Jakob Arjouni

Porträts

Er sitzt zwischen dem Moderator und seinem ersten Verleger und trinkt das Bier aus. Es handelt sich um ein „Berliner Kindl", das Lokalgebräu. An der Bar des Literarischen Colloquiums (LCB), einer monumentalen Villa am Ufer des Wannsees, gab es weder europataugliches Beck's, geschweige denn etwas Leckeres aus Hessen. Jakob Arjouni quittiert's mit einem Gesicht, in dem sich der kleine Verdruß über das falsche Bier - zuviel Gerbsäure, zuviel Bitterkeit im Verhältnis zur Stammwürze, alles miteinander ein schlechtes Omen für den nächsten Morgen - mit dem größeren Verdruß mischt, zum ersten Mal aus „Magic Hoffmann" lesen zu müssen. 



Wie immer vor Lesungen ist Arjouni nervös. Vor Premierenlesungen, wenn noch nicht klar ist, auf welche Pointen das Publikum einsteigen wird, welche Anspielungen überhört und welche falsch gedeutet werden, ist er besonders nervös. Er nimmt also, zur Beruhigung, einen Schluck vom nächsten Bier, - wieder ein „Berliner Kindl", das dank Gewöhnung schon ein bißchen weniger auffällig schmeckt - und hört der Einführung des Moderators Hubert Winkels zu, der die gemeinsame Abendveranstaltung des Literarischen Colloquiums und des Deutschlandfunks mit einer Eloge auf Jakob Arjounis Hard-boiled-Stories eröffnet.


Winkels, ein Mann des deutschen Feuilletons, spricht mit elitärer Ehrfurcht von den drei Kriminalromanen, die Arjouni bekannt gemacht haben („Happy Birthday, Türke", „Mehr Bier", „Ein Mann, ein Mord", alle bei Diogenes), und er befleißigt sich dabei des feingeistigen Vokabulars eines Ballettänzers, der einen Boxkampf kommentiert. Als er Arjounis Protagonisten Kemal Kayankaya, den türkischstämmigen, in Deutschland geborenen Privatdetektiv, als nahezu „geniale Erfindung" anpreist, leistet sich selbst der nervöse Arjouni ein gräfliches Lächeln, auch wenn er sich wundert, warum Winkels seinen Káyankáya ausgerechnet auf dem zweiten a betont. Bier. Zigarette. Ein kaum unterdrücktes Aufstoßen. Ein bißchen verpflichtet ist Arjouni seinem Detektiv schließlich schon.


Kayankaya ist ein Katalysator mit dunklem Gesicht. Er evoziert Deutschland. Allein sein türkisches Aussehen, kombiniert mit hessischem Dialekt und einer - seinem Schöpfer nicht ganz unähnlichen - großen Klappe, führt scheinbar ganz von allein zu jenen Situationen, in denen sich die Befindlichkeit eines Landes plötzlich nach außen kehrt. Rassismus, Verzweiflung, seelische Invalidität kristallieren sich in kabarettreifen Dialogen, die Pointen provozieren kein therapeutisch lösendes, sondern ein sich selbst verschärfendes Lachen.


Dieses bittere Vergnügen teilen Massenpublikum und Feuilleton, zuletzt brachte die „Frankfurter Allgemeine" - eine Zeitung, die Arjouni nur selten benützt - „Magic Hoffmann" im Vorabdruck. So sitzt er auch als einer der wenigen deklarierten, deutschen Erzähler im Literarischen Colloquium, wo dereinst die Gruppe 47 ordinierte und ein anstrengendes Kapitel deutscher Nachkriegsliteratur festschrieb. Seine Bücher hatten nie das Problem, ihren literarischen Gehalt über das mindere Image des Genres erheben zu müssen, das erledigte die Rezeption für sie: wenn es in Deutschland einen Krimiautor gab, dessen Bücher nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich ernst genommen wurden, dann war es Jakob Arjouni, der dieses Privileg kennt und genießt, indem er es einfach für selbstverständlich hält.


Die Einleitungsrunde ist vorbei. An der Reihe: der Autor. Er räuspert sich, fährt mit der Hand noch einmal durch die Haare. „Magic Hoffmann" ist der erste offensichtliche Bruch in seiner literarischen Karriere. Kein Krimi (- fast ein Krimi, aber keine Geschichte, die allein von der Sehnsucht des Lesers, die Auflösung eines Falles zu erfahren, angetrieben würde); kein Kayankaya (auf der Suche nach der optimalen Form für die Geschichte, die er erzählen wollte, leistete sich Arjouni den Luxus, seinen so bekannten wie geschätzten Commissario auf die Ersatzbank zu setzen - Kayankaya beginnt sich übrigens gerade für seinen nächsten Fall aufzuwärmen); kein Frankfurt (die Stadt, wo Arjouni aufgewachsen ist, wird als Bühne von Berlin, wo er seit neun Jahren lebt, ersetzt).


Ein paar Worte zur Geschichte, ein paar Worte zu Berlin. Die vorangeschickte Diagnose, daß die Hauptstadt nicht gerade ein architektonischer Glücksfall sei, fällt beim Publikum auf fruchtbaren Boden. Leises, erfreutes Glucksen. Arjouni beginnt zu lesen, und - er unterbricht gerade wieder: Dazusagen müsse man vielleicht, daß der Roman in den Jahren spiele, als Deutschland sich wiedervereinigte. Darum gehe es nämlich.


Drei Freunde, Fred, Annette und Nickel, planen einen Banküberfall. Mit dem Geld wollen sie gemeinsam nach Kanada. Der Überfall gelingt, die Beute beträgt 600.000 Mark. Wenig später wird Fred gefaßt. Er verrät seine Freunde nicht, sitzt für vier Jahre in der Jugendvollzugsanstalt Dieburg ein. Er nimmt die Strafe gelassen, schließlich hat er draußen zwei Freunde, mit denen er eine Menge Geld und einen Traum teilt.


Kaum verwunderlich, daß die Welt, als Fred entlassen wird, ganz anders aussieht. Deutschland ist wiedervereinigt, Freds Freunde sind in Berlin verschwunden. Der kleine Provinzprolet Fred, der sich im Gefängnis durch seine Tischfußballkünste den Spitznamen „Magic" erwirtschaftet hat, macht sich auf die Suche nach seinem kanadischen Traum und stößt auf wild zusammengewürfelte Versatzstücke deutscher Realität. Egal ob er mit zu Alkoholikern gewordenen Zeugen der eigenen Jugend spricht oder im Speisewagen mit mittelmäßigen Trickbetrügern Wodka trinkt, egal ob Fred in geräumigen Altbauwohnungen mit progressiven Filmteams zusammenstößt oder in den Dachgeschossen Kreuzberger Abbruchhäuser mit Autonomen des Schwarzen Blocks, stets entfaltet sich da ein ihm unerklärliches Deutschland-Bewußtsein. Fred sucht, Fred findet, Fred verliebt sich. Der Schluß ist logisch, Fred muß in das tragische Ende seiner eigenen Hoffnungen taumeln. Seine Naivität allerdings, die diesen Weg vorzeichnete, hat dem Leser einen neuen Blick auf das Berlin der neunziger Jahre geöffnet, und das war der Zweck der Angelegenheit.

 

Arjouni liest geschwind und routiniert. Er liest eine Stelle, die Freds Ankunft in Berlin beschreibt. Der Held sitzt im Speisewagen und durchquert jene neuen Bundesländer, die für immer nur „DDR" hießen:

„Mecklenburg-Vorpommern klang für ihn wie Swasiland. Er war nie in der DDR gewesen und hatte die Wiedervereinigung im Gefängnis nur als langweilige Fernsehserie mitgekommen: mit Plastikautos, Pfarrern und Betrunkenen. (...) In einer Sendung erzählte ein Bauer aus dem Vogelsberg, wie er in der Mauerfall-Nacht die Familie geweckt und mit Schnaps und Würstchen die Freiheit von Brüdern und Schwestern gefeiert habe. Na klar, dachte Fred, ein Grund zum Saufen findet sich immer. (...) Am neunten November im Jahr darauf fand in der Turnhalle ein Fest mit Musik statt, und am Ende stimmten alle unter der Leitung des Direktors die Nationalhymne an. Fred sang fröhlich mit, nur daß er das Wort ,Freiheit' wie einen Schlachtruf ausstieß. Der Gesang brach ab, und während Fred sich in seinem Knastinsassenscherz sonnt, drehten sich die anderen zu ihm um. Im Glauben, zum Spaßvogel des Abends aufgestiegen zu sein, wiederholte er, alleine singend: Einigkeit und Recht - und dann brüllte er - und Freiheit! Es hallte von den Turnhallenwänden wider, und er lachte...aber keiner lachte mit. Langsam begriff er, daß er sie bei irgendwas gestört haben mußte."


Die Stimmung wird dichter, je länger Arjouni liest. Das Publikum stellt sich auf seinen Tonfall ein, auf die Lakonie seiner Beobachtungen, auf die Unstatthaftigkeit seiner Witze. In „Magic Hoffmann" erhebt sich Arjouni über die identitätsstiftende Ich-Form, in der er als Kayankaya aufgetreten war und seine Leser nicht nur einmal zur Annahme verleitet hatte, er selbst sei dieser türkischstämmige Deutsche. Die klassische Erzählung in der dritten Person steigert Abstand und Schärfe, so gelingt Arjouni bereits in seinem ersten Non-Kayankaya der Sprung von der amerikanisch geprägten Detective-Story in ein Genre, das er ganz allein verantwortet, weil er dabei ist, es zu entwickeln: die psychologisch-moralische Großstadt-Satire für Deutschland.

Als Stadtroman provoziert „Magic Hoffman" allerdings die von der Literaturkritik als Eigenbefähigungsausweis gern gebüschelten Vergleiche. Balzac muß wieder einmal herhalten, aber auch, - die Geschichte spielt schließlich in Berlin - Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz". Abgesehen davon, daß diese Vergleiche schmeichelhaft sind und im wesentlichen dazu dienen, Sympathie für Jakob Arjouni zu formulieren, sind sie fehl am Platz.

Arjounis Buch ist kein urbanes Epos, nicht einmal ein deklarierter Zeitroman. „Magic Hoffmann" nähert sich dem Wesen Berlins, also Deutschlands, mit den Mitteln der Übertreibung, der scharfsichtigen Witzerzählerei; nicht die Dramaturgie des Romans ist bestechend, sondern die Konsistenz der einzelnen Szenen, aus denen die Geschichte fast drehbuchartig zusammengesetzt ist. Immer wieder zoomt sich Arjouni seinen Personen in den Nacken, untersucht verschiedenste Physiognomien der Unanständigkeit und verzichtet dabei auf vorgefaßte Meinungen oder Haltungen. Er macht grausliche Witze, die oft einmal so klingen, als wären sie jenseits alles politisch Korrekten, auch wenn sie in Wahrheit Beweisstücke sind für die wahre Absicht des Autors, nämlich wie Erich Kästner moralische Romane zu schreiben. Grelle, laute, plastische, moralische Romane, denen man alles ansieht, nur nicht die Moral.


So klingt also die Lesung aus, im Applaus und dem befreienden Gelächter für alles, was da so beiläufig in Form gebracht wurde. Arjouni steht auf, bedankt sich, zündet sich eine Zigarette an. Dann verschwindet er in die Bar und kehrt wie ein Blumenverkäufer an seinen Tisch zurück, nur daß er statt Rosen einen Strauß von Bierflaschen trägt. Klar: er muß jetzt daran arbeiten, daß die schlimmen Vorahnungen für den nächsten Morgen nicht umsonst gewesen sind.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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