Hundertwasser, Fußball, die Speisekarte und ich

En Tour, Alacarte
Bild: Markus Roost
Ein Streifzug durch die Gassen von Barcelona unter besonderer Beachtung von Tapas, Cava, Fünfgang-Menüs und dem finalen Konvertieren zur Religion des Paellismus.

Der Tag begann nicht schlecht. Der Portier meines Hotels, das geheim bleiben muss, schickte mich aus dem Speisesaal auf die Straße. Er flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr, dass ich besser nicht hier im Hotel frühstücken möge, hier gebe es nur den üblichen, internationalen Mist, Spiegeleier, Honigbrote, Cornflakes - er sprach das Wort „Cornflakes" mit solchem Ekel aus, dass ich ihm dafür fast um den Hals gefallen wäre - , ich solle, wenn schon, dann im „Café Mauri" auf der Rambla Catalunya frühstücken gehen, dort sei wenigstens der Kaffee okay.

Frühstück ist sowieso nicht die Mahlzeit, für die Barcelona berühmt ist. In den Hotels verlangen sie sogar nach Meinung ihrer Portiere Fantasiepreise für ein Angebot, das man anderswo mit hängenden Schultern am Buffet mitnimmt, ausgenommen das getoastete Weißbrot, das mit frischem Tomatenfleisch bestrichen wird und ausgesprochen köstlich schmeckt. Oft wird dieses Tomatenbrot mit fleischigen Anchovis oder würzigem Iberico-Schinken kombiniert, wobei ein bisschen Vorsicht geboten ist. Die Anchovis waren fast überall, wo ich sie probierte, hervorragend. Der Schinken jedoch schmeckte sehr unterschiedlich. Einmal schmolz er auf der Zunge, einmal benahm er sich wie ein Landschinken aus der Plastikfolie, sicher war nur, dass er überall ein Vermögen kostete.

Das Café Mauri war ein wertvoller Tipp. Es war einmal schön. Der Raum, in dem die Vitrinen mit den Imbissen stehen, ist noch immer prachtvoll. Hier gibt es alle möglichen Törtchen und Mandelgebäck, aber auch herrlich altmodische Brioches, die mit gekochtem Schinken, Käse und Mayonnaise bei jedem englischen Bridgeturnier gute Figur machen würden. Die Croissants sind knusprig und von einem wilden animalischen Geschmack, den ich mir nicht erklären konnte, bis mir die vorbildlich in eine schwarze Uniform mit weißem Spitzenschürzchen gewandete Kellnerin erklärte, dass sie im Schweineschmalz herausgebacken werden. Wenn du in Barcelona nicht zum Schwein gehst, siehe oben, kommt das Schwein eben zu dir.

Ich entschied mich für ein wunderschön in bleiches Jausenpapier eingeschlagenes Thunfischsandwich und ein Törtchen mit Erdbeeren, nahm dazu einen Milchkaffee und etwas salziges Mineralwasser. 

Dann sortierte ich meine Pläne für einen langen Tag in Barcelona.
Auf einem Zettel hatte ich drei Punkte notiert. Erstens: Hundertwasser. Zweitens: Fußball. Drittens: Essen.

Weil ihr über den Hundertwasser lacht: Ich bin nämlich witzig. Mit Hundertwasser meine ich natürlich den berühmten Meister der modernistischen Architektur, Antoni Gaudi, dessen Bauwerke mit ihren fließenden, anthropomorphen Fassaden das Stadtbild Barcelonas prägen und in ihrer kindlichen Verspieltheit dazu einladen, von Städten zu träumen, die wie Abenteuerspielplätze funktionieren. Wenn ich nicht wüsste, dass Gaudi zum Zeitpunkt, als Albert Hofmann das LSD erfunden hatte, schon zwölf Jahre unter der Erde lag, hätte ich darauf getippt, dass der gute Mann beim Entwerfen auf einem Trip hängengeblieben ist, aber diese Theorie scheidet aus genanntem Grund aus.

Ich beschloss, weil das Café Mauri gleich um die Ecke liegt, zuerst einmal „La Pedrera" zu besuchen, den „Steinbruch", Gaudis berühmtes Wohnhaus mit dem offiziellen Namen „Casa Milà" am Passeig de Gràcia, Barcelonas eigentlicher Prachtstraße, da die noch berühmteren Ramblas nur noch für Barfuss-Touristen und Lottolosverkäufer reserviert sind. „La Pedrera" erwies sich als imposantes Bauwerk, das gemäß dem Beipacktext meines Reiseführers zahlreiche architektonische Pionierleistungen repräsentierte, bei mir aber insgesamt nicht viel mehr Eindruck hinterließ als die Rogner-Therme. 

Womit wir wieder bei Hundertwasser wären: Ein kurzer Besuch im zumeist grotesk überfüllten Parc Güell, einer anderen Landmark-Anlage Gaudis, legt offen, wie schamlos sich Hundertwasser von Gaudis Formensprache und Materialverwendung inspirieren ließ, wacklige Böden und Einlegearbeiten aus zerbrochener Keramik inklusive.

„La Pedrera" hat über diese Einsicht hinaus einen entscheidenden Vorteil. Die Hütte liegt ganz in der Nähe einer der pfiffigsten Jausenstationen, die es derzeit in Barcelona gibt: dem Tapaç24.
Tapaç24 ist ein kleines Kellerlokal ein paar Blocks weiter südlich. Es gehört zum Imperium des Starkochs Carles Abellan, der seinerzeit ein Souschef von Ferran Adrià im legendären „El Bulli" gewesen war - eine Referenz, die in Barcelona als Segen von Godfather persönlich betrachtet wird. Abellan machte sich Gedanken darüber, wie man das populäre Tapas-Prinzip - du gehst vor dem Essen irgendwohin, wo du einen Aperitif nimmst, und weil der Aperitif ohne Appetithappen dich als Saufbruder ausweisen würde, gibt es dazu ein kulinarisches Alibi, den Imbiss, den kleinen, schmackhaften Bissen, der deinen Appetit anregt, das Glas Cava nicht unmotiviert wirken lässt und genau so viel Nährwert besitzt, dass du um zehn, wenn in Wien Armin Wolf die ZiB2 einmoderiert, das Restaurant deiner Wahl betrittst und darüber nachdenkst, ob du das große oder das ganz große Menü essen sollst - etwas modernisieren könnte. 
Abellan stellte eine Reihe von Gerichten zusammen, die dem klassischen Angebot, Brötchen, Kroketten, winzige Hamburger, Würstchen, Salate, Häppchen mit Anchovis oder Krabben, sehr nahe kommen. Er gestattete sich aber auch ein paar Verfeinerungen. Der „Bikini Comerç24" zum Beispiel ist ein sehr fein angelegter Schinken-Käse-Toast, der mit schwarzen Trüffeln aufgepeppt wird, und der McFoie-Burger erklärt sich selbst. Man kann diese Happen, die im Preis etwas höher liegen als der Rest des Angebots, als Schickimicki-Food abtun, man kann sie aber auch genießen. 

Das tat ich mit Inbrunst und lobte das Café Mauri, weil es mir gestattet hatte, ein so übersichtliches Frühstück zu bestellen, dass ich noch am Vormittag den nötigen Hunger für ein Gabelfrühstück am dafür geeignetsten Ort entwickeln konnte. Das traf sich gut. Das „Tapaç24" ist notorisch überfüllt. Zu den Essenszeiten bilden sich lange Schlangen auf der Straße. Da ich es hasse, hungrig in einer langen Schlange zu stehen - hat das nicht etwas ebenso Unwürdiges wie in einer der Absaugstationen auf einem internationalen Flughafen eine Zigarette zu rauchen? - , spazierte ich gleich nach meiner Stippvisite zur Casa Milà hinunter in das Tapaslokal, wo um elf Uhr vormittags gähnende Leere herrschte.

Ich hockte mich an ein Hochtischchen und arbeitete die hübsch dekorierte Karte durch. Das beste Gericht - neben den Sardinen mit Zitrone, den gedämpften Paprikaschoten, dem wirklich anständigen Iberico-Schinken, der Tortilla oder den mit Anchovis gefüllten Oliven - war die Krokette, die mit Fleischstücken vom Brathuhn gestopft worden war. Die war so gut, dass ich, obwohl ich mir das vorher kategorisch verboten hatte, eine zweite Portion bestellte.
Der Kellner, der in einem anderen Leben ein von Paparazzi verfolgter Hollywoodstar gewesen sein musste - so benahm er sich jedenfalls, wenn man ihn um etwas bitten wollte - quittierte die Bestellung mit vorgeschobener Unterlippe und indem er mich von oben bis unten musterte: Machst du das eigentlich jeden Tag, mein Freund?

Nein. Aber heute schon, denn morgen bin ich nicht mehr da.

Zweiter Punkt auf meinem Schummelzettel: Fußball. In Barcelona wird angeblich Fußball gespielt, und weil ich Fußball liebe, beschloss ich, mir das berühmte Camp Nou-Stadion anzuschauen, auch wenn ich an diesem fortgeschrittenen Vormittag nicht in Gesellschaft von 98.000 anderen Herrschaften sein würde, wie das sonst bei Heimspielen das FC Barcelona die Regel ist. Außerdem wollte ich wissen, ob auch die von ihrer kulinarischen Kultur so verwöhnen Barcelonesen dazu gezwungen sind, im Fußballstadion Dreckswürste und alkoholfreies Bier zu konsumieren, oder ob man sich die jubelnden Massen nach einem Messi-Tor doppelt glücklich vorstellen kann, weil sie zur Aufmunterung etwas lauwarmen Tintenfisch am Buffet geholt haben, den sie mit einem Gläschen Cava hinunterspülen, bravo, Messi, viva Barcelona.
Die verbindliche Auskunft dazu lautet: Dreckswurst. Leider.

Trotzdem beeindruckte mich das mitten im Wohngebiet stehende Stadion so sehr, dass ich an einer Führung durch seine Eingeweide teilnahm und sogar versucht war, mir im Barcelona-Mega-Store ein T-Shirt mit der Rückennummer 11 und dem Schriftzug „Neymar jr" zu kaufen, das in den aktuellen Trikotverkaufs-Charts sogar dem Leibchen von Lionel Messi Konkurrenz macht. Aber ich entschied mich dagegen, vielleicht, weil es keines in meiner Größe gab.
Auf dem Rückweg in die Innenstadt musste ich nachschauen, was der dritte Punkt auf meiner To-Do-Liste gewesen war. 

Stimmt: Essen.

Weil mir das Prinzip des Tapas-Essens einleuchtete, steuerte ich einen der absoluten Klassiker an, von denen die Innenstadt Barcelonas voll ist, ein Bierlokal, in dem man auch einen Happen zu essen bekommt. Es heißt „Ciudad Condal" und befindet sich an der Rambla Catalunya.
 Wie gut die Tapas-Lokale sind, lässt sich ziemlich analog davon ableiten, wie lang die Schlange der Menschen ist, die darauf warten, einen Platz zu bekommen, vielleicht an einem der wenigen Tische, am liebsten aber direkt an der Bar, wo man auch, wenn man des Katalonischen nicht mächtig ist, mit dem Finger auf die Speise zeigen kann, die man sich als nächstes auf dem Teller vorstellen kann. 

Die Schlange vor dem Ciudad Condal unterstrich also, dass ich den richtigen Ort gewählt hatte, aber weil ich am späten Vormittag für eine brauchbare Unterlage gesorgt hatte, fiel mir das Warten leicht, wenigstens solange die Schlange sich noch draußen an der frischen Luft befand. Im Inneren der herrlichen, holzgetäfelten Kneipe arbeitete die Klimaanlage nämlich auf Hochtouren, ich holte mir einen amerikanischen Kälteschock, während ich immerhin schon sondieren konnte, was in der Vitrine auf mich wartete. Fröstelnd nahm ich fantastische Anchovis mit Auberginen, mit Thunfisch gefüllte Paprikaschoten, Stockfischkroketten und süß gewürzte, blütenweiße Fischfilets. Dann einen Teller Muscheln und die Bratwürste mit Bohnen. Jede Speise war deftig und von hoher Qualität, dabei von übersichtlicher Dimension und dabei so billig, wie man sich das immer erträumt. Ich spachtelte mit bestem Appetit, trank zwei tschechische Biere und gab nicht mehr als 15 Euro aus. Kein Wunder, dass meine Laune erstklassig war.

Dann kam der Anruf.

Es war mein Freund, der Apotheker. Als ich ihm erzählt hatte, dass ich nach Barcelona reise, hatte er, wie er das gern tut, bedenkenschwer seinen Kopf gewiegt, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass ich einen Angelkurs in Fukushima plane. 
Dann sagte er, er kenne jemand außerordentlich Befugten, werde versuchen, ihn zu erreichen und mich anschließend mit Tipps versorgen, die meine Reise erst sinnvoll machen würden. Dann hatte ich wochenlang nichts mehr von ihm gehört, aber jetzt tat er so, als hätte er nur schnell den Topf mit den Spaghetti vom Herd nehmen müssen, bevor er mich zurückrief.

„Hast du was zu schreiben?"

„Nein."

„Gut. Also notier dir Folgendes: Das einzige Lokal, das wirklich wichtig ist, ist das ,Rias de Galicia'. Verwechsle es nicht mit der Sushi-Bar im ersten Stock, die heißt Espai Kru und ist auch okay, aber nicht so super wie das Restaurant unten. Ich hab für morgen Abend reserviert, es ist gerade nicht leicht, einen Tisch zu kriegen."

„He", rief ich, „ich bin morgen nicht mehr in der Stadt."

„Doch", antwortete der Apotheker. „Und noch etwas: Mach einen Bogen um das ,Botafumeiro'. Das ist genau die Sorte von Touristenfalle, in die du immer hineintappst."

Ich sagte nichts. Im „Botafumeiro" hatte ich für heute Abend reserviert.

Der Apotheker weidete sich an meinem Schweigen, bis ich aufgab und ihm die Frage stellte, auf die er noch wartete, um sie triumphal beantworten zu können.

„Von wem hast du den Tipp?"

„Ferran."

Hätte ich mir gleich denken können. Ich machte dem Apotheker das schönste Geschenk, das er sich wünschen konnte, indem ich wortlos auf die Disconnect-Taste drückte. Dann rief ich im Hotel an, verlängerte meinen Aufenthalt um eine Nacht und bat die Concierge, meinen Flug umzubuchen. Was das „Botafumeiro" betraf, so war ich nie so entschlossen wie jetzt, es absolut super zu finden und dem Apotheker eine Postkarte mit den besten Grüßen aus dem besten Restaurant der Stadt zu schicken, hörst du, dem besten.

Ich schlug mir den Nachmittag am Strand um die Ohren, probierte in einem Surfershop Badehosen von Billabong, die tadellos zu meinem Neymar jr-T-Shirt gepasst hätten, wenn ich mir das mitgenommen hätte, dann stromerte ich ziellos durch Barceloneta, das Viertel, dem man ansieht, dass selbst das optimistische, zukunftsfreudige Barcelona seine Glasscherbenviertel gehabt hatte, nahm in der „Bar Electricitat" einen Wermut und ein paar Oliven, dann ging ich zurück in mein Hotel, machte mich fürs Abendessen schick und nahm gegen halb zehn ein Taxi ins „Botafumeiro".

Das Faltennetz um die Augen des Fahrers verdichtete sich, als ich ihm die Adresse nannte. War das ein verächtlicher Blick oder bildete ich mir den nur ein? Ich verfluchte den Apotheker, weil er Misstrauen in mein reines Herz gepflanzt hatte.

Das Botafumeiro erwies sich, let's face it, als die Sorte von Touristenfalle, in die ich immer hineintappe. Unfassbar viele Sitzplätze, Extrazimmer um Extrazimmer, alle voll bis zum Anschlag, an der Wand Fotos von ehemaligen (Ronaldinho) und aktuellen (Messi) Fußballstars vom FC Barcelona, die mit dem Chefkoch posieren, der wiederum eine verblüffende Ähnlichkeit mit Muammar Gaddafi hat, was vor allem auf dem Foto mit George W. Bush etwas befremdlich wirkt: dass die beiden in Spanien auf eine Meeresfrüchte-Platte gegangen sein sollen? In den Marchfelderhof Barcelonas?

Als ich im Taxi zurück ins Hotel fuhr, kam pünktlich die SMS des Apothekers: „Ich hatte dich gewarnt."

Am nächsten Tag frühstückte ich gleich im Tapaç24, schaute mir das grandiose Picasso-Museum am Rand des gotischen Viertels an und bereitete mich auf das Abendessen im „Rias de Galicia" sportlich vor, indem ich das Mittagessen ausließ. Ich fuhr mit der Seilbahn auf den Montjuic, genoss die Aussicht über den Hafen und auf das Gurkenhochhaus von Jean Nouvel, das in seiner Silhouette der Londoner Gurke von Norman Foster zum Verwechseln ähnlich schaut. Dann spazierte ich den Berg entlang der Austragungsorte der Olympischen Spiele 1992 hinunter und machte Station im wiederaufgebauten Weltausstellungs-Pavillon von Mies van der Rohe, einem berückend einfachen und gleichzeitig äußerst inspirierenden Ort.

Dann steuerte ich das „Rias de Galicia" an, das in unmittelbarer Nähe des Messegeländes liegt, nicht unbedingt in glamouröser Nachbarschaft, aber mit einem Messi-haften Zug zum Tor, was die Qualität des Essens betrifft.

Keines der Restaurants mit klassischer, spanischer Küche konnte mit der Präzision und Sorgfalt mithalten, mit der in dieser Gaststube, die in ein Labyrinth aus kleinen, privaten Buchten unterteilt ist, das Essen serviert wurde. Ich nahm das Menü, fünf Gänge, und dass ich dazu eine Flasche „Recaredo" bestellte, einen feingliedrigen, furztrockenen Cava, hellte die Stimmung des Kellners genauso auf wie meine.

Zuerst kamen grandiose Anchovis mit einem leichten Topping vom Manchego-Käse. Dann eine Krokette, die mit Shrimps und Seespinne gefüllt war. Dann ein mit dem Messer geschnittenes und mit etwas Mayonnaise yummie angemachtes Beef Tartar. Schließlich ein Wolfsbarsch, der in Kartoffelscheiben eingehüllt und mit Essig aromatisiert war.

Jeder Gang war grandios, erschien aber mit derselben Selbstverständlichkeit an meinem Tisch, wie in einem Bahnhofsimbiss Würstel serviert werden, und feierte auf diese Weise das enorme Ethos dieser Küche, die keine Gedanken an die Inszenierung ihrer Gerichte verschwendet, sondern sich allein darauf konzentriert, das, was man macht, richtig zu machen.

Es war ein guter Moment, glücklich zu sein. In der lustigen, kolonial eingerichteten Bar „Boca Chica", die praktischerweise genau gegenüber meinem Hotelzimmer lag, empfing ich die Botschaft des Apothekers, dass es ihm gelungen sei, morgen Abend einen Tisch im Comerç24 für mich aufzutreiben.

An der Rezeption signalisierte man mir, dass nur noch ein Junior Suite frei sei, aber man komme mir mit dem Preis entgegen, indem das Frühstück nicht extra verrechnet werde.

Am nächsten Tag schaute ich mir im „Aquarium" am Hafen lebende Haie und Flügelrochen an, naschte im „La Txapela" ein bisschen Schinken, besuchte das Mirò-Museum, wo ich besonders den überdimensionalen Wandteppich bewunderte, den der Meister selbst für die Eröffnung des Hauses im Jahr 1975 geschaffen hatte, und besichtigte das legendäre Schwimmbecken auf dem Dach des „Hotel Majestic", das sich allerdings als schockierende Tränke für amerikanische Rednecks erwies, die schon am frühen Nachmittag mit den Gin Tonics anfingen.

Ich fühlte mich ziemlich erholt, als ich gegen zehn das Restaurant in einer kleinen Straße nahe der Zitadelle betrat, das wie auch das „Tapaç24" zum Imperium von Carles Abellan gehört. Comerç24 ist cool und industriell eingerichtet, große Fotos an den Wänden, kräftige Farben, bunte Panton-Chairs. Die Küche ist offen. Von der Bar hinter dem Eingang kann man in aller Ruhe zuschauen, wie hier das entsteht, was Abellan eine „zeitgenössische Interpretation katalanischer Klassiker" nennt. 

Für Menschen, die normalerweise um zehn Uhr vom Abendessen aufstehen, mag das große Menü vielleicht eine Herausforderung sein, wenn es um halb elf beginnt und bis mindestens ein Uhr früh dauert, wenn sogar Armin Wolf schon schläft, aber ich nahm diese Herausforderung an. Es gab feine, raffinierte Snacks wie die Infusion von Totentrompeten oder den Seeteufel mit schwarzem Sesam und schwarzem Knoblauch, von da an tauchten regelmäßig katalanische Motive auf, die asiatisch variiert und skandinavisch präsentiert wurden. Sardinen mit Orangen und Wasabi, Kabeljau mit Mangold und Miso, eine Kalbswange auf Pekingart, alles auf Steinen und Schieferplatten angerichtet, wie sie in Stockholm und Kopenhagen zur Grundausstattung gehören. 

Es war ein äußerst zufrieden stellender Abend. Spitzenküche, sehr entspannt und kompetent serviert, manchmal etwas zu exaltiert angetragen, aber in welcher Kneipe mit zwei Michelinsternen ist das anders? Insgesamt buchte ich das Essen knapp nach Mitternacht als unterhaltsames und bereicherndes Erlebnis ab, nicht zuletzt durch die einfühlsamen Weinempfehlungen des Sommeliers, der mir den Genuss einer Flasche Pazo Señorans 2006 ermöglichte, einem Biowein aus dem äußersten Westen Spaniens, der mich zum Träumen verleitete, mein Leben könnte immer so aussehen wie in den letzten paar Tagen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass es das sowieso tut.

Es war der Concierge, die mich so eindringlich vor dem Gratisfrühstück im Hotel gewarnt hatte, gelungen, meinen Rückflug am nächsten Tag erst bei Einbruch der Dunkelheit zu buchen, so dass ich noch die Gelegenheit bekam, einen fundamentalen Irrtum auszuräumen, Stichwort Paella.

Ich hatte seit vielen Jahren kultivierte Vorurteile gegen Paella gepflegt: Paella ist ein Unding, ein Abfalleimer für alles, was spanische Restaurants nicht mehr als es selbst aus der Küche schicken wollen, sondern mit Reis zukleistern, deftig würzen und auf diese Weise doch noch an den Mann bringen. Ich hatte Muscheln auf knallgelben Reispfannen gesehen, die aus dem Paläozoikum stammen, und Hühnerrippen, die, bevor sie in die Paellapfanne geworfen wurden, schon einmal abgenagt und ausgekocht worden waren.

Der Nachmittag im „7 Portes", in den ich an meinem letzten Tag in Barcelona hineinschlitterte, brachte meine Vorurteile ins Wanken. Ich hatte nicht reserviert, musste ein bisschen unter den Arkaden am Paseo Isabel warten, weil die Hütte voll war, und als ich schließlich mit einem Glas Cava feierte, dass ich endlich in der prächtigen Gaststube, wo Mirò mit Picasso gegessen hat, Platz nehmen durfte, ritt mich der Teufel. Ich bestellte beim Kellner mit der weißen Jacke und der schwarzen Fliege einen kleinen Salat mit gratiniertem Ziegenkäse und anschließend eine Paella - der Anblick zahlreicher Locals, die an weiß gedeckten Tischen saßen und aus glänzenden, schwarzen Pfannen Reis mit sonstwas spachtelten, bewirkte einen Schock des Vertrauens, der eine Minute später schon wieder vorbei war, aber da war die Bestellung schon aufgenommen.
Kurz: Die Paella war köstlich. Sie hatte nicht die sonnenblumengelbe Farbe der Tourismusprospekte, sondern ein tiefes, schmutziges Braun, das darauf zurückzuführen ist, dass in der Küche des „7 Portes" jede Menge Krustentierfonds zur Verfügung steht, in welchem der Reis gekocht und auf traumhafte Weise aromatisiert wird. Dazu kleine Stückchen von weißem Fisch, ausgelöste Scampi und ausgelöste Muscheln, die grandios mit der großzügig in den Reis geschnittenen Schweinsbratwurst harmonierten. Klar, dass diese Paella weniger elegant als deftig war, aber sie gab mir das Vertrauen in das Gericht zurück, über das Eckart Witzigmann einmal sagte: „Eigentlich gibt es bei der Paella kein No-go, die Variationsmöglichkeiten sind unermesslich. Bei diesem Gericht kann jeder nach seiner geschmacklichen Façon selig werden."
Ich war selig. Ich beschloss, bei nächster Gelegenheit selbst Paella zu kochen. Aber zuerst leerte ich die Pfanne bis auf das letzte Körnchen Reis, und dann musste ich mich schon ein bisschen sputen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich brauchte noch ein bisschen Zeit, um die Postkarte mit der großen Paellapfanne auf der Vorderseite an den Apotheker zu adressieren und eine Briefmarke zu kaufen.






Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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