20
Minuten vor Mitternacht schlägt sich Luc Bondy mit der flachen Hand auf die
Stirn und stöhnt: «Komplizin. Sie ist seine Komplizin!»
Er
springt auf, doch das ist gar nicht so einfach. Die Tische im «Purpur» sind
niedrig, die noch niedrigeren Sitzbänke eigentlich keine Sitzbänke, eher mit
Kelimstoff überzogene Sofas, auf denen man erstklassig Tee trinken, Fernsehen oder
ein Kind machen könnte. Nur fürs schnelle Aufstehen sind sie nicht gemacht.
Erschwerend:
All diese Menschen! Zürich hat doch nur 350.000 Einwohner. Alle sind da, denn
das «Purpur» hat erst vor ein paar Tagen aufgesperrt und ist «heiss». Sie haben
sich zwischen die pseudo-orientalischen Kulissen der Kneipe gequetscht,
schwarze Anzüge, kurze Röcke, Champagnerflöten. Luc Bondy muss - Achtung -
einen ganzen Haufen von - Verzeihung - Schönen, Reichen und - zack - Wichtigen
zur Seite räumen, damit er unter dem dröhnenden Bumm-Bumm der Lautsprecher
endlich den Notausgang erreicht und ins Freie taucht.
Handy
an.
«Sie
ist seine Komplizin!», schreit er viel zu laut, weil sein Kleinhirn noch nicht
glauben kann, dass der Krach wirklich aus ist, «Luise, schreib das auf».
Sie
ist seine Komplizin. Denn Corinne weiss genau, dass Richard einen Mann sterben
liess. Der Mann war schon alt, er war krank, er war, wie Richard sagt, ein
verschlagener alter Drecksack, der, egal ob Hausbesuch oder nicht, in jedem
Fall gestorben wäre. Aber Richard hat diesen Hausbesuch unterlassen, und der
Mann ist tot.
Seine
Frau Corinne weiss auch warum. Richard hat sie, während er dem alten Drecksack
helfen sollte, betrogen. Er traf sich mit dem Mädchen Rebekka. Nahm Drogen,
Schmerzmittel, vielleicht sogar Heroin.
Dabei
waren Corinne, Richard und die Kinder exakt deshalb aufs Land gezogen. Richard
sollte nicht mehr in Versuchung geführt werden. Er hatte seine Praxis in der
Stadt aufgegeben, eine Stelle als Landarzt angenommen. Corinne dachte, auf dem
Land habe er damit aufgehört, er sei clean.
Dann
brachte er in jener Nacht das Mädchen nach Hause, halbtot nach dem Exzess auf
einem Feldweg. Richards Lügen und seine Abgründe kamen ans Licht; eine ganze
Nacht, vier Akte lang.
Das Schrecklichste
daran: Dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.
Der
englische Dramatiker Martin Crimp, Jahrgang 1956, geboren in Dartford/Kent,
mutet seinen Figuren noch einen fünften Akt zu. Zwei Monate später.
Sonntagmorgen. Derselbe Raum, aber verwandelt in Tageslicht. Ein grosses
Fenster mit Blick in die Landschaft.
Corinne
hat Geburtstag. Richard schenkt ihr Schuhe. Er hat ihr versprochen, dass er
sich in Zukunft sauber halten wird. Äusserst sauber.
Später,
wenn Corinne erzählt, dass sie am Vorabend ihres Geburtstags jenen Feldweg
aufgesucht hat, fragt Richard sie:
-
Wie hast du ausgesehen?
Corinne
antwortet:
- Wie eine Komplizin.
- Zeig mal.
- (lächelt) Was?
- Zeig mal, wie du ausgesehen hast.
- Ich habe wie eine Komplizin ausgesehen.
Sie schaut nach
unten - will es offenbar versuchen - lacht aber dann.
-
Ich kann nicht.
Bondy
hat Luise Helle erreicht, seine französische Assistentin. Sie führt Bondys Bücher,
wenn's sein muss, auch 20 vor zwölf.
«Sie
ist seine Komplizin», schreit Bondy noch einmal, diesmal schon etwas leiser.
Ein Passant mit Regenmantel und Hund dreht sich um, stellt den Kragen auf und
beschleunigt den Schritt.
Es
geht um den Beginn des fünften Akts. Wie sich Susanne Lothar, die Corinne in
Martin Crimps «Auf dem Land», verhalten soll. «Suse» - Bondy duzt seine
Mitarbeiter und lässt sich duzen - «muss von Anfang an wissen, dass sie seine
Komplizin ist.»
Mehr
ist nicht zu sagen. Luise notiert. Sie notiert jede Regieidee, über die ihr
Chef sagt: «Das ist schön. Das behalten wir.» Die Feinarbeit morgen in der
Probe.
In
der Probe wird das Evidente - «sie weiss, dass sie seine Komplizin ist» - unter
den Text gearbeitet werden, als ein Motiv von mehreren Motiven.
Eindeutigkeit
ist Luc Bondy ein Gräuel.
«Das
Verborgene ist sein Reich», sagt der Kritiker der Frankfurter Allgemeinen,
Gerhard Stadelmaier, «nicht das Offene.»
Der
als Psychologe geltende Regisseur Bondy sagt, dass ihn folgerichtige,
psychologische Verhaltensweisen immer weniger interessieren. Ihn interessiert,
wie unerwartet Menschen sein können; warum - sobald man etwas plant - stets
etwas anderes stimmt.
Diese
Verwirrung ist sein Ausgangspunkt. Sie bestimmt seine Definition von Realität,
wenigstens auf der Bühne.
Bondy:
«Ich arbeite immer an der Frage, wie ich Dinge am realsten darstellen kann.
Mich interessiert rein handwerklich, wie ich Situationen emotionell möglich
mache.»
Stadelmaier:
«Die Arbeitsweise des Regisseurs Bondy, bis zum letzten Moment eine gefundene
szenische Lösung wieder umzuwerfen und neu zu erfinden, scheint er direkt dem
Leben seiner Figuren abgeschaut: Ihre Möglichkeitsform ist immer grösser als
ihre Wirklichkeitsform.»
Die
Methode ist therapeutisch: Der Regisseur will Dinge, die er in der Realität
nicht verstanden hat, wenigstens auf der Bühne rekonstruieren. Er setzt mit
seinen Schauspielern das Puzzlespiel Mensch, dieses Amalgam aus Vergangenheit,
Gegenwart und Nachahmung, neu zusammen, jeden Tag neu.
Das
Problem: Das Puzzle hat viele Milliarden Einzelteile.
Aber
das Ergebnis ist, im besten Fall, dass auf der Bühne nicht Realität simuliert
wird, sondern stattfindet. Diese Realität, unter Berücksichtigungen aller
Risiken - «oft kenne ich den Unterschied zwischen dem Schauspieler und der
dargestellten Person nicht mehr»(Bondy) - ist «zunehmend» das Ziel des
Regisseurs, und Grundlage der Intensität seiner Inszenierungen. Jede
Handbewegung ein Stück Leben, jeder Seufzer ein Motiv. Das macht Bondys Arbeit
aus.
Als
Luise aufgehängt hat, wird sich Bondy der plötzlichen Stille des Abends
bewusst, ideal für noch ein Telefonat. Er besitzt keinen Herzschrittmacher, hat
der Kritiker Thomas Wördehoff einmal angemerkt, sondern ein Handy. Das ist im
speziellen Fall dasselbe.
Jetzt
durch den Notausgang zurück ins Bumm-Bumm.
Luc
Bondy, Geburtstag: 17. Juli 1948, Klassifikation: Theaterregisseur, Nation:
Schweiz.
Herkunft:
Luc Bondy wurde als Sohn des Publizisten François Bondy in Zürich geboren. Die
Familie seines Vaters kam aus der Donaumonarchie, sein Grossvater Fritz Bondy,
der unter dem Pseudonym N.O.Scarpi veröffentlichte, stammte aus Prag. B. wuchs
in Zürich auf.
Ausbildung:
Neun Jahre war B. in einem Internat in Südfrankreich. In Paris absolvierte er
eine zweijährige Ausbildung an der Schauspielschule des Pantomimen Jacques
Lecoq. Knapp 20jährig, stellte er in Paris an der internationalen
Theateruniversität eine von ihm dramatisierte Gombrowicz-Novelle auf die Bühne.
Wirken:
Munzingers
Archiv listet Luc Bondys fabelhaften Track Record auf: eine imposante Zahl an
Engagements an den besten Theatern Deutschlands, Österreichs, Frankreichs,
Amerikas; kollegialer Leiter der legendären Berliner Schaubühne (1985 - 88, mit
Dieter Sturm und Christoph Leimbacher), Schauspieldirektor der Wiener
Festwochen (seit 1998, Festwochen Co-Direktor mit Hortensia Völckers und
Klaus-Peter Kehr), alleiniger Festwochenleiter ab 2002; wichtige Uraufführungen,
u.a. von Botho Strauss; umwerfende Kritiken aus allen Richtungen.
In
Munzingers Archiv bisher kein Eintrag unter Zürich. Das Schauspielhaus hat
Bondy bisher ausgelassen (und vice versa). Bevor er im Ausland Karriere machte,
hatte es niemand am Pfauen für notwendig gefunden, den jungen, riskanten
Lokalmatador anzufragen. Das erledigte Peter Stein an der Berliner Schaubühne,
und nachher war der noch nicht 30jährige Bondy kein Risiko mehr, sondern ein Star.
Das
Zaudern von damals trug er Zürich nach. Er zierte sich mehr als 20 Jahre, bis
er mit «Auf dem Land» im September die Spielzeit 2001/2002 am Pfauen eröffnete.
«Es brauchte dazu die sympathische Figur des Christoph Marthaler», sagt Bondy
mit koketter Herablassung. «Als er mir diese Inszenierung» - eine Koproduktion
mit dem Berliner Ensemble - «anbot, dachte ich mir: Warum nicht.»
Ganz schön
begeistert.
Bondy
nimmt Quartier in der Gästewohnung des Filmproduzenten This Brunner, moderne
Stilmöbel, DVD-Player, alte Godard-Filme auf CD.
Als
ihn die Theaterkritikerin der «Neuen Zürcher Zeitung» fragt, wie er sich fühle,
erstmals in Zürich zu arbeiten, der Stätte seiner frühen Kindheit, antwortet
Luc Bondy etwas pastoral, dass die Aussenwelt nicht mehr existiere, wenn er an
einem Stück arbeite. Besonders wenn das Stück so schwierig sei wie dieses. Dann
befinde er sich weniger in Zürich als «Auf dem Land».
Und
auf dem Wasser, fügte NZZ-Kolumnist Richard Reich hinzu, der Luc Bondy einmal
zu oft in der Utoquai-Badeanstalt gesehen hatte.
Auch
die Kronenhalle an der Rämistrasse 4 gehört zum Land, das Luc Bondy in Zürich
bestellt. Er ist einer der privilegierten Stammgäste, die noch knapp vor dem
Mittagessen anrufen dürfen und in der ausgebuchten Brasserie einen Platz
bekommen. Bondy begrüsst Kellner und Patron mit Handschlag, manchmal sogar
einen Gast vom Nebentisch, den er - «Hallo, wie geht's?» - mit einem unscharf
erinnerten Bekannten verwechselt.
Bondy
ist jetzt 53. Er ist nicht mehr der luftige, pfiffige Junge von früher,
jedenfalls nicht nur. Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, Jugendfreund
Bondys: «Neben dem sanguinischen Lichtwesen lebt ein talmudisch analysierender
Zweifler in seiner Brust. Keine Wolkenlosigkeit wird ohne bedrohliche
Gewitterfront gesehen, keine Erdbebenkatastrophe ohne Hoffnung auf die
messianische Wende.»
Die
vielen Geschichten, die er erlebt hat, um sie zu erzählen, haben Spuren in
Bondys Gesicht hinterlassen. Er hat zwei erfolgreiche Krebstherapien hinter
sich, die zweite 1987, und muss vor jeder Mahlzeit Insulin gegen seine
Zuckerkrankheit spritzen.
Er
trägt Jeans, dunkles Hemd, dunkle Weste. Nicht das edle Kenzo-schwarz von
Peymann und Zadek. Er ist verheiratet mit Marie-Louise, Vater der Zwillinge
Emanuel und Héloise, hat ein Haus in Paris, eine Wohnung in Wien, ist umworben
wie kein zweiter Theaterregisseur, und macht sich Sorgen um die Zukunft.
«Sie
machen sich Sorgen? Sie sind einer der begehrtesten Regisseure Europas...»
«...das
sagen viele - aber letztlich ist es nicht so. Solange man gut ist, kann man
Bedingungen stellen. Aber kaum zeigt man eine Schwäche, muss man im Vorzimmer
eines Intendanten warten.»
«Haben
Sie Angst vor eigenen Schwächen?»
«Das
habe ich nicht. Aber es kann ja sein, dass ich aufwache und halb verblödet bin
oder Alzheimer habe. Und ich will wirklich nicht im Vorzimmer eines Intendanten
warten.»
«Warum
die Existenzangst? Sie verdienen doch erstklassig.»
«Aber
ich bin kein Sparer. Ich lebe für den Moment, nicht für die Zukunft. Ich gehe
in schöne Hotels. Ich nehme grosse Wohnungen. Ich habe eine grosse Familie. Ich
lebe nicht bescheiden.»
«Hatte
es eine Bedeutung für Sie, wieder in der Schweiz zu arbeiten?»
«Naja,
ich weiss nicht. Ich bin in der Nähe meiner Eltern, das ist ganz schön.»
Die
Gesundheit seines Vaters François ist angegriffen. François Bondy sagt über
sich - erzählt Luc -, dass er in der Asche seines Lebens nach den letzten
Resten Glut suche.
François
Bondy formuliert immer noch aussergewöhnlich.
Luc
will nach der Premiere von «Auf dem Land» das Genre wechseln und einen Film
drehen. Der Schriftsteller Philippe Djian, Autor des Kultromans Betty Blue, hat
für Bondy, der in Frankreich vom selben Agenten betreut wird, ein Drehbuch
geschrieben, Arbeitstitel: Tu avec ta caprice de chien, du mit deiner
Scheisslaune. Als Hauptdarsteller stehen Bruno Ganz und Jane Birkin fest, nur
Details der Finanzierung der «fürchterlich pessimistischen Geschichte» fehlen
noch.
Aber
endlich Film. In den Proben zu «Auf dem Land» hat sich Bondy mehr als einmal
laut gewünscht, hier oder da einen Schnitt setzen zu können und gejammert, dass
Schauspieler nicht ohne Auftritte und Abgänge auskommen.
«Sie
haben das Theater oft kritisiert, das Kino als Konkurrenz des Theaters
gelobt...»
«Konkurrenz?
Der Film ist gegen das Theater völlig konkurrenzlos. Dem Theater fehlen all die
Autoren, die im Kino laufend für neue Erzählweisen sorgen. Nur Cechov und
Shakespeare haben sich getraut, ihr Medium zu überreizen. Schauen Sie dagegen
ins Fernsehen, all die Videoclips...»
«Ein
Autor wie Quentin Tarrantino wäre sicher in der Lage, fürs Theater zu
schreiben...»
«...absolut...»
...aber
warum sollte er?»
«Eben.
Er kann im Film näher ran. Er kann in den Zeiten springen - und er kommt auch
aus einer anderen Kultur. Interessanterweise finde ich, dass frühe Stücke von
Botho Strauss mit Zeit genauso umgegangen sind wie Pulp Fiction. Mit Deja Vu's
und Kreisbewegungen. Alle interessanten Autoren spielen mit Zeit...»
«...aber
Tarantino spielt auch mit Musik, Stimmung, Versatzstücken der Popkultur...»
«...aber
Tarantino ist gleichzeitig hochraffiniert. Ich glaube eben nicht an die
Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur. Das ist ein europäisches - und
ein falsches - Problem. Was Kultur ist, entscheidet nie die Gegenwart.
Vielleicht war Balzac zu seiner Zeit das, was James Ellroy heute ist.»
«Was
fangen ausgerechnet Sie mit einem Trash-Autor wie Ellroy an?»
«Der
ist ein guter Schriftsteller. Es ist für mich gar keine Frage, aus welcher
Kultur der kommt. Die ,Schwarze Dahlie' ist abenteuerlich gut geschrieben. Eine
schwarz-romantische Geschichte. Grossartig. Erinnerte mich manchmal an E.T.A.
Hoffmann und geht weit über Raymond Chandlers Detektiv Marlowe hinaus. Der würde
nie so tief sinken. Wir reden in Europa viel zu viel von Trennungen zwischen U
und E.»
«Tragen
Sie dazu bei, diese Schwellen zu überwinden?»
«Würde
ich gern. Vielleicht im Alter immer mehr.»
«Dabei
verkörpern Sie die Hochkultur wie kaum ein anderer Theaterregisseur. Allein
durch die Wahl der Stücke - fast ausschliesslich Klassiker.»
«Aber
ich habe auch viele Uraufführungen gemacht, Botho Strauss...»
«...der
ja wohl kein gutes Beispiel für Populärkultur ist.»
«Zum
Gralshüter der Hochkultur wurde er erst gemacht. Er hat Stücke mit gänzlich
neuen Situationen geschrieben. Aber Autoren vergehen schnell.»
«Finden
Sie es nicht deprimierend, dass es kaum neue Stücke zeitgenössischer Autoren
gibt?»
«Ja.
Ich weiss nicht, was ich als nächstes machen soll.«
Also
nimmt Luc Bondy noch eine Zigarette. Gleichzeitig merkt er an, dass er
vermutlich gleich wahnsinnig wird. Das Boom-Boom, und wieviel er hier in Zürich
raucht.
Er
hat an den Tisch zurückgefunden, an den er von einem rührigen Zürcher Anwalt
geladen worden war, einen Tisch, notabene, der überhaupt gar nicht zu bekommen
ist, unmöglich, so ausreserviert ist das «Purpur».
«Warum
sind wir dann nicht in die Kronenhalle gegangen», fragt Luc Bondy, allerdings
hinter vorgehaltener Hand.
Er
lässt sich in die kunstvoll bestickten Kissen seiner Sitzbank fallen.
Wie
zufällig kommt neben ihm ein zartes, junges Geschöpf zu sitzen? Zu liegen. Der
freundlichen Unterhaltung zwischen den beiden ist zu entnehmen, dass das Mädchen
Tina heisst und - oh nein! - gerade dabei ist, die Schauspielschule
abzuschliessen.
Luc
Bondy bietet Tina das Du an, schüttelt ihr die Hand und sagt einladend «Luc».
«Luc»,
antwortet Tina und nützt eine Bumm-Bumm-Pause, um - für alle deutlich zu hören
- nachzufragen: «Und wie ist dein Nachname?»
Später
erklärt der etwas aufgelöste Anwalt, dass Luc nicht beleidigt sein möge, Tina
studiere zwar an der Schauspielschule, dort jedoch an der Fakultät für
Fernsehserien.
Luc
Bondy ist in der Theaterwelt unumstritten. Nur als Chef der Wiener Festwochen
musste er streiten. Im vergangenen Sommer passierte ein ehrenvoller Skandal.
Christoph Schlingensief hatte direkt neben der Wiener Staatsoper einen
Container aufgestellt, eine Handvoll Asylbewerber hineingesetzt und nach
Big-Brother-Manier dazu aufgefordert, jeden Tag zwei Container-Bewohner rauszuwählen
und abzuschieben. Der Sieger dürfe eine Österreicherin heiraten.
Das
kam der rechtspopulistischen Kronen Zeitung, deren Logo Schlingensief auf dem
Container platziert hatte, in die falsche Kehle. Auch der Wiener Ableger der FPÖ,
deren fremdenfeindliche Slogans Schlingensief sich zu eigen gemacht hatte,
schoss sich auf den wilden Schlingensief und dessen Intendanten Bondy ein.
Der
Krach wurde später beigelegt. Bondy musste sich bei der Kronen Zeitung
entschuldigen. Das wiederum nahmen ihm ein paar Kollegen von der anderen Seite
des Spektrums übel.
In
Wien wird eben besonders gern übers Theater gestritten. Nicht von ungefähr
konnte Claus Peymann als Chef des Burgtheaters die ganze Stadt in eine öffentliche
Diskussions-Anstalt umfunktionieren. In Österreich ist Theater gleich Politik,
und umgekehrt.
Auch
Festwochen-Schauspieldirektor Luc Bondy kam nicht darum herum, nach der
Machtergreifung der ÖVP-FPÖ-Koalition mit tausenden anderen auf die Strasse zu
gehen und mit leiser, frankophon betonender Stimme zum Widerstand gegen
schwarz-blau aufzurufen.
Als
die Festwochen 2001 zu Ende waren, musste sich Bondy Vorwürfe anhören, er habe
zwar ästhetisch hochwertiges Theater gezeigt, aber politisch sei nichts
passiert.
Doch
im Theater leistet sich Luc Bondy keine Skandale. Zu billig, sagt er. Warum
einem masochistischen Publikum die Freude machen, es zu provozieren? Dazu ist
das Leben zu kurz.
Bondy
- im dunklen Uterus des Theaters nennen ihn die zugelassenen Anwesenden nur
respektvoll «den Luc» - sitzt in der achten Reihe. Neben ihm seine Assistentin
Luise, die mit der Taschenlampe das Regiebuch beleuchtet, aussen am Gang Bondys
Bühnenbildner Wilfried Minks, in Reihe sieben im fahlen Licht eines
Computerbildschirms der Rest des Stabs. Erste Durchlaufprobe für «Auf dem Land».
Luc
sieht zu, wie sich die Lothar, seine Corinne, die Seele um den Leib wickelt,
als sie im fünften Akt Freude über ihr Geburtstagsgeschenk heucheln muss. Er
quittiert die Anstrengung mit einem einfachen «zu brillant».
Die
Lothar erklärt, warum sie spielt, was sie spielt. Sie will von Luc hören, dass
sie grundsätzlich richtig liegt. Doch Luc konzediert höchstens, dass sie ein
bisschen richtig liegt, dass die Wahrheit jedoch viel komplizierter ist.
Viel
komplizierter. Diesen Einwand benützt Luc Bondy mit Vorliebe. Du musst das viel
komplizierter spielen. Die Dinge liegen viel komplizierter.
Er
stoppt den Dialog zwischen Corinne und Richard, als er wie ein Streit zu
klingen beginnt. «Wenn sie streiten, dann haben sie ja eine Möglichkeit!» Er
will den Krach. Aber will ihn tonlos, er will ihn unter der Oberfläche, als Möglichkeit,
nicht als Evidenz. «Die Möglichkeitsform», so Gerhard Stadelmaier, «ist [bei
Bondy] immer grösser als die Wirklichkeitsform.»
Am
eindrucksvollsten die merkwürdige Schlussszene der Lothar.
Corinne
erzählt Richard, wie sie auf dem Stein am Ende des Feldwegs sass, auf dem ihre
Nebenbuhlerin fast umgebracht worden wäre (fast? ganz klar drückt sich der
Autor da nicht aus). Der Stein ist der Wohnzimmersessel, über den jene graue
Decke geworfen wurde, in die Richard die halbtote Rebekka gewickelt hatte; eine
einfache, atemberaubende Idee.
Bevor
Corinne erzählen kann, dass der Stein angefangen hatte, ihr Herz zu fressen,
muss sie jenen Satz sagen, den Autor Martin Crimp in Versalien geschrieben hat,
um damit sein bedrückendes Finale einzuleiten. Auf die Frage Richards, warum
sie angesichts des Steins nicht zum Auto zurückgegangen sei, antwortet Corinne:
WEIL
ICH NICHT ZUM AUTO ZURÜCKGEHEN WOLLTE.
Die
Lothar brüllt wie am Spiess.
Luc
sagt: Das war wunderbar. Jetzt mach's genauso, nur ohne Brüllen.
Es
wird der Moment im Stück, wo dir kalt wird.
Weil. Ich. Nicht. Zum. Auto. Zurückgehen. Wollte.
Das
Licht geht aus.
Das
Licht geht an.
Applaus.
Susanne
Lothar, August Zirner und Anna Böger nehmen einander an den Händen und treten
dem Auditorium bis an die Abrisskante der Bühne entgegen. An ihren Gesichtern
ist der Stolz abzulesen, die Premiere tadellos absolviert zu haben, was heisst
tadellos, grandios.
Eine
einzige Frauenstimme ruft Bravo.
Der
Applaus hebt nicht ab.
Auch
als Luc Bondy gemeinsam mit Martin Crimp, dem schüchternen, langhaarigen Autor
des Stücks, aus den Kulissen kommt: Höflichkeit, aber kein Jubel. Stimmt es,
was der Anwalt, der Luc Bondy ins «Purpur» geladen hatte, sagt: dass «die zurückhaltende,
ruhige, (über-)korrekte, kühle, verklemmte, griesgrämige,
hinter-der-hand-schlechtes-sprechende, oft langweilige und zu oft anzutreffende
typisch zürcherische zwinglianische Art, welche kaum Lebensfreude oder
Ausgelassenheit aufkommen lässt», den verlorenen Sohn nicht hoch genug schätzt?
Zumal der «so intelligent, lustig, gross- und warmherzig ist, intensiv,
meschugge, direkt, lebensfreudig und gebildet. Also das eigentliche Gegenteil»?
Oder
hat Bondy sein Publikum so verstört, wie ihm das Stück auftrug?
Die
Premierenfeier beginnt jedenfalls früher als erwartet.
Handy
an.
Peymann
hat angerufen, wie ist es gelaufen.
«Haben
Sie Todesangst?»
«Ja,
kann man sagen. Ist doch klar. Die Leute, die Erfolg haben, haben vielleicht
noch mehr Angst vor dem Tod: man besitzt, wie man in der Psychoanalyse lernt,
im Über-Ich eine Instanz, die davor warnt, dass Übermut und Euphorie von der
grossen Strafe gefolgt werden. Bei mir kommt natürlich der Aspekt dazu, dass
ich als junger Mensch sehr nah am Tod war, das hat es nicht besser gemacht.»
«Verschlimmert
sich die Angst?»
«Nein.
Mein Vater hat mir einen Satz des Philosophen Benedetto Croce mitgegeben. Das
Leben besteht daraus, geschlossene Augen ganz kurz aufmachen zu können - und
dann wieder zu schliessen. Ich bin besessen von der Vorstellung, dass man vom
Nichts ins Nichts geht.»

Leave a comment