Jörg Haider

Die Weltwoche / Interviews
Der Kärntner Landeshauptmann über das Abweichen von der Normalität

Weltwoche: Vor wenigen Wochen wurde der britische Historiker David Irving von den österreichischen Behörden wegen Verdachts der nationalsozialistischen Wiederbetätigung verhaftet. Halten Sie es im Jahr 2005 für angemessen, einen Holocaustleugner einzusperren?

 

Haider: Eine Demokratie muss so gefestigt sein, dass sie auch abweichende Meinungen aushält.

 

Weltwoche: Das heißt konkret?

 

Haider: Ich plädiere im Fall Irving für mehr Gelassenheit gemäß der Voltaire'schen These: „Ich bin zwar nicht deiner Meinung, aber ich werde alles tun, dass du sie äußern darfst." Irving holt doch niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Seine Verhaftung macht höchstens Propaganda für alle, die gern Märtyrer sein wollen.

 

Weltwoche: Sie sprechen aus Erfahrung. Die FPÖ - die Partei, der Sie viele Jahre vorgestanden sind - hat lange mit dem rechten Rand kokettiert. Seit Sie mit dem BZÖ - dem Bündnis Zukunft Österreich - die FPÖ verlassen haben, geben Sie sich gerade in historischen Fragen betont liberal und staatsmännisch.

 

Haider: In Österreich werden viel zu viele vergangenheitsbezogene Debatten geführt. Geschichte soll Geschichte bleiben.

 

Weltwoche: Während Sie Gelassenheit propagieren, räumt der neue Chef der von ihnen verlassenen FPÖ, Heinz Christian Strache, bei Kommunalwahlen ab, indem er den alten Haider imitiert: aggressiv, jugendlich und ganz weit rechts.

 

Haider: Aber sein Wahlkampf setzte sich nicht mit der österreichischen Vergangenheit auseinander. Die FPÖ lieferte eine polarisierende Auseinandersetzung über das Thema Ausländer. Und das ist ein Thema. Es wird uns alle auch in der Zukunft beschäftigen.

 

Weltwoche: Warum haben Sie sich von der FPÖ getrennt, wenn Sie ohnehin der gleichen Meinung sind wie ihre neuen Gegner?

 

Haider: Weil wir im Gegensatz zur FPÖ sagen, dass man nicht immer dieselben Forderungen erheben kann, ohne Lösungen zu liefern. Ich bin nicht deshalb in Kärnten Landeshauptmann geworden, um mir selbst auszurichten, dass alles fürchterlich ist. Ich habe nicht deshalb meine Partei in der Bundesregierung, um zu sagen, dass wir das Problem der Ausländerintegration nicht lösen können. Wenn Sie so wollen, mache ich Politik, damit polarisierende Ausländerwahlkämpfe wie zuletzt in Wien nicht mehr geführt werden müssen.

 

Weltwoche: Sie weisen auf Probleme der Integration von Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache hin, auf die Gettobildung an Stadträndern. Wie wollen Sie diese Probleme lösen? Mit neuer Gelassenheit auch in der Ausländerpolitik?

 

Haider: Im Gegenteil. Seit wir mitregieren, wurde das Asylgesetz massiv verschärft. Wir haben die Staatsbürgerschaftsgesetze verschärft. Wir versuchen kriminelle Elemente sorgfältig von denen zu unterscheiden, die tatsächlich als Verfolgte und Flüchtlinge nach Österreich gekommen sind und von uns zu schützen sind.

 

Weltwoche: Was verstehen Sie unter Schutz - außer vielleicht einem Bett im Flüchtlingsheim?

 

Haider: Wer zu schützen ist, ist zu integrieren. Flüchtlinge, die um Schutz bitten, müssen auch von ihrer Seite aus bereit sein, die Kultur des Gastlandes anzunehmen.

 

Weltwoche: Sehen Sie in einem dezidierten Assimilationskurs eine taugliche Prävention gegen Zustände, wie wir sie kürzlich in Frankreich gesehen haben?

 

Haider: Natürlich. In Frankreich fand ja keine Integration statt. Die Franzosen haben ihren Ausländern mit typisch französischer, nationalistischer Überheblichkeit mitgeteilt, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. Sie wurden aus den Kolonien geholt und in Gettos verräumt. Die Gettobildung führte dazu, dass die jungen Ausländer schlecht ausgebildet wurden und keine Jobs bekamen. Das Resultat war das bekannte, explosive Gemisch. Da darf man sich nicht wundern, wenn es kracht.

 

Weltwoche: Gut, dass Kärnten keine Kolonien hatte...

 

Haider: Aber wir haben in Klagenfurt einen Stadtteil, wo Kinder aus 27 Nationen zur Schule gehen. Das muss man nicht unbedingt als Bedrohung empfinden, sondern eher als Herausforderung. Kritisch bin ich nur, wenn über den Religionsunterricht irgendwelche Hassprediger in unsere Gesellschaft einsickern.

 

Weltwoche: Womit Sie den Islam als Gefahrenpotenzial identifizieren.

 

Haider: Nicht unbedingt. Ich möchte bloß, dass der Staat Einfluss darauf hat, wer unseren Kindern Religionsunterricht erteilt. Derzeit hat die Republik, die alle Religionslehrer bezahlt, keinen Einfluss auf die Stellenbesetzung - darüber entscheiden allein die Religionsgemeinschaften. Das gehört dringend geändert. Man muss sich ja nicht unbedingt die eigenen Terroristen züchten.

 

Weltwoche: Interessant zu hören. Gerade Sie haben höchst auffällig Ihre Kontakte in die islamischen Länder gepflegt.

 

Haider: Wenn man etwas verstehen will, dann muss man es erleben, und wenn man es erlebt, dann muss man analysieren, wo die Gefahren und die Chancen liegen. Ich halte weniger den Islam für eine Bedrohung, als die gegenseitigen Vorurteile der großen Weltkulturen, die im gegenwärtigen Dialogklima nicht abgebaut werden.

 

Weltwoche: Welche Vorurteile meinen Sie genau?

 

Haider: Wie sich die Amerikaner in die kulturellen Belange des Mittleren Ostens, speziell des Irak, eingemischt haben, hat dieselbe Wirkung, wie ein Streichholz in ein Ölfass zu werfen. Das geht so nicht.

 

Weltwoche: Die zentrale These der amerikanischen Außenpolitik zielt darauf, dass Demokratie wenn nötig auch mit militärischen Mitteln exportiert werden muss.

 

Haider: Man kann diesen Ländern nicht vorschreiben, welche zivilisatorischen Fortschritte unter der Knute westlicher Mächte zu erzielen sind. Die Menschen dort leben anders. Meine Erfahrungswerte im Irak waren die, dass zur Zeit Saddam Husseins - bei aller Kritik am Diktator - das Land ein laizistischer Staat war, in dem der fundamentalistische Islam in Schach gehalten wurde. Das Klima war so tolerant, dass fast eine Million chaldäischer Christen mit ihrem eigenen Patriarchen im Irak leben konnte und sogar die Schulen zurückbekam, die man ihnen im Zug der Revolution weggenommen hatte. Das ist heute nicht mehr möglich. Heute stehen die Zeichen auf Fundamentalismus.

 

Weltwoche: Sie können nicht im Ernst gutheißen, mit welchen Mitteln Saddam Hussein diesen sogenannten Laizismus durchsetzte: mit Repression, Willkür und Massenmord.

 

Haider: Aber was machen denn die Amerikaner heute anders? Spezialgefängnisse, Foltermethoden. Man kann nicht gleiches mit gleichem vergelten. Das geht nicht. Das führt genau zum Gegenteil dessen, was man anstrebt.

 

Weltwoche: In Afghanistan hat der militärische Demokratieexport immerhin funktioniert. Nach dem Sieg über die Taliban hat sich die Situation so stabilisiert, dass unter weltweitem Beifall freie Wahlen abgehalten werden konnten.

 

Haider: Ich glaube nicht an den Erfolg der Wahlen. Afghanistan ist ein Land, das von niemandem beherrscht wird. Es regieren die Anarchie und die Warlords, niemand sonst.

 

Weltwoche: Sie kritisieren die USA weit heftiger als den als Massenmörder angeklagten Saddam Hussein. Woher kommt diese merkwürdige Parteinahme?

 

Haider: Ich bin überzeugt davon, dass das Verfahren gegen Saddam nicht den internationalen Regeln entsprechen wird. Es wird ein Schauprozess sein, in dem die Amerikaner erreichen werden, was sie erreichen wollen: irgendwelche Legitimationen für ihren Angriffskrieg. Ein faires Verfahren wird das bestimmt nicht. Wenn ich amerikanischer Präsident wäre, würde ich mich jedenfalls nicht in die Verlegenheit bringen, der ganzen Welt vorzuführen, dass ich eigentlich nicht besser bin als der Angeklagte.

 

Weltwoche: Sie agieren wie der Schriftsteller Peter Handke, der sich vor dem Beginn des Den Haager Verfahrens demonstrativ auf die Seite des angeklagten serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic stellte, frontal gegen die verbreitete öffentliche Meinung.

 

Haider: Ich stehe nicht auf der Seite Saddams, sondern auf der Seite des Rechts. Das Recht muss unabhängig davon gelten, ob man Sympathie oder Antipathie für den Angeklagten empfindet. Das Verfahren muss fair sein. Ich würde mir übrigens wünschen, dass auch Milosevic ein faires Verfahren erhält, denn sonst machen wir ja unsere eigene Rechtskultur kaputt.

 

Weltwoche: Sie zweifeln an der Fairness des Den Haager Tribunals?

 

Haider: Man kann jedenfalls - sobald man meint, jemand habe sich besonders schwerer Vergehen schuldig gemacht - nicht einfach sagen, dass man die Regeln des Rechtsstaates nicht mehr einhalten muss und diesen Menschen gleich verurteilen kann. Das widerstrebt mir zutiefst.

 

Weltwoche: Sie waren einerseits stets ein Gegner von Österreichs Mitgliedschaft in der EU. Gleichzeitig machen Sie sich für den Beitritt der Türkei stark. Wie passt das zusammen?

 

Haider: Ich stehe dem Erweiterungsprozess sehr kritisch gegenüber, weil die vorbeugenden Maßnahmen für unsere Bevölkerung, wie die Übergangsbestimmungen für den Arbeitsmarkt, nicht wirklich funktioniert haben. Der Türkeibeitritt ist ein anderes Thema. Dabei geht es um die strategische Positionierung Europas. Die Türkei steht vor unserer Haustür, und gleich hinter der Türkei steht mit dem Iran eines der gefährlichsten fundamentalistischen Länder. Nördlich der Türkei liegen die kaukasischen Republiken, die sich auch nicht wundersam demokratisch entwickeln und offen für fundamentalistischen Terror sein könnten. Dazu kommen Syrien und das ungelöste Irak-Problem.

 

Weltwoche: Wie würde der Beitritt der Türkei dieses düstere Szenario erhellen?

 

Haider: Fragen Sie, was sich verändert, wenn die Türkei nicht beitritt. Wenn wir die Türen schließen, hätte das bei jenen Türken Folgen, die ihr Land lieber in Europa sähen. Wenn diese Kräfte auswandern, könnte die Türkei einen Rückschritt zu einem fundamentalistischen Staat erleben.

 

Weltwoche: Was wäre Ihr Rezept dagegen?

 

Haider: Der Gesprächsprozess ist das Wichtigste. Wir müssen verhandeln. Ob die Türkei dann wirklich beitritt, weiß kein Mensch. Vielleicht sagen die Türken ja in zehn Jahren, dass sie die EU gar nicht mehr brauchen. Ihre wirtschaftliche Entwicklung ist ja recht eindrucksvoll.

 

Weltwoche: Auf vergleichbar bescheidenem Niveau.

 

Haider: Selbstverständlich. Aber die ökonomische Dynamik ist eindrucksvoll. Wenn zwischen Istanbul und Ankara ein modernes Land entsteht, weiß ich nicht, was in zehn Jahren ein bisschen weiter östlich passiert ist. Die Angst, dass wir uns mit dem Beitritt der Türken die anatolische Armut importieren, habe ich nicht. Die Angst, dass wir von einer Zuwanderungswelle aus der Türkei überrollt werden, sobald wir das Gespräch verweigern, habe ich schon.

 

Weltwoche: Wer soll Ihrer Meinung nach entscheiden, ob die Türkei der EU beitreten darf oder nicht?

 

Haider: Am Ende der Verhandlungen muss das Volk befragt werden. Das halte ich für korrekt, weil emotional sehr viele Vorbehalte da sind.

 

Weltwoche: Aber ist Emotionalität der richtige Nährboden für eine so wichtige Entscheidung?

 

Haider: Die Entscheidung des Volkes ist die einzige, die wir akzeptieren können. Ob es uns passt oder nicht. Wenn ich in einer Schweizer Zeitung eine Lanze für die direkte Demokratie breche, wird das doch auf großes Verständnis stoßen, nicht wahr?

 

Weltwoche: Vermutlich, auch wenn Sie damit niemanden überraschen. Sie haben das politische System der Schweiz ja Zeit Ihrer Karriere immer wieder als vorbildhaft bezeichnet.

 

Haider: Zu Recht. Nach wie vor besitzt die Schweiz eine enorme Stabilität ihrer Institutionen, ist nach wie vor sehr wohlhabend....

 

Weltwoche: Stabile politische Institutionen haben Sie in Österreich konsequent als „Verkrustung" gebrandmarkt.

 

Haider: Ich meine vor allem den Zugang der Schweizer zum Wechselspiel von direkter Demokratie und politischer Repräsentanz. Daran nimmt die Bevölkerung nach wie vor stark Anteil.

 

Weltwoche: „Stark Anteil" ist übertrieben. An gewöhnlichen Abstimmungswochenenden beteiligen sich vielleicht 30 Prozent der Bevölkerung...

 

Haider: Wenn es um interessante Fragen wie die EU geht, ist der Anteil größer. Die Schweiz kämpft natürlich auch damit, dass ihre Firmen hinaus auf die größeren Märkte müssen. Die Platzierung im Markt ist für österreichische Firmen innerhalb der EU zurzeit sicherlich leichter.

 

Weltwoche: Wird die Schweiz über lang oder kurz der EU beitreten müssen?

 

Haider: Mein Wunsch war es immer, mit der Schweiz zusammen eine Alpenregion zu bilden, die der EU einiges abverlangen könnte. Die kleine Schweiz zeigt ja gerade in der Verkehrspolitik und dem Transit - in Dingen, die uns Österreichern wichtig sind -, was alles möglich wäre. Zum Beispiel: 73 Prozent des Schwerverkehrs auf der Schiene. Davon können wir nur träumen.

 

Weltwoche: Hat die Schweiz also mit ihrer Europaskepsis recht gehabt?

 

Haider: Auf der Grundlage vieler Einzelverträge mit der EU erreicht sie im Prinzip mehr als wir als Vollmitglied.

 

Weltwoche: Die Trägheit der Schweizer Politik durch das Konsensualsystem erweist sich also als Vorteil?

 

Haider: In der heutigen Zeit ist die Entdeckung der Langsamkeit in der Politik mitunter etwas Gutes. Viele rasch getroffene Entscheidungen sind nicht haltbar, und die Schweiz wägt ihre Entscheidungen gut ab. Das hat schon was für sich: Stabilität, Verlässlichkeit. Nachteil: die Schnellsten sind die Schweizer nicht.

 

Weltwoche: Auch von dem sakrosankten Föderalismus der Schweiz können Sie als Regionalpolitiker nur träumen.

 

Haider: Sicher. Aber unsere Verfassungskonstruktion ist eben anders. Das Schweizerischste an uns ist, dass wir Habsburger im Land hatten.

 

Weltwoche: Noch einmal: Wird die Schweiz der EU beitreten müssen?

 

Haider: Ich glaube nicht. Das Einzelvertragsverhältnis ist völlig ausreichend. Geopolitisch ist die Schweiz zu wichtig. Das hätte für Österreich auch gegolten - im Gegensatz etwa zu Estland. Unsere Lage in Zentraleuropa ist günstig. Jeder muss durchfahren. Das hätte Österreich so gut ausnützen sollen wie die Schweiz. Da haben wir einen Trumpf aus der Hand gegeben.

 

Weltwoche: Sie sind als erfolgreicher Oppositionspolitiker in der Schweiz oft mit Christoph Blocher verglichen worden. Wie gut ist es Ihnen beiden bekommen, dass Sie in Regierungen eingetreten sind?

 

Haider: Wer regiert, muss damit rechnen, dass er einen gewissen Teil an Protestwählern nicht mehr bekommt. Das war bei mir so und wird bei Blocher das gleiche sein.

 

Weltwoche: Für Sie eine schmerzvolle Erfahrung?

 

Haider: Nicht nur. In Kärnten war ich als Regierungspolitiker erfolgreicher als vorher.

 

Weltwoche: Auf Bundesebene sind Ihre Verluste freilich herb. In einem Gespräch, das wir 1998 führten, kündigten Sie noch an, Kanzler werden zu wollen. Durch eine gute Performance als Kärntner Landeshauptmann wollten Sie sich als Bundeskanzler empfehlen. Sie nannten das „das Schröder-Modell". Nun ist der damalige Minsterpräsident von Nordrhein-Westfalen wieder von der bundespolitischen Bühne abgetreten, aber im Gegensatz zu Ihnen war Gerhard Schröder tatsächlich Kanzler.

 

Haider: Meine Chance war da. Wir hatten 1999 mit 27 Prozent unser bestes Wahlergebnis und bildeten mit der ÖVP eine Regierung. Einige meinen, wenn wir in Opposition geblieben wären, hätten wir bei der nächsten Wahl die relative Mehrheit bekommen. Ich sah das anders: Hätten wir gesagt, dass wir weder mit der SPÖ noch mit der ÖVP können, dann hätten die Wähler wohl keinen Grund gesehen, uns ihre Stimmen zu geben, da ohnehin niemand mit uns zusammenarbeiten würde.

 

Weltwoche: Ich wiederhole also meine Frage von 1998: Werden Sie eines Tages österreichischer Bundeskanzler sein?

 

Haider: Das ist in der jetzigen Situation nicht sehr realistisch. Aber man kann in der Politik nichts ausschließen. Die Dinge ändern sich wahnsinnig schnell.

 

Weltwoche: Was ist der Unterschied zwischen Jörg Haiders FPÖ und Jörg Haiders BZÖ?

 

Haider: Die FPÖ ist im Kern eine fundamentalistische Oppositionspartei, die Angst vor der Verantwortung hat. Das BZÖ und meine Gruppierung in Kärnten ist eine politische Gruppe, die in der Verantwortung reif geworden ist, die Freude am Gestalten und der Mitverantwortung hat.

 

Weltwoche: Wo steht das BZÖ politisch? Sind Sie nach links gerückt?

 

Haider: Ich stehe dort, wo ich politisch immer stand. Ich hatte im sozialpolitischen Bereich immer ein sozialdemokratisches Herz. Auf der anderen Seite bin ich ein Freigeist, der für die Bürger Freiräume gegen Apparate und staatliche Unterdrückung erkämpfen will. Im Zweifelsfall kommt die Person vor der Institution. In Deutschland gab es einmal die sozialliberale Bewegung des Friedrich Naumann. Den Zuschnitt von dessen Gruppierung lasse ich auch für uns gelten.

 

Weltwoche: Gleichzeitig stehen Sie in Ihren Stellungnahmen gegen die Globalisierung Schulter an Schulter mit den Kämpfern von Attac.

 

Haider: Es ist ein Fehler zu glauben, dass man den Kommunisten die Globalisierungskritik überlassen darf. Kein überzeugter Sozialmarktwirtschaftler darf dabei zuschauen, dass sich die Kommunisten auf einmal das Thema Globalisierung aneignen und gegen die Vernichtung der sozialen Marktwirtschaft kämpfen, für die sie nie gewesen waren. Daher braucht es eine Alternative zu den Linken, und die kann man aufbauen. Ich glaube, dass in allen europäischen Ländern politische Bewegungen dieser Art entstehen werden. Ich sehe mich mit dem BZÖ als Vorreiter einer in ganz Europa notwendigen Position.

 

Weltwoche: Sie haben bereits in den neunziger Jahren an der Formation einer europäischen Rechten gearbeitet, allerdings mit zum Teil rechtsextremistischen Bewegungen wie dem Vlaams Blok oder der Front National, mit denen Sie gemeinsam das Ausländerthema bewirtschaftet haben.

 

Haider: Ja, aber die haben das Thema verinnerlicht und wollen ewig damit leben. Andere wollen die Probleme nicht kritisieren, sondern lösen, wie zum Beispiel die Dänen oder wir.

 

Weltwoche: Sie suchen also neue Verbündete für eine rechte Globalisierungskritik.

 

Haider: Ich glaube, die werden sehr stark aus der Sozialdemokratie kommen. Aus Parteien, die mittelständische Interessen vertreten, zum Beispiel die bayrische CSU.

 

Weltwoche: Von der hat man bisher aber noch kein Wort Globalisierungskritik gehört.

 

Haider: Das würde ich so nicht sagen. Die CSU ist nur ein bisschen gelähmt durch den Stoiberschen Kurs, und es kommen bestimmt ganz andere Figuren wieder hoch, die diese Thematik sehr wohl ansprechen werden. Auch der alte Arbeitsminister der CDU, Norbert Blüm, hält viele Vorträge zu diesem Thema und mobilisiert stark innerhalb seiner Partei.

 

Weltwoche: Am erfolgreichsten waren Sie, solange Sie selbst, wie Sie es nennen, „fundamentalistische Oppositionspolitik" gemacht haben, Feldzüge gegen Ausländer unternahmen und für den „kleinen Mann". Was konnten Sie im Lauf Ihrer Karriere faktisch verändern?

 

Haider: Wir haben in den neunziger Jahren sicher viel an der Privilegienfront verändert. Im Bereich der Ausländerpolitik haben wir erste Weichenstellungen erzwungen, trotz dieser berühmten Lichtermeere...

 

Weltwoche: ...als 1993 auf dem Wiener Heldenplatz 200.000 Menschen gegen Ihr Anti-Ausländer-Volksbegehren „Österreich zuerst" demonstrierten...

 

Haider: ...und was es sonst nicht alles gab. Heute sieht man, dass unsere Forderungen von damals sehr gescheit waren.

 

Weltwoche: Umgesetzt wurden sie groteskerweise von der christlichsozialen Volkspartei, die Sie zum Teil rechts überholt hat.

 

Haider: Ja, man sieht, dass der Absender vernünftiger Politik ziemlich austauschbar geworden ist. Es gibt eben nicht so viele Möglichkeiten, solche Probleme zu behandeln.

 

Weltwoche: Hat Sie Wolfgang Schüssel, den Sie 1999 zum Kanzler wählten, obwohl die FPÖ mehr Stimmen hatte als die ÖVP, gezähmt?

 

Haider: Ich war ja nie ein wildes Tier, deshalb musste ich nicht gezähmt werden. Ich war immer ein sehr kultivierter Mensch. Ich glaube, dass die Probleme der FPÖ hausgemacht waren und nichts mit Schüssel zu tun hatten.

 

Weltwoche: Er schwächte die FPÖ massiv, als er 2002 die Koalition aufkündigte, Neuwahlen ausrief und mit massiv veränderten Mehrheitsverhältnissen zu seinen Gunsten die alte Koalition erneuerte.

 

Haider: Das werfe ich ihm auch heute noch vor. Schüssel wollte einen fairen Koalitionspartner während einer Formschwäche dezimieren. Das kann ihm nach der nächsten Wahl freilich auf den Kopf fallen. Könnte sein, dass er dann keinen Koalitionspartner mehr hat. Dann endet die Ära Schüssel damit, dass er auf seinen Partner auf dem gemeinsamen Weg ruiniert hat.

 

Weltwoche: Es gab in Österreich zu keiner Zeit einen Politiker, der mit so viel Energie so viele negative Emotionen auf sich gezogen hat wie Sie.

 

Haider: Die herrschende politische Klasse war durch unsere Erfolge zutiefst verunsichert. Meine Gegner haben gesehen, dass wir die richtigen Themen ansprachen, und sie haben sich mit allen Mitteln gewehrt.

 

Weltwoche: Sie forderten mit ununterbrochenen Provokationen heftige Gegnerschaften offensiv heraus.

 

Haider: Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass sich politische Gegner ein verzerrtes Bild von mir machen, das sie dann für Wirklichkeit halten. Ich bin heute in meinem Denken und Handeln nicht anders, als ich in den neunziger Jahren war.

 

Weltwoche: Aber Sie entfesseln nicht mehr die Emotionsstürme, die sie früher lostraten.

 

Haider: Ich bin heute ein Landespolitiker, der auch viele technische Dinge zu erledigen hat, und ich bin 15 Jahre älter geworden. Inhaltlich hat sich an meinen Positionierungen nichts geändert.

 

Weltwoche: Haben sich also Ihre Gegner geändert?

 

Haider: Früher haben Sie mich zur Feindfigur aufgebaut, gegen die sie kämpfen wollten, weil daran ihr ideologisches Heil gemessen wurde. Wenn ich eine lockere Bemerkung über den Chirac [Haider bezeichnete den französischen Präsidenten öffentlich als „Westentaschen-Napoleon] mache und das in der EU dazu führt, dass gegen Österreich Sanktionen verhängt werden: da lachen doch die Hühner.

 

Weltwoche: Tatsache ist, dass Ihnen diese Reaktionen scheinbar nie heftig genug sein konnten. Hatten Sie nie Angst, dass Sie wie Goethes Zauberlehrling die entfesselten Kräfte nicht mehr unter Kontrolle kriegen würden?

 

Haider: Ich habe ja nichts angerichtet. Ich glaube, meine Beiträge zur österreichischen Politik waren sehr gut. Nehmen wir noch einmal das Ausländerthema. Wer hätte das in Österreich außer mir aufgreifen können? Wir haben es getan und wurden von der herrschenden KIasse heftig unter Druck gesetzt. Heute diskutieren wir völlig selbstverständlich in der Landeshauptleutekonferenz, ob Schulklassen mit einem Ausländeranteil von 30 Prozent mit nicht-deutscher Muttersprache nicht geteilt werden sollen. Damals wurde diese Idee heftig bekämpft.

 

Weltwoche: Sie fühlen sich nachträglich legitimiert?

 

Haider: Natürlich. Vieles wurde von mir vorgedacht, auch die Schwierigkeiten, die Österreich in der EU haben würde. Wäre mir Österreich damals gefolgt, wären wir heute in einer komfortableren Situation. Wir wären eine zweite Schweiz, bei der die EU mit Einzelverträgen ihre Interessen koordinieren müsste. Gegen uns aber wird innerhalb der EU ein kollektiver Druck erzeugt, so dass wir ja sagen müssen, auch wenn wir nein meinen.

 

Weltwoche: Warum wollte Österreich keine zweite Schweiz sein?

 

Haider: Es gibt halt das historische Sendungsbewusstsein der Österreicher, dass wir ein Land inmitten Europas sind und dazugehören müssen. Man hat uns vor der Abstimmung zum EU-Beitritt vorgespielt, dass wir bei Nichtbeitritt plötzlich in den Status einer Insel versetzt würden. Das war Schnickschnack. Die größte Tageszeitung malte den Teufel an die Wand, es werde kein Urlaubs- und kein Urlaubsgeld mehr geben, die Renten seien nicht sicher und die Mafia würde über uns herfallen. Heute schreibt dieselbe Zeitung über das Kasperltheater in Europa, dass wir eh nicht dazugehören und raus sollten. So schnell ändert sich die Stimmung.

 

Weltwoche: Viele sagen, dass Sie nach Bruno Kreisky das größte politische Talent der 2. Republik waren. Haben Sie das Gefühl, dass Sie alles erreicht haben, was für Sie möglich gewesen wäre?

 

Haider: Natürlich habe ich Fehler gemacht, aber ich glaube, dass mehr geglückt als daneben gegangen ist. Es war klar, dass jeder, der sich mit dem fest gefügten Machtbollwerk von SPÖ und ÖVP anlegen würde, nicht ohne Blessuren davonkommt.

 

Weltwoche: Realistisch: Was bleiben Ihnen für Ziele?

 

Haider: Meinen Job als Landeshauptmann gut zu machen. Das BZÖ so auf Schiene zu bringen, dass wir nach der nächsten Wahl wieder im Parlament vertreten sind und weiter Verantwortung für das Land tragen können. Wir wollen schließlich die Zukunft gestalten.

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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