Ja, ich will?

Annabelle / Geschichten
Hochzeitszeit. Was gibt es eigentlich noch für Gründe, zu heiraten?

Meine Eltern zum Beispiel heirateten, weil sie mussten. Dafür ließen sie sich scheiden, weil sie wollten.
Sie mussten heiraten, weil ich unterwegs war, und sie ließen sich zwei Jahre später scheiden, weil sie sich erst kennenlernten, als sie bereits verheiratet waren.
Ehe-Biographien wie die meiner Eltern sind ein bisschen tragisch, aber auch ein bisschen lächerlich, wenn man sie nicht aus der Position eines katholischen Pfarrers betrachtet. Es scheint heute reichlich antiquiert, dass sich an dieser Frage persönliche Dramen entzündeten, dass Biographien zerbrachen, Familien zusammenschmiedet wurden, an deren Eingangstür ein Leben lang das private Unglück Wache stand.
Heute klingt die Geschichte zweier, die heiraten müssen, so zeitgemäß wie die Anschaffung einer nagelneuen mechanischen Schreibmaschine (- jetzt einmal abgesehen von den Kulturkreisen, wo das Heiraten-Müssen inkludiert, dass die Braut den Bräutigam noch nie gesehen hat.).
Ich empfinde das als eine echte, gesellschaftsevolutionäre Errungenschaft.

Mein Sohn wird im Sommer acht Jahre alt. Ich bin mit seiner Mutter seit neun Jahren zusammen, und das Tempo, mit dem wir uns aus frisch Verliebten in eine Familie verwandelten, hatte durchaus Schwung. Stellen wir uns nur einen Moment lang vor, die sechziger Jahre wären noch nicht zu Ende: wir wären seit, sagen wir, acht Jahren und acht Monaten verheiratet.
Aber wir heirateten nicht. Es war kein Statement, nicht zu heiraten, wie es Paare in den siebziger Jahren setzten, als lange Haare und wilde Ehe noch Synonyme für Nonkonformismus und Revoluzzertum waren.
Aber wir dachten weder an Zeichen noch an Revoluzzertum, wir dachten einfach nicht daran, zu heiraten, und das Interessante war, dass niemand, inklusive unser beider seit Jahrhunderten verheiratete Verwandte, auf die Idee kam, uns darauf aufmerksam zu machen, dass es sich schicken würde..., dass es für das Kind besser sei..., dass...was gibt es sonst für Gründe?
Nicht einmal aus freundlichem Interesse fragte uns jemand, ob eine Hochzeit ins Haus stünde.

Die Hochzeit hat ihre definitorische Schärfe verloren. Heiraten bedeutete, dass jetzt das Erwachsenenleben beginnt, dass das nächste Lebenskapitel formell eröffnet wird, dass der Mann dem Brautvater in die Hand verspricht, gut auf das Mädel aufzupassen, sie und die demnächst zu erwartenden Kinder nach Kräften zu versorgen.
Es hat zahlreiche Gründe, dass all das nicht mehr gilt.
Erstens wurde Ende der sechziger Jahre ein bis dahin nicht bekannter Lebensabschnitt entdeckt: die Jahre, in denen ein junger Mensch sexuell aktiv sein will, ohne dafür den Preis der Monogamie zu bezahlen.
Zweitens begann sich dieser neue Lebensabschnitt sehr schnell in die Länge zu ziehen. Das Alter jener, die eine Familie gründen und das mit Hochzeit legitimieren wollten, stieg kontinuierlich. Das Durchschnittsalter von heiratenden Frauen lag Anfang der siebziger Jahre noch bei 24,1 Jahren (Männer: 26,5). Heute sind es 28,9 Jahre (Männer: 31,2), Tendenz steigend (Und: in dieser Statistik ist nicht abzulesen, dass alle Lebenspartnerschaften mit Kindern den Schnitt noch weiter in die Höhe treiben würden).
Drittens ist Heiraten längst kein ökonomischer Akt mehr. Die Tatsache, dass gut ausgebildete Frauen ihrem Beruf nachgehen wollen und daher nicht auf Zuwendungen des Partners angewiesen sind, entwickelt sich von der Ausnahme zur Regel. Wenn früher per Hochzeit der Kinder die Besitzungen zweier Familien miteinander verschmolzen wurden, so steht am Anfang der Verbindung berufstätiger Partner heute oft genug der Ehevertrag, der im Scheidungsfall den Streit ums Geld überflüssig machen soll.
Denn das nur nebenbei: Auf jede zweite Hochzeit, die in der Schweiz geschlossen wird, folgt die Scheidung. Und die Wiederverheiratung.
Die Sozialwissenschaften, die am Beginn menschlichen Zusammenlebens ungehemmte Promiskuität vermuten, welche sich über die Gruppenehe zur Polygamie und schließlich zur Monogamie entwickelte, haben dafür einen schönen Begriff entwickelt: serielle Monogamie.

Ich war zuletzt beim Hochzeitsfest eines Bekannten eingeladen, der seiner Familie und mir immer in großer Regelmäßigkeit die Freude macht, schöne Hochzeitsfeste auszurichten: seine eigenen.
Genau mitlesen, denn es wird jetzt etwas kompliziert: Der Mann, Fred, hat eine Tochter aus erster Ehe, Ida, die selbst verheiratet ist und eine Tochter hat, Anna. Als Ida schwanger war, geschah es, dass auch Fred der Hafer stach, er zeugte mit einer flüchtigen Bekanntschaft seine zweite Tochter, Nicole, die nur wenige Tage nach der Tochter seiner Tochter, also seiner Enkelin, auf die Welt kam.
Der Scherz, dass Enkelin Anna zu Tochter Nicole „Tante" sagen würde, machte geschmeidig die Runde, man lächelte.
Neun Jahre später verliebte sich Fred erneut, wieder war es was Ernstes. Fred war inzwischen ein bisschen über sechzig, seine Zukünftige, Emma, knapp ein Jahr älter als seine Tochter Ida.
Auf dem Hochzeitsbillet stand: „Wir haben uns getraut." Das Standesamt war festlich mit Blumen geschmückt, Fred trug Tuxedo, Emma ein prächtiges Brautkleid in Smaragdgrün. Als sich beiden küssten, applaudierten wir.
Freds greise Mutter kam am Arm ihrer Enkelin Ida, Freds ältester Tochter, aus dem Standesamt. Bevor sich die beiden unter die anderen Gäste mischten, schnäuzte sich Großmutter ergriffen und sagte: „Es war wieder schön!"

Die Hochzeit liegt übrigens keinem uralten, heidnischen Ritus zu Grunde. Sie ist eine Erfindung der protestantischen Kirche. Die postreformatorischen Geistlichen waren um gesellschaftliche Transparenz bemüht: sie wollten wissen, wer mit wem ins Bett ging und ob das auch mit rechten Dingen zuging. Vor der Reformation war für die Ehe bloß ein „heimliches Verlöbnis" nötig gewesen, nun forderte die Kirche einen überprüfbaren, öffentlichen Akt.
Die Zivilbehörden nahmen dieses Motiv dankend auf. Da in der Schweiz bis zur Bundesgesetzgebung von 1874 Kantone oder sogar Kommunen Gesetze erließen, gab es zwar keine einheitlichen Regeln (während im Glarus bereits 16jährige für ehemündig galten, war die Ehe in Genf erst 25jährigen gestattet), aber eine gemeinsame Stoßrichtung: Voraussetzung für eine kirchliche Ehe sollte die Zivilehe sein.
Den Katholiken war diese Bestimmung ein Dorn im Auge. Sie hatten zwar am Konzil von Trient (1545 bis 1563) die Hochzeit als formellen Beginn jeder Ehe beschlossen, wollten sich aber von den zivilen Behörden nicht die gesellschaftliche Deutungshoheit aus der Hand nehmen lassen. Es dauerte bis zur Bundesgesetzgebung 1874, bis ein einheitliches Ehegesetz dafür sorgte, dass die meisten Ehehindernisse verschwanden und die kirchliche Hochzeit maximal eine Ergänzung der zivilen Ehe sein konnte. In Folge wurde so oft geheiratet wie nie zuvor.

Der Kunsthistoriker Didier Perrier hatte mit seiner Lebensgefährtin Betty bereits 25 Jahre ohne Trauschein zusammengelebt, als er den Beschluss fasste, sie zu heiraten. Didier hatte sich und seiner Entourage immer in der Rolle gefallen, zum richtigen Zeitpunkt das Unerwartete zu tun, und er erzählte bei der Hochzeitsfeier im Keller eines japanischen Suppenlokals immer wieder die Geschichte, wie er Betty seinen schriftlichen Heiratsantrag in die tägliche Post geschwindelt hatte und wie sie, die abgebrühte Realistin, die wenigen Zeilen gelesen und zu seiner Überraschung nicht in Tränen ausgebrochen war, sondern in Gelächter, und auf Frage „Betty, willst Du?" bloß geantwortet hatte: „Didi, du wirst alt."
Als auf der Klatschseite eines Wochenmagazins exklusiv angekündigt wurde, dass Didier und Betty heiraten würden, sorgte die Ankündigung bei den zahlreichen Freunden tatsächlich für Verwirrung: Ihr heiratet tatsächlich? Warum heiratet ihr jetzt? Warum heiratet ihr überhaupt?
Die Antworten waren originell, aber nicht befriedigend.
„Ich wollte immer schon einen neuen Nachnamen", „Jetzt können wir gemeinsam einen Kredit aufnehmen", „Vielleicht macht sie jetzt auch noch den Führerschein".
Ich war fast beleidigt über die völlige Absenz jedes pathetischen Moments. Außer, dass das Hochzeitsfest beim selben Japaner stattfand, wo sie sich kennengelernt hatten, blieb die Motivlage für die neue alte Ehe im Dunklen.

Es hat nichts Zwingendes mehr, zu heiraten. Niemand muss mehr verheiratet sein, um gemeinsam ins Hotel einchecken zu dürfen. Die Steuerbehörden meinen es nicht gut mit Ehepartnern. Ihre Einkommen werden zusammengezählt, sie zahlen mehr Steuer.
Heiraten ist zu einem kostbaren Luxusartikel geworden: man braucht es nicht unbedingt. Aber wenn man es hat, ist es sehr schön.
Ich finde, das ist eine sehr schöne Ausgangsposition.
Denn natürlich denke ich darüber nach, meiner Frau einen Heiratsantrag zu machen.
Ich weiß, das klingt komisch, aber es beschreibt die Realität, in der wir zusammenleben. Wir leben wie Mann und Frau. Wir haben einen Sohn, dem es völlig egal ist, ob wir verheiratet sind, solange er Mama und Papa zu uns sagen darf. Sie stellt mich als ihren Mann vor, wenn presbyterianische Verwandte aus Amerika wissen wollen, wer der Lange neben ihr ist, und ich spreche bei jeder Gelegenheit, wo es das Thema ist, von meiner Frau, schon allein, weil es mir zu umständlich ist, von meiner „Lebensgefährtin" zu sprechen, und es ist zwar originell, „Konkubine" zu sagen, aber am Ende doch zu affektiert.
Was sie wohl sagen wird, wenn ich sie frage, ob sie meine Frau werden will?
Nimmt sie es als romantischen Gipfelpunkt einer langen, schönen Beziehung, wie ich das gern hätte? Oder sagt sie: „Alter, du wirst alt"?
Sollen wir auf Hochzeitsreise nach Venedig fahren oder zu Hause bleiben? Wird sie ein weißes Kleid tragen oder eines in smaragdgrün? Soll unser Junge den Brautschleier tragen? Findet sie Brautschleier blöd? Servieren wir unseren Gästen japanische Suppe?
Ich muss direkt mal fragen.



Food & Beverage

Christian Seilers
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