Junot Diaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Die Zeit / Kritiken
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Rrrrrummms.
Es ist kein normaler Roman, der hier mit der Tür ins Haus fällt: es ist eine Welt. Es sind zwei Welten. Vier Welten. Es ist...blipp, fiddel, ...eine Kakophonie merkwürdiger, unvertrauter Geräusche.



Nigger, die ihren Girls mit der flachen Hand auf den Hintern klatschen (und nicht nur auf den Hintern). Diktatoren, die ihre einfallsreichen Todeschwadronen ausschicken. Raumschiffe, die durchs All trudeln. Comicfiguren, die mit Laserschwertern aufeinander eindreschen. Dominikanischer Zauber in New Jersey. Eifersuchtsdramen in der Vorstadt. Fantasy im Ausländerghetto. Und aus dem ganzen Kuddelmuddel lässt sich die Stimme des fantastischen Erzählers Junot Diaz vernehmen, wie sie, ohne zu wackeln, die entscheidende Frage stellt: Hey, Leute, habt ihr auch gut aufgepasst, wie unser kleiner Oscar Wao seine Hoffnung an die Wand fährt?
Oscar: er ist schwarz, Dominikaner, und er ist fett. Die Mädchen, in die er sich regelmäßig verliebt, lachen ihn aus. Er liest Science fiction-Romane und den „Herrn der Ringe", kennt alle Star Trek-Episoden auswendig und heult noch beim tausendsten Mal, wenn er sich Akira, den japanischen Anime-Klassiker, reinzieht. Oscar ist ein Nerd: einer der modernen Sonderlinge, die als menschliche Abfallprodukte der elektronischen Revolution dazu verdammt sind, permanent in den Bildschirm zu starren und ungeheueres, unnützes Fachwissen anzuhäufen, ins Oscars Fall die Feinheiten elbischer Sprachen und jeder Art von computergesteuerten Rollenspielen.
Zum Namen Wao kam Oscar so: „An Halloween beging er den Fehler, sich als Doctor Who [der Protagonist der gleichnamigen TV-Serie, Anm.] zu verkleiden, und war sogar richtig stolz auf seine Aufmachung. Als ich ihn auf der Easton zusammen mit zwei anderen Clowns aus dem Schreibkurs sah, konnte ich nicht fassen, wie sehr er dieser fetten Schwuchtel Oscar Wilde ähnelte, und sagte ihm das auch: Du siehst echt genauso aus. Keine gute Sache für Oscar, denn Melvin fragte: Oscar Wao, quién es Oscar Wao?, und das saß, alle nannten ihn von nun an so."
Sein Leben lang sucht Oscar nach Liebe, und dass diese Suche nicht gut ausgeht, steht schon im Titel dieses Buches. Aber „Das kurze und wundersame Leben des Oscar Wao" ist weder ein kurzes Buch, noch kurz gegriffen: Es ist eine Saga, ein monumentaler Familienroman, ein Immigrantenepos, eine von tausend fremden Kulturen aufgeladene, literarische Soap, eine karibische Liebesgeschichte, ein eklektizistisches Wunder: die Story eines Jungen und seiner Schwester, deren Eltern und deren Eltern, eine Geschichte der dominikanischen Republik und des mörderischen Diktators Rafael Leónidas Trujillo Molina, eine Geschichte von Flüchen, Aberglauben, der Gier nach Sex, eine Geschichte der Landflucht, der neuen und der alten Heimat, des Rassismus, der Demütigung durch Gedemütigte, der Sehnsucht nach Nähe, der Sehnsucht, dass man irgendwann einmal in den Nacken eines Menschen atmen darf, den man liebt: Vielleicht nicht mehr in diesem Leben, nicht mehr in diesem.

Die Geschichte beginnt mehr als fünfzig Jahre früher im Haus von Oscars Großeltern, eines Arztes und einer Krankenschwester, in der Dominikanischen Republik. Hitzedämmrige, karibische Idylle, würde nicht der launische, sexsüchtige Diktator Trujillo seine Finger nach der Familie ausstrecken. Plötzlich frisst der Großvater im Gefängnis Scheiße, und nur seine jüngste Tochter, die Oscars Mutter sein wird, überlebt bei Pflegeeltern, die diesen Namen nicht verdienen. Magische Bestimmung will es, dass das Mädchen Belicia von der Kusine ihres Vaters gefunden und aufgezogen wird, dass sie zur Prinzessin ihres Quartiers heranwächst, die Liebesgeschichte mit einem Trujillo-Gangster überlebt und nach New Jersey auswandert, damit es ihre Kinder Oscar und Lola besser haben. Hier kann sich Oscar seine 140 Kilo anfressen, den Fernseher anwerfen und elbisch lernen, von hier kann er zurück nach Santo Domingo reisen, der endgültigen, wundersamen Bestimmung seines kurzen Lebens entgegen.
Es ist nicht die Handlung, die diesen Roman groß und außergewöhnlich macht. Es sind die Figuren.
Beli (Oscars Mutter): die dunkelschwarze Frau, die aus Trotz und Willen und Kurven besteht. Sie wandelt „ihre Wut in ihr eigenes Überleben um."
La Inca (Belis Großtante und Ziehmutter): das gute karibische Gewissen. Eine Frau, die nicht weicht, weder den Zwängen der Diktatur noch denen des Herzens, auch nicht des eigenen. Ihr fehlt zum Glück, was Beli treibt: „das unstillbare Verlangen nach anderen Orten".
Lola (Oscars Schwester): sie hat genug von ihrer Mutter geerbt, um sich im dauerhaften Krieg mit ihr zu befinden. Unvergessliche Szene, wie die ausgerückte Lola mit ihrem kahl rasierten Punkschädel von ihrer an Krebs erkrankten Mutter die Perücke nachgeworfen bekommt: „Die wirst du tragen. Und zwar jeden einzelnen Tag. Und wenn ich dich ohne sie sehe, dann bring ich dich um!
Ich sagte keinen Ton. Ich hielt die Perücke über den Gasherd."

Junot Diaz, der bisher mit Erzählungen („Abgetaucht") hervorgetreten war, beginnt seinen Roman in der Gegenwart und addiert mit jeder Rückblende neue Deutungs- und Bedeutungsflächen. Er errichtet ein zufällig wirkendes, aber höchst durchdachtes Handlungsgebäude, dessen einzelne Räume und Zonen mit jedem neuen Kapitel besser, genauer und detaillierter ausgeleuchtet werden. Geschichten überlagern sich, ergänzen sich, vermengen sich zu dem, was den Namen Epos wirklich verdient, und er, der Erzähler findet darin auch eine Rolle für sich selbst, in der er von seinem Verhältnis zu Lola berichten kann und wie sie ihm die Hölle heiß machte, wenn er die Finger nicht von den Negritas, den schwarzen Mädels, lassen kann.
Die Sätze sind von hohem spezifischem Gewicht: Diaz formuliert gern und virtuos, Lakonie ist nicht seine Sache. Ellenlange Fußnoten wie bei David Foster Wallace erteilen Geschichtsstunden in karibischer Geschichte. Mythen jeder Ordnung feiern Tradition, Revolution und einäugige Monster von fremden Sternen. Die in die Erzählung eingebackenen spanischen Worte und Brocken laden die Erzählung mit authentischer Immigrantensprache auf, vulgär, witzig, direkt, nicht wahr, Nigger?
Die trashkulturelle Immigrantensprache ist Diaz' Spezialität. Er selbst, Jahrgang 1968, ist ein nach New Jersey ausgewanderter Dominikaner, Scifi-Nerd und bestimmt nicht zu wenige Stunden vor der Glotze gesessen, er weiß, wie seine Figuren reden, was seine Figuren bewegt, worauf sie scharf sind, wovor sie sich fürchten.
Hier ist magischer Realismus des dritten Jahrtausends, Garcia Marquez auf Speed. Dafür bekam Junot Diaz 2008 den Pulitzerpreis.
Und diese zärtliche, bitterböse Traurigkeit. Als Oscar einen Selbstmordversuch auf höchst beschämende Weise überlebt hat, eilen Mutter und Schwester an sein Krankenbett. Lola „setzte sich neben ihren Bruder und nahm seine Hand.
Mister, bist du okay?, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf: Nein."


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Christian Seilers
Kolumne in

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