Josef Schützenhöfer

Fleisch / Porträts

Der Kampf des Malers Josef Schützenhöfer gegen das Vergessen des Kampfpiloten Harry W. Moore. Eine Positionsbestimmung.

IMG_0061.JPG




Am späten Vormittag des 22. Februar 1944, Faschingsdienstag, startete der B-24 Bomber „Ramp Tramp", Airforce-Seriennummer 42-7700, von Grottaglie, einem Flughafen der Alliierten auf dem apulischen Stiefel der italienischen Halbinsel, um das Kraftwerk Obertraubling bei Regensburg zu zerstören. Das muskulöse Flugzeug mit der Bulldoggennase gehörte zur 716. Schwadron der 449. Gruppe der 15. Luftwaffe der amerikanischen Luftstreitkräfte.
Einen Monat vorher waren alliierte Truppen südlich von Rom gelandet und hatten einen Brückenkopf gegen die bereits weit vorgerückten deutschen Streitkräfte geschlagen.
Von Süditalien aus flogen alliierte Bomber seit Tagen eine heftige Luftoffensive gegen Ziele in Deutschland.
Die Bomber bewegten sich auf einem unübersichtlichen Schlachtfeld. Der zweite Weltkrieg tobte an zahllosen Fronten.
Einen Monat zuvor hatte die Rote Armee Leningrad befreit. Amerikanische Truppen schickten sich an, die von Japanern besetzen Admiralitätsinseln zu erobern. Die Landung der Alliierten in der Normandie befand sich in Vorbereitung.
Österreich war auf der Außenministerkonferenz in Moskau zum ersten Opfer der nationalsozialistischen Aggression erklärt worden. Der Anschluss galt als „null und nichtig". Im April würden erste Luftangriffe auf Wien geflogen werden.
Die Maschinen der 449. Gruppe trafen gegen 12 Uhr Mittag andere Bombergruppen über Cilli, der heute slowenischen Stadt Celje. Über Klagenfurt sollten Jagdflugzeuge der 1st Fighter Group zur Formation stoßen, die aber das Geschwader, dem sie Begleitschutz geben sollten, nicht fanden.
Die Attacke auf Regensburg verlief nicht wie geplant. „The weather was foul and it is doubtful whether we hit the target" notierte das Kriegstagebuch der 449. Bombergruppe. Die deutsche Luftabwehr war massiv, sie zersplitterte den amerikanischen Verband. Die übrig gebliebenen Maschinen von vier verschiedenen Bombergruppen mussten sich für den Rückflug neu formieren.
Die „Ramp Damp", ein schwerer Bomber aus der Produktion von „Consolidated Aircraft", besaß vier Propellertriebwerke der Serie R 1830 von Pratt & Whitney, die dem Piloten eine Höchstgeschwindigkeit von 470 km/h ermöglichten. Der Einsatzradius betrug 3400 Kilometer. Das erst nach 1939 neu entwickelte Kampfflugzeug konnte die revolutionäre Menge von 3,6 Tonnen Bomben transportieren. Im Ausgleich dafür, dass die Konstrukteure die Bombenkammer zu grotesker Größe aufgeblasen hatten, waren die Gänge enorm eng ausgefallen. Den im Heck stationierten Schützen war es kaum möglich, mit umgeschnallten Fallschirmen zur Ausstiegsluke zu gelangen. Fatalistische Gi's verpassten der B-24 dafür ihren makabren Spitznamen „Flying Coffin".
An Bord der „Ramp Tramp" befanden sich elf Besatzungsmitglieder. Der Pilot saß schräg über den Bordschützen in einer gepanzerten Kanzel. Er bekleidete den Rang eines 2nd Lieutenant.
Seine Dienstnummer lautete 0-746399.
Er hieß Harry W. Moore.

Etwa eine Viertelstunde nach 13 Uhr überflog die 716. Bomberschwadron auf ihrem Rückflug nach Italien die steirische Grenze. Um 13 Uhr 25 bemerkte der Pilot einer anderen B-24, Joseph J. Vitek, dass die „Ramp Tramp", die im Geschwader am rechten Flügel Position genommen hatte, zurückzufallen begann. 2nd Lt. Richard Rogers sah, wie die Maschine 42-7700 „aufs Heftigste" von deutschen Jagdfliegern attackiert wurde. 2nd Lt. Charles F. Bentz präzisierte, dass es sich um mindestens fünf feindliche Flugzeuge gehandelt habe.
Der Kampf dauerte 18 Minuten.
Die „Ramp Damp" kassierte massive Treffer. 2nd Lt. Harry W. Moore meldete über das Bordtelephon: „I've been hit." Der Bombenschacht fing Feuer. Die Bordgeschütze fielen aus. Dann war Harry Moore noch einmal zu vernehmen: „We're going down."
Die „Ramp Damp" explodierte, als das Flugzeug, von Westen kommend, das Anwesen Pöttler vulgo Dieterbauer in Rabenwald bei Pöllau überflog. Vier Soldaten gelang der Absprung mit dem Fallschirm, bevor der Bomber unmittelbar neben dem Haus in einer Wiese aufschlug.
Im „Statement" der 716th Bombardement Squadron AAF APO #520 vom 24. 2. 1944 wurde lakonisch festgehalten: „The coordinates of this position were 47°48'N  13°04' S".
Die Besatzung der „Ramp Damp" wurde beim Aufprall fast vollständig aus ihrer Maschine geschleudert. Die Männer lagen tot im Umkreis von 50 Metern rund um das Wrack.
Nur der Pilot verließ seine Kanzel nicht. Die Leiche von Harry W. Moore blieb im langen Winter 1944 in der Kanzel, bis es April wurde und der Schnee geschmolzen war und die Bauern etwas gegen den Gestank unternehmen mussten, der so heftig war, dass nicht einmal das Vieh mehr auf die Wiese gehen wollte.

*

2006 schreibt der Maler Josef Schützenhöfer einen Brief an Rupert Flicker, Bürgermeister von Pöllau und den Landtagsabgeordneten Wolfgang Böhmer, Kulturreferent von Hartberg:
„Walt Whitman, bedeutendster amerikanischer Schriftsteller aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nimmt sich 1865 als Leitmotiv für sein Schaffen den amerikanischen Sezessionskrieg vor. Er verankert in feinfühliger Poesie das Thema Krieg mit all seinen grauenvollen Details in der amerikanischen Literatur und Geschichtsschreibung. Ich habe die Wörter Whitmans das erste Mal als Epitaph für deutsche Marinesoldaten gelesen, die im Sand von North Carolina begraben liegen. Damals, an dieser Stelle, schien mir bemerkenswert, dass sich die Amerikaner die Großzügigkeit erlauben, an das Grab des Feindes die Wörter ihres „Poetus laureatus" zu legen. Im Amerikanischen würde man das als „compassion" bezeichnen.
Stehe ich hier in Pöllau vor dem Denkmal für die Gefallenen des Krieges, so vermisse ich dieses Gefühl von „compassion", das den Tod des Feindes mit einbezieht. Vor diesem hiesigen Monument verabschiedet sich der zerbrechende Tag nicht mit zittrig zartem Wort. Die Dunkelheit tritt hier abrupt ein. Als Künstler und als US Navy-Veteran ist es mir ein Anliegen, hier einen Kontrastpunkt zum dunklen Geist des Denkmals zu setzen, als späte Geste für jene Kriegsteilnehmer, denen in diesem Land - ON THIS FOREIGN FIELD - die gebührende Poesie nie zuteil wurde.
Somit mein Vorschlag, der auch so verstanden werden soll, dass das Denkmal einen Nachtrag in Form von zwei großformatigen Tafelbildern erfährt:
a)    Zwei Bilder (siehe Skizze), Öl auf Holz, in einer Größe, die sich an die architektonischen Merkmale des Durchgangs fügt.
b) Da dieser Zugang zum Kriegerdenkmal wie ein lebloser Schlauch wirkt, ist es auch ratsam, dem originalen Steinboden seine erstickende Asphaltdecke zu nehmen, also Rückführung der Bodenstrukturen in den Originalzustand. Die Kosten für das Material soll aus der Kulturförderung Pöllau und aus dem Bezirk Hartberg fließen. Meine künstlerische Arbeit sehe ich als eine Geste, die etwas spät, aber dann eben doch einlangt. Sie erfolgt ohne Anspruch auf ein Honorar.

Also, lieber Genosse Kulturreferent, ich fordere von dir: ein frisches und überzeugendes Engagement, einen ideologischen Funken, der mit Humor und Selbstkritik leuchtet, ein offenes Ohr samt Hörvermögen und eine Vergabehand, die über die Hartberger Plankreis-Stadtmauer hinwegreicht.

Freundschaft!
Genosse Josef Schützenhöfer"

*

Genosse Josef Schützenhöfer bewirtschaftet ein 30 Quadratmeter großes Atelier in Schloss Pöllau, einer oststeirischen Sehenswürdigkeit. Das ehemalige Chorherrenstift, das von Josef II. 1785 aufgelöst wurde, ist ein wenig eleganter Prunkbau, der von einer italienisch anmutenden Kirche mit pompöser Kuppel überragt wird. Im kleineren Innenhof des Schlosses stellt im Sommer der Wirt des „Schlossstüberls" seine Tische hinaus.
Im größeren Schlosshof würde das keinen Spaß machen: das U-förmige Kriegerdenkmal nimmt den ganzen Platz pathetisch in Besitz.
IMG_0053.JPG 
Hier spricht Geschichte. Der allegorische Ritter, der den feindlichen Drachen tötet, steht zwischen den Jahreszahlen des 1. Weltkriegs unter dem Dach eines Pseudokapellchens. In einer auf die Architektur des Schlosses abgestimmten Arkadenkonstruktion wird auf formatfüllenden Tafeln der Opfer des 2. Weltkriegs gedacht. Rabenwald, Zeil, Hinteregg, Pöllau, Prätis, Unter-Neuberg: hier finden die Toten aller nahen Gemeinden Erwähnung.
Die Vermissten erhielten immerhin eine Erwähnung sinnloser Hoffnung.
Zwischen Kirche und Hauptplatz von Pöllau erstreckt sich die scharlachrot gestrichene Aufbahrungshalle. Von hier marschieren, quer über einen Parkplatz, durch einen ersten Durchgang, über den kleineren Innenhof, durch einen zweiten Durchgang, die Abordnungen jener Trauergemeinden, zu deren Ehrbezeugungen die Blasmusik „Ich hatt einen Kameraden" spielt.
Den Genossen Schützenhöfer regt das auf.
Er fordert Gerechtigkeit für die Erinnerung.
Wenn den Wehrmachtssoldaten ein Denkmal gesetzt wird, dann sollten wir uns doch mindestens auch der Jungs erinnern, die ihr Leben gaben, um uns von den Nazis zu befreien. Das versteht Schützenhöfer unter „compassion".
Er hat eine romantische, eine kriegsgeschichtlich unsaubere, aber wirkungsgeschichtlich präzise Vorstellung davon, was Harry Moore und Joseph J. Vitek und Richard Rogers im Laderaum ihrer Maschinen beförderten, neben ihren 500-Kilo-Bomben:
Die Prosa John Steinbecks.
Den Gesang von Billy Holliday.
Die Fotografien des Walker Evans.
Aber Pöllau spricht nicht Englisch.

*

Josef Schützenhöfer wurde von einer geballten Ladung amerikanischer Kultur getroffen, ermordet, neu geboren. Er verließ Österreich als 19jähriger, 1954 in Pinggau geboren, in Pinggau und Friedberg aufgewachsen, Student an der Modeschule Wien, aber dann warf er sich ernsthaft für einen Sandler ins Zeug und verbrachte dafür vier Wochen in Haft. Am 24. Mai 1973 kam er mit 28 Dollar in der Tasche in New York an. Im Cleveland Institute of Art erhielt er seine künstlerische Grundausbildung. Um seine Studien abschließen zu können, heuerte er für dreieinhalb Jahre als Zahntechniker bei der US Army an. Seine Einheit übernahm die zahnärztliche Versorgung jener Marinesoldaten, die längere Zeit Einsätze auf See absolviert hatten.
Die österreichischen Behörden fanden Schützenhöfers Job gar nicht witzig: sie erkannten ihm wegen Tätigkeit für eine fremde Armee die österreichische Staatsbürgerschaft ab. Bei seinem ersten Heimatbesuch nach zehn Jahren in Amerika saß Schützenhöfer als Staatenloser im Transit von Wien-Schwechat fest. Erst mit einem temporären Visum und unter der Auflage, sich regelmäßig bei der Fremdenpolizei zu melden, konnte er sich in der Heimat frei bewegen.
Zurück in Amerika studierte Schützenhöfer in der Meisterklasse der abstrakten Expressionistin Grace Hartigan am Maryland Institute of Art in Baltimore. Sein Stil war figurativ, von sarkastischer Komik, plakativ, provokant.
Schützenhöfer verstand seine Bilder als Einmischung. Er mischte sich ein, um sicherzustellen, dass sich nicht keiner einmischen würde.
Er versah den Werbespruch der US Army „Join the United States Army and you get to see foreign places" mit dem Zusatz „and you get to kill some people there". Er erzürnte sich über die abstrakte Kunst, mit der er während seiner Studien beim Bauhaus-Meister Joseph Albers an der Old Dominium University in Norfolk, Virginia, in Berührung gekommen war, malte den Erfinder des strikt geometrischen Kunstwerks, Piet Mondrian, zusammen mit Adolf Hitler als Stilfaschisten, zwang seinen „Bastellehrer" Albers gemeinsam mit Walter Gropius, Albert Speer und Adolf Hitler in ein Gemälde, in dem er gleichzeitig auch die Eliteuniversitäten von Yale und Princeton der Kollaboration mit den, wie Schützenhöfer es sah, Sündenfällen der Moderne anklagte. Den ersten George Bush, der amerikanischer Präsident wurde, malte er nackt in der selben Pose, in der Boticelli seine Venus abgebildet hatte. Ein populärer amerikanischer Fernsehprediger musste in Schützenhöfers Bild mit heruntergezogener Hose auftreten, während auf einem Bildschirm der Titel des Gemäldes erscheint: „Let Us Shit Into Your LivingRoom".
Es fällt nicht schwer zu verstehen, dass die Arbeit Schützenhöfers polarisierte und dass seine ökonomischen Erfolge überschaubar blieben. Dabei wurden seine Bilder immer stilsicherer und prägnanter. Schützenhöfers sozialkritischer Blick auf die Welt wurde von vielen als altmodisch empfunden und passte nicht in die konzeptionellen Strategien, mit denen der Kunstbetrieb seine selbstreferentiellen Ziele verfolgte.
1996 trat Schützenhöfer mit seiner zweiten Frau Janice und dem gemeinsamen Sohn Louie die Rückreise nach Österreich an. In Prätis, wenige Kilometer von Pöllau, fand er einen winzige Bauernhof, wo er sich mit seiner Familie einmietete. Die Gemeinde Pöllau stellte ihm das Atelier im Schloss günstig zur Verfügung. Schützenhöfer gelangen in den nächsten Jahren außergewöhnlich stimmige, mitten aufs Herz gezielte Arbeiten.
Im Grazer Puch-Werk vertiefte er sich in die Industrielandschaften der Autoerzeugung. Er warf seinen Blick auf die oft verstörenden Anomalien der Totale, noch lieber biss er sich an den Innereien der an dieser Produktionsstätte gefertigten Geländefahrzeuge Marke Pinzgauer fest.
Die Malerei fand vor Ort statt. Immer wieder ließ sich Schützenhöfer von den Arbeitern, die ihm über die Schulter schauten, korrigieren: „Na, wenn des Ventil so sitzt, wirst kan Druck in der Hydraulik z'sammbringen."
Die Porträts diffiziler Technik durften in Schützenhöfers Farben fröhlich strahlen. Die Faszination des Künstlers für technische Details vermengte sich mit dem Respekt vor denen, die diese Technik herstellten. Schützenhöfer begann auf lebensgroßen Holztafeln Arbeiter zu malen, um denen „allein dadurch, dass ich sie male, meine Reverenz zu erweisen".
In seinem Atelier stehen noch einige der Ganzkörperporträts, deren Protagonisten er bei Puch, Semperit und anderen Firmen gefunden hat. Wenn er über diese Bilder spricht, nimmt Schützenhöfer nie das Wort „Bild" in den Mund. Er spricht vom Herrn Nöhrer oder von der Frau Puchleitner.
Erstaunlich genug, dass ausgerechnet Schützenhöfer von der Österreichischen Präsidentschaftskanzlei beauftragt wurde, ein Porträt von Herrn Klestil herzustellen, dem gerade erst verstorbenen österreichischen Bundespräsidenten. Schützenhöfer, froh über einen Auftrag, der ein bisschen Bares in seine Kasse spülen würde, sagte zu. Die Übergabe des fertigen Kunstwerks an den Auftraggeber stand im Schatten der bestürzten Reaktion der Klestil-Witwe, über die Schützenhöfer nicht ohne ein gewisses Amüsement berichtet. Das Präsidentenporträt hängt heute neben dem von Michael Fuchs gemalten Kurt Waldheim und Wolfgang Schulers Rudolf Kirchschläger.


*
IMG_0072.JPG
Josef Schützenhöfer sitzt am Steuer seines VW-Transporters, ehemaliges Rettungsfahrzeug, Grundfarbe helles Beige mit unter der Fensterleiste angebrachtem Streifen in oranger Leuchtfarbe. An der Schnauze, Fahrer- und Beifahrertür und auf der Heckklappe ist der Schriftzug „KOCMOC" angebracht, eine Anspielung auf Schützenhöfers Mitgliedschaft bei der „Bewegung Kosmos" des Wespennest-Herausgebers Walter Famler, mit dem gemeinsam er zuletzt eine abenteuerliche Autoreise nach Moskau, zur Grabstätte des Kosmonauten Juri Gagarin, unternommen hat. Mehr darüber im Büchlein „Wostock 1", das eben im Sonderzahl-Verlag erschienen ist.
Aus dem Bordlautsprecher strömt laute Rockmusik von Bright Eyes, „I'm Wide Awake It's Morning". Schützenhöfer biegt von der Bundesstraße Richtung Birkfeld ab und lenkt das Fahrzeug in die rollenden Hügel des Naturparks Pöllauer Tal. Als es steiler zu werden beginnt, stellt er den Rettungswagen ab und marschiert mit langen, rhythmischen Schritten eine Wiese empor, auf der in einer langen Reihe Obstbäume stehen.
„Neun. Zehn. Elf. Zwölf. It happened beim zwölften Baum", sagt Schützenhöfer. Sein Deutsch hat etwas Schwarzeneggerisches, steirischer Akzent, amerikanische Direktheit. Sein Arm beschreibt einen Kreis, verwandelt das gesamte Mischwaldpanorama in die Kulisse für seine Geschichtsstunde.
Auf der Anhöhe sitzt ein Bauernhof, um dessen alte, harmonische Mitte ein Betrieb gewuchert ist, der heute auf der Höhe, aber auch auf der Ästhetik seiner Zeit angekommen ist. Der Dieterbauer.
Auf dem Abhang ins Tal steht ein kleiner, gelb gestrichener Schuppen des Bauern. Im Osten schiebt sich der Pöllauberg mit seiner um Aufmerksamkeit heischenden Wallfahrtskirche vor die ansteigenden Hügel des Wechsels. Wenn der Blick in eine unbeschädigte Landschaft bereits als Idylle durchgeht, dann präsentiert Schützenhöfer die Absturzstelle der „Ramp Damp" als geistige Störung der Idylle.
Als die B-24 am 22. Februar 1944 abstürzte, versammelten sich binnen kürzester Zeit etwa hundert Schaulustige. Während die Leichen der Soldaten geborgen wurden - der Bürgermeister von Pöllau machte später Begräbniskosten von 150 Reichsmark bei der Fliegerhorstkommandatur in Thalerberg geltend - beindelten die auf Improvisationen aller Art angewiesenen Einheimischen das Wrack der „Ramp Damp" aus. Der Flügel eines Propellers schützt seither am Wohnhaus des Dieterbauer ein Hauseck gegen die Räder der vorbeifahrenden Gefährte. In die Nabe eines Propellers pflanzte der Bauer den Pfahl für ein Kuhgatter. Mit dem Aluminiumblech der Flugzeughaut deckte ein anderer seinen Stadel.
Die Fundstücke aus dem Februar bezaubern Josef Schützenhöfer. Sein schmales, fast hageres Gesicht, aus dem tief liegende, dunkle Augen herausstechen, beginnt zu leuchten. Wenn die Erinnerung zur täglichen Praxis wird, fühlt sich Schützenhöfer am Ziel. Dann ist er am Ziel, einmal am Ziel.

*
Harry W. Moore trägt ein hellblaues Jeanshemd und die militarygrüne Hose seiner Fliegermontur. Die Füße sind nackt. Sein Gesicht ist kräftig und harmonisch geschnitten, der Blick aus dunklen Augen kann als melancholisch oder schlicht skeptisch gedeutet werden, je nach Perspektive. Volles, links gescheiteltes Haar verleiht dem Mann, der Ende zwanzig, Anfang 30 sein mag, das Aussehen seiner Zeit. Vor dem Bauch hält er in beiden Händen die zum Dreieck gefaltete Flagge der Vereinigten Staaten. Ein Geschenk? Eine Opfergabe?
Josef Schützenhöfer hat dieses Ölbild von 2nd Lieutenant Harry Moore vor einer Tragfläche der „Ramp Tramp" als Geschenk und als Opfergabe gemalt, als Komma einer Gerechtigkeit, wie sie sich Schützenhöfer vorstellt, wie sie längst als selbstverständlich empfunden werden könnte und doch alles andere als selbstverständlich ist. Das Tafelbild sollte im Durchgang zwischen erstem und zweitem Innenhof von Schloss Pöllau angebracht werden, als Ergänzung zum Denkmal für die gratis zu „Helden" beförderten Opfer beider Weltkriege, die in und um Pöllau zu beklagen waren. Schützenhöfer wünschte sich, dass die Kameraden, die vor dem Kriegerdenkmal ein letztes Mal absalutieren, im Augenwinkel auch Harry Moore sehen sollten.
Die Gemeinde wollte das Geschenk nicht annehmen. Der damalige Bürgermeister Rupert Flicker gab zu Protokoll, dass es ihm „einfach nicht passt", wenn die Feinde von damals „irgendwie verherrlicht" würden. Außerdem wollte er Schwierigkeiten mit dem Kameradschaftsbund Pöllau - „eine sehr große Organisation bei uns" - lieber aus dem Weg gehen.
Natürlich konnte nichts den kämpferischen Ehrgeiz Josef Schützenhöfers stärker befeuern als diese batzweiche Absage des Magistraten, der ganz offen aussprach, was Schützenhöfer unaussprechlich findet: dass die Diskussionen einmal zu Ende sein müssten, die Toten ihren Frieden haben sollten - und die Lebenden auch.
Vielleicht trug die Wurschtigkeit, mit der klaren Positionen und politischen Grundsätzen die Basis entzogen wird, dazu bei, dass Schützenhöfer empfindlich reagiert. Seiner Frau, Tochter einer Irin und eines jüdischen Vaters, hätten alte Pöllauer Nazis gesagt: „Musst keine Angst haben, wir tun dir eh nix."
Wovor, fragt Schützenhöfer zu Recht, soll sie denn Angst haben, wenn nicht vor diesen Fragen?
Mit sarkastischem Furor und unaufhaltsamen Fleiß klemmte sich der Künstler hinter die Identifizierung aller Symptome der verhassten Ideologie. Dass er ständig fündig wurde, erklärt seine Empfindlichkeit, nicht aber seinen Humor.
2002 brachte er eine Postkartenedition heraus, deren Vorderseite einen Adler zeigt, der sich samt Schwert auf einem stilisierten Hakenkreuz niederlässt. Links von diesem Symbol steht in Frakturschrift „Turn", rechts „Halle". Darunter, etwas kleiner: „Erbaut 1933"
IMG_0080.JPG
Den Adler gibt es wirklich. Er prangt frisch renoviert über dem Eingangstor zur Sporthalle in der Pöllauer Renigigasse. Das Symbol wurde mit aufwändiger Schnitzarbeit im Tor wiederholt. Neben dem Eingang hat der Bürgermeister für alle Fälle eine Erklärung befestigt: „Bei dem an der Turnhalle in Ihrer Gemeinde angebrachten Symbol handelt es sich keineswegs um ein Hakenkreuz. Vielmehr sind darin, wenn auch in auf den ersten Blick ähnlicher kreuzförmiger Anordnung, vier Buchstaben F zu sehen, als abgekürzte Darstellung des Mottos „Frisch, fromm, fröhlich, frei" der deutschvölkischen Turnvereine der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts".
Aha.

Auf der Rückseite von Schützenhöfers Postkarte steht, nicht minder lakonisch:
„Sommerfrische Pöllau bei Hartberg, A-8225
Turn- und Wehrertüchtigungsanlage,
erbaut 1933, generalsaniert 2001
Seehöhe 88 m"
Haha.

Josef Schützenhöfers Atelier, Postadresse „Schloss 1", liegt im zweiten Stock des barocken, etwas vernachlässigten Ensembles. Ist es Zufall, Warnung oder Groteske, dass an derselben Adresse die „Kernstock-Kapelle Pöllau" untergebracht ist, ein Blasmusikensemble, das sich auf den dichtenden Priester (1848 - 1928) beruft, den schon Karl Kraus nach Kräften bekämpft hatte? Zur Erinnerung ein kurzes Zitat aus Kernstocks 1923 geschriebenem „Hakenkreuzlied":
„Das Hakenkreuz im weißen Feld
Auf feuerrotem Grunde
Gibt frei und offen aller Welt
Die frohgemute Kunde
Wer sich um dieses Zeichen schart
Ist deutsch mit Seele, Sinn und Art
⎜: Und nicht bloß mit dem Munde: ⎜"

IMG_0076.JPG
Beim „Marktwirt" auf dem Hauptplatz nimmt Josef Schützenhöfer wie fast täglich zum Mittagessen sein „Menü 1" ein: Zwei Krügel Bier, zwei trockene Semmeln, die mit dem Bier natürlich nicht mehr trocken sind. An der Wand des schönen, hellen Lokals hängt als Leihgabe sein aus drei Tafeln zusammengesetztes Gemälde „Was Berg an dir war". Es zeigt in derben Einzelheiten, wie ein Asphaltparkplatz eines Einkaufszentrums Besitz von einem historischen Schlachtfeld des Sezessionskrieg bei Manassas, Virginia, ergreift.
Das Bild ist nicht nur ein überdimensionaler Mosaikstein in Schützenhöfers Wahrnehmungspanorama, das der Geschichtslosigkeit im Weg stehen soll. Es ist auch eine Hommage an die großen gegenständlichen Maler Amerikas. Charles Burchfield und die Liebe für die Stimmungen der Provinz. Thomas Hart Benton und die Wahrheit der Karikatur. William Beckman und die renaissancehafte Darstellung gegenwärtiger Menschen.
Wenn Schützenhöfers Karriere von der Rückkehr der figurativen Malerei in der aktuellen Kunstwelt nicht beschleunigt wird, hat das seelische Ursachen. Er hat mit Neo Rauch, mit Norbert Bisky, mit Dirk Skreber, den Shooting Stars des deutschen Neorrealismus, nichts gemeinsam, außer dass er figürlich malt wie sie. Die DNA seiner Bilder ist jedoch von anderer Art.
Schützenhöfers Inspiration kam über den Atlantik geflogen, am Steuer saß Harry Moore, über dessen Person, dessen Geschichte der Maler auch nach intensiven Nachforschungen nichts Substantielles herausfinden konnte, vielleicht wählte er ihn gerade deshalb zur Symbolfigur. Es gibt nicht einmal Fotos von Harry Moore, wie es sie von manchen seiner Kameraden gibt, deshalb hat Schützenhöfer ihm die Züge von Walker Evans gegeben und dessen Blick, mit dem der Pionier der ungeschönten Fotografie die Realität amerikanischer Landarbeiter zu Zeiten der Großen Depression darstellte. Es ist die selbe Realität, über die John Steinbeck seinen epochalen Roman „Früchte des Zorns" schrieb, und gemeinsam mit den Roadmovies Jack Kerouacs und Woody Guthries identifiziert Schützenhöfer einen Kanon des Schaffens, das Unbegrenzbarkeit, Aufbruch, Gerechtigkeit und Freiheit zum Ziel hat. Der Maler sieht aus seiner subjektiven Vogelperspektive die Linie, die von Harry W. Moore und der „Ramp Tramp" quer über den Atlantik in die Hirschhornknopfwelt der östlichen Steiermark gezogen wurde und sie mit einem neuen Denken und Fühlen verband.
Dafür will sich Schützenhöfer erkenntlich zeigen, das schuldet er seinem Idealismus.
Alles andere ist bloß die Wahrheit.






Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

Folgen auf ...


Suche