Johnny Cash

Porträts / Weltwoche

Doch, er ist geschminkt. Das Sonnenbronze seiner Stirn, das Gesundheitsbraun seiner Wangen stammen genauso aus der Parfümerie wie das Schwarz seiner Haare, das nicht recht decken will und ein helles Grau von 65 intensiven Jahren lebhaft durchschimmern läßt. 



Außerdem schwitzt er. Er schwitzt wie nach einer Stunde in der Kraftkammer. Dabei hat sich Johnny Cash definitiv nicht zu schnell bewegt. Seit ihn sein Manager Lou Robin durch die Tür der klimatisierten Kühlkammer geschoben hat, die im 24. Stock des Prager Forum-Hotels für Gesprächszwecke angemietet wurde, läuft ihm der Schweiß in kleinen, ungesunden Bächen über die Stirn. Doch das Make-Up ist gut. Es zeigt keine Wirkung. Keine sich verlaufenden Farbspuren wie bei Burt Lancaster in Viscontis „Tod-in-Venedig"-Verfilmung. Dafür dieser heftige Husten.

„Schalten Sie das Tonband ab", sagt Johnny Cash, bevor das Tonband überhaupt noch eingeschaltet ist. Er keucht wie ein Gerberhund, bis sich tief in seiner mächtigen Brust ein Husten löst, der auch zu einem Pferd gehören könnte, das sich wirklich übel verkühlt hat. Manager Lou Robin setzt sein schläfrigstes Gesicht auf und sagt: „Sie wissen schon, der Jet-Lag."

Cash trägt schwarz, denn er ist der „Man in Black". Seine Frau, June Carter Cash, trägt einen Cowboyhut, denn sie ist eine Country-Legende. Ihr gemeinsamer Sohn, John Carter Cash, ist nicht anwesend, doch hat er sich bestimmt auch heute wieder in sein blütenweißes, etwas zu enges Jeans-Ensemble gezwängt, um nicht nur Sohn von zwei Legenden zu sein, sondern auch der „Man in White". Legenden stricken sich schließlich nicht von selbst.

Das schwarze Hemd ist bis zur Brust geöffnet, es läßt den Blick auf die dicke Goldkette frei, die Johnny Cash um den Hals trägt. An der Kette baumelt ein Türkis. Die Ärmel des Hemds sind hochgekrempelt. Auch die Unterarme Cashs sind braun eingefärbt. Auf der rechten Seite trägt er in einer medizinisch anmutenden Anordnung mehrere Pflaster. Johnny mußte sich auf diverse Allergien testen lassen, erklärt der Manager später.

Cash schaut den Fragen, die ihm gestellt werden, nicht ins Gesicht. Er erzählt. Ohne zu lächeln löst er die Bremse seiner Ring-of-Fire-Stimme, läßt den berühmtesten Country-Baß der Welt in Schwung kommen und gibt Auskunft über alles, worüber er gern Auskunft geben möchte, nicht, wonach er gefragt wurde. Wenigstens das nimmt er sich heraus, der schwarze, schwitzende 120-Kilo-Koloss mit den vielen Vergangenheiten. Ein gutes Selbstgespräch ist schließlich eine Unterhaltung mit einem, der keine unsinnigen Fragen stellt.

Vielleicht hat es Johnny Cash aber auch nur besonders gut gemeint. Vielleicht glaubt er, daß es wirklich interessant ist, wenn er seine Platitüden vom Leben auf der Straße ausbreitet, von den seligen Zeiten, als er noch in irgendwelchen Kneipen herumsaß und mit seinen Freunden neue Songs ausprobierte, egal, ob ein Publikum gekommen war oder nicht. (- Auf die Frage, ob ihm so etwas auch heute noch passiere, blickt er verdutzt aus dem sentimentalen Nebel auf: Nein. Er gehe nicht in Kneipen. Warum? - )

Vielleicht muß er auch, weil seine Frau neben ihm sitzt und den beachtlichen Blick über Prag genießt, herausstreichen, wie wichtig es ihm erstens ist, immer mit June Carter und John Carter um die Welt zu reisen (- Die beiden firmieren auf den leuchtfarbenen Johnny-Cash-Plakaten unter der Spezialrubrik „Special Guests"). Zweitens falle ihm bei dieser Gelegenheit ein, daß er schon vor 19 Jahren in Prag gewesen sei - Die St. Veits-Kathedrale habe ihr damals am besten gefallen, mischt sich June Carter ein, oder wie habe die schöne Kirche geschwind geheißen? Lou, kannst du dich erinnern? Sie hatte zwei große Türme und war sooo feierlich.

Johnny Cash hustet wie ein Gerberhund: Wir haben damals an zwei Tagen vier Shows gespielt, und es kamen 48.000 Zuschauer. Das war wirklich ein großes Erlebnis.

Johnny Cash erzählt seine Geschichten wie Country-Songs. Ein bißchen drumherum und schon kommt der Refrain, den jeder schon einmal gehört hat.

Apropos: Wie oft haben Sie schon „Ring of Fire" gespielt?

Zehn-, bis zwölftausendmal.

Johnny Cash könnte jetzt natürlich grinsen oder einen Witz machen über die absurde Lust jedes zu unterhaltenden Publikums, stets dasselbe, durchgekaute Programm, die hunderttausendmal gespielten Hits zu hören und nichts Neues, Aufregendes, Verstörendes. Aber er macht den Witz nicht. Er stimmt vielmehr höchstpersönlich den durchgekauten Refrain seines Standardinterviews an und meint: Ich spiele die alten Songs gerne. Ich habe sie immer gern gespielt. Ich werde sie immer gerne spielen.

Es ist bitter kalt im 24. Stock des Forum-Hotels, doch Johnny Cash hört nicht auf zu schwitzen. Er hält auch die Frage, wie lange er noch vorhabe, auf Tourneen zu gehen, nicht für ironisch, sondern beantwortet sie mit dem nächsten Refrain seiner Vita: Er sei jetzt seit 41 Jahren unterwegs. Er denke nicht daran, in Pension zu gehen. Er wolle in seinen Stiefeln sterben (- dabei trägt er gar keine Stiefel. Johnny Cash hat sehr gut polierte Halbschuhe aus schwarzem Krokodilleder an -).

Irgendwann, mitten im Satz, findet Johnny Cash, es sei genug. Man möge sich nun mit seiner Frau unterhalten, die ohnehin viel interessanter sei als er. Steht auf, schenkt sich eine Cola mit unendlich viel Eis ein, stellt sich vor die Panorama-Glasscheibe und wacht aufmerksam darüber, daß hinter seinem Rücken lebhaft Konversation gemacht wird (tatsächlich ist June Carter, ehemaliges Mitglied der legendären Carter-Family, eine entfesselte Geschichtenerzählerin). Dann ächzt Cash vernehmlich, greift sich ans Herz, winkt seinem Manager, der mit einem Farbfoto im A4-Format zur Stelle ist, signiert das Foto mit „Best wishes, Johnny Cash", hilft seiner Frau wie ein Gentleman aus dem Stuhl und verabschiedet sich mit den Worten: Ich hoffe, wir sehen Sie morgen beim Konzert. June Carter sagt: Gott segne Sie. Lou Robin sagt: Passen Sie gut auf Ihr Autogramm auf, Johnny gibt nicht viele Autogramme.

 

Es wäre gar nicht so schwierig, aus einer Begegnung mit Johnny Cash die Konturen eines abgewrackten, wenn auch gerade noch funktionsfähigen Las-Vegas-Stars herauszulesen. Die Baukastenteile sind allesamt vorhanden.

Da ist die große Vergangenheit; da sind die mächtigen Freunde; da sind die Welthits („Ring of Fire", übrigens eine Komposition von June Carter; „I Walk the Line"; „Get Rhythm"), die Duette mit Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins; die Aufnahmen mit Bob Dylan, mit Willie Nelson, Kris Kristofferson und allen anderen, die in der Country-Szene Rang und Namen haben. Da sind der Glitzer, das Geld, die lange Liste der Rekorde: (...); die Filmauftritte; die Shows; die Fernsehpredigten an der Seite von Billy Graham.

Da ist aber auch die dunkle Seite des Mannes, der sich seit 1971 bloß schwarz anzieht, um damit zu symbolisieren, daß er bereit ist, Verantwortung für all die üblen Machenschaften der Menschheit zu tragen. Da sind die Geschichten von den verschleppten Räuschen, den unterdrückten Skandalen und der nur mühsam abzugewöhnenden Tablettensucht. Da sind die gelangweilten Label-Manager der Mercury-Polygram in Nashville, die nicht mehr an ihren einstigen Star glauben wollten und sein letztes Album bloß noch in der lächerlichen Auflage von 500 Stück preßten, um es ohne Promotion so gut wie gar nicht erscheinen zu lassen.

Diese Bestandteile hätten wohl ausgereicht, um mehr als ein tragisches Künstlerschicksal zusammenzusetzen. Doch Johnny Cash kriegte zur richtigen Zeit die richtigen Probleme in den Griff.

Zuerst gewöhnte er sich das heftige Trinken ab (d. h., er gewöhnte sich das Trinken vollumfänglich ab, weil er nur heftig oder gar nicht trinken konnte). Dann nahm sein Manager den Anruf von Rick Rubin entgegen.

Rick Rubin hatte sich gerade einen Namen als Produzent von Rap- und Hardrock-Bands (Beastie Boys, Run DMC, Slayer, etc.) gemacht (Weltwoche 11. Nov. 96). Johnny Cash kannte weder seinen Namen noch Rubins neu gegründete Plattenfirma „American Recordings". Er traf sich nur mit Rubin, um herauszufinden, was der dicke Kerl mit den Sonnenbrillen und dem brustlangen Bart eigentlich von ihm wollte.

Der dicke Kerl wollte, daß Johnny Cash sich in sein Wohnzimmer setzte, Gitarre spielte und dazu sang, sonst nichts. Das fügte sich gut, denn es war genau, was sich Johnny Cash immer gewünscht hatte. Man setzte sich also gemeinsam ins Wohnzimmer von Rick Rubin. Johnny Cash trug neue und alte Lieder vor, Rick Rubin hörte zu „wie mir noch nie jemand zugehört hatte. Er kannte nicht einmal meine alten Sachen. Er sah etwas komplett Neues in mir!"(Cash)

Es war zweifellos das nach ausführlichen Wohnzimmersitzungen entstandene Album „American Recordings", das der Karriere von Johnny Cash neues Leben einhauchte.

Die schlanken Songs, die von keiner seifigen Produktion verunstaltet wurden, renovierten Cashs durch die Slide-Gitarren von Nashville ein bißchen angekränkelte Reputation. Sie zeigten einen Songwriter, der nicht an der Verklärung eines verlogenen Mittelklasse-Amerika interessiert war, sondern seinen Finger in die Wunden dieses Systems legte. Plötzlich war jener Johnny Cash wieder auferstanden, der sich für die Rechte der Indianer stark gemacht hatte, der in den Hochsicherheitstrakten der Gefängnisse von Folsom und St. Quentin aufgetreten war, um dort seine Solidarität mit den Lebenslänglichen zu bekunden. Der Krawatten-tragende Ring-of-Fire-Johnny-Cash mit dem Glitzer im Haar stand plötzlich wieder als jener wilde und gefährliche Rebell mit der Western-Gitarre da, als der er sich selbst immer verstanden hatte. Auch verstanden hatte, den ein Entertainer war Johnny Cash ebenfalls immer gewesen. Nein, Johnny Cash hatte nie das Entweder-Oder gesehen, sondern immer das Sowohl-als-auch.

Die Sammlung ausschließlich akustisch aufgenommener Songs war nicht nur ein fulminanter Kritikererfolg, sie machte Johnny Cash auch für ein völlig neues, ein jüngeres, ein breiteres Publikum interessant. Nur das alte Publikum wollte nichts davon wissen: die wichtigen amerikanischen Country-Radiostationen ignorierten „American Recordings" völlig.

Zwei Jahre später ließ das neu formierte Team Rubin/Cash den nächsten Streich folgen. Man wagte es, das Erfolgsrezept von „American Recordings" nicht zu kopieren, sondern mit sorgfältig instrumentierten Songs ( - im Studio u.a. Tom Petty und seine Heartbreakers - ) ein paar zeitlose und ein paar moderne Akzente zu setzen. Neben herzergreifenden Gospels wie „Spiritual" finden sich auf „Unchained" also auch Cover-Versionen von Liedern, die Slacker-Star Beck oder die Lärm-Rocker von Soundgarden aufgenommen haben. Becks „Rowboat", sagt Johnny Cash, „klang wie etwas, das ich den sechziger Jahren geschrieben haben könnte, wie ein Liebesaffäre, die total verrückt geworden ist. Dasselbe mit dem Soundgarden-Song! Als ich  ,Rusty Cage' hörte, sagte ich: Das kann ich auf keinen Fall aufnehmen. Rick Rubin sagte: Was ist, wenn ich ein Arrangement finde, daß dir gefällt? Darum gehts, sagte ich, und so war's dann auch. Rick kam mit einem Arrangement, in dem ich mich wirklich wohl fühlte. Im Augenblick ist ,Rusty Cage' der Song, den ich am liebsten live auf der Bühne spiele."

Ob er diesen Song einem Country-Publikum zumuten könnte?

Für ein einziges Mal verzieht Johnny Cash sein von unzähligen Kieferoperationen schief gewordenes Gesicht zu einem Lächeln und antwortet: „Nicht länger als drei Minuten."

 

Er steht am vorderen Bühnenrand im Kegel des Verfolgerscheinwerfers, selbstverständlich ganz in schwarz, nicht im lässigen Country-Style, eher Las-Vegas-mäßig elegant im halblangen, frackähnlichen Rock. Seine Gitarre hat der Roadie abgeholt, und der Musikberg, der sich hinter ihm in Form von Schlagzeug, Keyboards, Baß und seinem makellos weiß angezogenen Sohn John Carter Cash auftürmt, macht ungewohnten Lärm. Die E-Gitarre besinnt sich für einmal auf ihr Volumen, plärrt und sorgt für Rhythmus. Das kleine Viertel der Besucher, das wegen des neuen Johnny Cash in den Prager Kulturpalast gepilgert ist, leistet sich ein höfliches Wiedererkennungskreischen. Die schweigende Mehrheit schweigt. Was ist das bloß für ein Lärm?

Johnny Cash absolviert „Rusty Cage" in Würde. Er singt souverän, seine Präsenz auf der Bühne ist beeindruckend, seine Stimme hat im Alter an Charakter gewonnen, indem sie an Geschmeidigkeit verloren hat. Aber die Band. Die versammelten Veteranen aus Nashville und Umgebung („seit 19 Jahre mit uns auf Tour") schaffen es, jeden einzelnen Johnny-Cash-Song, ob alt oder neu, ob bekannt oder weniger bekannt (unbekannte Lieder haben im Repertoire von Johnny Cash nichts verloren) wie „Bonanza" klingen zu lassen. Die bis auf den letzten Platz ausverkaufte Halle tobt. Legionen von Pragern schwenken den imaginären Cowboyhut. Johnny Cash bedient sie. Er stellt seinen ganz weiß angezogenen Sohn vor: „John Carter hat sehr schöne Lieder geschrieben." Pampig trägt John Carter drei seiner eigenen, furchteinflössenden Songs vor, bis ihn seine Mutter erlöst, die zu Johnny auf die Bühne stürmt und ein paar klassische Duette anstimmt („If I were a Carpenter"), wobei sie vor lauter Energie so zappelnd hinter ihrem Mikrophonständer Position nimmt, als hätte sie vergessen, vor dem Auftritt aufs Klo zu gehen.

Bewunderswert, wie unbeschadet Johnny Cash aus der klebrigen Bonanza-Inszenierung heraussteigt. Es braucht nur ein paar Takte seiner Gitarre, einen Song, der ihm allein gehört, und die Atmosphäre verdichtet sich unversehens, so daß im Dunkel des Kulturpalasts vor Ehrfurcht auch die imaginären Cowboyhüte abgenommen werden. Ausgerechnet „I Walk the Line", Johnny Cashs vielleicht größter Hit, gerät im Solo des Meisters zu seiner Gitarre zu einem der berührendsten Momente des Abends. Da ist durch 12.000 Interpretationen nichts abgeschliffen worden.

Es folgen noch ein paar Hits, zuletzt „Get Rhythm". Cash singt den Text zu Ende, dann stakst er langsam, steif und bedächtig von der Bühne, winkt ins Publikum, leistet sich aber jetzt nicht den Luxus eines Lächelns. Während die Band über den anschwellenden Schlußapplaus „Bonanza" spielt, steht er schon hinter der Bühne und beginnt, sich die Schminke aus dem Gesicht zu putzen.

1 Comment

Vielen Dank für Ihre Blog-Post. Sehr interessant.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

Folgen auf ...


Suche