Linz, Skylines 2004

Kolumnen / Österreich, Skylines
Mein letzter Besuch in Linz, Hauptstadt von Oberösterreich, gestaltete sich nicht freiwillig. Ich fuhr mit einem Mercedes Benz fortgeschrittenen Alters vom frühjahrsverschneiten Zell am See, wo ich in einem Schloss, das der Firma Porsche gehört, einen leichten Lunch genommen hatte, nach Wien, und exakt dort, wo die Innkreisautobahn von Wels auf die A2, die Westautobahn, trifft, machte irgendwas im Motor „plopp". Das „plopp" interessierte mich, ich spitzte die Ohren und stieg vom Gas, aber zu diesem Zeitpunkt wäre es vermutlich bereits richtig gewesen, auszukuppeln, denn was sich Augenblicke später unter der Motorhaube abspielte, hatte Qualitäten von Stockhausens „Quartett für vier Hubschrauber". 

Leider besaß der Benz ein Automatikgetriebe, was soll ich ihnen sagen: ausrollen, am Pannenstreifen stehenbleiben und draufkommen, dass mein Körpertelefon keinen Saft mehr hatte. Es war inzwischen dunkel, der Lunch hatte sich doch ein bisschen in die Länge gezogen, und ein illuminiertes Fahrzeug nach dem anderen rauschte an dem bemitleidenswerten Kasperl vorbei, der neben seinem S.O.S blinkenden Schrottmercedes stand und versuchte, jemanden mit weichem Herzen anzuhalten. Aber nicht einmal die regelmäßig vorbeikommenden Schrottfuhren aus Ungarn oder Polen, die havarierte Autos aller Marken in den ehemaligen Ostblock exportieren, witterten ein Geschäft. Es begann, wie könnte es zu diesem Zeitpunkt der Geschichte anders sein, zu regnen, und ich fühlte mich etwas einsam.

Aber, aber, aber. Was folgte, war sowas wie die beste Nacht meines Lebens, die ich nicht mit einer Frau verbrachte. Denn exakt in dem Augenblick, als ich mich trotzig ins Wageninnere zurückzog und das Radio einschaltete, in dem gerade das grandiose Dowland Project vorgestellt wurde, eine himmeltraurige und wunderschöne Arbeit der Übersetzung von Alter Musik ins Zeitgenössische, landete vor meinen Augen ein Flugzeug auf dem Pannenstreifen. Okay, es war nicht direkt ein Flugzeug, aber doch einer jener 911er Porsches, bei denen der Heckspoiler ab einer moderaten Geschwindigkeit von 150 hinten ausfährt. Dieser Porsche schliff sich also direkt vor mir ein, die Bremsleistung war beachtlich, beim Anflug war der Spoiler auf jeden Fall noch draußen. Dann setzte der Fahrer zurück, ich schätze mit sechzig im Retourgang. Ja, es gab einen kurzen Moment der Unruhe, als ich nämlich sah, dass der Fahrer sich beim Rückwärtsfahren nicht umdrehte. Das hatte einen Grund. Es handelte sich um meinen alten Freund Phil, der für andere Zeitschriften rastlos unser Land bereist und in der Regel nie dort ist, wo man ihn ankündigt, andererseits immer zur Stelle, wenn man ihn sicher nicht braucht.

Phil zeigte sich kaum überrascht, mich auf der dunklen Autobahn in einem tot gerittenen Benz anzutreffen. Er schnupperte einmal an der Motorhaube, diagnostizierte einen doppelten Kolbenreiber (es war, wie sich später herausstellte, ein Crash des Getriebes) und betrachtete mich mit einer seltsamen Mischung aus Mitleid und Respekt, „90 Minuten von Zell hierher, nicht schlecht, allerdings ungenügende Verschleissnoten".

Dann gab er mir drei Tipps. Erstens das Radio abdrehn. Zweitens das Auto absperren und den Schlüssel in den Straßengraben werfen. Drittens endlich in den depperten Porsche einsteigen und mit ihm in die Stadt Linz fahren, ich hätte dringend ein Glas Weißwein nötig, und er zwei.

Was soll ich euch sagen, an der Seite von Phil ist Linz eine Offenbarung. Wir enterten die Stadt, ließen den Porsche am Eingang zur Fußgängerzone fallen und erwischten gerade den Koch des besten Restaurants am Platz, das so heisst wie ein berühmter italienischer Komponist mit fünf Buchstaben. Der Koch wollte nach Hause, wir aber stamperten ihn zurück in die Küche und verzehrten quer über Mitternacht Resteln, über die sie in den besseren Hütten der Toscana ziemlich froh gewesen wären. Über die Weine kann ich nur sagen, dass wir mit einem 90er Sammarco begannen und die Angelegenheit mit einem etwas älteren Tier aus dem selben Stall vertieften. Ab Runde drei erklärte sich Phil für das Merken zuständig, aber ich konnte ihn bis heute nicht fragen, er kam mir nach einem opulenten Frühstück im „Landgraf" abhanden.

Dieses Frühstück fand zu fortgeschrittener Uhrzeit statt, der hochdekorierte Landgraf-Barkeeper, bei dem Phil in früheren Zeiten an einem anderen Tresen gestanden und über noch frühere Zeiten geredet hatte, war längst wieder im Dienst. Das war die Stunde, als mir Phil erklärte, warum er Linz liebe wie keine andere österreichische Stadt.

Erstens sei die Anziehungskraft von Linz begrenzt, der mächtige Industriegürtel erweise sich nicht unbedingt als Magnet für Schöngeister. Um wieviel gastfreundlicher werde man als Schöngeist, der trotzdem kommt, in Empfang genommen, und dann erst mit Porsche.

Zweitens biete Linz intakte Infrastruktur, eine Altstadt mit Kellertreppen in eine überentwickelte Gastlichkeit, eine überschaubare Menge von Polizisten, die in der Fussgängerzone abgestellte Porsches nicht abschleppen lassen, sondern diese mit ihrem Zweitschlüssel freundschaftlich in die blaue Zone stellen.

Drittens die Donau. Land der Ströme! Linz würdige die Donau, wie es Wien nicht tut, und wer Linz noch nie gesehen, möge sich stromaufwärts in ein Ausflugsboot setzen und die Stadt so erfahren, wie es Fernand Braudel so eindrucksvoll für Venedig empfahl: zu Wasser (beim Punkt Drittens wird Phil gern pathetisch).

Aber er war sogar bereit, den Beweis anzutreten. Er schlug mir vor, den Schrottmercedes vom Autobahnrand zu holen, die Fenster zuzukurbeln und das Vehikel auf den Kopf gestellt als Floß zu verwenden. Für uns zwei müsse das eigentlich funktionieren, sagte Phil, er habe sich nicht umsonst einschlägige Kenntnisse über Luftkissenfahrzeuge auf der Höheren Technischen Lehranstalt angeeignet.

Ich lehnte ab. Schließlich hatte ich den Autoschlüssel nicht mehr. Aber wenn ihr demnächst jemanden auf einem umgedrehten Benz durch Linz rudern seht, dann ist es ohne Zweifel Phil. Sagt ihm, er soll sich beizeiten bei mir melden.

Food & Beverage

Christian Seilers
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