Luc Bondy

Das Magazin / Porträts

20 Minuten vor Mitternacht schlägt sich Luc Bondy mit der flachen Hand auf die Stirn und stöhnt: «Komplizin. Sie ist seine Komplizin!»

Er springt auf, doch das ist gar nicht so einfach. Die Tische im «Purpur» sind niedrig, die noch niedrigeren Sitzbänke eigentlich keine Sitzbänke, eher mit Kelimstoff überzogene Sofas, auf denen man erstklassig Tee trinken, Fernsehen oder ein Kind machen könnte. Nur fürs schnelle Aufstehen sind sie nicht gemacht. 



Erschwerend: All diese Menschen! Zürich hat doch nur 350.000 Einwohner. Alle sind da, denn das «Purpur» hat erst vor ein paar Tagen aufgesperrt und ist «heiss». Sie haben sich zwischen die pseudo-orientalischen Kulissen der Kneipe gequetscht, schwarze Anzüge, kurze Röcke, Champagnerflöten. Luc Bondy muss - Achtung - einen ganzen Haufen von - Verzeihung - Schönen, Reichen und - zack - Wichtigen zur Seite räumen, damit er unter dem dröhnenden Bumm-Bumm der Lautsprecher endlich den Notausgang erreicht und ins Freie taucht.

Handy an.

«Sie ist seine Komplizin!», schreit er viel zu laut, weil sein Kleinhirn noch nicht glauben kann, dass der Krach wirklich aus ist, «Luise, schreib das auf».

 

Sie ist seine Komplizin. Denn Corinne weiss genau, dass Richard einen Mann sterben liess. Der Mann war schon alt, er war krank, er war, wie Richard sagt, ein verschlagener alter Drecksack, der, egal ob Hausbesuch oder nicht, in jedem Fall gestorben wäre. Aber Richard hat diesen Hausbesuch unterlassen, und der Mann ist tot.

Seine Frau Corinne weiss auch warum. Richard hat sie, während er dem alten Drecksack helfen sollte, betrogen. Er traf sich mit dem Mädchen Rebekka. Nahm Drogen, Schmerzmittel, vielleicht sogar Heroin.

Dabei waren Corinne, Richard und die Kinder exakt deshalb aufs Land gezogen. Richard sollte nicht mehr in Versuchung geführt werden. Er hatte seine Praxis in der Stadt aufgegeben, eine Stelle als Landarzt angenommen. Corinne dachte, auf dem Land habe er damit aufgehört, er sei clean.

Dann brachte er in jener Nacht das Mädchen nach Hause, halbtot nach dem Exzess auf einem Feldweg. Richards Lügen und seine Abgründe kamen ans Licht; eine ganze Nacht, vier Akte lang.

Das Schrecklichste daran: Dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist.

Der englische Dramatiker Martin Crimp, Jahrgang 1956, geboren in Dartford/Kent, mutet seinen Figuren noch einen fünften Akt zu. Zwei Monate später. Sonntagmorgen. Derselbe Raum, aber verwandelt in Tageslicht. Ein grosses Fenster mit Blick in die Landschaft.

Corinne hat Geburtstag. Richard schenkt ihr Schuhe. Er hat ihr versprochen, dass er sich in Zukunft sauber halten wird. Äusserst sauber.

Später, wenn Corinne erzählt, dass sie am Vorabend ihres Geburtstags jenen Feldweg aufgesucht hat, fragt Richard sie:

- Wie hast du ausgesehen?

Corinne antwortet:

- Wie eine Komplizin.

- Zeig mal.

- (lächelt) Was?

- Zeig mal, wie du ausgesehen hast.

- Ich habe wie eine Komplizin ausgesehen.

Sie schaut nach unten - will es offenbar versuchen - lacht aber dann.

- Ich kann nicht.

 

Bondy hat Luise Helle erreicht, seine französische Assistentin. Sie führt Bondys Bücher, wenn's sein muss, auch 20 vor zwölf.

«Sie ist seine Komplizin», schreit Bondy noch einmal, diesmal schon etwas leiser. Ein Passant mit Regenmantel und Hund dreht sich um, stellt den Kragen auf und beschleunigt den Schritt.

Es geht um den Beginn des fünften Akts. Wie sich Susanne Lothar, die Corinne in Martin Crimps «Auf dem Land», verhalten soll. «Suse» - Bondy duzt seine Mitarbeiter und lässt sich duzen - «muss von Anfang an wissen, dass sie seine Komplizin ist.»

Mehr ist nicht zu sagen. Luise notiert. Sie notiert jede Regieidee, über die ihr Chef sagt: «Das ist schön. Das behalten wir.» Die Feinarbeit morgen in der Probe.

In der Probe wird das Evidente - «sie weiss, dass sie seine Komplizin ist» - unter den Text gearbeitet werden, als ein Motiv von mehreren Motiven.

Eindeutigkeit ist Luc Bondy ein Gräuel.

«Das Verborgene ist sein Reich», sagt der Kritiker der Frankfurter Allgemeinen, Gerhard Stadelmaier, «nicht das Offene.»

Der als Psychologe geltende Regisseur Bondy sagt, dass ihn folgerichtige, psychologische Verhaltensweisen immer weniger interessieren. Ihn interessiert, wie unerwartet Menschen sein können; warum - sobald man etwas plant - stets etwas anderes stimmt.

Diese Verwirrung ist sein Ausgangspunkt. Sie bestimmt seine Definition von Realität, wenigstens auf der Bühne.

Bondy: «Ich arbeite immer an der Frage, wie ich Dinge am realsten darstellen kann. Mich interessiert rein handwerklich, wie ich Situationen emotionell möglich mache.»

Stadelmaier: «Die Arbeitsweise des Regisseurs Bondy, bis zum letzten Moment eine gefundene szenische Lösung wieder umzuwerfen und neu zu erfinden, scheint er direkt dem Leben seiner Figuren abgeschaut: Ihre Möglichkeitsform ist immer grösser als ihre Wirklichkeitsform.»

Die Methode ist therapeutisch: Der Regisseur will Dinge, die er in der Realität nicht verstanden hat, wenigstens auf der Bühne rekonstruieren. Er setzt mit seinen Schauspielern das Puzzlespiel Mensch, dieses Amalgam aus Vergangenheit, Gegenwart und Nachahmung, neu zusammen, jeden Tag neu.

Das Problem: Das Puzzle hat viele Milliarden Einzelteile.

Aber das Ergebnis ist, im besten Fall, dass auf der Bühne nicht Realität simuliert wird, sondern stattfindet. Diese Realität, unter Berücksichtigungen aller Risiken - «oft kenne ich den Unterschied zwischen dem Schauspieler und der dargestellten Person nicht mehr»(Bondy) - ist «zunehmend» das Ziel des Regisseurs, und Grundlage der Intensität seiner Inszenierungen. Jede Handbewegung ein Stück Leben, jeder Seufzer ein Motiv. Das macht Bondys Arbeit aus.

Als Luise aufgehängt hat, wird sich Bondy der plötzlichen Stille des Abends bewusst, ideal für noch ein Telefonat. Er besitzt keinen Herzschrittmacher, hat der Kritiker Thomas Wördehoff einmal angemerkt, sondern ein Handy. Das ist im speziellen Fall dasselbe.

Jetzt durch den Notausgang zurück ins Bumm-Bumm.

 

Luc Bondy, Geburtstag: 17. Juli 1948, Klassifikation: Theaterregisseur, Nation: Schweiz.

Herkunft: Luc Bondy wurde als Sohn des Publizisten François Bondy in Zürich geboren. Die Familie seines Vaters kam aus der Donaumonarchie, sein Grossvater Fritz Bondy, der unter dem Pseudonym N.O.Scarpi veröffentlichte, stammte aus Prag. B. wuchs in Zürich auf.

Ausbildung: Neun Jahre war B. in einem Internat in Südfrankreich. In Paris absolvierte er eine zweijährige Ausbildung an der Schauspielschule des Pantomimen Jacques Lecoq. Knapp 20jährig, stellte er in Paris an der internationalen Theateruniversität eine von ihm dramatisierte Gombrowicz-Novelle auf die Bühne.

Wirken:

Munzingers Archiv listet Luc Bondys fabelhaften Track Record auf: eine imposante Zahl an Engagements an den besten Theatern Deutschlands, Österreichs, Frankreichs, Amerikas; kollegialer Leiter der legendären Berliner Schaubühne (1985 - 88, mit Dieter Sturm und Christoph Leimbacher), Schauspieldirektor der Wiener Festwochen (seit 1998, Festwochen Co-Direktor mit Hortensia Völckers und Klaus-Peter Kehr), alleiniger Festwochenleiter ab 2002; wichtige Uraufführungen, u.a. von Botho Strauss; umwerfende Kritiken aus allen Richtungen.

In Munzingers Archiv bisher kein Eintrag unter Zürich. Das Schauspielhaus hat Bondy bisher ausgelassen (und vice versa). Bevor er im Ausland Karriere machte, hatte es niemand am Pfauen für notwendig gefunden, den jungen, riskanten Lokalmatador anzufragen. Das erledigte Peter Stein an der Berliner Schaubühne, und nachher war der noch nicht 30jährige Bondy kein Risiko mehr, sondern ein Star.

Das Zaudern von damals trug er Zürich nach. Er zierte sich mehr als 20 Jahre, bis er mit «Auf dem Land» im September die Spielzeit 2001/2002 am Pfauen eröffnete. «Es brauchte dazu die sympathische Figur des Christoph Marthaler», sagt Bondy mit koketter Herablassung. «Als er mir diese Inszenierung» - eine Koproduktion mit dem Berliner Ensemble - «anbot, dachte ich mir: Warum nicht.»

Ganz schön begeistert.

 

Bondy nimmt Quartier in der Gästewohnung des Filmproduzenten This Brunner, moderne Stilmöbel, DVD-Player, alte Godard-Filme auf CD.

Als ihn die Theaterkritikerin der «Neuen Zürcher Zeitung» fragt, wie er sich fühle, erstmals in Zürich zu arbeiten, der Stätte seiner frühen Kindheit, antwortet Luc Bondy etwas pastoral, dass die Aussenwelt nicht mehr existiere, wenn er an einem Stück arbeite. Besonders wenn das Stück so schwierig sei wie dieses. Dann befinde er sich weniger in Zürich als «Auf dem Land».

Und auf dem Wasser, fügte NZZ-Kolumnist Richard Reich hinzu, der Luc Bondy einmal zu oft in der Utoquai-Badeanstalt gesehen hatte.

Auch die Kronenhalle an der Rämistrasse 4 gehört zum Land, das Luc Bondy in Zürich bestellt. Er ist einer der privilegierten Stammgäste, die noch knapp vor dem Mittagessen anrufen dürfen und in der ausgebuchten Brasserie einen Platz bekommen. Bondy begrüsst Kellner und Patron mit Handschlag, manchmal sogar einen Gast vom Nebentisch, den er - «Hallo, wie geht's?» - mit einem unscharf erinnerten Bekannten verwechselt.

Bondy ist jetzt 53. Er ist nicht mehr der luftige, pfiffige Junge von früher, jedenfalls nicht nur. Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk, Jugendfreund Bondys: «Neben dem sanguinischen Lichtwesen lebt ein talmudisch analysierender Zweifler in seiner Brust. Keine Wolkenlosigkeit wird ohne bedrohliche Gewitterfront gesehen, keine Erdbebenkatastrophe ohne Hoffnung auf die messianische Wende.»

Die vielen Geschichten, die er erlebt hat, um sie zu erzählen, haben Spuren in Bondys Gesicht hinterlassen. Er hat zwei erfolgreiche Krebstherapien hinter sich, die zweite 1987, und muss vor jeder Mahlzeit Insulin gegen seine Zuckerkrankheit spritzen.

Er trägt Jeans, dunkles Hemd, dunkle Weste. Nicht das edle Kenzo-schwarz von Peymann und Zadek. Er ist verheiratet mit Marie-Louise, Vater der Zwillinge Emanuel und Héloise, hat ein Haus in Paris, eine Wohnung in Wien, ist umworben wie kein zweiter Theaterregisseur, und macht sich Sorgen um die Zukunft.

«Sie machen sich Sorgen? Sie sind einer der begehrtesten Regisseure Europas...»

«...das sagen viele - aber letztlich ist es nicht so. Solange man gut ist, kann man Bedingungen stellen. Aber kaum zeigt man eine Schwäche, muss man im Vorzimmer eines Intendanten warten.»

«Haben Sie Angst vor eigenen Schwächen?»

«Das habe ich nicht. Aber es kann ja sein, dass ich aufwache und halb verblödet bin oder Alzheimer habe. Und ich will wirklich nicht im Vorzimmer eines Intendanten warten.»

«Warum die Existenzangst? Sie verdienen doch erstklassig.»

«Aber ich bin kein Sparer. Ich lebe für den Moment, nicht für die Zukunft. Ich gehe in schöne Hotels. Ich nehme grosse Wohnungen. Ich habe eine grosse Familie. Ich lebe nicht bescheiden.»

«Hatte es eine Bedeutung für Sie, wieder in der Schweiz zu arbeiten?»

«Naja, ich weiss nicht. Ich bin in der Nähe meiner Eltern, das ist ganz schön.»

Die Gesundheit seines Vaters François ist angegriffen. François Bondy sagt über sich - erzählt Luc -, dass er in der Asche seines Lebens nach den letzten Resten Glut suche.

François Bondy formuliert immer noch aussergewöhnlich.

Luc will nach der Premiere von «Auf dem Land» das Genre wechseln und einen Film drehen. Der Schriftsteller Philippe Djian, Autor des Kultromans Betty Blue, hat für Bondy, der in Frankreich vom selben Agenten betreut wird, ein Drehbuch geschrieben, Arbeitstitel: Tu avec ta caprice de chien, du mit deiner Scheisslaune. Als Hauptdarsteller stehen Bruno Ganz und Jane Birkin fest, nur Details der Finanzierung der «fürchterlich pessimistischen Geschichte» fehlen noch.

Aber endlich Film. In den Proben zu «Auf dem Land» hat sich Bondy mehr als einmal laut gewünscht, hier oder da einen Schnitt setzen zu können und gejammert, dass Schauspieler nicht ohne Auftritte und Abgänge auskommen.

«Sie haben das Theater oft kritisiert, das Kino als Konkurrenz des Theaters gelobt...»

«Konkurrenz? Der Film ist gegen das Theater völlig konkurrenzlos. Dem Theater fehlen all die Autoren, die im Kino laufend für neue Erzählweisen sorgen. Nur Cechov und Shakespeare haben sich getraut, ihr Medium zu überreizen. Schauen Sie dagegen ins Fernsehen, all die Videoclips...»

«Ein Autor wie Quentin Tarrantino wäre sicher in der Lage, fürs Theater zu schreiben...»

«...absolut...»

...aber warum sollte er?»

«Eben. Er kann im Film näher ran. Er kann in den Zeiten springen - und er kommt auch aus einer anderen Kultur. Interessanterweise finde ich, dass frühe Stücke von Botho Strauss mit Zeit genauso umgegangen sind wie Pulp Fiction. Mit Deja Vu's und Kreisbewegungen. Alle interessanten Autoren spielen mit Zeit...»

«...aber Tarantino spielt auch mit Musik, Stimmung, Versatzstücken der Popkultur...»

«...aber Tarantino ist gleichzeitig hochraffiniert. Ich glaube eben nicht an die Unterschiede zwischen Hoch- und Trivialkultur. Das ist ein europäisches - und ein falsches - Problem. Was Kultur ist, entscheidet nie die Gegenwart. Vielleicht war Balzac zu seiner Zeit das, was James Ellroy heute ist.»

«Was fangen ausgerechnet Sie mit einem Trash-Autor wie Ellroy an?»

«Der ist ein guter Schriftsteller. Es ist für mich gar keine Frage, aus welcher Kultur der kommt. Die ,Schwarze Dahlie' ist abenteuerlich gut geschrieben. Eine schwarz-romantische Geschichte. Grossartig. Erinnerte mich manchmal an E.T.A. Hoffmann und geht weit über Raymond Chandlers Detektiv Marlowe hinaus. Der würde nie so tief sinken. Wir reden in Europa viel zu viel von Trennungen zwischen U und E.»

«Tragen Sie dazu bei, diese Schwellen zu überwinden?»

«Würde ich gern. Vielleicht im Alter immer mehr.»

«Dabei verkörpern Sie die Hochkultur wie kaum ein anderer Theaterregisseur. Allein durch die Wahl der Stücke - fast ausschliesslich Klassiker.»

«Aber ich habe auch viele Uraufführungen gemacht, Botho Strauss...»

«...der ja wohl kein gutes Beispiel für Populärkultur ist.»

«Zum Gralshüter der Hochkultur wurde er erst gemacht. Er hat Stücke mit gänzlich neuen Situationen geschrieben. Aber Autoren vergehen schnell.»

«Finden Sie es nicht deprimierend, dass es kaum neue Stücke zeitgenössischer Autoren gibt?»

«Ja. Ich weiss nicht, was ich als nächstes machen soll.«

 

Also nimmt Luc Bondy noch eine Zigarette. Gleichzeitig merkt er an, dass er vermutlich gleich wahnsinnig wird. Das Boom-Boom, und wieviel er hier in Zürich raucht.

Er hat an den Tisch zurückgefunden, an den er von einem rührigen Zürcher Anwalt geladen worden war, einen Tisch, notabene, der überhaupt gar nicht zu bekommen ist, unmöglich, so ausreserviert ist das «Purpur».

«Warum sind wir dann nicht in die Kronenhalle gegangen», fragt Luc Bondy, allerdings hinter vorgehaltener Hand.

Er lässt sich in die kunstvoll bestickten Kissen seiner Sitzbank fallen.

Wie zufällig kommt neben ihm ein zartes, junges Geschöpf zu sitzen? Zu liegen. Der freundlichen Unterhaltung zwischen den beiden ist zu entnehmen, dass das Mädchen Tina heisst und - oh nein! - gerade dabei ist, die Schauspielschule abzuschliessen.

Luc Bondy bietet Tina das Du an, schüttelt ihr die Hand und sagt einladend «Luc».

«Luc», antwortet Tina und nützt eine Bumm-Bumm-Pause, um - für alle deutlich zu hören - nachzufragen: «Und wie ist dein Nachname?»

Später erklärt der etwas aufgelöste Anwalt, dass Luc nicht beleidigt sein möge, Tina studiere zwar an der Schauspielschule, dort jedoch an der Fakultät für Fernsehserien.

 

Luc Bondy ist in der Theaterwelt unumstritten. Nur als Chef der Wiener Festwochen musste er streiten. Im vergangenen Sommer passierte ein ehrenvoller Skandal. Christoph Schlingensief hatte direkt neben der Wiener Staatsoper einen Container aufgestellt, eine Handvoll Asylbewerber hineingesetzt und nach Big-Brother-Manier dazu aufgefordert, jeden Tag zwei Container-Bewohner rauszuwählen und abzuschieben. Der Sieger dürfe eine Österreicherin heiraten.

Das kam der rechtspopulistischen Kronen Zeitung, deren Logo Schlingensief auf dem Container platziert hatte, in die falsche Kehle. Auch der Wiener Ableger der FPÖ, deren fremdenfeindliche Slogans Schlingensief sich zu eigen gemacht hatte, schoss sich auf den wilden Schlingensief und dessen Intendanten Bondy ein.

Der Krach wurde später beigelegt. Bondy musste sich bei der Kronen Zeitung entschuldigen. Das wiederum nahmen ihm ein paar Kollegen von der anderen Seite des Spektrums übel.

In Wien wird eben besonders gern übers Theater gestritten. Nicht von ungefähr konnte Claus Peymann als Chef des Burgtheaters die ganze Stadt in eine öffentliche Diskussions-Anstalt umfunktionieren. In Österreich ist Theater gleich Politik, und umgekehrt.

Auch Festwochen-Schauspieldirektor Luc Bondy kam nicht darum herum, nach der Machtergreifung der ÖVP-FPÖ-Koalition mit tausenden anderen auf die Strasse zu gehen und mit leiser, frankophon betonender Stimme zum Widerstand gegen schwarz-blau aufzurufen.

Als die Festwochen 2001 zu Ende waren, musste sich Bondy Vorwürfe anhören, er habe zwar ästhetisch hochwertiges Theater gezeigt, aber politisch sei nichts passiert.

 

Doch im Theater leistet sich Luc Bondy keine Skandale. Zu billig, sagt er. Warum einem masochistischen Publikum die Freude machen, es zu provozieren? Dazu ist das Leben zu kurz.

Bondy - im dunklen Uterus des Theaters nennen ihn die zugelassenen Anwesenden nur respektvoll «den Luc» - sitzt in der achten Reihe. Neben ihm seine Assistentin Luise, die mit der Taschenlampe das Regiebuch beleuchtet, aussen am Gang Bondys Bühnenbildner Wilfried Minks, in Reihe sieben im fahlen Licht eines Computerbildschirms der Rest des Stabs. Erste Durchlaufprobe für «Auf dem Land».

Luc sieht zu, wie sich die Lothar, seine Corinne, die Seele um den Leib wickelt, als sie im fünften Akt Freude über ihr Geburtstagsgeschenk heucheln muss. Er quittiert die Anstrengung mit einem einfachen «zu brillant».

Die Lothar erklärt, warum sie spielt, was sie spielt. Sie will von Luc hören, dass sie grundsätzlich richtig liegt. Doch Luc konzediert höchstens, dass sie ein bisschen richtig liegt, dass die Wahrheit jedoch viel komplizierter ist.

Viel komplizierter. Diesen Einwand benützt Luc Bondy mit Vorliebe. Du musst das viel komplizierter spielen. Die Dinge liegen viel komplizierter.

Er stoppt den Dialog zwischen Corinne und Richard, als er wie ein Streit zu klingen beginnt. «Wenn sie streiten, dann haben sie ja eine Möglichkeit!» Er will den Krach. Aber will ihn tonlos, er will ihn unter der Oberfläche, als Möglichkeit, nicht als Evidenz. «Die Möglichkeitsform», so Gerhard Stadelmaier, «ist [bei Bondy] immer grösser als die Wirklichkeitsform.»

Am eindrucksvollsten die merkwürdige Schlussszene der Lothar.

Corinne erzählt Richard, wie sie auf dem Stein am Ende des Feldwegs sass, auf dem ihre Nebenbuhlerin fast umgebracht worden wäre (fast? ganz klar drückt sich der Autor da nicht aus). Der Stein ist der Wohnzimmersessel, über den jene graue Decke geworfen wurde, in die Richard die halbtote Rebekka gewickelt hatte; eine einfache, atemberaubende Idee.

Bevor Corinne erzählen kann, dass der Stein angefangen hatte, ihr Herz zu fressen, muss sie jenen Satz sagen, den Autor Martin Crimp in Versalien geschrieben hat, um damit sein bedrückendes Finale einzuleiten. Auf die Frage Richards, warum sie angesichts des Steins nicht zum Auto zurückgegangen sei, antwortet Corinne:

WEIL ICH NICHT ZUM AUTO ZURÜCKGEHEN WOLLTE.

Die Lothar brüllt wie am Spiess.

Luc sagt: Das war wunderbar. Jetzt mach's genauso, nur ohne Brüllen.

Es wird der Moment im Stück, wo dir kalt wird.

Weil. Ich. Nicht. Zum. Auto. Zurückgehen. Wollte.

Das Licht geht aus.

 

Das Licht geht an.

Applaus.

Susanne Lothar, August Zirner und Anna Böger nehmen einander an den Händen und treten dem Auditorium bis an die Abrisskante der Bühne entgegen. An ihren Gesichtern ist der Stolz abzulesen, die Premiere tadellos absolviert zu haben, was heisst tadellos, grandios.

Eine einzige Frauenstimme ruft Bravo.

Der Applaus hebt nicht ab.

Auch als Luc Bondy gemeinsam mit Martin Crimp, dem schüchternen, langhaarigen Autor des Stücks, aus den Kulissen kommt: Höflichkeit, aber kein Jubel. Stimmt es, was der Anwalt, der Luc Bondy ins «Purpur» geladen hatte, sagt: dass «die zurückhaltende, ruhige, (über-)korrekte, kühle, verklemmte, griesgrämige, hinter-der-hand-schlechtes-sprechende, oft langweilige und zu oft anzutreffende typisch zürcherische zwinglianische Art, welche kaum Lebensfreude oder Ausgelassenheit aufkommen lässt», den verlorenen Sohn nicht hoch genug schätzt? Zumal der «so intelligent, lustig, gross- und warmherzig ist, intensiv, meschugge, direkt, lebensfreudig und gebildet. Also das eigentliche Gegenteil»?

Oder hat Bondy sein Publikum so verstört, wie ihm das Stück auftrug?

Die Premierenfeier beginnt jedenfalls früher als erwartet.

Handy an.

Peymann hat angerufen, wie ist es gelaufen.

 

«Haben Sie Todesangst?»

«Ja, kann man sagen. Ist doch klar. Die Leute, die Erfolg haben, haben vielleicht noch mehr Angst vor dem Tod: man besitzt, wie man in der Psychoanalyse lernt, im Über-Ich eine Instanz, die davor warnt, dass Übermut und Euphorie von der grossen Strafe gefolgt werden. Bei mir kommt natürlich der Aspekt dazu, dass ich als junger Mensch sehr nah am Tod war, das hat es nicht besser gemacht.»

«Verschlimmert sich die Angst?»

«Nein. Mein Vater hat mir einen Satz des Philosophen Benedetto Croce mitgegeben. Das Leben besteht daraus, geschlossene Augen ganz kurz aufmachen zu können - und dann wieder zu schliessen. Ich bin besessen von der Vorstellung, dass man vom Nichts ins Nichts geht.» 


Food & Beverage

Christian Seilers
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