Jay McInerney: Das gute Leben

Die Zeit / Kritiken
Der neue Roman des 80er-Jahre Spezialisten

Jay McInerney. Das gute Leben. Deutsch von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch

 

 

Jay McInerney reparierte gerade die Jalousien seines Fensters, als American Airlines Flug 11 von Terroristen in den Nordturm des World Trade Centers gesteuert wurde. Der Schriftsteller wohnte zu dieser Zeit in Greenwich Village, und McInerney erinnert sich an den orangeroten Blitz, den er aus dem Augenwinkel wahrnahm, und der zum Urknall jener amerikanischen Ausnahmesituation werden sollte.

Es kam das zweite Flugzeug, die Türme kollabierten, und, klar, der Mann war außer sich, ganz New York stand unter Schock, die halbe Welt. McInerney verfiel dem elektrischen Reiz der Hilfsbereitschaft, er gesellte sich zum Korps der Freiwilligen, die in unmittelbarer Nähe zu Ground Zero Suppe für die Helfer kochten, stand in Tagen und Nächten ohne Regeln seinen Mann, und er hatte, randvoll vom Wirklichen, vom Elementaren, das vor seinen Augen geschah, den festen Vorsatz gefasst, nicht über den Elften September zu schreiben. Aber so wie sich das schockgefrorene New York langsam wieder auf seine hochofenmäßige Betriebstemperatur erhitzte, setzte sich McInerney an den Computer und schrieb, schrieb über den Elften September und darüber, wie sich das schockgefrorene New York langsam wieder auf seine hochofenmäßige Betriebstemperatur erhitzte.

 

Jay McInerney war 28, als er mit dem Roman „Bright Lights, Big City" debütierte. Der Literaturstudent aus Hartford/Connecticut beschrieb New York, und zwar aus der Optik dessen, der die Bars und Discos der Großstadt und deren Toiletten und Drogen nicht nur mit gehörigem Sicherheitsabstand beobachtet, sondern benützt. Partys und Yuppies und Frauen; Nacht und Asphaltzauber und Glitzer; eine experimentelle, fetzige Form des Erzählens, ein Held in der zweiten Person; Sex & Drugs und ihr literarischer Soundtrack.

Das mündete in einen Welterfolg, machte McInerney reich und berühmt. Die Kritiker, die kein Kleingeld wechseln wollten, verglichen den jungen Autor mit Updike und Salinger, um ihn gleich darauf wieder in das Klassenzimmer seiner Generation einzusperren, in dem bereits Bret Easton Ellis und Tama Janowitz hockten, Madonnas „Like a Virgin" hörten und Geld zählten.

Als McInerney einen zweiten („Einhandklatschen in Kioto") und dritten Roman („Ich nun wieder") herausbrachte, und nicht nachließ, jung und rock'n'rollig und grell und tabulos zu sein, war es plötzlich nichts mehr mit Salinger- und Updike-Orden: McInerney und seine Kumpels wurden zu Phänomenen ihrer Zeit, zu unterhaltsamen Modeerscheinungen herabgewürdigt.

Jay McInerney reagierte, wie es ihm zustand, angriffslustig: „Die Vorstellung, dass es [in der amerikanischen Literatur] eine Verschwörung der Jugend gibt, ist in gewisser Hinsicht vielleicht gar nicht so falsch. Ich habe es satt, langweilige Literatur zu lesen, die sich nur mit Philip Roths Generation beschäftigt. Scheiß auf die. Ich möchte über die Welt lesen, wie sie jetzt ist. Es müssen immer junge Leute auftauchen, die sagen: Nein, das ist nicht die Sprache, wie ich sie höre, das ist nicht die Welt, wie ich sie sehe. Hier, so sieht das aus, so hört sich das an! Und in unserer Welt gibt es Drogen, und der Fernseher läuft ununterbrochen, und immer und überall dudelt Rockmusik. Könnt ihr Arschlöcher es denn nicht hören? Ich zeig's euch, hier könnt ihr's lesen."

 

Das neue Buch von Jay McInerney heißt „Das gute Leben". Es ist das Buch eines mittlerweile über fünfzigjährigen Schriftstellers, der sich gern um seinen Weinkeller kümmert, und es erinnert verdächtig an die langweilige Literatur, die sich nur mit Philip Roths Generation beschäftigt. Sagen wir es so: Die Rockmusik dudelt nicht mehr, die Drogen sind entweder abgesetzt oder haben ihr Zerstörungswerk bereits erledigt, und die Protagonisten haben endlich die Fernbedienung gefunden und ihren Fernseher abgedreht.

Die ehemalige Anwältin Corinne Calloway lebt mit ihrem Mann Russell im New Yorker Stadtteil Tribeca. Sie hat sich eine Auszeit genommen, um für die gemeinsamen Zwillinge da sein zu können, deren Zeugung und Geburt höchst kompliziert verlaufen waren. Als der Elfte September über New York hereinbricht, entdeckt Corinne in ihrer Arbeit als Suppenköchin für die Ground Zero-Helfer ein Sinnversprechen, das ihr in ihrem Familienleben immer öfter versagt bleibt. Sie meldet sich von zu Hause ab und verbringt Nacht für Nacht im Krisengebiet.

Dort trifft sie den Starbanker Luke McGavock, der sich, etwas über 40 Jahre alt und millionenschwer, zur Ruhe gesetzt hat, weil er keine Lust mehr hat, nach immer größeren und riskanteren Finanzgeschäften fischen. Luke will ein Buch über alte Samuraifilme schreiben, auch wenn es seine Gattin Sasha, Königin der Klatschspalten, lieber sähe, wenn ihr Mann weiterhin im Dschungel der Wall Street das Alphatier markierte. Aber der Elfte September spielt Luke in die Hand. Als ein enger Freund in den Trümmern vermisst wird, geht er auf seine längst überfällige Expedition in die Realität, heuert in der Suppenküche an...

Nicht schwer zu erraten, wen die Geschehnisse einander in die Arme spülen werden, und, nein, Jay McInerney schreckt nicht davor zurück, alles so geschehen zu lassen wie in einer x-beliebigen Schmonzette, samt zärtlicher Liebe und schnellem Orgasmus. Seine Helden lassen sich vom emotionalen Ausnahmezustand ihrer Stadt inszenieren, sie polieren ihr eigenes psychologisches Arsenal und spielen kunstvoll die Rolle, die McInerney ihnen zugedacht hat - wobei „kunstvoll" in diesem Zusammenhang nicht unbedingt ein Kompliment ist, eher eine Umschreibung für B-Movie-Dialoge wie diesen:

„,Aber warum bist du ausgestiegen?'

,Es hat keinen Spaß mehr gemacht', sagte [Luke] beinahe fragend. ,Vor zehn Jahren waren wir wie Cowboys, haben beim Spielen die Regeln selbst gemacht, uns mit rauchenden Colts ins Getümmel gestürzt. Aber mit der Zeit wurde es eben, na ja, ein Geschäft wie jedes andere.'

,Und', fragte Jerrry, ,hast du genug beiseite geschafft, um im Ruhestand zu bleiben?'

,Kommt drauf an, was man genug findet. Meine Frau meint, man braucht einen Jet. Ein Freund von mir sagt, man braucht hundert Millionen, damit man ein Player ist.'"

 

Es ist natürlich kein Zufall, dass McInerney nichts anderes als Klischees zum Vorschein bringt, wenn er in seiner Kiste mit den Bright-Lights-Big-City-Klischees wühlt und sich eigener Beobachtungen entschlägt. Seine Society Queen Sasha könnte aus dem „New York Magazine" ausgeschnitten worden sein, so zweidimensional kommt sie daher, und der Einfall, dass ihre und Lukes 13jährige Tochter Ashley die mangelnde familiäre Zuwendung mit Drogenexzessen quittiert, stammt aus dem Werkzeugkasten von Jackie Collins, dazu bräuchte es nicht die scharfe Intelligenz und furiose Beobachtungsgabe von Jay McInerney.

Es passt ins Bild, dass die Erzählung immer dann interessant aufflackert, wenn sie den kollektiven Schockzustand New Yorks reportagehaft auseinandernimmt oder archaisch zweifelnd den Wert künstlicher Elternschaft hinterfragt: in beide Themenbereiche war oder ist McInerney persönlich verstrickt.

Wo er hingegen auf seine Fantasie vertraut, flacht die Story ab. Seinen Figuren mutet der Autor herzlich wenig zu. Kann sein, dass er manche von ihnen einfach zu lieb gewonnen hat, wie Corinne und ihren zauseligen Russell, die mit einem guten Teil ihres Freundeskreises bereits den 1992 erschienenen Roman „Brightness falls" (Deutsch: „Alles ist möglich") bestritten haben, eine weitere Großstadtparabel, in der die Dinnerparties noch etwas spritziger waren und ihr alkoholschwangerer Ausgang ungewiss. In „Das gute Leben" sind die Romanfiguren mit ihrem Schöpfer älter geworden und bequemer, können sich leider benehmen und im Zaum halten, und während sie früher für Nebensächlichkeiten gemordet hätten, zerlegen sie heute anstelle sarkastischer Lebensweisheiten höchstens eine Kalbshaxe, wenn auch ausgesprochen kunstvoll.

„Das gute Leben": natürlich trägt dieser Titel eine selbstironische Farbe, und eine sympathische Unsicherheit des Autors schwingt mit, ob der geregelte Alltag in Greenwich Village wirklich so interessant ist, dass man darüber unbedingt einen Roman schreiben müsste, wenn sich selbst der Elfte September als dramaturgische Wendung nicht als abendfüllend erweist.

Gut zu hören also, dass Jay McInerney kürzlich mit einer Millionenerbin durchgebrannt ist. Er stellt sein gutes Leben auf den Kopf. Wir werden davon lesen, und es wird wieder ein Spaß sein wie früher.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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