Jamie Oliver

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London Nord, Nile Street, Jamie Oliver Offices. Ein ganzer Häuserblock, neben dessen Eingangstüren der Namensschriftzug des jungen, berühmten Fernsehkochs zu sehen ist. Großraumbüros, an Reihen von Schreibtischen junge Menschen hinter ihren Apple-Computern. Jamie sitzt in einem Glasverschlag, Jeans, kariertes Hemd, und fummelt an seinem iPad herum, den er sich gerade aus Amerika kommen ließ. Hey, sagt er, Hand auf die Schulter. Unmöglich, dass sich hier jemand siezen würde.



Deine Shows drehen sich zunehmend um gesunde Ernährung und stellen sich gegen die Auswüchse der Food-Industrie, unter denen vor allem sozial benachteiligte Menschen leiden. Woher dieses Engagement?

Zuerst einmal: Ich bin nicht der Chinese, der auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor dem Panzer steht und den Soldaten sagt, verpisst euch. Aber ich liebe meinen Job, ich liebe Leute, die gern und gut essen, und in den letzten 40 Jahren ist die Food-Industrie und die Landwirtschaft größtenteils von Banditen und Arschlöchern unterwandert worden. 

Das hat dich zum Eingreifen motiviert?

Klar. Es ist ganz einfach: Wenn es ein Problem gibt, und wenn du die Wahrheit sagst - ändern sich die Dinge oft auch. Daran glaube ich. Daran glaube ich stark. Und deshalb tue ich, was ich tue, und werde es weiter tun. 

Wie gehst du vor?

Egal, ob Boulevardzeitungen oder Prime-Time-Fernsehsendungen: Sobald es um Landwirtschaft und Food-Produktion geht, finden es die Leute langweilig. Aber wenn du die Geschichte richtig erzählst - wie Familien betroffen sind, wie ein ganzer Ort unter einer Tierfabrik leidet - ist es faszinierend. Es ist auch unterhaltsam, es regt die Menschen auf, es ist fesselnd. Ich bin Legastheniker, deshalb arbeite ich so visuell: Ich muss Bilder zeichnen, weil ich selbst Bilder sehen muss. Ich zeige die Sachen groß, weil ich das brauche, nicht weil ich freundlich zu den Leuten sein möchte. Die Leute haben das gern. 

Und sie reagieren.

Ja. Sie kaufen nach 90 Minuten Fernsehen über Hühnerproduktion am nächsten Tag anders ein, ich meine: es gibt in England praktisch keine Eier aus Legebatterien mehr. Niemand verkauft sie. Kein Supermarkt. Nicht einmal McDonald's. Was sagt uns das? Die Öffentlichkeit entscheidet. 

Wann kam der Moment, als du begriffen hast, dass dein Job nicht nur Popularität, sondern auch Verantwortung mit sich bringt?

Weißt du, mein Vater hatte mir immer und immer wieder gesagt: sprich nicht über Geld, Geld ist Privatsache. Und plötzlich war überall bekannt, dass ich reich bin - nicht nur in England, in der ganzen Welt. Es stand überall in der Zeitung, man konnte kein Geheimnis daraus machen. Wir sperrten vor neun Jahren also das Restaurant „Fifteen" auf, ein Lokal, in dem wir Menschen beschäftigten, die vorher arbeitslos oder im Knast gewesen waren, und ohne dass wir es geplant hätten, wurde das zu einer Story, wie wir mit Kindern umgehen, die eine kriminelle Vorgeschichte haben, Drogen nahmen, allein erzogen wurden oder missbraucht. Es wurde zu einer starken, herzlichen Botschaft: wenn du einem Kind, das nichts hatte, eine Chance gibst, nützt es die Chance. So begann das.

Du hattest das Gefühl, Erfolg verpflichtet dich dazu, zu teilen.

Wie auch immer man Erfolg beurteilt: ich war ein Junge, der Glück gehabt hat. Und ich verfüge über eine mediale Plattform, ich kann Geschichten erzählen und etwas verändern. Es gibt so viele blöde Arschlöcher da draußen - erst am Wochenende bekam ich eine Email aus Amerika. Eine junge Frau schrieb mir, dass sie zu einem Kinderarzt gegangen sei, weil ihr Kind nicht trinken wollte, und weißt du, was ihr der Typ gesagt hat: Tu ein bisschen Schokolade in die Milch! Einem kleinen Baby! Ich stellte den Link auf Twitter, und Twitter war sofort aus dem Häuschen. Eine ganze Menge Eltern findet das fürchterlich, so wie ich, aber da waren auch viele, die erzählten, dass sie von ihrem Kinderarzt denselben Tipp gekriegt haben. Du siehst also, was dieser ausgebildete, vereidigte Kinderarzt für einen Effekt hat, nur weil er seinen Beruf nicht gut macht, weil es ihm an Engagement und an Leidenschaft fehlt. 

Die erste Stufe, um Kinder für alle Zeiten übergewichtig zu machen.

Ja, aber nicht nur. Wir füttern Kinder seit tausenden von Jahren. Aber erst jetzt machen wir sie abhängig von dem Zucker-Candy-Junk, bevor sie ein Jahr alt sind. Das ist ein Verbrechen.

Du attackierst unverhohlen die Food-Industrie, die ihre Produkte auf Kosten von Produzenten und Verbrauchern in den Markt drückt. Wie reagiert die Food-Industrie auf deine Vorstöße?

Klar ist, dass sie mich nicht mögen. Obwohl sie als Eltern eigener Kinder vielleicht einer Meinung mit mir sind. Ich kenne einige Leute, die bei großen Organisationen arbeiten, die man problemlos als einen Haufen Arschlöcher bezeichnen könnte. Sie machen Dreck, machen Werbung zur falschen Zeit an den falschen Orten, sie stellen den Kindern in den Schulen nach, all das. Sie sind, kurz gesprochen, die Badies, die Bösen. Aber es gibt gute Leute unter den Badies. Sie bemühen sich, den Schaden gering zu halten, vielleicht auch einmal etwas richtig Gutes zu entwickeln, einen Snack, irgendwas. Aber sie kommen damit nicht durch, und wenn ich komme und ein Projekt mache, sind sie es, die zu mir kommen und sagen, dass ich auf einem guten Weg bin.

Kannst du als Jamie Oliver etwas Grundlegendes verändern?

Nein, ich kann gar nichts verändern. Ich kann nur ganz einfache Geschichten erzählen und die Öffentlichkeit informieren. Die Öffentlichkeit ist die Kraft, die verändert, oft die Eltern von Kindern. Und die Badies, die Bösen aus der Food-Industrie ändern sich auch. Sie ändern sich, weil sich die Öffentlichkeit ändert. 

Verändern sie sich, weil sie etwas dazulernen? Oder weil Veränderung einen neuen Markt eröffnet?

Interessanterweise beides. Es ist sehr kurzsichtig, gut, grün, ethisch, recycling, was weiß ich was, sein zu wollen, ohne mitzudenken, dass es sich auch rechnen muss, dass es super Profite in Zusammenhang mit langfristigen Investitionen abwerfen muss.

In England hast du „Jamie's School Dinners" für Schüler entwickelt, die sonst nur Junk essen, in Amerika hast mit „Jamie's Food Revolution" den Hamburger-Mushroom-Lifestyle der Amerikaner angegriffen. Wo liegt der Unterschied zwischen amerikanischen und englischen Jugendlichen?

Kein Unterschied. In Amerika war bloß alles noch viel extremer. Die gleichen Leute, die gleichen Probleme, die gleichen negativen Effekte.

Waren die Amerikaner nicht viel feindseliger als die Engländer, weil sie ihren Way of Life attackiert sahen? David Lettermann prophezeite dir in seiner Show bedingungsloses Scheitern.

Nein. Die Leute waren in England genauso furchtbar genervt. Aber niemand hat Veränderung gern. Irgendwer hat mir vorgeworfen, zu predigen. So ein Scheiß. Das einzige, was ich getan habe, ist einem System an den Karren zu fahren, das unseren schönen, wertvollen Kindern jeden Tag Scheißdreck vorsetzt, zweimal am Tag, 190 Tage im Jahr, während ihrer ganzen Kindheit. Mit denen habe ich mich angelegt, indem ich sagte: Wir können das besser. Der dümmste Mensch der Welt kann erkennen, dass dieses Essen Dreck ist, Junk, billiger Junk. Wenn diese Einsicht bedeutet, dass ich ein Prediger bin, okay, dann bin ich halt ein Prediger. 

Wehrten sich die Leute gegen gesundes Essen, weil sie sich nicht bevormunden lassen wollten oder weil sie keine Ahnung haben?

Sie waren ahnungslos in dem Sinn, dass eine hübsche, nette, 23jährige Mutter nicht weiß, was kochendes Wasser ist. Ehrlich! Ihre Mutter hat nie gekocht, weil sie arbeiten musste, sie hatte keinen Vater, und der hätte auch nicht gekocht, und in der Schule hat ihr auch niemand beigebracht zu kochen. Sie ist nicht schuld. Sie weiß es nicht. Es ist so einfach, sie als blöd hinzustellen. Aber es ist nicht ihre Schuld. Du musst sie dir nur als Kind vorstellen, dann weißt du sofort, was ich meine. Es gibt Millionen Geschichten wie diese.

Wie bringst du deinen eigenen Kindern bei, an McDonalds vorbeizugehen, wenn alle ihre Freunde dort essen?

Da bin ich gelassen. Essen soll geliebt und genossen werden. Von einem Schokoriegel auf dem Rummelplatz bis zu Mamas Sonntagsbraten oder einem schnellen Rührei, wenn du busy bist. Ehrlich, ich wäre doch ein Lügner, wenn ich hier säße und der Welt das Fast Food verbieten wollte. Der Grund, warum Fast Food so erfolgreich ist, ist nun mal, dass es schnell geht, oft Spaß macht und immer wieder ganz gut schmeckt - manchmal, weil ein Haufen Aromendreck drinnen ist, manchmal, weil es einfach gut ist. Ich sehe das nicht so eng, wie manche Leute glauben. 

Und wenn deine Kinder Junk essen?

Der Vorteil, den ich als Vater habe, ist, dass ich weiß, was die Kinder zu Hause essen - ein bisschen was von allem und nicht zu viele süße Drinks. Als Elternteil hast du die dramatische Macht, deinen Kindern beizubringen, wie sie über das Essen denken. Wenn sie dann einmal zu viele Süßigkeiten erwischen und sich richtig scheiße fühlen, oder wenn sie sich bei McDonalds irgendetwas holen: Na und? Das ist nicht der Punkt. 


Du reist viel...

...etwa drei Monate pro Jahr...

...und in den Shows und Büchern sieht das extralässig aus. Wie wird das vorbereitet?

Warte. Ein Mädel nebenan soll einmal meinen Kalender herzeigen. Alles ist in Farbzonen eingeteilt, wie eine große Militäroperation. (Durch die Scheibe zeigt Jamies Pressesprecher Peter zwei A3-Bögen mit in winzige, bunte Rechtecken unterteilten Mustern. Das sind Jamie Olivers nächste 18 Monate. Für die nächsten 18 Monate weiß er genau, was er an jedem Tag tun wird, wann, wo, und mit wem).

Wie kannst du diesen Irrsinnsplaner damit vereinbaren, auch hie und da eine Privatperson zu sein, zum Beispiel mit einer Frau und drei Kindern?

Es ist eine Herausforderung. Aber ich habe viele gute Leute um mich herum, und ich habe ein paar Zonen definiert, die nicht überschritten werden dürfen. Bevor wir unser erstes Kind bekamen, arbeitete ich sieben Tage die Woche. Ich steckte so voller Energie, dass ich gar nicht bemerkte, wie ausgepumpt ich schon war. Als Poppy Honey Rose, meine Älteste, da war, sagte meine Frau: Arbeite die ganze Woche, okay, aber die Wochenenden gehören mir. Das war hart für mich, weil ich einfach zu viel zu tun hatte, und ich machte die wichtigsten Telefonate mit ganz leiser Stimme von der Toilette aus, aber nach zwei Monaten begriff ich etwas. Mitarbeiter wollen allein gelassen werden. Sie wollen keinen Boss, der ihnen alle zehn Minuten über die Schulter guckt. Nach zwei Monaten begann ich also meine Wochenenden zu genießen. Ich wurde zum Papa. 

Jetzt hast du drei Kinder, und deine Frau ist wieder schwanger. Schwierig im Handling?

Sowas wie Perfektion gibt es nicht. Aber ich bin ausbalanciert, zwischen Job und Familie, doch. Ich hatte gerade eine lustige Statistik in der Hand, die sagt, dass die meisten Eltern das Gefühl haben, zu wenig Zeit mit ihren Kindern zu verbringen - dabei verbringen sie fast doppelt soviel Zeit mit den Kids wie die Eltern vor 50 Jahren. Es gibt viele Momente, die dir das Gefühl geben, dass du deine Kinder vernachlässigst, vor allem, wenn auch die Frau arbeiten geht. 

Wie ist das bei Dir?

Ich sehe meine Kinder von Montag bis Freitag nicht. Aber ich fühle mich kein bisschen schuldig. Sie sind in einer super Schule, sie sind in Sicherheit, sie kriegen gute Sachen zu essen. Ich gebe ihnen einen Kuss in der Früh, und sie kriegen einen Kuss am Abend, wenn ich nach Hause komme. Am Wochenende übernehme dann ich den Laden. Dann ist Daddy-Zeit, und wir beginnen, Sachen zu bauen.

Wie schnell wächst die Firma Jamie Oliver?

In den letzten eineinhalb Jahren sind wir von 300 Leuten zu einer Firma von 4500 bis 5000 Leuten gewachsen. (fragt seinen Pressesprecher Peter Berry: Stimmt das? Peter: Wenn du die ganzen Partygirls mitrechnest, ist das korrekt.)

4500 Leute? Man hat von außen noch immer den Eindruck, Jamie Oliver macht mit ein paar Kumpels ein bisschen Fernsehen und Bücher.

Ja, wir sind in zwölf Geschäftsfeldern aktiv, die natürlich alle mit Essen zu tun haben. Wir haben in den letzten 18 Monaten ziemlich Gas gegeben. Mein ganzes Geld steckt in Projekten. Im Risiko. Von mir aus: investiert. Wir haben Restaurants, Bäckereien, wir haben Produktionsfirmen, wir haben Designfirmen. Jeder Tag, der kommt, ist nicht nur super. Wir müssen jeden Tag kämpfen. Wir müssen jeden Tag damit rechnen, dass etwas in die Hosen geht, und das kann jederzeit passieren. Die Leute schauen mich an, als ob ich auf einem Topf aus Gold sitze. Aber die Wahrheit sieht ganz anders aus.

Weißt du bei dieser Größe von Business überhaupt noch, was alles ansteht?

Ich weiß im Prinzip alles. Wenn es um Essen geht, um die unbestechliche Qualität des Essens, weiß ich alles im Detail. Wenn es um Strukturen geht, um Genehmigungen, um Papierkram: das wäre unmöglich. 

Wie rund es läuft, ist auf der „Rich list" der „Sunday Times" nachzulesen. Du bist 34 und gehörst zu den tausend reichsten Menschen Englands, Vermögen: 65 Millionen Pfund.

Weißt du was: ich mache mir nicht die Mühe, mir die Zahlen im Detail anzusehen. Ich bin kein akademischer Zahlentyp. Ich bin ein ganz guter Geschäftsmann, was mein Gefühl betrifft. Ich kann dir mit gutem Gewissen sagen: ich treffe keine kommerziellen Entscheidungen. Ich treffe kreative Entscheidungen. Wenn sich eine Idee gut anhört und mir ans Herz geht, dann funktioniert sie in der Regel auch kommerziell. Umgekehrt klappt das nicht. 

Du spendest laut „Rich list" über zwei Millionen Pfund im Jahr. Wofür?

Wohltätige Zwecke. Meine Fifteen-Restaurants allein generieren 900.000 Pfund pro Jahr, die für junge Menschen und deren Erziehung zum besseren Essen ausgegeben werden. Wir machen Kochbücher für Charity, manchmal geben wir auch einfach nur Geld - aber in den wenigsten Fällen. Ich bemühe mich, Zeit und Energie freizumachen für Dinge, die mir wichtig sind.

Findest du dich manchmal auch noch am Herd, um Rezepte auszuprobieren?

oLogisch. Ich kann gar nicht anders. Heute früh zuletzt. Ein bisschen Honig mit etwas gemahlenem Kaffee auf ein Stück reifen Pecorino, dazu etwas frische Ricotta. Passt nicht zusammen, denkst du. Aber in meinem Mund spielte sich eine super Party ab. Es ist nämlich so: Wenn du ein Geek bist, ein Food-Freak, und ich bin absolut ein Food-Freak, dann kommt alles, was du machst, aus dieser herzlichen, wunderbaren Motivation heraus. Es soll schmecken. Es soll diese Obsession widerspiegeln, mit der gutes Essen unser Leben verbessert. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lerne. Ich bin wie ein Musikjournalist, der täglich neue Musik hört, manches ist gut, manches ist langweilig, aber immer wieder taucht von irgendwo eine neue, unbekannte Band auf, die einen Song hat, der dich umhaut. So ist Kochen für mich.

Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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