Kayankaya ist zurück

Diogenes Magazin / Interviews
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Gespräch mit Jakob Arjouni, dem Erfinder des türkisch-deutschen Ermittlers

 CS: Nach zehn Jahren treffen wir in „Bruder Kemal" den Privatdetektiv Kemal Kayankaya wieder. Warum?

JA: Ich glaube, ich hatte Lust, nach Hause zu kommen. Mich auf vertrautem Terrain mit jemandem zu bewegen, den ich seit langem kenne und mag.

CS: Wie vertraut bist du Kayankaya denn? Er ist schließlich mit den Jahren eine ziemlich andere Figur geworden, älter und milder - und du hast zwischendurch einige andere Romane geschrieben, in denen er nicht vorkam.

JA: Ich habe ein bisschen in „Kismet" rumgelesen, dem letzten Kayankaya-Roman. Den habe ich vor zehn Jahren geschrieben, aber beim Wiederlesen war es, als hätte ich ihn gestern abgeschlossen. Kayankaya war mir sehr präsent. Es gibt meine erste Schreib-Phase, die geht ungefähr bis „Magic Hoffmann", da weiß ich nicht mehr viel. Da gehören die ersten drei Kayankaya-Romane dazu und die Theaterstücke. In diese Bücher hab ich wegen Namen und alten Geschichten reingeguckt, die in „Bruder Kemal" angedeutet werden - und war schon erstaunt: wie viel Zeit seit dem vergangen ist...

CS: Hast du den Schriftsteller Jakob Arjouni wiedererkannt?

JA: Das kann ich literarisch nicht beurteilen. Einerseits ist das zu lange her - „Happy Birthday, Türke!" ja fast schon dreißig Jahre, du lieber Himmel! -, andererseits bin ich immer noch viel zu nah dran. Das wäre so, als müsste ich Bilder bewerten, die ich als Kind gemalt habe. Die ersten Bücher sind halt anders. Sehr viel jünger. Ich habe den ersten Krimi mit neunzehn geschrieben, das merkt man dann schon. Aber man merkt auch, dass ein Grundton da ist, den es auch heute noch gibt. Ein Abstand, eine Skepsis gegenüber der Welt. Humor natürlich. Aber auch der Humor ändert sich ja zum Glück mit dem Alter.

CS: Es stehen viele gute Witze in „Happy Birthday" und „Mehr Bier".

JA: Freut mich, aber wie gesagt, das kann ich nicht beurteilen. Mir ist im Nachhinein aufgegangen, dass ich den Kayankaya ganz schön nah an mich rangelegt habe, viel näher als die meisten anderen Figuren, über die ich geschrieben habe. Wahrscheinlich war das die einzige Möglichkeit, eine Figur wie Kayankaya entstehen zu lassen.

CS: War das eine bewusste oder eine unbewusste Entscheidung?

JA: Es ist geschehen. Um bewusste oder intellektuelle Entscheidung geht's beim Schreiben sehr wenig, bei mir jedenfalls. 

CS: Sondern?

JA: Ganz viel um Instinkt, um Gefühl, und darum, dass ich mich wohlfühle mit einer Figur oder einer Geschichte. Ich hätte über den Kayankaya nie so selbstverständlich schreiben können - Frankfurter mit türkischen Eltern und einem Hang zu speziellen Milieus - , wenn ich der nicht auch bis zu einem gewissen Punkt gewesen wäre. Als ich ihn jetzt bei „Bruder Kemal" wieder getroffen habe, war das so als würde ich einen alten, sehr guten Freund wiedertreffen.

CS: Vertraut?

JA: Ganz vertraut. Wie Familie.

CS: Wie funktioniert bei Dir das Finden eines Themas? Du hast schließlich schon sehr viele Themen auf sehr unterschiedliche Weise behandelt, Entwicklungsromane, Science fiction, sogar Märchen geschrieben. Was braucht es, damit sich ein Thema und die passende Form konkretisieren?

JA: Lustprinzip. Wie gesagt, das sind eigentlich nie bewusste Entscheidungen. Ausschlaggebend ist, zu welcher Art von Figur es mich aus irgendeinem Grund gerade hinzieht, und in welchem Rahmen ich glaube, diese Figur am besten erzählen zu können. Es geht ja immer nur um Figuren. Das mag von außen anders aussehen, denn es gibt manchmal einen Fall, manchmal ist ein Buch politisch, es kann sogar eine Fee auftauchen. Aber am Ende geht es immer nur um Figuren, also um Menschen.

CS: Was fasziniert dich an diesen Figuren so, dass du ein Buch über sie schreibst?

JA: Mich faszinieren eben Menschen, und so muß das bei einem Schriftsteller ja auch sein. Meistens habe ich Fragen zu ihnen. Warum sie sich so oder so verhalten. Was sie denken, welche Träume oder Ängste sie haben und warum. Dann suche ich mir den Rahmen. Ein gutes Beispiel ist Max in „Chez Max", meinem Zukunftsroman. Mit Science fiction hab ich nie etwas zu tun gehabt....

CS: ...nie SF gelesen?

JA: Nur die Klassiker. H.G. Wells und Jules Verne und ein bisschen Stanislaw Lem, als ich sechzehn war. Das Genre interessiert mich auch nicht - aber für die Figur, für einen völlig korrekten Spießerverbrecher schien mir so eine rosige, ziemlich faschistische Bio-Cornflakes-Welt der passende Rahmen zu sein. Kayankaya ist die richtige Figur, wenn ich mich wohlfühlen will.

CS: Warum?

JA: Keine Ahnung. Vielleicht weil er für mich tatsächlich wie ein Bruder ist.

CS: Du sagst, dass Kayankaya immer bei dir ist und in Gedanken bei dir auftaucht. Wird er denn nicht eifersüchtig, wenn du so sympathische Gauner wie den Eddy in „Der heilige Eddy" erfindest, der auf einem ähnlichen Terrain unterwegs ist wie Kayankaya?

JA: Es gibt ein Zitat von Fitzgerald, der sagt, dass man über einen Schriftsteller keine Biographie schreiben kann, weil er zu viele ist. Ich finde, das stimmt. Ich bin auch relativ viele. Und das verträgt sich miteinander. Ich glaube, Eddy und Kayankaya könnten sich durchaus vertragen. 

CS: Aber genauso gut könnte Kayankaya Eddy einbuchten.

JA: Mir ist unlängst etwas Interessantes aufgefallen, und zwar deshalb interessant, weil es keinesfalls geplant war: in keinem Kayankaya-Roman bringt Kayankaya jemanden in den Knast. In „Happy Birthday" lässt er den Bruder laufen, in „Mehr Bier" findet er überhaupt keinen, bei „Ein Mann, ein Mord" ist der Verbrecher sein bester Freund, in „Kismet" ist es er selbst. Es gibt in den Büchern natürlich Verbrecher, aber es kommt nie zum klassischen Showdown: „Jetzt bring ich Sie mal zur Wache." Auch deshalb also: er würde den Eddy nicht ins Gefängnis bringen.

CS: Vom Ergebnis her betrachtet: Was steckt da für eine Moral dahinter?

JA: Kayankaya entwickelt seine Moral von Fall zu Fall, von Moment zu Moment neu, und anders geht`s ja auch gar nicht. Vorgegebene Moralmuster funktionieren in der Praxis ja nur höchst selten.  

CS: War dir nach diesen zehn Jahren seit „Kismet" klar, wie Kayankaya heute sein muss, oder musstest du dir darüber erst den Kopf zerbrechen? Er ist doch ein ziemlich anderer geworden.

JA: Ich fand es immer merkwürdig, wenn Figuren in Krimis oder anderen Serien immer gleich alt und von der Wirklichkeit unverändert sind. So wie „Tim und Struppi" . Ich bin ja kein großer Krimileser, inzwischen lese ich eigentlich nur noch Simenon und Charles Willeford. Und diese beiden gehen mit ihren Hauptfiguren auch immer tiefer in deren Lebensgeschichten hinein, lassen sie altern. Es war für mich überhaupt keine Frage, das mit Kayankaya genauso zu machen. Alterslos sind Fernsehpolizisten, die über zehn Jahre funktionieren müssen, und man merkt nur, dass die Schauspieler älter werden, nicht aber die Figuren. Oder die Frauen in „Sex in the City", da werden nicht mal die Schauspielerinnen älter.

CS: Ein Kopf- oder eine Bauchentscheidung?

JA: Die einzige Kopf-Entscheidung war, dass ich keinen Roman über das Thema Altern schreiben wollte. Kommissare in Rente, wissen nichts mit sich anzufangen, und plötzlich liegt eine Leiche vor ihrer Tür - das interessiert mich nicht. Kayankaya ist älter in „Bruder Kemal", ganz natürlich, weil wir das eben werden, und weil für mich Kayankaya einer von uns ist.

CS: Kayankaya ist also nicht künstlich, sondern mit dir gealtert. Er ist beziehungsfähiger und ein bisschen milder geworden. Gilt das auch für Dich?

JA: Klar, das ist bei den meisten so und bei mir auch. Ich könnte heute nicht mehr über den jungen Kerl schreiben, der sich dauernd rumprügelt und die große Klappe hat, wie der Kayankaya früher - soweit ich mich erinnere.

CS: Hast du dich denn früher geprügelt?

JA: Nein, so eine physische Kraft, das war nur Wunschdenken - im Ernst: Kayankaya ist ja kein Doofer, im Gegenteil. Es wäre also völlig unerklärlich, wenn er mit 50 nicht rausgekriegt hätte, wie er ein paar Euro mehr macht und bessere Sachen zu essen bekommt. 

CS: Es wäre allerdings auch nicht glaubwürdig, wenn er in der Zwischenzeit als Privatdetektiv Millionen gemacht hätte und im Immobiliengeschäft tätig wäre....

JA: Natürlich nicht. Und zwar nicht deshalb, weil er so was vielleicht nicht gekonnt, sondern weil er es nicht gewollt hätte. Dafür ist er einfach nicht der Typ. Es mag solche originellen Entwicklungen, Veränderungen im Leben geben, aber normal ist das eher nicht. Und mich interessiert das Normale, nicht das Besondere. Oder vielleicht: das Besondere im Normalen. Jedenfalls: wichtige Merkmale vom Kayankaya waren immer Verlässlichkeit, Bodenständigkeit, eine gewisse Spießigkeit. Was soll der mit Millionen und `nem Pool? Ein Bier und ein gutes Würstchen, das mag er.  

CS: Wendest du beim Schreiben spezielle Techniken an oder lässt du dich von der Geschichte treiben?

JA: Ich kann nicht länger als zwei, drei Stunden pro Tag hochkonzentriert sein. Wenn ich aber nicht hochkonzentriert bin, kann ich nicht schreiben. Wenn ich in einer Schreib-Phase bin, ist das ein bisschen wie bei einem Hundertmeter-Läufer: der arbeitet ja auch nicht nur die zehn Sekunden während des Rennens. Der bereitet seinen Lauf vor, trainiert, ernährt sich bewusst, denkt an das Rennen, geht den Lauf im Kopf durch - so ist das bei mir auch ein bisschen. Ich bereite mich den Rest des Tages auf die drei Stunden vor, in denen ich schreibe. 

CS: Du sitzt auf dem Sofa und starrst in die Luft und siehst deine Geschichte? So klischeehaft?

JA: Etwa so, meistens gehe ich spazieren. Ab einem gewissen Alter war es halt so, dass ich nicht mehr Fußballspielen gehen konnte, weil ich mich auf die eine Stunde vorbereitete, die ich am Abend noch schreiben wollte. 

CS: Wie entstanden die ersten Romane, als du kaum zwanzig warst?

JA: Das war so ein Rauschschreiben. Ich wusste zwar, dass ich den Roman nicht in einer Nacht fertig kriegen würde, aber ich hab es versucht. Allerdings bin ich bald daraufgekommen, dass zum Romaneschreiben vor allem Durchhaltevermögen gehört, und dass das sehr viel mit Pausen zu tun hat. Mit Ausruhen und sich nicht verrückt machen lassen. Aber der Traum ist schon immer noch da: ein Roman in einer Nacht, in einem Zug, in einer sich steigernden Stimmung - wie ein glückliches Saufen bis zum Umfallen. 

CS: Vor allem, wenn du Simenon so liebst, der seine Romane tatsächlich in ein bis zwei Wochen schrieb.

JA: Ja, Simenon ist beängstigend. Eine Woche schreiben, eine Woche nachdenken, was der nächste Roman sein könnte, in der nächsten Woche diesen Roman aufschreiben. Und jedes Mal ist der Roman gut, oder schlimmstenfalls nicht schlecht.

CS: Wenn du über längere Zyklen, ein, zwei Jahre, an einem Roman schreibst, lässt du dich dann von aktuellen Ereignissen beeinflussen? In „Hausaufgaben" kam zum Beispiel die damals intensiv diskutierte Walser-Debatte vor...

JA: Kommt natürlich auf die Figuren an. Figuren ändern sich nicht, bloß weil gerade eine Debatte stattfindet. Wenn die auch meine Figuren interessiert, lasse ich mich allerdings auch gerne aktuell inspirieren. Ich bin kein Autor, der aus dem Zettelkasten arbeitet.

CS: Was heißt das genau?

JA: Ich habe nie auch nur einen einzigen Dialog an der Würstchenbude aufgeschrieben. Und selbst wenn ich mir irgendwelche Sätze gemerkt habe, um sie irgendwann mal anzubringen, Witze, Dialoge, Vergleiche, hat das nie funktioniert. Weil Schreiben so viel mit Rhythmus zu tun hat, jede Geschichte ihren ganz eigenen, zwingenden Fluss entwickelt, und da kann man dann nicht einfach irgendwas von irgendwann - und sei es noch so hübsch - einfach reinquetschen. 

CS: Wie entsteht dieser Rhythmus?

JA: Der Rhythmus ist bei einem Roman ziemlich schnell klar. Nach fünf, spätestens zehn Seiten kommst du als Autor da nicht mehr raus. 

CS: Kannst du das ein bisschen technischer beschreiben?

JA: Zuallererst geht es um das richtige Wort. Mehrere richtige Worte bilden einen hoffentlich richtigen Satz, der für sich alleine funktioniert. Darauf folgt der nächste Satz. Entweder die bauen aufeinander auf, verhalten sich in gewisser Weise zwangsläufig zueinander und schaffen eine Spannung, dass du Lust hast, den dritten Satz zu lesen, oder sie sind so gemütlich und beliebig, dass es dir egal ist, wie es weitergeht. Die Spannung entsteht im Satz, das hat oft gar nicht so viel mit Inhalt zu tun, glaube ich. Gute Autoren - oder jedenfalls was ich dafür halte - erzeugen einen Sog, indem jeder Satz den nächsten ankündigt, geradezu erzwingt. Bei so einem Text denkt man: der kann nur so, genau so da stehen.

CS: Wie vergewisserst du dich dieses Rhythmus?

JA: Ich lese viel laut. Ich sitze an meinem Schreibtisch und überprüfe, ob der Text fließt. Das heißt natürlich nicht, dass der Text glatt wäre, manchmal muss es Pausen oder eine Pointe geben. Es hat viel mit Musik zu tun. 

CS: An welchen Musiker denkst du bei dieser Definition von Rhythmus?

JA: An den für mich größten Lebenden, Keith Jarrett. Ich weiß nicht, ob der erklären kann, warum er das Piano plötzlich fünf Sekunden ruhen lässt und dann wieder mit der Melodie beginnt oder mit dem Rhythmus, und es stimmt. Es stimmt halt. Das ist beim Schreiben genauso. 

CS: Kann man das in einer Theorie fassen?

JA: Weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die ganzen Germanisten sich sehr schwer tun, das Vergnügen an Literatur zu erklären, so wie die ganze Kunsttheorie an die Kunst nicht ran kommt. Auch der Schriftsteller selbst kommt an das eigene Geheimnis nicht ran. Denn warum er diesen Rhythmus hat und nicht einen anderen, diese Melodie, diesen Blick auf die Welt, diese Geschichten und nicht ganz andere, die er erzählen will und erzählen muss, weiß auch er nicht. Glaube ich jedenfalls.

CS: Weißt du's?

JA: Ich weiß nur, wenn es stimmt. Wenn es für mich stimmt. Warum? Keine Ahnung.

CS: Du näherst dich den eigenen Texten also wie ein Leser?

JA: Absolut. Ich muss mich mit meinen Texten am allermeisten unterhalten. Wenn ich dann auf eine Pointe stoße, eine formale oder inhaltliche, ist das ein großes Vergnügen für mich. 

CS: Fällt dir das Schreiben im richtigen Rhythmus leicht?

JA: Es ist Kleinarbeit. Das ist der Grund, warum ich so langsam schreibe, warum ich hochkonzentriert sein muss. Es ist ist kein Problem, schnell irgendeinen langatmigen, beliebigen Text hinzuhauen. Aber auf den Punkt zu kommen, das braucht Zeit und ist harte Arbeit. Man muss sich und die Sätze immer wieder überprüfen und in Frage stellen. 

CS: Simenon schafft es, mit ganz kurzen, scheinbar banalen Sätzen, eine Welt entstehen zu lassen....

JA: Genau, er beschreibt eine Straße mit einem Küchengeruch, ein Milieu, eine Welt: Darum geht's. Ich glaube, Literatur - und alle Kunst - ist Konzentration oder Destillation, wie beim Schnaps brennen. Und die natürliche Sehnsucht des Schriftstellers ist es, die ganze Welt, seine ganzen Erfahrungen, Wünsche, Träume, das eigene Leben, alles in den einen, einzigen Satz zu brennen. Da trifft sich die Sehnsucht des Erzählers mit der des Lyrikers.

CS: Einige amerikanische Kollegen haben gerade mit sehr breiten 800-Seiten Romanen enormen Erfolg.

JA: Ja, aber das kommt mir meistens vor wie Fotorealismus. Frantzen ist so ein Fall. Da wird dann alles, bis zum letzten Eckchen höchstgenau beschrieben und ausgeleuchtet. Das Gegenteil von Konzentration. Ich find`s stinklangweilig und irgendwie feige. Nach dem Motto: möglichst viele Sätze, dann gehen die schlechten unter, und ein paar Gute werden schon dabei sein. Es gibt natürlich lange Romane, wo fast jeder Satz sitzt. Bei Flaubert oder Richard Yates.

CS: Wie muss ein Buch losgehen, damit du es weiterliest?

JA: Es muss im Detail stimmen, die Wörter, die Sätze. Ich lese am Anfang immer nur eine Seite. Diese Seite ist das Versprechen, das mir das Buch gibt. Wenn mir diese Seite also erzählt, dass es hier eigentlich nur um Handlung geht und die vielleicht erst in hundert Seiten richtig startet, verlässt mich augenblicklich die Geduld. Aber wenn auf der ersten Seite zwischen den Wörtern und Sätzen eine Spannung entsteht, egal, um was es geht, dann lese ich gerne weiter. 

CS: Für welchen 800-Seiten-Roman gilt das?

JA: Für „Die Elenden" von Hugo zum Beispiel, aber den hab ich, zugegeben, schon vor einiger Zeit gelesen. Damals habe ich während der letzten Seiten geweint.

CS: Auch was Zeitgenössisches?

JA: Ich mochte „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" von Amos Oz sehr. So würden den Roman wahrscheinlich nicht viele bezeichnen, aber für mich war`s ein echter Schmöker. Ich habe am Ende abends immer extra wenig Seiten gelesen, damit ich noch länger etwas von habe. 

CS: Liest du auch Bücher, bei denen du dich plagen musst?

JA: Nicht mehr, und auch früher kaum. Lesen ist für mich Genuß, und mein Verhältnis zu Büchern ein sehr sinnliches. Entweder ich liebe ein Buch, oder nicht. Ich muss nicht den neuen Soundso lesen. Da geht es mir mit Büchern wie mit Menschen. Ich verbringe meine Zeit auch möglichst nur mit Menschen, die ich mag. Mit denen ich Spaß habe, die mich inspirieren, die ich liebe. Wo etwas über den reinen Zeitvertreib hinaus passiert.

CS: Du nimmst also den Begriff „Unterhaltungsliteratur" wörtlich.

JA: Dass der Begriff so abfällig verwendet wird, finde ich absurd. Jeder Autor versucht zu unterhalten, sonst würden die Leser die Bücher ja sofort weglegen. Aber ich mag keine Bücher, die nur die Zeit vertreiben. Ein bisschen mehr muss da schon sein. Da fällt mir einmal mehr Simenon ein. Du schlägst ein Buch auf, und da sind dieselben Straßen, dieselben Figuren, die du schon kennst, und trotzdem packt es dich, inspiriert - und unterhält dich. Ich fand übrigens immer schön, dass im Wort „unterhalten" das Wort „halten" steckt. Und genau das sollte ein Buch für mich sein: Halt gebend, Mut machend, Rücken stärkend. 

CS: Du liest manche Bücher immer wieder von Neuem. Was findest du beim Wiederlesen darin?

JA: Ich bin älter geworden, habe neue Erfahrungen gemacht, womöglich meine Sicht auf die Welt geändert - und dann lese ich auch ein Buch anders und neu. Ich kann vielleicht andere Schichten, andere Ecken sehen. Oder auch nicht. Vielleicht gibt's keine anderen Schichten, vielleicht hat das Buch genau damals in einem bestimmten Alter mir alles gegeben, was es für mich hatte. Aber manchmal geht auch was Neues auf. Und bei den mir liebsten Büchern geht bei jedem Wiederlesen etwas Neues auf. Ich nehme da wieder die Musik und Keith Jarrett als Beispiel: die Platte „A Melody at Night With You" habe ich beim ersten Mal gehört - super - , sie zum zweiten Mal gehört - super -, dann habe ich sie eine Million Mal gehört - und jedes Mal, egal, wie ich mich gerade fühle, geht ein neues, und wenn auch noch so kleines Türchen auf. Und so ist es auch bei den Büchern, die ich immer wieder lese.

CS: Von welchen Autoren?

JA: Dashiell Hammett, Tobias Wolff, Charles Willeford, Jörg Fauser, Maupassant, Frank O`Connor, Heine und natürlich Richard Yates, 

CS: Sehr deprimierend, Yates...

JA: Ja, aber so unfassbar gut geschrieben. Yates hat einen Rhythmus in seinen Worten, einen Sog im Schreiben. Der schreibt über die schlimmsten, düstersten Sachen, über Dinge, die du nicht wissen willst, die mir beim Lesen zum Teil viel zu nahe gehen. Du weißt von Anfang an, es geht immer nur abwärts, wie in der griechischen Tragödie, es gibt sicher kein Happyend, keine Erlösung, und trotzdem... ich muß weiter, immer weiter lesen. Auf trockene, böse Art ist Yates übrigens oft sehr lustig, finde ich zumindest. Aber er verkneift sich jeden Scherz zur Auflockerung, es gibt bei ihm nichts umsonst. Dabei fällt mir ein, ich habe oft gesagt, Humor sei für mich nichts anderes als Abstand - bei Yates stimmt das ziemlich hundertprozentig. Der Humor liegt bei ihm in der sehr genauen, pointierten, kühlen Beschreibung, und die kriegt man nur mit Abstand hin. 

CS: Du hast früher einmal gesagt, Bücher ohne Humor kannst du nicht lesen.

JA: Hab ich gesagt, stimmt aber nicht. Simenon ist zum Beispiel sicher kein Meister des Humors, und trotzdem lese ich ihn begeistert. Nach einer Weile stimmt ja fast alles nicht, was man so sagt. 

CS: Was liest du, während du selbst gerade an einem Buch schreibst?

JA: Fast nur Simenon. Das ist wie Wasser trinken. Das beeinflusst mich nicht, und wenn doch - hoffentlich.

CS: Simenon hat einen jederzeit verträglichen Stil?

JA: Ich habe ein Problem mit dem Wort Stil. Hammett sagt, sobald er begriffen hatte, dass er Stil hat, konnte er nicht mehr schreiben. Das verstehe ich sehr gut. Wenn man eine bestimmt, formale Art hat, an die Dinge heranzugehen, wird es langweilig. Auch Simenon hat einen gewissen Stil, aber er hat sich darüber nicht so viele Gedanken gemacht. 

CS: Sondern?

JA: Er macht, was wir alle machen, wenn wir bei einem Abendessen eine Geschichte erzählen: Wir wollen sie so schnell und unterhaltsam wie möglich und so tiefgründig wie nötig erzählen, damit die anderen am Tisch nicht wegschlafen. Das hat mit Respekt für unsere Zuhörer zu tun. Beim Schreiben gehört sich das auch. Statt Stil benutze ich lieber das Wort „Mittel". Jeder hat seine Mittel, um eine Geschichte zu erzählen, und die sucht man sich nicht aus. 

CS: Denkst du an dein Publikum beim Schreiben? Bei Lesungen zum Beispiel kriegst du viel Applaus für deine präzis gesetzten Pointen, legst du die mit diesem Hintergedanken im Text an?

JA: Schreiben und Vorlesen sind zwei völlig verschiedene Berufe. Das Auftreten musste ich erst lernen, das jagte mir auf den ersten Lesereisen richtig Angst ein. Inzwischen macht mir Vorlesen Spaß. Aber es hat nicht das Geringste mit dem Schreiben selbst zu tun. Beim Schreiben zählt nur der Inhalt. Ich würde keinen Witz hinschreiben, nur um einen Witz zu machen. Die Geschichte muß das verlangen. Beim Schreiben denke ich nie an einen Leser - außer an mich selbst natürlich. Ich bin noch immer mehr Leser als Schreiber und muß mich selbst ununterbrochen unterhalten.

CS: Wenn du jetzt mit Kayankaya am Schreibtisch sitzt. Was muss der für dich tun?

JA: Er muss mich überraschen. Das heißt: Ich muss mich überraschen. Eine schizophrene Situation. Es sitzen also drei Personen am Tisch: der Schreiber, der Leser und die Figur. Klingt ein bisschen irre und ausgedacht, ist es aber nicht. Ich hab es zuerst so erlebt und erst dann die Worte dafür gefunden.

CS: War das von Anfang an so?

JA: Schon als ich in Frankreich an „Happy Birthday, Türke" schrieb, war es genau so. Ich habe viel getrunken und die ganze Nacht geschrieben und hatte einen Riesenspaß dabei, weil ich wissen wollte, was sich der Kayankaya als nächstes ausdenkt. 

CS: Viele Schriftsteller arbeiten streng nach Konzept. Wie machst du das?

JA: Ich weiß den Anfang, und ich weiß - wie jetzt beim Krimi - den Plot. Der erzählt sich in zwei Sätzen, mehr ist das nicht. Dann schreibe ich von vorne nach hinten, logisch. Denn um den Sätzen einen Rhythmus zu geben, kann ich ja den dritten nicht schreiben, ohne die ersten zwei zu haben. Was dem Kayankaya dann während der Geschichte widerfährt, ob er sich verliebt oder pleite geht, ob er den Mörder findet oder nicht, selbst ob das dann überhaupt noch wichtig ist, weiß ich nicht.

CS: Die Figuren beginnen ihr Eigenleben zu führen.

JA: Sie verhalten sich zueinander, und das tun sie durch mich. Aber ich kann den Kayankaya nicht zwingen, sich in eine Frau zu verlieben, nur weil ich sie auftreten lasse. Wenn ich es wichtig finde, dass er sich verliebt, muss ich eine Frau hinschreiben, in die er sich verlieben kann.

CS: Bekommt jedes Buch im Vorfeld ein spezielles Thema?

JA: Ja, wobei: Viele Themen gibt's ja nicht. Es geht um Freundschaft, Liebe, Altern, Tod, Jugend, Krankheit. Vielleicht noch zwei, drei andere. Eifersucht. So ein Thema habe ich dann jeweils als Grundgeräusch. Bei „Bruder Kemal" zum Beispiel habe ich während des Schreibens immer gesagt, es geht um Religion. Kann man sagen, man könnte aber auch etwas ganz anderes sagen. Das spielt anfangs eine Rolle, aber im Grunde geht es dann wie immer ganz schnell nur noch um die Figuren und darum, ihnen möglichst nahe zu kommen. Religion war einfach nur eine Möglichkeit, mich dem Kayankaya neu zu nähern.

CS: „Bruder Kemal" hinterfragt also das Thema Religion.

JA: Eigentlich geht es um etwas, was alle ernsthaften Schriftsteller tun: du hinterfragst durchgesetzte Bilder. Religionen aller Art und Herkunft sind in den letzten Jahren ja wieder eine mächtige, die Welt bestimmende Sache geworden. Elfter September, Moslem-Karikaturen, Tea-Party, Bush`s Kreuzzug im Irak, arabischer Frühling. Oder in Deutschland: Wer bekennt sich neuerdings nicht alles zum Papst oder irgendeinem Glauben. Und die meisten nehmen die Sache ungeheuer ernst, auch die Religionsgegner. Ich halte es da hundertprozentig mit Ricky Gervais: "Thank God I'm an atheist." In „Bruder Kemal"  wird Religion als Business und Entertainment beschrieben. Religion als Möglichkeit, Geld zu verdienen und sich abzulenken. 

CS: Wie steht denn Kayankaya zur Religion?

JA: Das war für mich der Anfang des Romans. Wie geht Kayankaya mit dem Thema um? Er hat türkische Eltern, ist von Geburt Moslem. Da habe ich mich drauf gefreut. Was passiert, wenn die anderen ihm mit gewissen Erwartungshaltungen begegnen? Und es hat mir Spaß gemacht, ihm dabei zuzusehen, wie er unbelästigt vom Religionskram mit seiner Arbeit weitermacht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. 

CS: Das entspricht nun eins-zu-eins der Art, wie du selbst mit diesem Kram umgehst.

JA: Ich hoffe es. Und ich hoffe, grundsätzlich immer freier von Ansichten und Absichten zu werden. Im Leben, aber noch mehr beim Schreiben. Beim Schreiben musst du jede Situation sachlich durchdenken: Wer hat welche Beweggründe? Was motiviert die Figuren, so zu handeln, wie sie handeln? Und nicht: was motiviert den Autor. Der Autor soll während der Geschichte, die er erzählt, die Klappe halten. Er ist eigentlich nur für die Mathematik zuständig, für das Gleichgewicht, den Rhythmus, die Form. Ansichten und Absichten soll er seinen Figuren überlassen. 

CS: Kannst du das ein bisschen genauer erklären? 

JA: Sagen wir's so: wenn ich bei einem Buch die Absicht des Autors erkenne, dann interessiert mich die ganze Geschichte nicht mehr, auch wenn die Absicht noch so richtig ist, selbst wenn sie einfach nur darin besteht, einen unterhaltsamen, guten und möglichst gewichtigen Roman zu schreiben. Oft sind das ja dann diese perfekten Schreibwerkstatt-Bücher, stimmt alles - originelle Hauptfigur, perfekte Dramaturgie, Thema ernst, Sprache heiter, ein bisschen ironisch, ein bisschen gewagt -, interessiert mich null. Aber wenn ich merke, dass einer nicht anders kann, als jetzt diese - und zwar genau diese - Geschichte zu erzählen, weil er ein Geschichtenerzähler ist, weil er unbewusst etwas von sich erzählen will oder weil er jemandem Freude machen möchte, und wenn er das so gut und so kurzweilig tut, wie's geht und wie er`s eben kann - das finde ich die höchste Form der Literatur. Wenn ich ein Beispiel geben müsste, was diesem Ideal ziemlich Nahe kommt, würde ich Heine-Gedichte nennen.

CS: Welchen Effekt hat gute Literatur?

JA: Ich finde, Bücher sollten Mut machen. Die Bücher von Richard Yates zum Beispiel machen inhaltlich bestimmt nicht so viel Mut. Aber einfach, dass es jemanden gibt - oder gab -, der die Dinge so gesehen hat wie du, lässt dich nicht so alleine sein mit deinen Beobachtungen, deinen Ängsten, deinen Sehnsüchten. Im besten Fall sind Bücher wie Freunde. Freunde, die man ins Regal stellen kann, das ist das Gute. Das Blöde ist, dass sie einem nicht die Hand halten können. 

CS: Könnte sein, dass dein nächstes Buch wieder ein Kayankaya ist?

JA: Jedenfalls habe ich mich im letzten Jahr sehr wohl mit der Figur gefühlt. Und vielleicht sind ja noch ein paar Fragen offen. Oft habe ich, wenn ein Buch einmal fertig ist, Lust auf etwas Neues. Das ist diesmal nicht so. Aber eine richtige Idee habe ich auch noch nicht. Und vielleicht kommt ja morgen jemand ganz anderes um die Ecke - ein charmanter Henker, eine schwatzsüchtige Geheimagentin, ein Junge wie mein Sohn - und ich denke: mit dieser Person will ich jetzt sofort unbedingt viel Zeit verbringen, zwei, drei Jahre, ganz egal. Da wäre der Kayankaya dann erstmal wieder weg, da hätte ich keine Wahl, das ist wie sich verlieben. 













Food & Beverage

Christian Seilers
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