Jürgen Vogel lässt den Blick über die mächtigen Terrassen des Kalksteinbruchs Oetelshofen schweifen, er schüttelt leise, fast unmerklich den Kopf, bevor er sich ein schüchternes Lächeln erlaubt: „Gewaltig."
In die 50 ha große Mondlandschaft sind Stahlgerüste und Stiegenaufgänge, Tribünen für 14.000 Menschen hineingebaut. Auf dem Boden des staubigen Trichters wartet der Track für den Bewerb der Red Bull X-Fighters, es ist der anspruchsvollste Kurs der gesamten Tour.
Jürgen Vogel betrachtet das Bild von der obersten Terrasse aus. Biker-Shops stellen hier Jacken aus, in denen das Stürzen nicht gar so weh tut, Sony präsentiert die neue Playstation. Kamerateams versuchen die Stimmung knapp vor der Großveranstaltung einzufangen. Wenn ein Kameramann Jürgen Vogel entdeckt, beendet er den Schwenk seiner Kamera abrupt. Vogel, der Star. Deutschlands wildester Schauspieler.
Jürgen Vogel, Sohn eines Hamburger Kellners und einer Hausfrau, wurde schon als Kind entdeckt: als Model für den Katalog des Otto-Versands. Mit 15 haute er von daheim ab, und dass er schnell den Film als Betätigungsfeld entdeckte, ersparte ihm vielleicht die Wildheit des wirklichen Lebens. Von den damaligen Kumpels, erzählt er, sei einer tot, ein paar waren jahrelang im Gefängnis und Drogenprobleme hatten alle. Vogel hingegen traf den Schauspieler Richy Müller und zog zu ihm nach Berlin in eine Wohngemeinschaft.
Er begann Fernsehfilme zu drehen, und weil er von Anfang an wusste, dass der Film für ihn das sei, wo immer hingewollt habe, bewarb er sich an der Schauspielschule. Nach einem Tag ließ er die Schule sausen. Sein Stil blieb wild, grob, authentisch. Das Lachen mit der großen Zahnlücke wurde zum Inbegriff realistischer, unverkünstelter Schauspielkunst. Vogel spielte in Fernsehkrimis genauso wie - schnell genug - in großen Kinoproduktionen. Für den Film „Keine Lieder über die Liebe" gründete er die Band „Hansen", mit der er auch auf Tour ging.
Nicht nur die Regisseure, auch das Publikum begann Jürgen Vogel zu lieben. Er ließ sich nicht festlegen, machte Komödien mit der selben Leidenschaft wie harte, problembeladene Spielfilme. Niemand kann wissen, was sein nächstes Projekt sein wird.
Daneben probierte Vogel permanent aus, was ihm Spaß macht. Fuhr so wild, wie er als Schauspieler auftrat, Motorrad. Checkte seine Grenzen ab. Grenzen: gibt's die?
Das Gespräch fand in der Nähe des Steinbruchs Oetelshofen statt. Permanenter Helikoptersound im Off. Am Abend würde Vogel als Juror am X-Fighters-Wettkampf teilnehmen. Er trank Ananassaft gespritzt.
Sie sind Deutschlands bekanntester Schauspieler. Ist der Motorsport Ihre unentdeckte Leidenschaft?
Das hat miteinander zu tun. Schauspieler zu sein heißt schließlich: jede Rutsche ausprobieren, und das mit einem kindlichen Spaß daran.
Für D-Max haben Sie die Sendung „Fat Machines" moderiert. Da wurde der Spaß schon ziemlich erwachsen.
Woher kommt ihre Freude an merkwürdigen Gefährten wie Monstertrucks, Baumaschinen etc.?
Das ist nichts als Sandkasten. Was du früher in der Hand hattest, hast du plötzlich unterm Arsch. Eine Form von persönlichem Erlebnispark. Man darf die Sache freilich nie ernst nehmen.
Haben Monstertruckfahrer Humor?
Weiß ich nicht. Vielleicht auch nicht. Manche glauben vielleicht, dass sie etwas ganz Wichtiges machen. Ich finde, dass diese gigantischen Maschinen etwas sehr Kindliches haben, und das ist doch schön. Ich verstehe jeden, der sagt: ich arbeite täglich acht Stunden. Deshalb fahre ich abends Monstertruck.
Wie kamen Sie dazu, eine Sendung zu diesem Thema zu machen?
Die Kollegen von Dmax wollten mich als Moderator, aber ich sagte Nein: Ich mach's nur, wenn ich die Dinge selbst bewegen darf. Und was ich alles machen durfte: Hovercraft fahren. Auf dem höchsten Kran in Dubai sitzen. Wüstenraupe fahren. Rückenpanzer fahren. Löschausbildung bei der Feuerwehr machen. Find ich alles total geil.
Als Schauspieler?
Nein, mich gibt's schließlich auch noch privat. Ich fahre seit meinem 18. Lebensjahr Motorrad, und gucke mir alles gern an, was geil ist und Spaß macht. Ich bin gar kein so fanatischer Motorsportfreak, aber einige Dinge finde ich halt toll. Die Atmosphäre an einer Rennstrecke ist schon etwas ganz Besonderes.
Gast bei der Formel 1?
Nein, Oldtimer-Grandprixs finde ich geil. Da kommen dann die E-Types, die Ikonen aus den ganzen James Bond-Filmen, und du siehst, dass die noch immer richtig gut fahren. Und diese Ästhetik! Es sind die schönsten Autos der Welt, die du da sehen kannst.
Autobegeistert seit jeher?
Ja. Ich hatte mit meinem Bruder im Zimmer eine Wand aufgestellt, an der die kultigen Enduro-Maschinen dieser Zeit hingen. Die XT-500 von Yamaha zum Beispiel. Die wurde später mein erstes Motorrad. Und die geilen Crossmaschinen dieser Zeit: KTM, Husquarna, und so weiter...
Was für einen Traum verkörperten diese Maschinen für Sie?
Ein Stück Freiheit vielleicht. Meine wichtigste Erinnerung ist, dass ich das Gefühl hatte, mich auf ein Motorrad setzen zu können, um wegzufahren.
Seit „Easy Rider" das älteste Klischee, dass Motorräder und Freiheit zusammengehören.
Man sollte es nicht zu sehr psychologisieren, aber: ich glaube, das Motorrad ist der Ersatz fürs Pferd. Und wer hat dieses Bild nicht vor Augen: Du, allein auf deinem Pferd...
Wie im Abspann jedes Lucky Luke-Comics...
Genau. Schöne Sache.
Wie sind Sie auf diese Romantik eingestiegen?
Indem ich den Führerschein gemacht habe. Und dann hab ich mir die XT 500 geholt, die hatte genau die richtige Drosslung von wegen der erlaubten PS-Zahlen. Da war ich schon sehr glücklich.
Rumgebastelt an der Maschine?
Klar. Eine Sievering-Auspuffanlage draufgeknallt, dann hatte die auch noch den richtigen Sound. Und der blitzende Chromtank, ach...ich erinnere mich sehr gern daran.
Nie Angst gehabt beim Biken?
Doch, als die Kinder kamen, bin ich fünf Jahre lang nicht gefahren. Bildete mir ein, vernünftig sein zu müssen. Aber das hab ich nicht ausgehalten. Irgendwann hab ich mir wieder ein Motorrad geholt.
Klüger geworden beim Fahren?
Auf jeden Fall. Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man permanent an die Grenzen gehen muss.
Jemals schwer gestürzt?
Nie.
Leben Sie nach dem hübschen Motto „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit"?
Genau. Was soll denn das heißen: „erwachsen sein"? Wenn ich glauben würde, erwachsen zu sein, hätte ich bestimmt nicht mehr den Spaß, den ich mir wünsche. Das gilt nicht nur für den Motorsport, wo man Leuten dabei zusieht, wie sie gewisse Naturgesetze außer Kraft setzen, das gilt für das ganze Leben. Ein Kind geht an seine Grenzen, weil es so lernt, was es kann. Ich fände es fatal, wenn ich mir diesen Lernvorgang nicht mehr erlauben würde, bloß weil ich „erwachsen" bin. Da ginge ein Stück Lebensgenuss flöten.
Sind Sie gerne ein bisschen Kind?
O ja. Das ist etwas extrem Geiles.
Und wie kommen Sie damit durch?
Gut. Ich gebe nichts darauf, wenn mir wer sagt, was gut ist oder nicht gut. Das weiß ich selbst am besten, und deshalb probiere ich alles Mögliche aus, um herauszufinden, wie es sich so anfühlt.
Ideale Voraussetzung für einen Schauspieler.
Finde ich ja auch. Es passt gut zusammen, immer neue Dinge ausprobieren zu wollen. Wenn ich immer glauben würde, ich weiß alles über meinen Job oder über die Rollen, die ich spiele, dann wäre das doch unglaublich langweilig. Ich weiß bis heute nicht, was ich wirklich mache...
Wie meinen Sie das?
Natürlich kann ich gewisse Grundlagen der Schauspielerei intellektualisieren und erklären. Aber im Grunde macht's mir einfach Spaß, und ich weiß nicht, warum etwas gelingt und was anderes nicht.
Sie fangen bei jedem Film, bei jeder Rolle ganz von vorne an?
Alles, was ich mache, würde ich zehn Minuten später schon wieder anders machen. Ich bin zehn Minuten älter, ich interpretiere alles schon wieder neu.
Jede Szene im Film ist also eine Momentaufnahme?
Ein Stückchen Zeitdokument. Wie ich in dem Moment gerade bin, oder wie ich gerade die Dinge erlebe, fühle oder sehe. So wie das Leben eben ist. Nicht zu sehr im Kopf. Sondern sich drauf einlassen und dann so gut wie möglich zu machen.
Und warum empfinden das in Ihrem Fall so viele Leute als außergewöhnlich?
Ich glaube, dafür kann man gar nichts. Das ist wie beim Crossfahren auch. Für das Stückchen Talent, das sich bei dir mehr sichtbar macht als bei anderen, dafür kannst du nichts.
Ist das nicht ein bisschen gar bescheiden?
Nein, gar nicht. Ich kann mein eigenes Talent ehrlich gesagt gar nicht sehen. Ich merke nur, wie die anderen darauf reagieren. Was ich allerdings sagen kann, ist dass ich meine Sachen wirklich gern mache.
Als Schauspieler haben Sie ein enorm breites Spektrum, vom Fernsehkrimi bis zum großen Kinofilm...
...das find ich auch gut, denn ich möchte in meinem Beruf nicht strategisch zu denken beginnen...
...welche Rolle Ihrer Karriere am meisten nützt...
...darauf hab ich nun gar keine Lust. Ich krieg ein Buch, und dann weiß ich, ob es mir Spaß machen wird, meine Rolle zu spielen. Was für ein Film das am Schluss wird, darauf hast du eh keinen großen Einfluss.
Was ist also das Kriterium ob sie ja sagen oder nein?
Das Thema muss mich anzecken, mich faszinieren. Das können ganz verschiedene Themen sein, als Mensch interessiert man sich ja auch für alles mögliche. Manchmal möchte man lachen, manchmal findet man es toll, etwas ganz Ernstes zu machen. So sehe ich meinen Beruf auch.
....
Wenn ich mir vorstelle, ich würde mir meine Sachen nur nach Ernsthaftigkeit aussuchen, begänne rasch etwas zu blockieren. Ich will frei bleiben, wie beim Motorradfahren. Deshalb entscheide ich auch oft aus dem Bauch raus.
Warum lehnen Sie Angebote ab?
Es gibt natürlich Stoffe, die mir nicht gefallen, wo ich mir denke: Schrott. Weiß gar nicht warum, es ist wie bei Musik, die du nicht magst. Da kannst du lange darüber sprechen, aber die Musik magst du deswegen nicht lieber. So ist das beim Drehbuch auch.
Aber es macht für Sie keinen Unterschied, ob sie fürs Kino oder fürs Fernsehen drehen?
Film ist Film, auch wenn ich nur ein kurzes ein Video drehe. Das Material oder die Technik, wie gedreht wird, darf nicht darüber entscheiden, wie gut ich bin. Finde ich. Ich will nicht in Formaten denken, weil ich mich nämlich nicht selbst in Schubladen stecke.
Das ist ein ungewöhnlicher Ansatz. Ein Schauspieler, der im Kino Erfolg hat, macht in der Regel fast nichts mehr im Fernsehen.
Ich seh das genau andersrum. Ich finde, du darfst immer alles machen. Du darfst auch eine Sticom oder eine Soap machen, wenn du's gerne machst. Und wenn du's gut machst, ist es völlig egal, in welchem Rahmen das geschieht. Es gibt vor allem in Amerika viele Beispiele dafür, dass Stars ihre Karriere in Sitcoms begonnen haben und nach einer großen Kinokarriere auch wieder dorthin zurückkehren - mit Stolz, Ehre und qualitativ ganz, ganz großartig.
Warum ist das in Amerika anders als in Deutschland?
Einerseits gibt's in Amerika schon sehr viele besonders gute Schreiber. Andererseits scheint mir, dass viele Schauspieler bei uns schon im Moment, wo sie ihre Rolle spielen, nicht daran glauben, dass sie etwas Gutes machen. Das überträgt sich natürlich.
Was haben Sie daraus gelernt?
Dass man im Grunde immer gut sein kann.
Das Phänomen des Spartendenkens gibt es auch in der Literatur. Ein erfolgreicher Romanautor wird um nichts in der Welt einen Krimi schreiben....
...das ist in meiner Branche ganz genauso. Ich bin jetzt 25 Jahre dabei, und immer gibt es Leute, die mir sagen wollen, dass es nicht unbedingt taktisch gut ist, was ich mache. Diese Bedenkenträger, die dir immer sagen, dass man aufpassen muss.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Man muss sich aktiv dagegen wehren, um zu beweisen, dass es totaler Schwachsinn ist, was die reden.
Zum Beispiel?
Ich hab mal einen großen, sehr gehypten Kinofilm abgesagt und statt dessen ein Pro Sieben-Fernsehspiel gemacht. Der Produzent kam zu mir und sagte, das kann doch jetzt nicht wahr sein, dass du die Rolle sausen lässt, um Fernsehen zu machen. Dabei fand ich nur das Buch schlecht.
Sie treten auch hie und da in Fernsehshows auf. Was macht Ihnen daran Spaß?
Ich war zum Beispiel bei Uri Geller. Den hatte ich als Kind immer gesehen, wie er im Fernsehen Löffel verbog, und das war, ehrlich gesagt, der einzige Grund. Ich wollte mal sehen, wie der das macht. Außerdem bin ich neugierig. Wenn ich was sehen kann, was andere nicht sehen, finde ich das im Prinzip mal geil.
Wie war der Abend bei Uri Geller?
Super. Ich hatte einen ganzen Abend lang Spaß. Ein Freund hat mir prompt gesagt, dass er mich zuletzt ziemlich oft in solchen Shows gesehen hätte, ich müsste ein bisschen aufpassen. Da sagte ich: dann mach's doch weg, wenn du mich nicht sehen willst. Ich zwing dich ja nicht, das anzusehen.
Sind Sie trotzig?
Ein bisschen. Wenn mir jemand etwas verbieten will.
Woher nehmen Sie die Sicherheit, sich den Zwängen der Branche so offensiv zu entziehen?
Weil die Bedenkenträger ja sowieso nicht da sind, wenn's dir einmal beschissen geht. Ich hab von Anfang an die Erfahrung gemacht, dass ich meinen Weg alleine gehe, und dass die ganzen Berater und Schlauberger eh nicht an meiner Seite sind, oder nur, wenn's mir gut geht. Wenn's dir schlecht geht, kennt dich keine Sau. Es muss dir klar sein, dass du alles - solche Dinge jedenfalls - für dich tun musst, für niemanden sonst. Karriere wirst du nicht machen, weil du ein guter Stratege bist, sondern weil du gut bist.
Was spielt Geld für eine Rolle für Sie?
Geld ist was Feines. Damit erziehen wir unsere Kinder und leisten uns ein Stück Freiheit für uns selbst, wir wollen ja ein gutes Leben haben. Denn wenn wir ein Scheißleben haben, produzieren wir auch nichts als Frustration und Unglück. Das ist Quatsch. Wir müssen die Waage halten zwischen Käuflichkeit und Nicht-Käuflichkeit, und wenn man mal eine Rolle wegen der Kohle macht, dann muss man sich dessen bloß bewusst sein. Dann find ich das auch okay.
Ist Geld für Sie ein Motiv, gewisse Dinge zu tun?
Es gibt solche und solche Phasen. Ich mache viele Low Budget-Sachen oder Projekte, wo Geld gar keine Rolle spielt. Ich habe immer einen Spagat zwischen künstlerisch anspruchsvollen und kommerzielleren Sachen gemacht, ohne dass ich sagen möchte, was mir besser gefällt. Gut sein musst du sowieso. Die Herausforderung meines Jobs besteht darin, möglichst viel von dem, was mir selbst wichtig ist, hineinzupacken - ganz egal, ob ich dafür gut bezahlt werde oder nicht.
---
Ich versuche immer, bei mir zu bleiben.
Wann haben Sie mit einer Arbeit Erfolg - in Ihren eigenen Augen?
Wenn es mir gelingt, etwas Überraschendes zu machen. Etwas, womit kein Regisseur gerechnet hätte. Etwas zu gestalten, was man vorher nie geahnt hätte - dann tritt das ein, was mich glücklich macht. Das merkst du schon während der Arbeit.
Was muss ein Regisseur können, um Sie zu so einer Leistung zu bringen?
Genau beobachten. Begreifen, was ich will. Und mich motivieren, in mir das Gefühl erzeugen, dass gerade etwas Außergewöhnliches entsteht. Dann sage ich nicht nur Text, erfülle meine Pflicht. Dann entstehen echte Menschen, zu denen man ein Gefühl entwickeln kann. Das macht mich glücklich - unabhängig davon, was in der nächsten Schleife der Bearbeitungskette passiert.
Ein Film ist ein riesiges Schiff, das schwer gesteuert werden kann. Selbst ein gutes Buch, ein guter Regisseur und gute Schauspieler sind keine Garantie für einen guten Film.
Ja. Aber jeder Film hat seinen eigenen Spirit. Ob am Schluss, das, was man sich wünscht, auch wirklich entsteht, ist ein bisschen Magie.
Ist Ihnen Anerkennung egal, die positive Rezeption Ihrer Arbeit?
Nicht egal. Aber es ist nicht so, dass mich gute oder schlechte Kritiken daran hindern, das zu tun, was ich wirklich tun will. Ich bin nicht manipulierbar.
Was bewegt Sie, auf ein Drehbuch einzusteigen? Der Stoff? Ihre Rolle? Die Message?
Message? Nein, sicher nicht. Am Schluss geht's immer ums Berühren. Ich muss das Gefühl haben, dass ich in Welten eintauchen kann, die ich vorher nicht kannte. Dahinter gibt's keine Message, außer die Nähe zu den Menschen zu haben oder zur Geschichte. Die Neugierde auf Schicksale oder auf verschiedene Perspektiven des Lebens. Damit ich meinen Horizont erweitern kann.
Mit dem Film „Der freie Wille" haben Sie eine Tabuzone betreten, indem Sie einen Vergewaltiger spielen.
Für mich ist ganz unabhängig von dem Thema der Mensch interessant: wer macht so was? Was könnten Gründe dafür sein? Mich interessiert die Nähe zu Menschen zu suchen, die wir aus unserem eigentlichen Fantasiekreis ausgeschlossen haben. Weil wir sie verurteilen. Das empfinde ich als große Herausforderung - und als menschliche Aufgabe. Und in gewisser Weise als Pflicht.
Inwiefern?
Was hätten Kunst oder Kultur, oder was man da so macht, sonst für einen Sinn? Es ist unter allen möglichen Motivationen das Größte, was man als Künstler versuchen kann.
Woraus beziehen Sie Ihre Inspirationen?
Schwer zu sagen. Es hat mit Neugierde zu tun und generellem Wach-Sein und Hinschauen-Wollen. Sich nicht vergraben in dem, was man tut.
Gehen Sie ins Kino?
Manchmal.
Passiert dort manchmal etwas, was Sie umschmeißt? Wo Sie sagen: das muss ich mir jetzt aber merken?
Komischerweise inspiriert mich Musik oft viel mehr als Film. Musik ist freier, offener. Natürlich gibt es auch Filme, die mich inspirieren, oder die ganze Haltung dahinter...
...zum Beispiel?
Abel Ferrara zum Beispiel. Sehr. Die Filme des jungen Martin Scorsese. „Fat City" von John Huston. Die waren mir zur Zeit, als ich so etwas suchte, sehr wichtig. Jetzt stoße ich immer wieder auf Filme, die diese Empfindung auffrischen.
Aber das Fundament ist gelegt.
Ja. Man durchläuft eine Grundschule, wie überall im Leben, und die liefert den Grund, warum man eigentlich macht, was man macht. „Klute" von Alan Pakula ist so ein Film, experimentell und visuell enorm prägend. Es kann schon passieren, dass neue, großartige Filme kommen - aber „Klute" bleibt „Klute", „Fat City" bleibt „Fat City", „Mean Streets" bleibt „Mean Streets".Sie haben mir meine Kinophilosophie vermittelt.Wäre ich zehn Jahre jünger wären es andere Vorbilder, Michael Lee vielleicht oder die Cohn-Brothers.
Wie meinen Sie: Musik inspiriert Sie mehr als Film?
Musik lässt Raum für sehr viele Assioziationen. Ich kann bei der Arbeit sehr gut in Musik denken und auch, was ich vorhabe, viel besser musikalisch erklären als in bloßen Worten: zuerst fährt das Orchester so (singt) wuusch hinauf und fädelt sich dann langsam wieder aus...da hab ich Musik im Kopf, ein Gefühl, wie es auch Ryan Adams erzeugt, der die traurigsten Platten der Welt machen kann. Oder Damien Rice, den hab ich vor zwei Jahren dauernd gehört, weil ich es toll fand, dass ein Mann so viele Gefühle zulassen kann.
Neuer Film mit Corinna Harfouch und dem dänischen Schauspieler Jens Albinus, der bei Lars von Trier in Idioten die Hauptrolle gespielt hat. Thema: Das Leiden an der Liebe.
Kein kleines Thema.
Wir sind allein bei der Recherche zum „Freien Willen" - drei Jahre in Psychatrien und bei Experten für Persönlichkeitsstörungen - auf so viele Themen gestoßen, dass sich daraus noch einmal eine Idee für einen Film entwickelt hat.
Ist mit der Diskussion um den „Freien Willen" Ihr Konzept aufgegangen?
Nein. Die Diskussion hat sich leider auf ein Vergewaltigerdrama reduziert. Was es eigentlich nicht ist. Die Leute, die den Film selbst gesehen haben, kommen auf mich zu und sagen: der Film ist eigentlich ganz anders, als ich gedacht hätte.
Warum?
Weil die Presseberichte - ... - viele Seher abgeschreckt haben, die sich nicht diesem Tabuthema widmen wollten. Vielleicht haben wir auch in der Kommunikation Fehler gemacht. Aber unterm Strich bleibt das Echo auf den Film doch ein positive Erfahrung.
Sie spielen einen Vergewaltiger ....
Manche Leute fragten mich: warum macht ihr einen Film über einen Täter und nicht über ein Opfer? Die frag ich zurück: Sag mal, habt ihr den Film nicht gesehen... Wir haben einen sehr vielschichtigen Film gemacht, nicht so platt wie: Vergewaltiger trifft Vergewaltigungsopfer. So blöd sind wir nicht.
Aber ,,,,
Natürlich. Für viele Zuschauer war der Film auch mehr als ein Film: eine menschliche Erfahrung. Das ging uns beim Machen ganz genauso.
Der Film ist zweifellos anstrengend.
Definitiv. Du kannst ihn dir nur anschauen, wenn du dich dafür interessierst. Es ist kein Film, bei dem ich sagen würde: geh doch mal rein, kuck ihn dir an. Niemals. Der Film verlangt von Zuschauer, dass er einen Schritt auf ihn zu macht.
Sie haben mit dem Freien Willen eine verstörende Arbeit abgeliefert, das nächste Projekt könnte wieder eine Sitcom sein?
Absolut. Auch der neue Film, den wir gerade machen, unterscheidet sich sehr vom „Freien Willen", hat eine ganz andere Radikalität. Er widmet sich mehr dem Seelenzustand der Beteiligten, du musst nicht so viel ertragen, was auf der Leinwand passiert.
Wieso sind Sie neben der Schauspielerei auch Produzent geworden?
Das ist schon 1994 passiert, als wir „Sexy Sadie" machten, „Keine Lieder über Liebe" und „Der Freie Wille" hab ich auch koproduziert. Der Grund: ich glaube, dass die Filme sonst nicht entstanden wären. Und ich bin sehr stolz darauf, dass es sie gibt. Keiner dieser Filme wäre gemacht worden, wenn wir nicht selbst mitproduziert hätten.
Warum nicht?
Man kann einem Produzenten das Projekt nicht wirklich erklären. Man muss selbst Hand anlegen.
Warum nennen Sie Musik als Ihre größte Inspiration?
Wegen ihrer Freiheit. Natürlich kann man auch aus einem Film Inspirationen ziehen, wie ein Schauspieler schaut, wie er etwas sagt - aber da spielen auch die Fotografie, der Schnitt, die Musik, der Text mit. Musik erlaubt mir viel mehr.
Sowohl Ryan Adams als auch Damien Rice - sehr gefühlvolle, melodiöse Musiker - vertragen sich überhaupt nicht mit der wilden Ikonographie des Bikens, des wilden Motorradfahrens...
Na gut, ich könnte auch Henry Rollins von der Rollins Band als Inspiration nennen - aber im Grunde glaube ich, dass sich die Dinge gut miteinander kombinieren lassen. Dass immer alles gleichzeitig stattfindet. Es gibt nicht nur eine Richtung. Alles, was von außen hart erscheint, hat auch ganz viele weiche Momente.
Im Film.
Nicht nur. So ist das bei allen Dingen. Viele Kampfsportler versenken sich zum Beispiel ganz tief in sich selbst, um zu meditieren und Kontakt zu ihren eigenen Ängsten aufzunehmen. Die Frage ist, was mehr nach außen dringt.
Was kann es für einen Sinn haben, sich hart zu präsentieren?
Vielleicht kann man so besser alles Unangenehme von sich fern halten. Jemand, der seine weichen Seiten nach außen kehrt, hält umgekehrt wahrscheinlich auch etwas zurück, nämlich seine ganzen aggressiven Seiten. Es gibt viele Leute, die glauben, sie sind Pazifisten, bloß weil sie noch nie jemanden geschlagen haben - dabei haben sie schon ganz viele Leute mit ihren Worten verletzt. Ich finde so eine pervertierte Form der Gewalt genauso schlimm wie die Ohrfeigen, die jemand anderer verteilt.
Erlauben Sie Ihren Kindern, was sie selbst ausprobieren?
Es ist ja gottseidank jeder anders. Kinder haben ihre eigenen Grenzen. Was heißt außerdem „erlauben"? Damit kommt man eh nicht weiter. Ich versuche natürlich alles, was ich mache, so sicher wie möglich zu machen.
Sind Sie kein Grenzgänger mehr?
Nein. Ich hätte sicherlich die Veranlagung dazu, weiter zu gehen als alle anderen. Aber das kann ich inzwischen über meinen Job ausleben. Das reicht. Und das ist super.
Sie haben also ihr Ding gefunden.
Ja. Jetzt müssen meine Kinder ihr Ding finden. Bestenfalls finden sie einen Job, in dem sie das tun können.
Das leben Sie Ihnen ja vor.
In dem Sinn bin ich vielleicht Vorbild.
Haben Sie das Gefühl, auch für die Allgemeinheit ihres Publikums Vorbild sein zu müssen?
Nein. Denke ich gar nicht drüber nach. Würde mir Angst machen. Ich kenn die doch nicht. Diese graue Masse, die irgendwo existiert. Da darfst du doch gar nichts.
Wie kamen Sie dazu, zum Organspenden aufzurufen?
Ich habe selbst früher einmal Knochenmark für meine Schwester gespendet. In dieser Zeit habe ich die Frau kennen gelernt, die auf eine Spenderlunge gewartet hat und eine Kampagne zur Aufklärung von möglichen Organspendern ins Leben gerufen hat. Die Frage lautet: warum müssen so viele Leute, die auf ein Organ warten, sterben? Viele. In Österreich zum Beispiel ist jeder Organspender, der das nicht schriftlich ausschließt. In Spanien seit neuestem auch. Ich frage mich, warum das nicht in Deutschland auch so ist - und deshalb will ich wenigstens die Jungen davon überzeugen, dass es cool ist, Organspender zu sein. Es hat doch keinen Sinn, jeden Tag gesunde Organe zu begraben. Dafür müssen wir uns schämen.
Wann haben Sie das letzte Mal im Kino richtig gelacht?
Bei der Wiederholung eines alten Woody Allen-Films.
Und Ihre aktuellen Lieblingsfilme?
Schwer. Ich versuche mich ein bisschen fern zu halten, weil ich beruflich eh so viel damit zu tun habe. Ich suche lieber andere Sachen, die mich antörnen.
Zum Beispiel?
Motorradfahren. In diesem Sommer bin ich wieder echt viel gefahren.
Ihre Maschine?
MV Agusta Brutale R. Sehr geile Karre. Macht tierisch Spaß.
Lesen Sie neben den Drehbüchern auch Romane oder so was?
Jerry Cotton.
Und Sport?
Jiu Jitsu.
In die 50 ha große Mondlandschaft sind Stahlgerüste und Stiegenaufgänge, Tribünen für 14.000 Menschen hineingebaut. Auf dem Boden des staubigen Trichters wartet der Track für den Bewerb der Red Bull X-Fighters, es ist der anspruchsvollste Kurs der gesamten Tour.
Jürgen Vogel betrachtet das Bild von der obersten Terrasse aus. Biker-Shops stellen hier Jacken aus, in denen das Stürzen nicht gar so weh tut, Sony präsentiert die neue Playstation. Kamerateams versuchen die Stimmung knapp vor der Großveranstaltung einzufangen. Wenn ein Kameramann Jürgen Vogel entdeckt, beendet er den Schwenk seiner Kamera abrupt. Vogel, der Star. Deutschlands wildester Schauspieler.
Jürgen Vogel, Sohn eines Hamburger Kellners und einer Hausfrau, wurde schon als Kind entdeckt: als Model für den Katalog des Otto-Versands. Mit 15 haute er von daheim ab, und dass er schnell den Film als Betätigungsfeld entdeckte, ersparte ihm vielleicht die Wildheit des wirklichen Lebens. Von den damaligen Kumpels, erzählt er, sei einer tot, ein paar waren jahrelang im Gefängnis und Drogenprobleme hatten alle. Vogel hingegen traf den Schauspieler Richy Müller und zog zu ihm nach Berlin in eine Wohngemeinschaft.
Er begann Fernsehfilme zu drehen, und weil er von Anfang an wusste, dass der Film für ihn das sei, wo immer hingewollt habe, bewarb er sich an der Schauspielschule. Nach einem Tag ließ er die Schule sausen. Sein Stil blieb wild, grob, authentisch. Das Lachen mit der großen Zahnlücke wurde zum Inbegriff realistischer, unverkünstelter Schauspielkunst. Vogel spielte in Fernsehkrimis genauso wie - schnell genug - in großen Kinoproduktionen. Für den Film „Keine Lieder über die Liebe" gründete er die Band „Hansen", mit der er auch auf Tour ging.
Nicht nur die Regisseure, auch das Publikum begann Jürgen Vogel zu lieben. Er ließ sich nicht festlegen, machte Komödien mit der selben Leidenschaft wie harte, problembeladene Spielfilme. Niemand kann wissen, was sein nächstes Projekt sein wird.
Daneben probierte Vogel permanent aus, was ihm Spaß macht. Fuhr so wild, wie er als Schauspieler auftrat, Motorrad. Checkte seine Grenzen ab. Grenzen: gibt's die?
Das Gespräch fand in der Nähe des Steinbruchs Oetelshofen statt. Permanenter Helikoptersound im Off. Am Abend würde Vogel als Juror am X-Fighters-Wettkampf teilnehmen. Er trank Ananassaft gespritzt.
Sie sind Deutschlands bekanntester Schauspieler. Ist der Motorsport Ihre unentdeckte Leidenschaft?
Das hat miteinander zu tun. Schauspieler zu sein heißt schließlich: jede Rutsche ausprobieren, und das mit einem kindlichen Spaß daran.
Für D-Max haben Sie die Sendung „Fat Machines" moderiert. Da wurde der Spaß schon ziemlich erwachsen.
Woher kommt ihre Freude an merkwürdigen Gefährten wie Monstertrucks, Baumaschinen etc.?
Das ist nichts als Sandkasten. Was du früher in der Hand hattest, hast du plötzlich unterm Arsch. Eine Form von persönlichem Erlebnispark. Man darf die Sache freilich nie ernst nehmen.
Haben Monstertruckfahrer Humor?
Weiß ich nicht. Vielleicht auch nicht. Manche glauben vielleicht, dass sie etwas ganz Wichtiges machen. Ich finde, dass diese gigantischen Maschinen etwas sehr Kindliches haben, und das ist doch schön. Ich verstehe jeden, der sagt: ich arbeite täglich acht Stunden. Deshalb fahre ich abends Monstertruck.
Wie kamen Sie dazu, eine Sendung zu diesem Thema zu machen?
Die Kollegen von Dmax wollten mich als Moderator, aber ich sagte Nein: Ich mach's nur, wenn ich die Dinge selbst bewegen darf. Und was ich alles machen durfte: Hovercraft fahren. Auf dem höchsten Kran in Dubai sitzen. Wüstenraupe fahren. Rückenpanzer fahren. Löschausbildung bei der Feuerwehr machen. Find ich alles total geil.
Als Schauspieler?
Nein, mich gibt's schließlich auch noch privat. Ich fahre seit meinem 18. Lebensjahr Motorrad, und gucke mir alles gern an, was geil ist und Spaß macht. Ich bin gar kein so fanatischer Motorsportfreak, aber einige Dinge finde ich halt toll. Die Atmosphäre an einer Rennstrecke ist schon etwas ganz Besonderes.
Gast bei der Formel 1?
Nein, Oldtimer-Grandprixs finde ich geil. Da kommen dann die E-Types, die Ikonen aus den ganzen James Bond-Filmen, und du siehst, dass die noch immer richtig gut fahren. Und diese Ästhetik! Es sind die schönsten Autos der Welt, die du da sehen kannst.
Autobegeistert seit jeher?
Ja. Ich hatte mit meinem Bruder im Zimmer eine Wand aufgestellt, an der die kultigen Enduro-Maschinen dieser Zeit hingen. Die XT-500 von Yamaha zum Beispiel. Die wurde später mein erstes Motorrad. Und die geilen Crossmaschinen dieser Zeit: KTM, Husquarna, und so weiter...
Was für einen Traum verkörperten diese Maschinen für Sie?
Ein Stück Freiheit vielleicht. Meine wichtigste Erinnerung ist, dass ich das Gefühl hatte, mich auf ein Motorrad setzen zu können, um wegzufahren.
Seit „Easy Rider" das älteste Klischee, dass Motorräder und Freiheit zusammengehören.
Man sollte es nicht zu sehr psychologisieren, aber: ich glaube, das Motorrad ist der Ersatz fürs Pferd. Und wer hat dieses Bild nicht vor Augen: Du, allein auf deinem Pferd...
Wie im Abspann jedes Lucky Luke-Comics...
Genau. Schöne Sache.
Wie sind Sie auf diese Romantik eingestiegen?
Indem ich den Führerschein gemacht habe. Und dann hab ich mir die XT 500 geholt, die hatte genau die richtige Drosslung von wegen der erlaubten PS-Zahlen. Da war ich schon sehr glücklich.
Rumgebastelt an der Maschine?
Klar. Eine Sievering-Auspuffanlage draufgeknallt, dann hatte die auch noch den richtigen Sound. Und der blitzende Chromtank, ach...ich erinnere mich sehr gern daran.
Nie Angst gehabt beim Biken?
Doch, als die Kinder kamen, bin ich fünf Jahre lang nicht gefahren. Bildete mir ein, vernünftig sein zu müssen. Aber das hab ich nicht ausgehalten. Irgendwann hab ich mir wieder ein Motorrad geholt.
Klüger geworden beim Fahren?
Auf jeden Fall. Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man permanent an die Grenzen gehen muss.
Jemals schwer gestürzt?
Nie.
Leben Sie nach dem hübschen Motto „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit"?
Genau. Was soll denn das heißen: „erwachsen sein"? Wenn ich glauben würde, erwachsen zu sein, hätte ich bestimmt nicht mehr den Spaß, den ich mir wünsche. Das gilt nicht nur für den Motorsport, wo man Leuten dabei zusieht, wie sie gewisse Naturgesetze außer Kraft setzen, das gilt für das ganze Leben. Ein Kind geht an seine Grenzen, weil es so lernt, was es kann. Ich fände es fatal, wenn ich mir diesen Lernvorgang nicht mehr erlauben würde, bloß weil ich „erwachsen" bin. Da ginge ein Stück Lebensgenuss flöten.
Sind Sie gerne ein bisschen Kind?
O ja. Das ist etwas extrem Geiles.
Und wie kommen Sie damit durch?
Gut. Ich gebe nichts darauf, wenn mir wer sagt, was gut ist oder nicht gut. Das weiß ich selbst am besten, und deshalb probiere ich alles Mögliche aus, um herauszufinden, wie es sich so anfühlt.
Ideale Voraussetzung für einen Schauspieler.
Finde ich ja auch. Es passt gut zusammen, immer neue Dinge ausprobieren zu wollen. Wenn ich immer glauben würde, ich weiß alles über meinen Job oder über die Rollen, die ich spiele, dann wäre das doch unglaublich langweilig. Ich weiß bis heute nicht, was ich wirklich mache...
Wie meinen Sie das?
Natürlich kann ich gewisse Grundlagen der Schauspielerei intellektualisieren und erklären. Aber im Grunde macht's mir einfach Spaß, und ich weiß nicht, warum etwas gelingt und was anderes nicht.
Sie fangen bei jedem Film, bei jeder Rolle ganz von vorne an?
Alles, was ich mache, würde ich zehn Minuten später schon wieder anders machen. Ich bin zehn Minuten älter, ich interpretiere alles schon wieder neu.
Jede Szene im Film ist also eine Momentaufnahme?
Ein Stückchen Zeitdokument. Wie ich in dem Moment gerade bin, oder wie ich gerade die Dinge erlebe, fühle oder sehe. So wie das Leben eben ist. Nicht zu sehr im Kopf. Sondern sich drauf einlassen und dann so gut wie möglich zu machen.
Und warum empfinden das in Ihrem Fall so viele Leute als außergewöhnlich?
Ich glaube, dafür kann man gar nichts. Das ist wie beim Crossfahren auch. Für das Stückchen Talent, das sich bei dir mehr sichtbar macht als bei anderen, dafür kannst du nichts.
Ist das nicht ein bisschen gar bescheiden?
Nein, gar nicht. Ich kann mein eigenes Talent ehrlich gesagt gar nicht sehen. Ich merke nur, wie die anderen darauf reagieren. Was ich allerdings sagen kann, ist dass ich meine Sachen wirklich gern mache.
Als Schauspieler haben Sie ein enorm breites Spektrum, vom Fernsehkrimi bis zum großen Kinofilm...
...das find ich auch gut, denn ich möchte in meinem Beruf nicht strategisch zu denken beginnen...
...welche Rolle Ihrer Karriere am meisten nützt...
...darauf hab ich nun gar keine Lust. Ich krieg ein Buch, und dann weiß ich, ob es mir Spaß machen wird, meine Rolle zu spielen. Was für ein Film das am Schluss wird, darauf hast du eh keinen großen Einfluss.
Was ist also das Kriterium ob sie ja sagen oder nein?
Das Thema muss mich anzecken, mich faszinieren. Das können ganz verschiedene Themen sein, als Mensch interessiert man sich ja auch für alles mögliche. Manchmal möchte man lachen, manchmal findet man es toll, etwas ganz Ernstes zu machen. So sehe ich meinen Beruf auch.
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Wenn ich mir vorstelle, ich würde mir meine Sachen nur nach Ernsthaftigkeit aussuchen, begänne rasch etwas zu blockieren. Ich will frei bleiben, wie beim Motorradfahren. Deshalb entscheide ich auch oft aus dem Bauch raus.
Warum lehnen Sie Angebote ab?
Es gibt natürlich Stoffe, die mir nicht gefallen, wo ich mir denke: Schrott. Weiß gar nicht warum, es ist wie bei Musik, die du nicht magst. Da kannst du lange darüber sprechen, aber die Musik magst du deswegen nicht lieber. So ist das beim Drehbuch auch.
Aber es macht für Sie keinen Unterschied, ob sie fürs Kino oder fürs Fernsehen drehen?
Film ist Film, auch wenn ich nur ein kurzes ein Video drehe. Das Material oder die Technik, wie gedreht wird, darf nicht darüber entscheiden, wie gut ich bin. Finde ich. Ich will nicht in Formaten denken, weil ich mich nämlich nicht selbst in Schubladen stecke.
Das ist ein ungewöhnlicher Ansatz. Ein Schauspieler, der im Kino Erfolg hat, macht in der Regel fast nichts mehr im Fernsehen.
Ich seh das genau andersrum. Ich finde, du darfst immer alles machen. Du darfst auch eine Sticom oder eine Soap machen, wenn du's gerne machst. Und wenn du's gut machst, ist es völlig egal, in welchem Rahmen das geschieht. Es gibt vor allem in Amerika viele Beispiele dafür, dass Stars ihre Karriere in Sitcoms begonnen haben und nach einer großen Kinokarriere auch wieder dorthin zurückkehren - mit Stolz, Ehre und qualitativ ganz, ganz großartig.
Warum ist das in Amerika anders als in Deutschland?
Einerseits gibt's in Amerika schon sehr viele besonders gute Schreiber. Andererseits scheint mir, dass viele Schauspieler bei uns schon im Moment, wo sie ihre Rolle spielen, nicht daran glauben, dass sie etwas Gutes machen. Das überträgt sich natürlich.
Was haben Sie daraus gelernt?
Dass man im Grunde immer gut sein kann.
Das Phänomen des Spartendenkens gibt es auch in der Literatur. Ein erfolgreicher Romanautor wird um nichts in der Welt einen Krimi schreiben....
...das ist in meiner Branche ganz genauso. Ich bin jetzt 25 Jahre dabei, und immer gibt es Leute, die mir sagen wollen, dass es nicht unbedingt taktisch gut ist, was ich mache. Diese Bedenkenträger, die dir immer sagen, dass man aufpassen muss.
Wie haben Sie darauf reagiert?
Man muss sich aktiv dagegen wehren, um zu beweisen, dass es totaler Schwachsinn ist, was die reden.
Zum Beispiel?
Ich hab mal einen großen, sehr gehypten Kinofilm abgesagt und statt dessen ein Pro Sieben-Fernsehspiel gemacht. Der Produzent kam zu mir und sagte, das kann doch jetzt nicht wahr sein, dass du die Rolle sausen lässt, um Fernsehen zu machen. Dabei fand ich nur das Buch schlecht.
Sie treten auch hie und da in Fernsehshows auf. Was macht Ihnen daran Spaß?
Ich war zum Beispiel bei Uri Geller. Den hatte ich als Kind immer gesehen, wie er im Fernsehen Löffel verbog, und das war, ehrlich gesagt, der einzige Grund. Ich wollte mal sehen, wie der das macht. Außerdem bin ich neugierig. Wenn ich was sehen kann, was andere nicht sehen, finde ich das im Prinzip mal geil.
Wie war der Abend bei Uri Geller?
Super. Ich hatte einen ganzen Abend lang Spaß. Ein Freund hat mir prompt gesagt, dass er mich zuletzt ziemlich oft in solchen Shows gesehen hätte, ich müsste ein bisschen aufpassen. Da sagte ich: dann mach's doch weg, wenn du mich nicht sehen willst. Ich zwing dich ja nicht, das anzusehen.
Sind Sie trotzig?
Ein bisschen. Wenn mir jemand etwas verbieten will.
Woher nehmen Sie die Sicherheit, sich den Zwängen der Branche so offensiv zu entziehen?
Weil die Bedenkenträger ja sowieso nicht da sind, wenn's dir einmal beschissen geht. Ich hab von Anfang an die Erfahrung gemacht, dass ich meinen Weg alleine gehe, und dass die ganzen Berater und Schlauberger eh nicht an meiner Seite sind, oder nur, wenn's mir gut geht. Wenn's dir schlecht geht, kennt dich keine Sau. Es muss dir klar sein, dass du alles - solche Dinge jedenfalls - für dich tun musst, für niemanden sonst. Karriere wirst du nicht machen, weil du ein guter Stratege bist, sondern weil du gut bist.
Was spielt Geld für eine Rolle für Sie?
Geld ist was Feines. Damit erziehen wir unsere Kinder und leisten uns ein Stück Freiheit für uns selbst, wir wollen ja ein gutes Leben haben. Denn wenn wir ein Scheißleben haben, produzieren wir auch nichts als Frustration und Unglück. Das ist Quatsch. Wir müssen die Waage halten zwischen Käuflichkeit und Nicht-Käuflichkeit, und wenn man mal eine Rolle wegen der Kohle macht, dann muss man sich dessen bloß bewusst sein. Dann find ich das auch okay.
Ist Geld für Sie ein Motiv, gewisse Dinge zu tun?
Es gibt solche und solche Phasen. Ich mache viele Low Budget-Sachen oder Projekte, wo Geld gar keine Rolle spielt. Ich habe immer einen Spagat zwischen künstlerisch anspruchsvollen und kommerzielleren Sachen gemacht, ohne dass ich sagen möchte, was mir besser gefällt. Gut sein musst du sowieso. Die Herausforderung meines Jobs besteht darin, möglichst viel von dem, was mir selbst wichtig ist, hineinzupacken - ganz egal, ob ich dafür gut bezahlt werde oder nicht.
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Ich versuche immer, bei mir zu bleiben.
Wann haben Sie mit einer Arbeit Erfolg - in Ihren eigenen Augen?
Wenn es mir gelingt, etwas Überraschendes zu machen. Etwas, womit kein Regisseur gerechnet hätte. Etwas zu gestalten, was man vorher nie geahnt hätte - dann tritt das ein, was mich glücklich macht. Das merkst du schon während der Arbeit.
Was muss ein Regisseur können, um Sie zu so einer Leistung zu bringen?
Genau beobachten. Begreifen, was ich will. Und mich motivieren, in mir das Gefühl erzeugen, dass gerade etwas Außergewöhnliches entsteht. Dann sage ich nicht nur Text, erfülle meine Pflicht. Dann entstehen echte Menschen, zu denen man ein Gefühl entwickeln kann. Das macht mich glücklich - unabhängig davon, was in der nächsten Schleife der Bearbeitungskette passiert.
Ein Film ist ein riesiges Schiff, das schwer gesteuert werden kann. Selbst ein gutes Buch, ein guter Regisseur und gute Schauspieler sind keine Garantie für einen guten Film.
Ja. Aber jeder Film hat seinen eigenen Spirit. Ob am Schluss, das, was man sich wünscht, auch wirklich entsteht, ist ein bisschen Magie.
Ist Ihnen Anerkennung egal, die positive Rezeption Ihrer Arbeit?
Nicht egal. Aber es ist nicht so, dass mich gute oder schlechte Kritiken daran hindern, das zu tun, was ich wirklich tun will. Ich bin nicht manipulierbar.
Was bewegt Sie, auf ein Drehbuch einzusteigen? Der Stoff? Ihre Rolle? Die Message?
Message? Nein, sicher nicht. Am Schluss geht's immer ums Berühren. Ich muss das Gefühl haben, dass ich in Welten eintauchen kann, die ich vorher nicht kannte. Dahinter gibt's keine Message, außer die Nähe zu den Menschen zu haben oder zur Geschichte. Die Neugierde auf Schicksale oder auf verschiedene Perspektiven des Lebens. Damit ich meinen Horizont erweitern kann.
Mit dem Film „Der freie Wille" haben Sie eine Tabuzone betreten, indem Sie einen Vergewaltiger spielen.
Für mich ist ganz unabhängig von dem Thema der Mensch interessant: wer macht so was? Was könnten Gründe dafür sein? Mich interessiert die Nähe zu Menschen zu suchen, die wir aus unserem eigentlichen Fantasiekreis ausgeschlossen haben. Weil wir sie verurteilen. Das empfinde ich als große Herausforderung - und als menschliche Aufgabe. Und in gewisser Weise als Pflicht.
Inwiefern?
Was hätten Kunst oder Kultur, oder was man da so macht, sonst für einen Sinn? Es ist unter allen möglichen Motivationen das Größte, was man als Künstler versuchen kann.
Woraus beziehen Sie Ihre Inspirationen?
Schwer zu sagen. Es hat mit Neugierde zu tun und generellem Wach-Sein und Hinschauen-Wollen. Sich nicht vergraben in dem, was man tut.
Gehen Sie ins Kino?
Manchmal.
Passiert dort manchmal etwas, was Sie umschmeißt? Wo Sie sagen: das muss ich mir jetzt aber merken?
Komischerweise inspiriert mich Musik oft viel mehr als Film. Musik ist freier, offener. Natürlich gibt es auch Filme, die mich inspirieren, oder die ganze Haltung dahinter...
...zum Beispiel?
Abel Ferrara zum Beispiel. Sehr. Die Filme des jungen Martin Scorsese. „Fat City" von John Huston. Die waren mir zur Zeit, als ich so etwas suchte, sehr wichtig. Jetzt stoße ich immer wieder auf Filme, die diese Empfindung auffrischen.
Aber das Fundament ist gelegt.
Ja. Man durchläuft eine Grundschule, wie überall im Leben, und die liefert den Grund, warum man eigentlich macht, was man macht. „Klute" von Alan Pakula ist so ein Film, experimentell und visuell enorm prägend. Es kann schon passieren, dass neue, großartige Filme kommen - aber „Klute" bleibt „Klute", „Fat City" bleibt „Fat City", „Mean Streets" bleibt „Mean Streets".Sie haben mir meine Kinophilosophie vermittelt.Wäre ich zehn Jahre jünger wären es andere Vorbilder, Michael Lee vielleicht oder die Cohn-Brothers.
Wie meinen Sie: Musik inspiriert Sie mehr als Film?
Musik lässt Raum für sehr viele Assioziationen. Ich kann bei der Arbeit sehr gut in Musik denken und auch, was ich vorhabe, viel besser musikalisch erklären als in bloßen Worten: zuerst fährt das Orchester so (singt) wuusch hinauf und fädelt sich dann langsam wieder aus...da hab ich Musik im Kopf, ein Gefühl, wie es auch Ryan Adams erzeugt, der die traurigsten Platten der Welt machen kann. Oder Damien Rice, den hab ich vor zwei Jahren dauernd gehört, weil ich es toll fand, dass ein Mann so viele Gefühle zulassen kann.
Neuer Film mit Corinna Harfouch und dem dänischen Schauspieler Jens Albinus, der bei Lars von Trier in Idioten die Hauptrolle gespielt hat. Thema: Das Leiden an der Liebe.
Kein kleines Thema.
Wir sind allein bei der Recherche zum „Freien Willen" - drei Jahre in Psychatrien und bei Experten für Persönlichkeitsstörungen - auf so viele Themen gestoßen, dass sich daraus noch einmal eine Idee für einen Film entwickelt hat.
Ist mit der Diskussion um den „Freien Willen" Ihr Konzept aufgegangen?
Nein. Die Diskussion hat sich leider auf ein Vergewaltigerdrama reduziert. Was es eigentlich nicht ist. Die Leute, die den Film selbst gesehen haben, kommen auf mich zu und sagen: der Film ist eigentlich ganz anders, als ich gedacht hätte.
Warum?
Weil die Presseberichte - ... - viele Seher abgeschreckt haben, die sich nicht diesem Tabuthema widmen wollten. Vielleicht haben wir auch in der Kommunikation Fehler gemacht. Aber unterm Strich bleibt das Echo auf den Film doch ein positive Erfahrung.
Sie spielen einen Vergewaltiger ....
Manche Leute fragten mich: warum macht ihr einen Film über einen Täter und nicht über ein Opfer? Die frag ich zurück: Sag mal, habt ihr den Film nicht gesehen... Wir haben einen sehr vielschichtigen Film gemacht, nicht so platt wie: Vergewaltiger trifft Vergewaltigungsopfer. So blöd sind wir nicht.
Aber ,,,,
Natürlich. Für viele Zuschauer war der Film auch mehr als ein Film: eine menschliche Erfahrung. Das ging uns beim Machen ganz genauso.
Der Film ist zweifellos anstrengend.
Definitiv. Du kannst ihn dir nur anschauen, wenn du dich dafür interessierst. Es ist kein Film, bei dem ich sagen würde: geh doch mal rein, kuck ihn dir an. Niemals. Der Film verlangt von Zuschauer, dass er einen Schritt auf ihn zu macht.
Sie haben mit dem Freien Willen eine verstörende Arbeit abgeliefert, das nächste Projekt könnte wieder eine Sitcom sein?
Absolut. Auch der neue Film, den wir gerade machen, unterscheidet sich sehr vom „Freien Willen", hat eine ganz andere Radikalität. Er widmet sich mehr dem Seelenzustand der Beteiligten, du musst nicht so viel ertragen, was auf der Leinwand passiert.
Wieso sind Sie neben der Schauspielerei auch Produzent geworden?
Das ist schon 1994 passiert, als wir „Sexy Sadie" machten, „Keine Lieder über Liebe" und „Der Freie Wille" hab ich auch koproduziert. Der Grund: ich glaube, dass die Filme sonst nicht entstanden wären. Und ich bin sehr stolz darauf, dass es sie gibt. Keiner dieser Filme wäre gemacht worden, wenn wir nicht selbst mitproduziert hätten.
Warum nicht?
Man kann einem Produzenten das Projekt nicht wirklich erklären. Man muss selbst Hand anlegen.
Warum nennen Sie Musik als Ihre größte Inspiration?
Wegen ihrer Freiheit. Natürlich kann man auch aus einem Film Inspirationen ziehen, wie ein Schauspieler schaut, wie er etwas sagt - aber da spielen auch die Fotografie, der Schnitt, die Musik, der Text mit. Musik erlaubt mir viel mehr.
Sowohl Ryan Adams als auch Damien Rice - sehr gefühlvolle, melodiöse Musiker - vertragen sich überhaupt nicht mit der wilden Ikonographie des Bikens, des wilden Motorradfahrens...
Na gut, ich könnte auch Henry Rollins von der Rollins Band als Inspiration nennen - aber im Grunde glaube ich, dass sich die Dinge gut miteinander kombinieren lassen. Dass immer alles gleichzeitig stattfindet. Es gibt nicht nur eine Richtung. Alles, was von außen hart erscheint, hat auch ganz viele weiche Momente.
Im Film.
Nicht nur. So ist das bei allen Dingen. Viele Kampfsportler versenken sich zum Beispiel ganz tief in sich selbst, um zu meditieren und Kontakt zu ihren eigenen Ängsten aufzunehmen. Die Frage ist, was mehr nach außen dringt.
Was kann es für einen Sinn haben, sich hart zu präsentieren?
Vielleicht kann man so besser alles Unangenehme von sich fern halten. Jemand, der seine weichen Seiten nach außen kehrt, hält umgekehrt wahrscheinlich auch etwas zurück, nämlich seine ganzen aggressiven Seiten. Es gibt viele Leute, die glauben, sie sind Pazifisten, bloß weil sie noch nie jemanden geschlagen haben - dabei haben sie schon ganz viele Leute mit ihren Worten verletzt. Ich finde so eine pervertierte Form der Gewalt genauso schlimm wie die Ohrfeigen, die jemand anderer verteilt.
Erlauben Sie Ihren Kindern, was sie selbst ausprobieren?
Es ist ja gottseidank jeder anders. Kinder haben ihre eigenen Grenzen. Was heißt außerdem „erlauben"? Damit kommt man eh nicht weiter. Ich versuche natürlich alles, was ich mache, so sicher wie möglich zu machen.
Sind Sie kein Grenzgänger mehr?
Nein. Ich hätte sicherlich die Veranlagung dazu, weiter zu gehen als alle anderen. Aber das kann ich inzwischen über meinen Job ausleben. Das reicht. Und das ist super.
Sie haben also ihr Ding gefunden.
Ja. Jetzt müssen meine Kinder ihr Ding finden. Bestenfalls finden sie einen Job, in dem sie das tun können.
Das leben Sie Ihnen ja vor.
In dem Sinn bin ich vielleicht Vorbild.
Haben Sie das Gefühl, auch für die Allgemeinheit ihres Publikums Vorbild sein zu müssen?
Nein. Denke ich gar nicht drüber nach. Würde mir Angst machen. Ich kenn die doch nicht. Diese graue Masse, die irgendwo existiert. Da darfst du doch gar nichts.
Wie kamen Sie dazu, zum Organspenden aufzurufen?
Ich habe selbst früher einmal Knochenmark für meine Schwester gespendet. In dieser Zeit habe ich die Frau kennen gelernt, die auf eine Spenderlunge gewartet hat und eine Kampagne zur Aufklärung von möglichen Organspendern ins Leben gerufen hat. Die Frage lautet: warum müssen so viele Leute, die auf ein Organ warten, sterben? Viele. In Österreich zum Beispiel ist jeder Organspender, der das nicht schriftlich ausschließt. In Spanien seit neuestem auch. Ich frage mich, warum das nicht in Deutschland auch so ist - und deshalb will ich wenigstens die Jungen davon überzeugen, dass es cool ist, Organspender zu sein. Es hat doch keinen Sinn, jeden Tag gesunde Organe zu begraben. Dafür müssen wir uns schämen.
Wann haben Sie das letzte Mal im Kino richtig gelacht?
Bei der Wiederholung eines alten Woody Allen-Films.
Und Ihre aktuellen Lieblingsfilme?
Schwer. Ich versuche mich ein bisschen fern zu halten, weil ich beruflich eh so viel damit zu tun habe. Ich suche lieber andere Sachen, die mich antörnen.
Zum Beispiel?
Motorradfahren. In diesem Sommer bin ich wieder echt viel gefahren.
Ihre Maschine?
MV Agusta Brutale R. Sehr geile Karre. Macht tierisch Spaß.
Lesen Sie neben den Drehbüchern auch Romane oder so was?
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