Hund im Heck

Autorevue / Geschichten
Bild: Barolo auf Urlaubsfahrt
Autofahren mit Hunden ist nicht immer ein Vergnügen, aber selten fad.


Mein Hund Barolo, ein kräftiger, glanzschwarzer Hovawart, hatte viele Talente. Er konnte tanzen, singen und springen, er konnte Peanut-Butter-Cups verzehren, die doppelt und dreifach in Zellophan verpackt waren, und er schloss energisch Freundschaft mit meinen Vorgesetzten, indem er seine feuchte Schnauze zielgerichtet zwischen deren Beine bohrte. Wenn man mit ihm unterwegs war, hatte man vom ersten Augenblick an Gesprächsstoff.

Ein Talent jedoch ging dem Barolo ab. Er war ein miserabler Autotester.

Das zeichnete sich bereits bei unserem ersten Auftrag für die „Autorevue" ab. Es handelte sich um einen „Smart", und nicht um irgendeinen „Smart", sondern um den ersten, den das Land bis dahin gesehen hatte. Am 15. Oktober 1998, einem sonnigen Donnerstag, lief ich auf dem Naschmarkt einem mir bekannten Schriftsteller in die Arme, der so begeistert von dem halberten Auto war, dass er gleich eine Spritzfahrt um den Markt damit unternehmen musste, was die Alarmanlage des Smart mit hartnäckig heftigem Heulen quittierte: Das halberte Auto trat bei seiner Österreich-Premiere erstaunlich intellektuellenfeindlich auf.

Mein Hund umrundete den Smart, schnupperte, bellte ein bisschen und pischte neben die Hinterachse.

„Brav", sagte ich.

Dann inspizierte ich selbst den Innenraum des Fahrzeugs, dafür braucht man ja nicht lange. Ich bemerkte, dass die Rückbank kleiner war als bei einem alten MG. Sie war ganz offensichtlich dafür da, einen Regenschirm ablegen zu können oder die Tageszeitung, sofern deren Format nicht zu groß war. Diese Rückbank, das war der diabolische Plan der Autorevue-Schriftleitung, sollte meinem Hund genügen, um den Fahrkomfort eines Smart zu testen, den ein Paar mit Haustier in Betracht zieht, um damit nicht nur in der Stadt Kleinparkplätze ökonomisch zu füllen, sondern auch an herrlichen Herbsttagen wie dem 15. Oktober 1998 ein bisschen ins Grüne zu fahren.

Mein Hund Barolo fuhr gern Auto. Seine erste Reise führte ihn von seinem Geburtsort Innermanzing ins westliche Weinviertel, wo ein altes Wirtshaus mit reichlich Umschwung auf ihn wartete. Er nahm die Reise auf dem Rücksitz eines Mercedes 230 E in Angriff, ein etwas abgewohntes Modell, wo der zehn Wochen alte Hund, in eine Decke gehüllt, die nach seiner Mutter roch, zu seinem neuen Zuhause chauffiert wurde. Die etwa einstündige Reise verlief ohne Zwischenfälle. Der Barolo pischte weder vor Angst auf die Sitzbank, noch kotzte er meiner Begleitung auf den Schoss. Er hechelte bloß ein bisschen und zitterte mitleiderregend - den Rest hob er sich für Zuhause auf. 

Aber zum Reisen an und für sich, zum Individualverkehr in den eigenen vier Wänden - und mein Hund empfand meine Autos von Beginn an als natürliche Fortsetzung jener Räume, wo man schlafen durfte, zu fressen bekam und seine Nase zwischen die Beine fremder Menschen stecken konnte - hatte er ein ungebrochenes Verhältnis, um das mich viele Hundebesitzer beneideten.

„Du hast echt Glück": Das hörte ich in den Monaten der Akklimatisierung an den neuen Haus- und Fahrzeuggenossen immer wieder. Schließlich gibt es Legionen von Hunden, die sich schlicht weigern, ein Automobil jemals zu betreten und, falls sie doch dazu gezwungen werden, mit störrischer Beharrlichkeit darauf reagieren. Der zart besaitete Rottweiler eines Kollegen etwa nimmt kategorisch davon Abstand, sich selbst auf langen Reisen im fürstlich dekorierten und mit Decken, Kissen und Spielzeug ausgestatteten Kofferraum des Reisekombis auch nur hinzusetzen. 

Er bleibt einfach stehen, egal wie lang die Reise dauert - und die Reise dauert lang, denn der Kollege besitzt ein Haus in Oberitalien, das er regelmäßig von Wien aus aufsucht. Sein Hund köpfelt bei der Ankunft erschöpft aus dem Kombi. Selbstverständlich ist er dann nicht in der Lage, seinen Pflichten als Haus- und Wachhund nachzukommen, weil er sich erst ein paar Tage erholen muss, in der Regel so lange, bis die Rückfahrt ansteht.

Der Barolo prüfte also ohne Vorurteile das Innere des „Smart", und als ich ihm das Zeichen zum Einsteigen gab, hüpfte er artig ins Auto und machte es sich auf dem Fahrersitz bequem - der Beifahrersitz war nämlich schon besetzt. Es dauerte dann ein bisschen, bis ich den Hund unter Aufbietung einiger Überredungskünste auf die Konsole bewegte, die der Smart statt einer Rückbank anbietet, aber der Hund stellte sich nicht an und nahm Platz. Statt eines Wackeldackels lag bei mir also ein Prachtexemplar von Rasseköter im Rückfenster. Ich machte mir eine entsprechende Notiz in meine Unterlagen.

Dann startete ich den Motor. Beim Smart befindet sich der Motor bekanntlich unter der Rückbankkonsole, so dass mein Hund erschrocken aufsprang, sich dabei den Kopf anschlug und erschrocken aufheulte, was wiederum mich erschreckte, sodass die Karre einen Satz machte - und die Alarmanlage bewies, dass sie nicht nur sensibel auf Schriftsteller reagiert.
Es brauchte dann ein paar Beruhigungsmittel mit Salamigeschmack, um den Hund wieder in den Weiterfahrmodus zu bringen, und wir steuerten wie geplant als Volksbelustigung durch die Stadt - noch lustiger als mit dem Smart war später nur meine Testfahrt mit dem originalen Fiat Multipla, den die Passanten mit Sympathie und ausgelassener Heiterkeit begrüßten, wie einen hatscherten Elefanten vom Zirkus Sarrasani.

Es war warm im Smart, die Hitze kam von hinten - und was mich betrifft, sie roch nach Salami. Der Barolo lag etwa 20 Zentimeter Luftlinie von mir entfernt und atmete mir in den Nacken, aber dann wurde es auch ihm zu heiß. Der Motor, an dessen Vibrationen sich das arme Versuchstier inzwischen gewöhnt hatte, verströmte inzwischen auch merkbar Wärme, und mein Hund liebte als Unterlage den Schatten und den Schnee. Was soll ich sagen: die letzten drei Kilometer legten wir mit einem Hund auf der Rückbank zurück, der formatfüllend im Heckfenster stand und so entrüstet hechelte, dass ich fast einen Ohnmachtsanfall bekam. Das Fenster durfte ich nämlich nicht öffnen, weil der Barolo dann augenblicklich einen Fluchtversuch unternommen hätte. Stattdessen drehte ich das, was der Smart für eine Ventilation hält, volle Kanne auf und freute mich mindestens so sehr wie mein Hund, als wir endlich auf dem Cobenzl, unserem Reiseziel, ankamen. In mein Notizbuch schrieb ich: „Mir persönlich hätte der Smart ganz gut gefallen".

 Ich lernte viele Hunde kennen und mit ihnen viele Arten, Auto zu fahren. Ich sah Tiere, die man wie Demonstranten, die vor der Zufahrt eines AKWs in Sitzstreik gegangen sind, ins Auto tragen musste, und andere, die das Umdrehen des Startschlüssels mit einer Kotzattacke quittierten und das Innere des Wagens augenblicklich in ein sensorisches Fegefeuer verwandelten.
Aber ich lernte auch begeisterte Beifahrer kennen, Drahthaarschnauzer, die sich selbst ein schickes Tüchlein um den Hals banden und den Kopf aus dem heruntergekurbelten Beifahrerfenster hielten, um sich und den fließenden Verkehr angemessen zu unterhalten. Ich begegnete Hunden, für es nichts Schöneres gab, als in der Tiefgarage im Auto zurückgelassen zu werden und in aller Ruhe den Schlaf aufholen zu können, den man ihnen zu Hause durch eine zu hohe, störende Fütterungsfrequenz verwehrt hatte. Wenn man dann zum Fahrzeug zurückkehrte, wurde man von einem schlüpflidrigen, melancholischen Blick empfangen: Was, du bist schon wieder da...

Mein Hund Barolo hatte zu seinem Auto eine spezielle Beziehung. Zuerst akzeptierte er es als Fortbewegungsmittel, dann als Campingbus, zuletzt als die Hundehütte, die ihm immer versagt geblieben war. Er reiste gerne. Die Nähe zu seinen Lieben überwog bei weitem die natürliche Skepsis gegen das Ruckeln und den mangelnden Komfort im Heck des Volvo Kombis, den wir uns angeschafft (und hinten mit Gummimatten ausgekleidet) hatten. 

Selbst lange Reisen ertrug mein Hund stoisch und gut gelaunt. Wenn wir zum Beispiel die Strecke Wien - Zürich mit dem Auto zurücklegten, bestand der Barolo darauf, dass wir auf dem Parkplatz am Ufer des Chiemsees Halt machten. Dann pischte er zuerst einmal sehr, sehr lang und ein bisschen vorwurfsvoll in den Grünstreifen, um anschließend langsam und vorsichtig in den See hineinzuwaten und erst dort, wo er zum Trinken nicht mehr den Kopf senken musste, zu schlabbern zu beginnen. Er ließ sich das Wasser sozusagen ins offene Maul rinnen, schwamm anschließend eine kleine Runde und kam deutlich erfrischt zurück ans Ufer, wo er mit energischem Schütteln des Fells auch mir eine Abkühlung verschaffte: „Du solltest ins Wasser", sollte das heißen, „ich fühle mich soo viel besser." 

Ich kann nicht sagen, dass das unbedingt auch auf mich zutraf, denn spätestens in Kiefersfelden hatte ein intensiver Nasser-Hund-Geruch das Auto in eine Zumutung verwandelt. Die Kilometer hinter dem Chiemsee gehörten zu den raren Gelegenheiten, wo ich es ein bisschen bedauerte, mir das Rauchen abgewöhnt zu haben.

Als er älter wurde, veränderte mein Hund auch seine Schlafgewohnheiten. Hatte er jahrelang darum gekämpft, möglichst nahe an der Schlafzimmerschwelle liegen zu dürfen, zog es ihn plötzlich ins Freie. Draußen im Garten war es kühl, hin und wieder kam zur Unterhaltung ein Igel, und wenn draußen auf der Straße jemand vorbeitorkelte, konnte man ihn erstklassig verbellen und das eigene Selbstwertgefühl stärken. 

Erstaunlich, dass der Hund auch im Winter draußen schlafen wollte. Klar, er trug Pelzmantel, aber mir war es doch ein wenig verdächtig, dass er sich in den knietiefen Schnee legte, um dort zu ruhen. Ins Haus zurück wollte der Hund auf gar keinen Fall, aber als Kompromiss regte er an, „meinetwegen" im Auto zu schlafen. Seit damals schlief mein Hund Barolo auf seinem Platz im Heck des Volvo, dessen Hintertür offen war, so dass der Hund seinen Pflichten (Passanten verbellen) und Neigungen (Igel verbellen) nachgehen konnte, aber nicht vom Frost in einen Eisblock verwandelt werden konnte. Wenn uns andere Hunde besuchen kamen und interessiert an der Karosserie des Volvo schnupperten, nahm das der Barolo zum Anlass, sich über Gebühr aufzumanderln und den Hausherren rauszuhängen. 

Das war nicht unser Auto. 

Das war seine Hütte.

Wir bekamen noch einen zweiten Testauftrag von der Autorevue. Diesmal handelte es sich um ein geräumigeres Fahrzeug, wenn auch ohne Dach: einen Volvo C70. 
Ich mochte das Auto. Es suggerierte mit hohem Gewicht und anständiger Verarbeitung Sicherheit und Noblesse, und dass auf Knopfdruck das Dach verschwand, begeisterte meinen Hund und mich, den Hund allerdings anders. 

Auf unserer ersten Ausfahrt mit dem C70, die uns über den dreispurigen Gürtel Richtung Donauuferautobahn führte, hob der Barolo, der auf den Rücksitzen Platz genommen hatte, seine Schnauze - so wie der Beagle Snoopy, wenn er tanzt. Auf diese Weise nahm der Barolo bevorzugt Witterung auf, er prüfte die Geschichten, die ihn von da draußen anwehten, seine langen Ohren schwebten im Fahrtwind, der Hund und das rote Auto schienen für einander geschaffen zu sein, elegantes Tier, elegante Karre, was für ein schöner Anblick. 

Ich war durchaus geneigt, ein bisschen zufrieden mit der Welt und uns selbst zu sein, und nahm die Tatsache, dass die Ampel vor uns auf Gelb und dann auf Rot sprang, als Hinweis darauf, ein bisschen die Seele baumeln zu lassen und den Adoranten links und rechts freundlich zuzulächeln.

Freilich hatte mein Hund andere Pläne. Er wartete, bis wir standen, dann hüpfte er ansatzlos aus dem Cabrio und brachte sich vor den tosenden Wogen des Verkehrs ans Gestade des Gehsteigs in Sicherheit.

Mir blieb nichts anderes übrig, als das Auto stehen zu lassen und dem Barolo nachzurennen, zwischen den sich einschleifenden Fahrzeugen durch, und als ich ihn endlich erwischt hatte und den Karabiner der Leine in sein Halsband einklinken konnte, war die Ampel längst wieder auf Grün gesprungen. Der gesamte Verkehr über den Gürtel musste also an einem verlassenen Volvo C70 mit offenem Verdeck vorbeibrausen, das ging nicht ohne Hupgeräusche, in die mein Hund Barolo heulend einstimmte.

Als es wieder Rot war, schlich ich, meinen Hund im Schlepptau, zurück zum Auto und verstaute den Hund im Heck. 

Dann machte ich das Dach zu.




Food & Beverage

Christian Seilers
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