Julian Barnes

Porträts / Weltwoche

Im Garten von Julian Barnes wachsen merkwürdige Pflaumen. Ihre Haut schimmert in einem stark zu Karmesinrot tendierenden Violett, das Fruchtfleisch ist von einladend sattem Gelb. Sie schmecken, mhm, wie reife Pflaumen eben schmecken, süß mit einem angenehmen Schuss Fruchtsäure. Aber sie sehen aus, als hätte Tomi Ungerer im Evolutionslabor ein bisschen die Puppen tanzen lassen: wer sonst würde Pflaumen in der Façon ausladender Frauengesäße wachsen lassen?



Barnes teilt die jeweils im oberen Drittel zusammengewachsenen Zwillingsfrüchte mit nachsichtigem Lächeln und schneidet sie in Hälften. Der alte Tomi. Barnes lässt die Pflaumensteine in den Kompost-Eimer plumpsen und verwirft die Idee, sie zu knacken, die nussartigen Kerne aus dem Inneren der Schale herauszuschälen, diese in ein Stoffsäckchen zu füllen und mit dem Fruchtfleisch kochen zu lassen. Der Trick klingt zwar viel versprechend, macht aber Extraarbeit und wird nicht in Betracht gezogen. Denn Barnes hat Alternativen. eshalb Er hat gleich drei Kochbücher aufgeschlagen auf dem Küchenbord platziert und steuert den einfachsten Weg zur perfekten Pflaumenmarmelade an.

Die Küche ist geräumig, aber nicht riesig. Zwei große Fenster geben den Blick in den Garten frei, dessen Vegetation das Ergebnis jahrelanger Pflege ist. Barnes lebt mit seiner Frau, der Literaturagentin Pat Kavanagh, seit zwanzig Jahren im Norden von London, eine Viertelstunde von Hampstead Heath. Die weiß furnierte Arbeitsfläche ist fensterseitig angelegt, und man kann sich den Hausherren blendend vorstellen, wie er, während aus dem würfelförmigen Radio ein Klassikprogramm wallt, traumverloren Kartoffeln schält und mit einem langen Blick die Büsche an der Grenze seines vom Haus weg leicht ansteigenden Grundstücks abtastet. Direkt vor dem Fenster blühen Rosen und Rhododendren. Der Pflaumenbaum steht zwischen zwei Zierbüschen, und obwohl er bereits einmal abgeerntet wurde, trägt er noch immer mindestens einen Waschtrog rotbackiger Arschpflaumen.

Auch auf sie wartet das Marmeladeschicksal. Was Julian Barnes allerdings nicht verrät, ist, welches Schicksal die Marmelade erwartet. Denn eine Produktion Pflaumenmarmelade reicht gemäß Kalkulation des Dichters mindestens für drei Saisonen. Es könnte also sein, dass irgendwo in den Ecken dieses Hauses ein Verlies für Jahrgangspflaumenmarmelade eingerichtet ist, das Jahr für Jahr voller und voller wird, und wer weiß, was dort sonst noch alles versteckt ist.

 

Als Schriftsteller ist Julian Barnes ein Virtuose. Akrobatisch bewegt er sich auf dem Hochseil der Ironie und schenkt uns dabei sein etwas schiefes, gleichmütiges Lächeln. Er formuliert spektakulär und ist auf den unterschiedlichsten Parketten trittfest. Sein als Roman verkleideter Essay «Flauberts Papagei» machte ihn 1984 berühmt und lieferte nebenbei so etwas wie ein literarisches Programm: das Bekenntnis zum Flaubert'schen Stilwillen, zur Erzählung ohne Fisimatenten, zum allgegenwärtigen ironischen Bruch. Mit «Metroland» schrieb Barnes eine coole Geschichte französisch-englischer Verständnislosigkeit, und auch dieses Motiv  findet sich in fast allen seiner bis dato zehn Romane wieder. Den größten Publikumserfolg landete er mit «Die Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln». Wunderbare, märchenhafte Erzählungen stehen Wange an Wange mit kenntnisreichen Mutmaßungen über Géricaults «Floß der Medusa», und das «halbe Kapitel über die Liebe» ist etwas vom Seelenvollsten, was unsere Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

Julian Barnes bekam mehr Literaturpreise, als er sich merken konnte. In Frankreich (was für ein Scherz!) wurde er mit dem Prix Goncourt geadelt. Chevalier Barnes legte sich ein Pseudonym zu und schrieb Krimis. Das Pseudonym - Dan Kavanagh - sollte dazu dienen, den vom Autor erwarteten, umwerfenden Erfolg der Duffy-Krimis nicht negativ auf sein «seriöses» Werk abfärben zu lassen, dabei kam es genau umgekehrt. Die Julian Barnes-Bücher fanden eine weit größere Leserschaft als die witzigen Krimis um den schwulen Ermittler Duffy, und die Quersubvention erfolgte sozusagen von E nach U - wenn es E und U in der englischen Literatur und speziell bei Julian Barnes überhaupt gäbe.

Für einige Jahre ließ sich Barnes, der inzwischen die faszinierende Dreiecksgeschichte «Darüber reden» und die historische Fiktion «England, England» veröffentlicht hatte, vom amerikanischen Wochenblatt «New Yorker» anheuern, für das er regelmäßig den «Brief aus London» verfasste. In diesem Rahmen entstanden umwerfende Beobachtungen der britischen Gesellschaft, ob am Beispiel des Rücktritts von Margret Thatcher oder am Scheitern des Versicherers «Lloyd's». Barnes sagte damals, er habe als Journalist arbeiten wollen, um sich zu zwingen, klüger zu werden. Dabei exerzierte er vor, wie selbstverständlich guter Journalismus Bildung und Unterhaltung im Dienst des Lesers kombiniert. Es fällt in diese Zeit, dass Barnes das Etikett «bester Schriftsteller der Welt» verpasst bekam. Er schüttelt zwar - «absurd» - den Kopf, wenn er darauf angesprochen wird, und setzt das Lächeln mit Ironiestufe 9 (von 10 möglichen) auf, aber wirklich peinlich ist ihm der Superlativ natürlich nicht. Er ist übrigens auch nicht ganz unverdient.

Dass Julian Barnes nebenbei Restaurantkritiken für die Lifestylefibel «Tatler» verfasste, besitzt seine eigene, ergänzende Logik. Diesem Mann sind seine Leidenschaften heilig. Er teilt sie nicht in ewige und rasch zu verbrauchende. Wenn er nachmittags vom Schreibtisch aufsteht, steigt er die Stiegen hinunter ins Erdgeschoß und macht sich in der Küche zu schaffen. Vielleicht bewegt er sich zuerst noch einen Stock tiefer und zupft eine Flasche Wein aus dem Regal, denn «um ehrlich zu sein», sagt er, «finde ich es eine schlechte Idee, einen Tag lang keinen Wein zu trinken.»

Das Bonmot landet er, wie meistens, indem er es durch ein passendes Zitat aus Literatur, Kunst oder einem Micky Maus-Heft ergänzt, im Jeden-Tag-Wein-Fall um folgendes: «Ich trinke, wenn ich glücklich und wenn ich traurig bin. Manchmal trinke ich, wenn ich allein bin. Wenn ich Gesellschaft habe, muss ich trinken. Ich nippe, wenn ich nicht hungrig bin. Wenn ich Hunger habe, trinke ich kräftig. Ansonsten rühre ich kein Getränk an - außer ich habe Durst.»

«Preisfrage: Wissen Sie zufällig, wer das sagte?», fragt Barnes nach fehlerfreier Zitierung.

Zufällig (wirklich zufällig) ja. Das sagte Madame Lilly Bollinger aus der gleichnamigen Champagner-Dynastie, und der erste Preis besteht in einer Führung durch - «wissen Sie, mein Weingeschmack basiert ausschließlich auf Trial and Error» - den Barnes'schen Weinkeller. Nur soviel: Die meisten Drei-Hauben-Köche hierzulande würden blass. Zwar bunkert Barnes nicht mehr als 5000 Flaschen, führt allerdings auch keinen Gastronomiebetrieb. Auf dem Tischchen, das den Eindruck erweckt, Weine auf der Poleposition für den baldigen Verbrauch zu positionieren, stehen unter anderem ein 64er Cheval Blanc und ein Lafite mit abgealtertem Etikett, die Barnes zuletzt mit noch «mehr von so was» im Paket erstanden hatte. In der Autowelt wären das ziemlich schöne Mercedes- oder Ferrari-Modelle, die nicht mehr zu haben sind. Dem Mann ist das Weltliche wirklich nicht fremd.

Exakt davon handelt sein neues, eben ausgeliefertes Buch «Fein gehackt und grob gewürfelt. Der Pedant in der Küche». Übrigens keine Erfolgsgeschichte. Das Buch zeigt einen englischen Herren, 58, der außergewöhnlich gut schreiben kann, mit Schweiß auf der Stirn vor dem übermächtigen Herd. Welche Wohltat.

Allein wie der Wechsel des Stockwerks einen Menschen verändert: kaum disloziert Barnes, der eigenwillige Stilist, vom Arbeitszimmer in die Küche, mutiert er zum autoritätsgläubigen Befehlsausführer. Fast panisch delegiert er die Verantwortung, ein schmackhaftes Abendessen zuzubereiten, an die Autoren der Kochbücher, die sich in die erste Reihe seiner Küchenbibliothek vorgearbeitet haben. Dankbar fügt er sich deren stummen Befehlen. Für die kommenden Stunden stehen sie auf der Kommandobrücke: Marcella Hazan, deren «Klassische italienische Küche» bibelähnlichen Stellenwert besitzt; Jane Grigson, ohne deren Zustimmung in keinem britischen Haushalt auch nur der Herd eingeschaltet wird (Barnes preist ihre Erdung. Er habe nie das Gefühl, dass Grigson, wenn sie seiner ansichtig würde, über ihn lächeln würde. Sie sei eindeutig auf seiner Seite); Alastair Little, einer der wenigen im eigenen Restaurant praktizierenden Zeitgenossen, von denen sich der Amateurkoch via Kochbuch nicht demütigen lassen muss, sondern wie ein Freund behandelt wird - oder sagen wir: wenigstens wie ein entfernter Bekannter.

Weil wir gerade darüber reden: Spezialproblem Fotos im Kochbuch.

«Ach», sagt Barnes, als wäre er auf die Frage vorbereitet, und greift nach hinten. Griffbereit ist Nigel Slaters Buch «Real Cooking». Das Rezept heißt «Kotelett mit Chicorée». Es hat Barnes gefallen, weil es einfach und logisch klang. In einer großen, flachen Pfanne werden zwei Schweinskoteletten - «so groß wie Ihre Hand» - in einer Mischung aus Öl und Butter angebraten, ein paar Fenchelkörner sorgen für ein bisschen Raffinesse, und nachdem die Koteletten auf der einen Seite braun geworden sind, kommt der Chicorée dazu.

«Aber wohin?» kreischt Barnes, und das heißt etwas, denn er ist wirklich ein Musterbeispiel an Distinguiertheit. Er zeigt auf die Schwarz-Weiß-Bilder, die das Anbraten der Koteletten in einer durchschnittlich großen, flachen Pfanne dokumentieren. Die Pfanne - die größte, die in einem Privathaushalt in der Regel vorkommt - ist durch die Koteletten so gut gefüllt, dass der Chicorée vielleicht als Kruste gedacht werden könnte, aber bestimmt nicht als Zusatzbratgut. Der Salat passt einfach nicht in die Pfanne. Damit fangen die Probleme allerdings erst an. Die gesamte Logistik stimmte mit dem Erscheinungsbild des Rezeptes beim besten Willen nicht überein.

Etwas schmallippig resümiert Barnes, er wisse natürlich schon, dass man sein Gejammer entweder als weise oder auch bittere Ironie verstehen oder ihn für total bekloppt halten könne. Im Zweifelsfall zweiteres, aber das sei eben sein Schicksal als Amateurküchenchef. Er lächelt mit Ironiestufe sieben. Er weiß, mit ihm fühlen grob gerechnet hundert Millionen Amateurküchenchefs zwischen Boston und Ebnat-Kappel.

Also gibt Barnes die Basics durch.  «Ich brauche eine präzise Einkaufsliste und ein gouvernantenhaftes Kochbuch. Der unbeschwerte Gang über den Markt - einfach mit einem Weidenkorb über dem Arm losspazieren, in aller Ruhe das Beste aus dem Tagesangebot auswählen und dann etwas daraus zusammenbrutzeln, das es vielleicht schon mal gegeben hat, vielleicht aber auch nicht - ist ein Ideal, das für mich ewig unerreichbar bleiben wird.»

Statt dessen sehnt sich der präzise Einkäufer nach Objektivierung des fremden kreativen Prozesses, den er jetzt im eigenen Namen auszuführen hat.

«In der Küche bin ich ein ängstlicher Ped  ant. Ich halte mich an vorgegebene Temperaturen und Garzeiten. Ich traue Instrumenten mehr als mir selbst. Wahrscheinlich werde ich nie eine Garprobe machen, indem ich den Zeigefinger in ein Stück Fleisch stupse. Bei Rezepten nehme ich mir nur eine Freiheit heraus, nämlich die Menge einer Zutat zu erhöhen, die meinen besonderen Beifall findet. Die Fallstricke dieses Ansatzes zeigten sich eines Tages bei einem sagenhaft widerlichen Gericht aus Makrelen, Martini und Semmelbröseln: Es machte die Gäste eher betrunken als satt.»

Barnes macht dafür erstens seine Eltern und zweitens die britische Gesellschaft - er nennt es: die «Zustände» - verantwortlich. Als Knabe sei ihm als Stammhalter eines anständigen Mittelklassehaushalts in den Outskirts von London der Zugang zur Küche mit der selben, vornehmen Selbstverständlichkeit verwehrt geblieben wie zu Wahlkabine, Ehebett und Kirchenbank. Aus der Küche, so Barnes, «kamen Mahlzeiten und meine Mutter heraus; die Mahlzeiten basierten oft auf den Gartenerträgen meines Vaters, doch weder er selbst noch mein Bruder oder ich fragten je, wie diese Verwandlung zustande gekommen war.»

Barnes berichtet von ersten Versuchen des von daheim ausgezogenen Jungen, sich selbst zu verköstigen, und erwähnt mit dem gebührenden Ekel sein lange favorisiertes Gericht: Nackenkotelett mit Erbsen und Kartoffeln: die Erbsen aus der Tiefkühltruhe; fertig geschälte Kartoffeln aus der Dose; das Kotelett knochenfrei, vorgeformt und leuchtend rosa. Das Fleisch hatte den Vorteil, dass es auch nach stundenlangem Garen seine Farbe nicht änderte, außer man ließ es verkohlen. Und die süße Lake, in der die Kartoffeln schwammen, erfüllte auch einen Zweck: Nichts trank der junge Barnes lieber.

Als er Freude am Kochen fand, war die küchentechnische Verkorksung weit fortgeschritten. Noch immer kann sich Barnes über seine Mutter ärgern, die ihm, wäre er ein Mädchen gewesen, all jene Techniken beigebracht hätte, die er sich heute Tag für Tag von neuem erobern muss. Mit dem Kochen sei es, sagt er, wie mit Sex, Politik und Religion: «Als ich allmählich selbst dahinter kam, konnten meine Eltern mir nichts mehr darüber erzählen. Sie hatten mich nicht aufgeklärt, und zur Strafe würde ich sie jetzt nicht fragen.»

 

Die Pflaumen sind pariert, ein großer Aluminiumtopf ist mit einer genau abgemessenen Menge Wasser gefüllt, der Elektroherd angeworfen, das Wasser brodelt, und in diesem Augenblick zieht sich der Hausherr die Kochhandschuhe an. Im Backofen wartet der Zucker, ein exakt kartographierter Hügel auf einem braunen Tonuntersatz, der langsam auf 100 Grad erhitzt wurde.

Wozu das?

«Der Zucker schmilzt schneller.»

Macht das die Marmelade geschmeidiger?

Barnes deutet mit vorgeschobenem Kinn auf die Autorität der drei aufgeschlagenen Kochbücher. «Man sagt's.»

Er schüttet den Zucker ins kochende Wasser und bezieht mit dem Holzkochlöffel Stellung.

Rührt.

Rührt.

Rührt.

Im Rezept steht, dass sich das Fruchtfleisch nun im kochenden Wasser auflösen wird, aber Barnes ist sich nicht sicher, ob auch das Fruchtfleisch informiert ist. Mit dem aufmerksam gekrümmten Rücken eines Raubvogels verfolgt er den Garungsprozess im Alukochtopf und erlaubt sich, während er am Topfrand unauffällig Fruchtfleischteile zerdrückt, ein paar Abschweifungen von der Causa prima.

Zuletzt hat er mit seinem alten Freund Ian McEwan eine Wanderung unternommen. McEwan, Schriftsteller wie Barnes und diesem allein um den Gewinn des Booker-Preises voraus, hatte sich öffentlich auf die Seite von Tony Blair geschlagen, als dieser zum Irak-Feldzug aufrief. Barnes hingegen war gegen den Irak-Krieg sogar auf die Straße gegangen und hatte dafür, wie er betont, an der erst zweiten Demonstration seines Lebens teilgenommen. McEwan fand, dass die Entfernung des Diktators Saddam auch dann richtig sei, wenn sie aus den falschen Gründen erfolge.  Barnes findet, dass nur richtige Motive langfristig auch zu den richtigen Ergebnissen führen. Die Differenz wurde in den Highlands ausgetragen.

Natürlich ist Julian Barnes nicht naiv und glaubt an ein binäres Schema in der Weltpolitik, an ein simples Richtig-oder-falsch. Er hält Tony Blair zum Beispiel für einen ehrenwerten Menschen, der leider falsche Entscheidungen trifft, im Gegensatz zu Frankreichs Präsident Jacques Chirac, über dessen Charakter Barnes nichts sagen möchte, dessen Entscheidungen er aber für mehrheitlich richtig hält. Er wird deshalb bei den nächsten Parlamentswahlen - wie übrigens schon bei den letzten - nicht für Tony Blair stimmen, sondern für die Liberaldemokraten. Aber er zweifelt nicht daran, dass Blair, wenn auch mit reduzierter Mehrheit, weiter im Amt bleiben wird.

Barnes schaut auf die Uhr. Flugs verschwindet er im Nebenraum, wo der Tiefkühler steht, holt eine auf minus achtzehn Grad vorgekühlten Keramik-Untertasse und tropft mit dem Kochlöffel einen Klecks heißer Marmelade darauf. Er trägt die Probe zurück in den Kühler. Zwei Minuten später überprüft er mit dem Finger, ob die Substanz schon dickflüssig genug ist: wenn sich die Schleifspur des Fingers wieder schließt wie das Rote Meer hinter Moses, dann muss die Marmelade noch ein paar Minuten köcheln. Erst wenn ein weißer Korridor die orangerote Masse endgültig teilt, ist die Marmelade so, wie sie - man sagt's - sein soll.

Noch ein paar Minuten rühren.

So ist sich Barnes sicher, dass London ein verheerender Terroranschlag bevorsteht. Er hat die Möglichkeit erwogen wegzuziehen, aber den Gedanken verworfen. Das Terrormotiv ist ihm vertraut, seit die IRA in den ?siebziger? Jahren zahlreiche Anschläge in London durchführte, das relativiert die Angst. Den Schriftsteller beschäftigt zur Zeit viel intensiver die Informationspolitik der Regierung, die zum Anheizen der Terrorstimmung Tanks nach Heathrow schickt, sobald sie ein strittiges Gesetz durch das Parlament expedieren will. Er sortiert das Puzzle der Interessen. Gemeindienste, Regierung, Behörde. Wer lügt? Wer sagt die Wahrheit? Wo laufen die Fäden zusammen?

«Der richtige Moment, um alles fallen zu lassen. Genau jetzt!»

Julian Barnes balanciert vier brennend heiße Einmachgläser, die er aus dem Backofen geholt hat, durch die Küche und bringt sie einigermaßen sicher neben dem Herd zur Landung. Das Finale steht unmittelbar bevor. Die heiße Marmelade wird in die heißen Gläser gefüllt. Isoliergummi auf den Rand der Gläser. Ein zusätzliches Blatt Pergamentpapier. Deckel drauf.

Keine Frage, dass selten eine so kluge Pflaumenmarmelade abgefüllt wurde. Barnes sagt: «Sie können meine Bücher verreißen. Aber kein schlechtes Wort über die Marmelade.» Wäre auch nicht fällig gewesen, ehrlich.

Der Dichter lächelt befreit. Sein Scheitel ist akkurat wie am Anfang der Pflaumenübung, aber sein Lächeln hat an Freiheit gewonnen. Er hat jetzt Lust, über die Zubereitung von Eichhörnchen zu sprechen. Erstens hat er selbst bei Gelegenheit ein halbes gegessen - es schmeckte überraschend gut, tendenziell wie Kaninchen - zweitens kann man im britischen Standardkochbuch «The Joy of Cooking» von Irma Rombauer nicht nur alles Wesentliche über die Unterschiede zwischen rotem und grauem Eichhörnchen nachlesen - Barnes: «das rote schmeckt wie Kaninchen; das graue wie Hase» -, sondern auch lernen, wie man besagtes Tier häutet. Kurzfassung: Man steigt ihm mit dem Fuß auf den Schwanz und zieht es aus.

Auf der Straße vor dem Haus von Julian Barnes sitzt doch tatsächlich ein graues Eichhörnchen. Als die Haustür geöffnet wird, schickt es einen freundlichen Blick herüber. Dann verschwindet es, mit Bedacht in die Gegenrichtung.


Food & Beverage

Christian Seilers
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