Weinzeitung
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Die atemberaubende Karriere des österreichischen Weins und seines Zuhauses

I. Die Kaaba von Gols

Am südöstlichen Rand Österreichs wachsen futuristische Häuser auf Weinbergen. So viele Häuser einer Sorte hat man nicht mehr gesehen, seit in Vorarlberg neue, quaderförmige Holzhäuser in die Landschaft gestellt wurden oder in Tirol die Supermärkte der M-Preis-Kette. Die Neubauten verteilen sich über den Norden des Burgenlands, rund um den Neusiedlersee, über das Mittelburgenland um Neckenmarkt und Lutzmannsburg hinunter ins Südburgenland um den Eisenberg und Deutsch-Schützen. Von dort führt die architektonische Spur weit in den Süden der Steiermark, wo entlang der Ratscher Weinstraße bis nach Leutschach neue, zum Teil spektakuläre Gebäude aus der alten Kulturlandschaft stechen.

Gernot Heinrich ist ein Mann von mittlerer Größe. Er steht - Jeans, Pullover, Hände in den Hosentaschen - vor einem Gebäude aus Holz und Beton, dessen Dimensionen nur auf einem mittleren Flughafen selbstverständlich wirken würden. 

„Weißt du noch, wie dein ursprünglicher Auftrag an uns geheißen hat?", fragt Carmen Wiederin, die neben Heinrich steht. Wiederin - groß, schlank, kurzgeschnittene, rotbraune Haare - ist Architektin des Wiener Büros propeller z. Sie hat mit ihrem Büro - ihren Partnern Philipp Tschofen, kabru und Korkut Akkalay - den Heinrich-Hangar in Gols geplant, einen trotz seiner gewaltigen Dimensionen hocheleganten Nutzbau, in dem Flaschenlager, Erntegerätschaft und Sozialräume für die bis zu 50 Mitarbeiter des burgenländischen Großwinzers untergebracht sind.

Heinrich lächelt und schüttelt den Kopf, was nicht unbedingt heißen muss, dass er sich wirklich nicht erinnern kann.  

Aber Philipp Tschofen kann sich erinnern: „Du wolltest, dass wir dir einen Traktorunterstand machen."

Wieder schüttelt Gernot Heinrich den Kopf, aber das Kopfschütteln besteht nur zu einem kleinen Teil aus Staunen über die eigene Courage. Der Rest ist Zufriedenheit.

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Heinrichs Traktorunterstand nimmt eine Fläche von 86 mal 30 Meter ein. Als wir das Gebäude umrunden, fühlt sich das nach einem kleinen Ausflug an. Die Halle öffnet sich nach Osten auf einen Vorplatz, der von dem bestehenden Produktionsgebäude aus dem Jahr 2002 und einem Mitarbeiterhaus begrenzt wird. Über beide spannt sich das weit auskragende, Richtung Norden niedriger werdende Dach wie eine Klammer, die auf den inneren Zusammenhang der verschiedenen Betriebsgebäude aufmerksam machen soll. 
Die Unterzüge der Holzkonstruktion das Daches verschwinden, je weiter sie nach außen laufen, im Dach selbst. Das ist nur ein Detail der Gesamtkonstruktion, deren Raffinesse sich auch in der Wahl der Materialen, der Besonderheit im Schwung des Daches, den beiden Knicken an der Hinterseite der Fassade ausdrückt. Die Betonverschalung, mit der die tief unter dem Dach liegende Halle nach außen abgegrenzt wird, spielt mit den großen, auf dem Beton sitzenden Glaslichten, die im Inneren des Gebäudes das Arbeiten bei Tageslicht erlauben. Vor der Halle entstand ein überdachter Vorplatz, der durch die Farbe des Holzes in ein warmes Licht getaucht wird, und der zum beliebten Platz für allerhand Arbeiten zwischen Drinnen und Draußen wurde.

Von hinten sieht die Halle zunächst einmal groß und rätselhaft aus. Ihre steilen Wände sind mit schwarzer Folie bezogen, die im Sonnenlicht enigmatisch glänzen, so dass Heinrichs Weingut, vom Nachbarn aus gesehen, als Kaaba von Gols identifiziert werden könnte. Wieder braucht es einen zweiten Blick, damit sich das Muster weißer Warzen an der Fassade entschlüsselt, deren Regelmäßigkeit von dünnen, roten Linien unterbrochen wird. Die Warzen sind Punkthalter, mit denen die Folie auch bei starkem Wind an das Holz gepresst wird. Die roten Fäden sind isolierte Drähte: die Blitzableiter.

Gernot Heinrich erzeugt pro Jahr mehr als 550.000 Flaschen Wein. Er bewirtschaftet 70 Hektar Weingärten, und seine Lust an der Expansion ist ebenso spürbar wie das leidenschaftliche Streben nach noch mehr Qualität und Ausdruck in den Weinen. Neben seinem Casual-Cuvée „Red" erzeugt Heinrich Chardonnay, Weißburgunder, Zweigelt, Blaufränkisch, seine Cuvées „Pannobile" und „"Gabarinza, beide jeweils aus Zweigelt, Blaufränkisch und etwas St. Laurent, dazu kommen immer mehr Lagenweine wie der sortenreine Blaufränkisch „Alter Berg" und das Rennomiercuvée „Salzberg" aus Merlot, Blaufränkisch und Zweigelt.

Den Lagenweinen gehört Heinrichs größte Aufmerksamkeit. Mit immer größerem Interesse arbeitet er an einer perfekten Übersetzung der Weingartengegebenheiten - er vermeidet gekonnt das modische Wort „Terroir", das zu oft eine rhetorische Ausflucht für Qualität ist, die nur behauptet wird.

So stellte Heinrich sein gesamtes Weingut auf biodynamische Landwirtschaft um. Diese Entscheidung stellte ihn vor mannigfaltige organisatorische und technische Probleme. Wo kann man zum Beispiel einen Teekocher für 70 Hektar Weingarten kaufen? Gibt es nicht im Regal, genau, also konstruierte Heinrich mit seinen Leuten einen entsprechenden Kessel aus Edelstahl, in dem nun Brennessel-, Kamillen- und Tee vom Ackerschachtelhalm gebraut wird, und zwar in tausend-Liter-Mengen.

Die Halle - oder nennen wir den Umbau eher: die Weinguterweiterung - entspricht Gernot Heinrichs Neigung zur Entschlossenheit. Stückwerk liegt ihm nicht, und für Zwischenlösungen hat er auch kein Herz. Die propeller z-Architekten berichten, dass im Zweifelsfall die Entscheidung stets für die hochwertigere Lösung, für die größere Dimension fiel, weil der Bauherr nicht das Risiko eingehen wollte, sich selbst bei der Planung zu überholen. Er braucht Platz für alles, was er macht. Und für alles, was er heute noch nicht weiß.

Die Betriebsgebäude des Weinguts Heinrich verströmen nicht nur Großzügigkeit und Funktionalität, sondern auch Eleganz und Selbstverständlichkeit. Das sind Begriffe, mit denen Gernot Heinrich - sofern sie auf seinen Wein angewendet werden - durchaus einverstanden ist. Alles andere ist der Weg. Der Wein ist das Ziel.

II. Abschied von den Spezialisten

Propeller z waren keine Spezialisten für Weinarchitektur. Das Büro, das für seine kühlen, zuweilen utopistischen Entwürfe über die Szene hinaus bekannt war, rutschte in dieses spezielle Genre, als ein Freund, der Tiroler Architekt Raimund Dickinger, beim Umbau des Weinguts Weninger in Horitschon Unterstützung bei der Gestaltung eines Innenraums brauchte. Propeller z half aus und designte einen eleganten Verkostungsraum. Franz Weninger jr., der damals gerade mit dem Gedanken spielte, jenseits der nahen Grenze zu Ungarn ein eigenes Weingut zu eröffnen, das den väterlichen Betrieb ergänzen könnte, lud die propeller z-Architekten ein, sich an einem Wettbewerb für das Weingut Weninger in Balf, einem Ort in der Nähe von Sopron etwas oberhalb des Neusiedlersees, zu beteiligen. Propeller beteiligte sich, gewann den Wettbewerb und entwarf ein Gebäude, das in einer raren Mischung aus Bescheidenheit, Funktionalität und Eleganz in der zweiten Reihe des Straßendorfes Balf steht, an einen steilen Hang geschmiegt, von dem aus der Blick über den Neusiedlersee und das Schilf schweifen kann und die Hintergärten der benachbarten Streckhöfe.

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Das Weingut Weninger erzeugt vor allem klare, anspruchsvolle Weine aus der Blaufränkisch-Traube, die in Ungarn Kékfrankos heißt. Die Weingärten werden biodynamisch bewirtschaftet, womit Weninger im grenznahen Ungarn allein auf weiter Flur steht. Das Gebäude, das er mit den Architekten erdacht hat, folgt der Prämisse, die sorgfältig gepflegten Trauben möglichst schonend weiterverarbeiten zu können. 

Der zündende Einfall dafür war die Kultivierung der Hangschräge. Weningers Halle ist so gebaut, dass die Trauben an ihrer zum Hang ausgerichteten Hinterseite angeliefert werden können. Die Verkleidung der Halle lässt sich komplett öffnen, so dass die Trauben ohne Zuhilfenahme von Pumpen zu Maische verarbeitet und gepresst werden können. Sämtliche Gärständer stehen auf Rollen und können von oben befüllt werden. Zur Zeit experimentiert Weninger auch mit Gärständern aus Beton - er reiste extra nach Georgien, um dieser Jahrtausende alten Kulturtechnik auf die Spur zu kommen -, sein Gebäude ist für solche Experimente flexibel genug.

Die Halle wirkt wie ein hochästhetisches Industriegebäude, ihre Vorzüge scheinen selbstverständlich: große Glasflächen an den Seitenwänden erlauben das Arbeiten bei Tageslicht. Das Büro ist wie ein Ausguck in die obere Etage der Halle gesetzt, erlaubt Blicke in den Verkostungsraum, der wie ein Periskop die Perspektive hinaus Richtung See sucht, aber auch in die Halle, um jederzeit über die Vorgänge in der Verarbeitung informiert zu sein.
Der Keller liegt schließlich, das war Franz Weninger ein Anliegen, unter der Erde, wo, sagt er, „ein Keller hingehört". Wieder war es die spezielle Hanglage, die den Architekten die zündende Idee vermittelte. Der Keller wurde unter die Rampe in den Hang gegraben, so dass er einerseits von Erdreich umgeben und entsprechend gut isoliert ist, sich andererseits aber auf einer Ebene mit der Verarbeitungshalle befindet und dem Winzer erlaubt, ohne Stufen, Schwellen oder Aufzüge zwischen Gärständern und den großen Holzfässern, in denen der Kékfrankos zur Reife geführt wird, zu operieren.

Wieder ist es das Spiel mit Funktion, Licht und den dynamisierenden Schrägen der Räume, die das maßgeschneiderte Weninger-Weingut zu einer unverkennbaren Propeller z-Kreation machen - eine Kreation, die Claus Preisinger, der gemeinsam mit Franz Weningers in Kalifornien Praktika absolviert hatte, zu denken gab. Preisinger arbeitete daheim in Gols im elterlichen Betrieb unter beengten Bedingungen. Was propeller z dem Franz Weninger hingestellt hatte, gefiel ihm. Ihm gefiel auch die Idee, selbst darüber nachzudenken, was er den propeller z-Architekten sagen würde, wenn er selbst an die Planung eines Weinguts ginge.

III. Die Arche Claus

Zwei Jahre später nimmt Claus Preisinger einen renommierten Architekturpreis entgegen, den „Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architektinnen und Architekten Österreichs". Der Preis besteht aus einem relativ schmucklosen Plexiglaswürfel und einer Urkunde, und Preisinger lacht ungezwungen, als ihm Philipp Tschofen den Plastikwürfel auf den massiven Betontisch stellt, der wie eine Schranke quer zum Eingang seines Weinguts aus der Wand wächst.

Claus Preisinger durfte in bevorzugter Lage bauen, seine Adresse lautet Goldbergstrasse 60, Gols, und wer von der Ortschaft Gols hinauf auf den Hügel fährt, der „Goldberg" heißt, begreift schnell, dass der Goldberg das Beverly Hills von Gols ist, und dass deshalb auf diesen Grundstücken auch kleine Burgen und Schlösser wachsen müssen.

Propeller z haben natürlich keine Burg und kein Schloss gebaut, sondern eine Arche, ein elastisches, sprungbereites Wesen: Claus Preisingers Halle ist langgestreckt. Sie wird von hinten nach vorne immer höher und findet über dem Eingang in einem weit vorspringenden, rechteckigen Schaufenster aus Beton einen spektakulären Abschluss. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen, denn die Terrasse, die im Inneren des abschließenden Betonkarrees wohnt, liefert einen großartigen Blick über den Neusiedlersee, auf Rax und Schneeberg, die letzten Ausläufer der ostösterreichischen Voralpen, bis hinüber zum Ödenburger Gebirge, hinter dem die ungarische Tiefebene beginnt.

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Dieses Weingut ist eine große, eine eindrucksvolle Skulptur, 60 Meter lang, 15 Meter breit. Ihr hinterer Teil ist mit Holzbrettern verschalt, der Betonkopf hat ein Muster bekommen, das die Diagonalen der Verschalung aufnimmt und fortsetzt. An der Nordfassade hat sich das selbstbewusste Grau des Betons bereits mit dem organischen Grau des verwitternden Holzes verbündet und das Gebäude uniformiert. 

Aber auch die dynamische Spannung dieses so schnell preisgekrönten Nutzbaus ist seinen Funktionen geschuldet. Das Weingut sitzt auf einem Kellergeschoss, das auf dem Areal eines ehemaligen Weingartens ausgehoben wurde. Im Keller lagern die Fässer auf Gestellen aus Metall. Im Nebenraum stapeln sich die verpackten Flaschen. Die Kellerdecke wird nicht von Unterzügen behindert, damit der Winzer beim Umsortieren seiner Barriques so flexibel wie möglich ist, und Flexibiltät war auch die Losung für die Einrichtung der ebenerdigen Halle. Diese wird von einer Brücke durchschnitten, von einem Kommandostand aus Metall, von dem aus Preisinger seine Produktion dirigiert - Gärständer und Metalltanks, große und kleine Holzfässer. 

In der Halle Musik. Die kommt aus einem kleinen Gettoblaster, füllt die durch Deckenöffnungen natürlich beleuchtete Halle mit guter Laune. Ja, Claus Preisinger fühlt sich hier zu Hause. In seinem Verkostungsraum, der vom Kommandostand direkt angesteuert werden kann, steht ein Artefakt aus Metall, das ihm sein Spengler zum Geburtstag geschenkt hat, ein Tisch, der aus den Initialen C und B besteht.

„Wir müssen die Terrasse möblieren", sagt Preisinger, Slackerjeans, Turnschuhe, T-Shirt, zu Carmen Wiederin und Philipp Tschofen. „Im nächsten Sommer brauchen wir was, wo wir chillen können. Die Sonnenuntergänge über dem See" - er schüttelt den Kopf, als ob es ihm peinlich wäre, das zu sagen - „sind soo kitschig. Rosa. Der ganze Himmel rosa. Purer Kitsch." 

Dabei hat er seinen Beitrag für die Kitschbekämpfung längst erledigt. Das Weingut des jungen Mannes ist das letzte Ausrufezeichen, das es gebraucht hat, um zu begreifen, wie modernes, funktionales Bauen unter den speziellen Bedingungen der Weinmacherei aussehen kann. Die Weingüter Weninger, Balf, Heinrich, Gols, und Preisinger, Gols, fügen der Vielzahl moderner Weingüter, die zu Beginn der nuller Jahre im Osten und Süden Österreichs entstanden sind, eine neue Entwicklungsstufe hinzu, eine Versöhnung von Funktion, Eleganz, Stil und Gelassenheit.

IV. Die Schloss-Theorie

Der Wein und sein Haus. Erstens beruht der Zusammenhang auf Selbstverständlichkeit. Kein Wein ohne Haus. Der Ertrag jedes Weinbergs muss zu seiner Zeit durch das Nadelöhr der Presse in den Keller, in sein Fass, in seine Flasche. 

Damit ist die Selbstverständlichkeit freilich bereits aufgebraucht. Denn was im Haus geschieht, für welche Funktionen es gebraucht wird, das könnte unterschiedlicher nicht sein.
An den Ufern der Gironde, wo die berühmten Weingüter des Bordeaux vor Anker liegen, hat man sich leichten Herzens zur Förmlichkeit entschlossen. Man baute Schlösser. Große Tore, Alleen, Türme, Zinnen. Das hat einerseits eine gewisse Kongruenz zu den Preisen der Weine, lenkt andererseits aber auch nicht vom Kapital der Region ab: ihrer Tradition, ihrem Ruhm, ihrer Größe. Besucher, die sich für eine Verkostung bei einem der besseren Betriebe anmelden, müssen einen guten Grund vorbringen, um akzeptiert zu werden, und selbst wenn sie - was vorausgesetzt werden kann - bereit sind, für eine Lieferung Wein den Preis einer kleinen Eigentumswohnung zu bezahlen, ähnelt der Besuch seiner Form nach einer Audienz: „Sie stehen nicht auf der Subskriptionsliste? Mon Dieu, wo soll ich den Wein für Sie herzaubern?"

Der Erzeugerstolz, der aus dieser Geste spricht, findet seine Entsprechung in Namen der jeweiligen Weingüter. Sie nennen sich „Chateau", Schloss. Es ist gleichzeitig logisch und selbstverständlich, dass die diversen Schlösser auch die Etiketten der Weine, die in ihren Kellern vinifiziert werden, schmücken: das Haus und sein Wein.

V. Österreichischer Wein. Ein Spezialfall

Die Neubauten der burgenländischen und steirischen Winzer entsprangen weltlichen Notwendigkeiten. Viele Betriebe produzierten mit längst überholter Weinberg- und Kellertechnik. Die neue Generation von Weinmachern, mehrheitlich junge Männer, die ihre Lehr- und Wanderjahre in den besten Weinbaugebieten der Welt absolviert hatten, übernahm die Betriebe von den Vätern und entschloss sich, in die Qualitätsverbesserung zu investieren.
Andere Betriebe waren für den eigenen Erfolg nicht gerüstet. Sie konnten die steigende Nachfrage nur mit erhöhter Improvisationsfähigkeit bewältigen und  platzten zwangläufig bald aus allen Nähten. Die Möglichkeit, weiter expandieren zu können, war eng mit dem Entschluss verbunden, zuzubauen, oder, falls dafür kein Platz vorhanden war, einen Neubau zu wagen.

Gleichzeitig veränderte sich die Rezeption des Weins. Spätestens in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde der österreichische Wein zu einem Lifestyle-Produkt. Wer sich in den achtziger Jahren im Wirtshaus am Eck noch mit der Entscheidung zwischen „rot" oder „weiß" schwer tat, verfügt inzwischen freihändig über die Namen der zwanzig, dreißig bekannteren Winzer Österreichs als Konversationskapital. Wein zu trinken gewann Jahr für Jahr an Prestige, das muss von den Winzern auf den verschiedensten Feldern bewirtschaftet werden.

VI. Der Motor Weinskandal

Am 23. April 1985 wurde das Landwirtschaftsministerium in Wien durch mehrere anonyme Anzeigen darauf aufmerksam gemacht, dass im burgenländischen Weinbau nicht alles mit rechten Dingen zugehe. Die darauf ausschwärmenden Beamten fanden bei Stichproben in burgenländischen Kellereien nicht nur Spuren von nachträglich zugefügtem Zucker, sondern auch Diäthylenglykol: einen süßen, öligen Alkohol, der vor allem in Frostschutzmitteln zur Anwendung kam. Sowohl Zucker als auch Diäthylenglykol sollten die für den Export bestimmten Weine - angebliche Spätlesen - süßer und geschmeidiger machen. Mit Weinen dieser Charakteristik ließen sich am internationalen Markt die besten Preise erzielen.
Während der Skandal vorerst von offizieller Seite heruntergespielt wurde, kamen immer neue Details ans Tageslicht. Nicht nur in Exportweinen, auch auf dem heimischen Markt, tauchte gepanschter Wein auf. Das Diäthylenglykol war nicht, wie anfangs gemeldet, nur in Spurenelementen eingesetzt worden, sondern in einzelnen Fällen auch in gesundheitsschädlicher Dosis. 

Die Exekutive schritt ein. 24 Menschen wurden in U-Haft genommen. Über 300 Personen wurden auf freiem Fuß angezeigt. Das deutsche Gesundheitsministerium veröffentlichte eine Liste von 803 österreichischen und 27 deutschen Weinen, die mit der Chemikalie versetzt worden waren, und warnte vor dem Genuss österreichischen Weins. Im August verbot das amerikanische Amt für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen dessen Import. Polen, Frankreich und Großbritannien zogen nach und entfernten österreichische Weine aus dem Regal. Griechenland verbot die Einfuhr komplett. Dänemark setzte 50 Sorten auf den Index. Die „Neue Zürcher Zeitung" schrieb: „Was in Österreich vorgeht und wegen des Exports weltweit bis in die USA und nach Japan Aufsehen erregt hat, wird, so ist zu befürchten, auf Jahre und Jahrzehnte hinaus das Vertrauen in den Wein, in die Redlichkeit der Winzer und in die Glaubwürdigkeit der Weinhändler erschüttert haben."

Zahlreichen Weinpanschern wurde der Prozess gemacht. Sie erhielten Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr und acht Jahren. Der Export österreichischer Weine brach zusammen. Das Landwirtschaftsministerium bezifferte den Schaden auf 124 Millionen Schilling (15 Millionen Franken). Zahlreiche Betriebe mussten Konkurs anmelden.
Ein Jahr später kelterte Ernst Triebaumer aus Rust seinen Blaufränkisch „Marienthal", einen für die weitere Entwicklung der Branche legendären Wein. Der „Marienthal" hatte, was bisher nicht für möglich gehalten worden war: nationalen Ausdruck mit internationaler Wirkung. 
Der „Marienthal" hätte zu keiner besseren Zeit auf die Welt kommen können. Er diente in einer Zeit frostiger Depression als Optimismus-Berechtigung. Der „Marienthal" stand als Solitär am Anfang dessen, was 25 Jahre später als „österreichisches Weinwunder" gilt. 
Dieses „Weinwunder" fasst den beispiellosen Aufbruch einer Branche zusammen, deren kommerzielle Nischenpolitik zusammengebrochen war. Der Aufbruch führte zum Bruch mit alten Gewohnheiten: das Traubenmaterial wurde selektiert und ausgedünnt, um die Erträge zu vermindern und zu verbessern. Im Weingarten wurde sorgfältiger gearbeitet, um nur gesundes, perfektes Traubenmaterial lesen zu können. Die Kellertechnik wurde zeitgemäß aufgerüstet. 

Die Ergebnisse ließen nicht lang auf sich warten. Im Windschatten der Pioniere lieferte eine neue Generation von Winzern plötzlich annehmbare, Jahr für Jahr bessere Weine.
Zuerst machte der österreichische Weißwein Furore, namentlich der aus der Wachau. Ausgerechnet der Wein, der bis in die sechziger Jahre für den Spottreim „sauer wie ein Wachauer" gesorgt hatte, räumte bei internationalen Verkostungen Titel um Titel ab.
Gleichzeitig kamen aus dem burgenländischen Seewinkel brillante Süßweine, namentlich aus der Werkstatt von Alois Kracher. Kracher, der sich über ein begreiflicherweise besonders heikles Segment gewagt hatte, etablierte sich mit den Vorzügen seiner Weingärten gegen den Zeitgeist. Er produzierte Süßweine von ungeahnter Raffinesse und übernahm mit deren internationaler Etablierung auch den Nebenjob, Österreichs liebliche Sorten zu rehabilitieren.
Zuletzt legten die burgenländischen Rotweinwinzer nach. Sie konzentrierten sich nach Experimenten mit internationalen Sorten auf die Stärken autochthoner Sorten, namentlich Blaufränkisch, und entwickelten plötzlich außergewöhnliches Selbstvertrauen. Warum, fragte zum Beispiel der Vorreiter der Blaufränkisch-Renaissance, Roland Velich vom Weingut Moric, soll ein Blaufränkisch weniger können als ein burgundischer Pinot Noir? Der Gedanke prägt eine neue Stilistik von würzigen, eleganten Blaufränkisch, die international - unter anderem von der SWZ - als Weltklasse bewertet werden und den „Marienthal" von anno '86 weit hinter sich lassen.

Ob der Weinskandal die Ursache oder bloß ein Beschleuniger dieser Entwicklung war, ist umstritten. Sicher ist: der Wein wurde besser. Die Preise zogen an. Das Publikum stellte das Bierglas zur Seite und wurde verständig. Eine neue Generation von Winzern bediente das neue Publikum immer besser. Die Qualitätsspirale drehte sich nach oben. Die Aufmerksamkeitsmaschinerie entdeckte die Weinbranche als lohnendes Feld. Die besten Winzer wurden, wie auch die besten Köche und Gastgeber, zu Stars der kulinarischen Revolution, die über Österreich hereinbrach. 

VII. Ufo in Jois

Das Weingut von Leo Hillinger in Jois übernimmt für die mehr als fünfzig Neubauten, die in den nuller Jahren entstanden, die Rolle des Klassensprechers. Der Neubau von gerner°gerner ist formal streng und verbirgt den größeren Teil des 1500 Quadratmeter großen Baukörpers unter der Erde, nicht aber ohne auf den notwendigen, spektakulären Akzent zu verzichten. Aus dem Landschaftsschutzgebiet ragt weit sichtbar der aus Sichtbeton konstruierte Verkostungsraum - die „Hill-Lounge" - und verbreitet die frohe Botschaft: hier wird auf eine völlig neue Weise Wein gemacht - und verkauft. 

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Bild: Weingut Hillinger

Eine Führung durch Leo Hillingers Weingut ist ein Abarbeiten von Superlativen. Die modernste Kellertechnik. Die größten Tanks. Der steigende Umsatz. Der explodierende Export. Die Eroberung der Hofer-Supermärkte. 1,5 Millionen Flaschen, mindestens.
Die Marketingorientierung des Unternehmens wird auf fast schon groteske Weise sichtbar gemacht. Sie beginnt bei der Adresse des Weinguts „Hill 1" und setzt sich fort, indem Mensch und Maschinen ausnahmslos mit dem charakteristischen, seitenverkehrten LL des Hillinger-Logos gebrandet werden. Wenn es einen österreichischen Winzer gibt, der auf dem besten Weg ist, „zur Marke zu werden" (dieser Wunsch beseelt ja inzwischen jeden Provinzbürgermeister nach dem Absolvieren seines ersten Marketingseminars), dann ist es Hillinger. Entsprechend entschlossen liefert er mit seinem Weingut und dessen Bestandteilen Anreize für die „notwendige Wiedererkennbarkeit." 
Hubschrauberlandeplatz. Seminarraum. Doppelt bemantelte Edelstahltanks. Das vom Priester geweihte Denkmal für Leo Hillinger. Flachbildschirm mit Werbeloops. Promigalerie. Der offene Kamin, der mit der Fernbedienung gezündet werden kann (nein, nicht einer jener Kamine, die nur so tun, als ob sie brennen: dieser brennt wirklich). 

Hinter dem Verkaufsbeförderungstrubel und der lauten Musik in der „Lounge" scheint das Gebäude, das mit seiner interessanten Transparenz zwischen Produktions-, Lager- und Präsentationsräumen bestimmt Besseres verdient hätte, zu verblassen. Die Haltung, die hinter der Nutzung steht, legt sich bleiern auf die Ästhetik. Die neue Weinarchitektur besteht, wie auch der Wein, dessen Produktion sie dient, zu einem hohen Anteil aus dem Baustoff Psychologie.


VIII. Winzer im Baurausch

Wilhelm Holzbauer baute für die Genossenschaft der „Vereinten Winzer Blaufränkischland" und das Arachon-Trio Tement-Pichler-Szemes eine laute und mächtige Coverversion der Dominus Winery an den Dorfrand von Horitschon. 
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Bild: www.baunetz.de

Steven Holl stellte der Weingemeinde Langenlois ein begehbares, glänzendes Denkmal in die Peripherie und ergänzte das „Loisium" um ein buntes Klassehotel.
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Bild: www.pov.at

Werner Schüttmayr, Klaus Jaretzky und Christian Leitner entwarfen für das Weingut Tement einen mehrstöckigen Multifunktionspalast, der in die großartige Landschaft des südsteirischen Berghausen platziert wurde.
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Bild: News.at

Igor Skacel stellte für das Weingut Sabathi einen mehrteiligen Produktions- und Präsentationskomplex an die Straße von Leutschach nach Pössnitz.
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Bild: xeiswirte

Doch, es ging auch subtiler.

Pichler & Traupmann kombinierten für das Weingut Krutzler in Deutsch-Schützen die bestehende Wohn- und Kellerpartie mit einer intelligenten, in sämtlichen Details sorgfältig umgesetzten, vorbildlichen Produktionshalle.

Halbritter & Halbritter bauten für das Weingut Pitnauer einen überzeugend simplen Glas-Beton-Kubus in die Weinberge von Gols.
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Bild: Magellan Wine Imports

Raimund Dickinger vollzog für das Weingut Weninger im Ortskern von Horitschon einen sensiblen Umbau des burgenländischen Streckhofs und eine intelligente bauliche Adaptierung der Produktionsabläufe.
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Bild: Weinhandlung am Kueferweg

Rolf Rauner gelang es auf brillante Weise, das alte Wohnhaus des Gamlitzer Weinguts Lackner-Tinnacher zu modernisieren und mit einem holzverkleideten Stahlbau zu verbinden, der sowohl ästhetisch als auch technisch erstklassig dasteht.
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Martin Promintzer adaptierte den Betrieb von Josef Umathum in Frauenkirchen auf gefühlvolle Weise und versah das Fasslager mit geradezu sakraler Stimmung.
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Foto: Falstaff

Das Büro „creuz & quer" entwarf für das Weingut Mariell in Grosshöflein ein fast vorarlbergerisch anmutetendes, zurückhaltend harmonisches Flaschenlager aus Beton und Holz.
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Bild: Europ Wine

IX. Bestandteil des Zaubers

Weinbau ist ein Traditionsgeschäft. Wir wissen, dass im Südirak bereits 5000 v. Chr. Weinreben kultiviert wurden, dass sich die Helden der griechischen Antike mit Wein stärkten, dass römische Soldaten aus hygienischen Gründen Wein schluckten und zahlreiche dunkle Flecken des Mittelalters deshalb ertragen wurden, weil die Belegschaft sie sich schön getrunken hat.
Bei so viel Geschichte leuchtet es ein, dass auf alten Weingütern alte Häuser stehen müssen. Wenn diese Betriebe sorgfältig an die technischen Voraussetzungen der Gegenwart herangeführt werden, so passiert das tunlichst unsichtbar. Die Fassaden von gestern charakterisieren die Weine von heute noch immer am besten.

In der schönen Wachau wurde dieser Satz so lange nicht hinterfragt, bis Lucas Pichler vom Weingut FX Pichler einen Neubau in die Weingärten stellte. Österreichs Paradeweinbau-Region ist reich an herausragenden Weißweinen und an breitschultrigen, aristokratischen Winzerhäusern. Die Ortsbilder von Dürnstein, Loiben, Joching und Spitz sind vergleichsweise unangekränkelt von Baumeister-Modernismus und ehrgeiziger Architektur. Die Trutzburgen der Traditionswinzer stützen mit ihrem Rennaissanceschwung einen selbstzufriedenen Konservatismus.

Unter dem malerisch barocken Verkostungs-Schlösschen der „Freien Weingärtner Wachau" wurde zum Beispiel eine der modernsten Kellermaschinerien Österreichs in die Erde gegraben, ohne dass jemand davon sichtbar Aufhebens machen würde. Jeder Besucher bekommt zum Riesling Kellerberg eine Portion Staunen: über das Geschick, wie eine ausgeklügelte technische Gewaltleistung so gut versteckt werden konnte.

Es war kein Zufall, dass der Neubau der Dominus Winery, den Herzog De Meuron 1995 in Yountville im Napa Valley in die Landschaft stellten, sowohl in Architekten- als auch Winzerkreisen hohe Wellen schlug. Die Bauaufgabe, ein ganzes Weingut von Grund auf neu zu denken, zu planen und zu organisieren, war bis dahin betont sachlich umgesetzt worden. Die Produktionsanlagen, die in neu erschlossenen Weinbaugebieten, in der Neuen Welt, Südafrika oder in Chile in die Landschaft gesetzt worden waren, folgten rein industriellen Notwendigkeiten.

Herzog & de Meuron, Spezialisten für bedeutungsvolles Bauen, gingen mit ihrem spektakulären Quader, dessen Außenwände aus in Drahtgitterkäfigen gefassten Basaltsteinen bestehen, einen Schritt weiter. So wie sie bereits ihre Fußballstadien zu urbanen Rufzeichen gemacht hatten, gaben sie einem einfachen Wirtschaftsgebäude jenes Stück Zauber mit auf den Weg, das sich dieses bis dahin selbst verdient haben musste: durch Geschichte, Qualität der Erzeugnisse, Legenden der Rezeption. Dass die Gestaltung der Produktionsstätte Bestandteil dieses Zaubers sein könnte, war bis dato unbekannt. Aber der Gedanke fiel auf fruchtbaren Boden.

X. Ästhetik der Technik

Seinen ersten Umbau begann Gernot Heinrich im Jahr 2002. Es war die Neuerfindung seines gesamten Betriebs. Er beauftragte den Architekten Werner Schüttmayr nach genauen technischen und organisatorischen Vorgaben mit dem Neubau.

Schüttmayr fasste den Betrieb in drei übereinander geschachtelte Sichtbetonetagen, die miteinander durch Lifte und Schächte verbunden sind. Das wesentliche Anliegen Heinrichs bestand darin, seinen Wein unter maximaler Schonung des Traubenmaterials produzieren zu können.

- Zur Erklärung die schematischen Verarbeitungsschritte bei der Rotweinproduktion:

1. Das Traubenmaterial wird angeliefert und von den Stängeln befreit. Die aus Saft und Häuten bestehende Maische wird in Gärtanks befördert und nach Bedarf geschwefelt. Wichtig ist, dass Pressen und Transport schonend erfolgen, denn zerdrückte Traubenkerne geben unerwünschte Gerb- und Bitterstoffe an den Wein ab. Viele Winzer suchen deshalb nach Möglichkeiten, das Pumpen der Maische in den Tank zu umgehen. Gernot Heinrich bedient sich dafür der Schwerkraft. Er liefert seine Trauben im Erdgeschoß des Produktionsgebäudes an und lässt sie durch Öffnungen im Boden in die Gärtanks gleiten, die eine Etage tiefer aufgestellt sind.

2. Im Gärtank - meistens Edelstahltanks, deren Innentemperatur durch kombinierte Heiz- und Kühlsysteme reguliert werden können - wird die Maische vergoren. Es sind Fragen der Winzerideologie, ob die Gärung mit künstlichen Hefen, erhöhter Tanktemperatur oder anderen Hilfsmitteln unterstützt wird oder ob der Kellermeister bloß kontrolliert, dass keine unerwünschten Reaktionen stattfinden. Die Gärung dauert zwischen vier und zehn Tagen.

3. Nach der alkoholischen Gärung wird der Wein entweder „abgestochen", von seinen festen Bestandteilen getrennt, oder auf der Maische stehen gelassen, um deren Extrakte noch intensiver aufnehmen zu können. Die ständige Umwälzung der nach oben steigenden Maische wird dabei von Hand, mit pneumatischen Maschinen, oder wie bei Heinrich, mit Druckluft unternommen.

4. Anschließend erfolgt der „biologische Säureabbau", die zweite (malolaktische) Gärung des Weins. Dabei wird die im Wein enthaltene Apfelsäure durch spezielle Milchsäurebakterien in mildere Milchsäure verwandelt.  Ob die malolaktische Gärung im Tank oder im Fass stattfindet, kommt auf die gewünschte Charakteristik des Weins an. 

5. Erst jetzt wird der Wein für die Reifung vorbereitet und in neue Gebinde gefüllt, Stahltanks, große Holzfässer, gebrauchte oder neue Barriques aus meist französischer Eiche. Im Betrieb Gernot Heinrichs wandert der Wein schwerkraftbefeuert eine weitere Etage tiefer und wird dort so lange (bis zu 30 Monate) im Fass gelagert, bis die jeweilige Sorte in Flaschen gefüllt wird.

XI. Bussi, dein Zielgebiet

Die steigenden Raum- und Technologiebedürfnisse der österreichischen Winzer waren evident. Der entscheidende Grund, warum die notwendigen Betriebserweiterungen und -neubauten auf architektonisch anspruchsvollem Niveau durchgeführt wurden, finden sich allerdings in der Entscheidung der Europäischen Union, das Burgenland zum Zielgebiet 1 für die Umsetzung von Artikel 158 des „Amsterdamer Vertrags" zu erklären. Darin setzt sich die EU das Ziel, „den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft zu stärken und die Entwicklungsunterschiede auszugleichen". Im Klartext hieß das: Jedes bewilligte Projekt durfte damit rechnen, 30 Prozent des Investitionsvolumens an Fördergeldern ausbezahlt zu bekommen. 

Das Thema wird nicht etwa verschämt behandelt. Etwa zwei Drittel der Bauherren geben unumwunden preis, dass sie nur deshalb mit Architekten gearbeitet hätten, weil ihr Budget durch die Förderungen signifikant großzügiger kalkuliert werden konnte.

Gleichzeitig entwickelte sich eine spezielle Spielart kulturell wertvollen Gruppendrucks. Nachdem die ersten Weinarchitektur-Projekte noch mit angehaltenem Atem absolviert wurden, brach rund um das Millennium die Bauwut aus. Lokale Bauherren begaben sich auf die Suche nach Architekten, und sie wurden vorrangig vor Ort fündig. 

Die Evaluierung der jeweiligen Architektenteams zeigt, wie bodenständig viele Bauherren agierten. Das Starsystem der Architekturwelt erschloss sich den Stars der Weinwelt nicht. Franz Weninger zum Beispiel trat deshalb an den Architekten Raimund Dickinger heran, weil der im selben Ort die Werkstatt des Orgelbauers umgebaut hatte, die Handschrift hatte ihm gefallen. Gabriele und Richard Mariel beauftragten „creuz & quer", weil die gute Kunden des Hauses gewesen waren. Gerhard Pitnauer wählte die burgenländischen Platzhirschen Halbritter & Halbritter, weil er sich - wie sich zeigte, zurecht - nicht nur Hilfe bei der Lösung von architektonischen Fragen versprach, sondern auch Tempo bei deren behördlicher Verabschiedung. Der Architekt Anton Mayerhofer besorgte im Mittelburgenland einen Umbau nach dem anderen, sein nächster Kunde konnte über den Zaun schauen, was sein voriger Kunde gerade in den Garten gestellt bekam. 

Kaum ein Winzer, der sich lange mit theoretischen Grundlagen abgequält hätte. Nur bei Josef Umathum, einem langsamen, bedächtigen Mann aus Frauenkirchen, lag ein Buch auf dem Tisch, das sichtbar Einfluss gehabt hatte auf den neu gebauten, leisen und feierlichen Trakt von Umathums Weingut: Roland Rainers Klassiker „Anonymes Bauen Nordburgenland".
Erstaunlich, dass die Formensprache der Architekten am Schluss doch so genau mit dem Ausdruck übereinstimmte, den die Winzer für ihren jeweiligen Wein gewählt hatten, weit abseits von Namen und Images, hinuntergebrochen auf die pure Philosophie von Geschmack und Handwerk. Niemand, der schlanke, elegante Weine produziert, ließ sich ein protziges Chateau in den Weinberg stellen. Niemand, der wuchtige, eindrucksvolle Weine bevorzugt, hielt sich mit filigranen Details an seinem neuen Haus auf. 

Der Baustoff Psychologie erweist sich als überraschend konstruktiv.





Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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