Höchste Zeit, ernst zu sein

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Warum ich gerade auf Kriegsfuß mit der Ironie stehe

Ironie ist ein Segen für unsere Gesellschaft. 
Haben Sie diesen Satz aufmerksam gelesen? Er ist auf den ersten Blick nicht schwer zu verstehen. Dabei tarnt er doch nur die Fallgrube, in die sie gerade dabei sind, zu stürzen. 
Denn ich meine den Satz über den Segen der Ironie ironisch. Das heißt, ich treffe eine Aussage, obwohl ich sie gar nicht für richtig halte, weil ich in Wahrheit ihr Gegenteil für richtig halte. Für mich ist die allgegenwärtige Ironie nämlich ein Fluch, ein Ärgernis, ein permanenter Sprühnebel, der jede Form von Haltung und Ernsthaftigkeit unsichtbar macht. Mir geht, bei aller Neigung zum beiläufigen Witzchen, zur freundschaftlichen Provokation und zur wortgewandten Abschweifung, die zunehmende Ironisierung unseres Alltags ernsthaft auf den Wecker. Mehr noch: der galoppierende Unernst, mit dem auch über die ernstesten Themen diskutiert wird, scheint mir das Symptom eines virulenten, gesellschaftlichen Problems zu sein: der mangelnden Festlegung auf valide Positionen, des Fehlens jeder Festlegung an und für sich. 

Aber dekonstruieren wir das Phänomen selbst erst einmal: Die simpelste, rhetorische Figur der Ironie besteht darin, das Gegenteil dessen zu sagen, was man in Wirklichkeit meint. Weil das jedoch, siehe oben, zu Missverständnissen führen kann, begleitet man die rhetorische Figur gern mit mimischen Gesten - das unsägliche Andeuten von Anführungszeichen mit Zeigefinger und Ringfinger beider Hände ist ein Auswuchs davon. Denn ironische Figuren werden vorzugsweise von Menschen mit „geteilten Wissensständen" getauscht, die sich auf originelle Weise - beachte: die Komplizenschaft des Gegenteils - einer gemeinsamen Wahrheit/Meinung/Einschätzung vergewissern. Das kann sehr virtuos und witzig passieren, aber es erlaubt uns gleichzeitig, unsere Wahrheit/Meinung/Einschätzung mit dem Vorschlaghammer auszuprobieren: Klirr. Kein Tabu kann so wirkungsvoll zertrümmert werden wie mit einer Sprengladung Ironie. Gleichzeitig jedoch immunisiert uns die ironische Pose dagegen, für den Quatsch, den wir sagen, notfalls gerade stehen zu müssen: War schließlich, du hast es doch erkannt?, nicht ernst gemeint.

Ironisches Vorgehen ist nichts Neues. Es hat eine lange Tradition, wenn auch in etwas anderer Prägung als heute. In der Antike galt es als ironisch, wenn man seinem Gesprächspartner vorgaukelte, ahnungslos zu sein, obwohl man den Gegenstand des gemeinsamen Gesprächs sehr wohl kannte und den Unwissenden daher leicht in eine rhetorische Falle locken konnte. Der Philosoph Sokrates, der bekanntlich tief davon überzeugt war, nichts zu wissen, nahm auf diese Weise die begründende Rolle des antiken Ironikers ein und prägte den Begriff der sokratischen Ironie, die bis ins 19. Jahrhundert galt. 

Damals wurde die Ironie zum pseudoobjektiven Deutungsmuster: die neuen Ironiker traten einen Schritt zurück und untersuchten das Weltgeschehen, die Geschichte, aber auch persönliche Schicksale auf ironische Wendungen, um etwa die Ironie des Schicksals zu konstatieren. Unumstößliche, logische oder auch völlig zufällige Tatsachen bekamen auf diese Weise ihre ironische Infusion verabreicht, so als könnten ein Lebenslauf, ein politischer Zustand, das Auftreten einer Naturkatastrophe oder eine Krankheit das Gegenteil dessen meinen, was sie bedeuten. 

In der Literatur taucht bei Schlegel und Tieck der Begriff der „romantischen Ironie" auf, die den genialischen Menschen über den Dingen stehen lässt, von wo aus er diese nicht ernst nimmt und, wie der Autor Dieter Wenk sagt, „auch sich selbst, sein eigenes Tun jederzeit aufzulösen und zu überwinden vermag. [Die Ironie] ist Bewusstseinshaltung und künstlerisches Vermögen zugleich."

Der Dichter Heinrich Heine, selbst ein Ironiker höchster Güte, war da skeptischer. Er traute weder seinen Schriftstellerkollegen und schon gar nicht den Lesern zu, dort Ironie zu erkennen, wo man sie erkennen sollte. Er schlug deshalb vor, ein Ironiezeichen in den Schriftgebrauch einzuführen, um Missverständnisse zu vermeiden. 

Man könnte also behaupten, die Segnungen der modernen, elektronischen Kommunikation, die vielgestaltigen Emoticons, mit denen inzwischen sogar schon die geschäftliche Korrespondenz gespickt ist, gingen auf Heine zurück. Die blinkenden, grinsenden, zwinkernden Gesichter, die auf den Texttorsen unserer  täglichen Email- oder What's-App-Dialoge sitzen, sind schließlich nichts anderes als der semantische Geschmacksverstärker, wie ihn der Dichter wünschte, damit auch der blödeste Teilnehmer am Gespräch bemerkt, worum es gerade geht.

Deshalb reicht inzwischen ein simples ;-), um die ungeheuerlichsten Plattheiten in den Rang von ironischen Äußerungen zu heben. Vor ein paar Jahren musste man noch Harald Schmidt sein, um Polenwitze erzählen zu dürfen, inzwischen geht jede rassistische Bemerkung als ironische Anmerkung durch, wenn man sie mit einem *grins* oder *zwinker* garniert. Mit der ironischen Geste wird eine Behauptung zwar in die Welt gesetzt, aber gleichzeitig auch widerrufen. Die Ironie der Gegenwart erhebt sich also über die ironische Grundübereinkunft, dass wenigstens das Gegenteil einer Behauptung eine Bedeutung haben muss. Wenn der Ironiker der Antike noch so tat, als wisse er nichts, so weiß der moderne Ironiker tatsächlich nichts. Er möchte uns glauben lassen, dass gar nichts wahr ist. Er möchte über nichts Bestimmtes lachen. Er möchte bloß lachen. 

Es gab eine Zeit, als das ironische Lachen noch eine Zielrichtung hatte, als die Ironie noch dafür gefürchtet wurde, herrschende Umstände durch die Kraft des Lachens zu unterminieren. Diese Zeit ist vorbei, wenigstens bei uns. Ein blutrünstiger Tyrann wie Kim Jong-Un in Nordkorea wird für seine größenwahnsinnigen, militärischen Drohgebärden und monumentalen Masseninszenierungen gerade noch mit einem einigermaßen ernsthaften Kopfschütteln der politischen Fraktion bestraft, im selben Atemzug aber von irgendwelchen Lifestyle-Redaktoren für die hipste Frisur ausgezeichnet, die ein gegenwärtiger Staatsmann tragen kann. Wenn wundert es, wenn sich diese Zutaten zu der Nachricht verdichten, dass Kim ein Dekret erlassen haben soll, wonach sämtliche Nordkoreaner in Zukunft eine Frisur nach seinem Vorbild tragen müssen? Unsinn, klar, aber der zwinkernde Smiley fehlt ironischerweise in der Geschichte (die immerhin auf dem deutschen Nachrichtenportal von „Focus" erschien und nicht etwa der „Titanic"). Ironie frisst Vernunft, keine Frage.

Nur im Ausnahmefall fungiert die Ironie noch als Waffe. Als der chinesische Künstler Ai Wei Wei zum Beispiel eine Parodie auf den Superhit „Gangnam Style" des koreanischen Popstars Psy veröffentlichte und in seiner Version „Grass Mud Horse Style" ein paar Botschaften für die Zensurbehörde platzierte, nahm die das Video wie bestellt vom Netz - sie hatte keine Lust, die Ironie Weiweis auf der Schaumkrone eines Popsongs in den Mainstream rollen zu lassen und brachte das erprobte Handwerk der Repression zur Anwendung.

Bei uns hingegen versetzen sich selbst die schärfsten rechten Rhetoriker in lächerliche Situationen, um nicht nur die politische, sondern auch die ironische Deutungshoheit über ihre öffentlichen Personen zu behalten. Christoph Blocher lässt sich für einen SVP-Werbespot wie eine betrunkene Robbe in einen Swimmingpool fallen, Roger Köppel studiert mit hinuntergelassenen Hosen auf dem Klo die WoZ (ob er beim Filmen wohl noch eine Unterhose anhatte?). Früher hätte der politische Gegner tief in die Trickkiste greifen müssen, um solches Material zu produzieren und seine Widersacher der Lächerlichkeit preiszugeben. Heute ist die selbstgewählte Lächerlichkeit Ausdruck davon, dass Ironie und der daraus resultierende Unernst eine ernstzunehmende politische Kategorie geworden sind.  

In den USA kamen über viele Jahre die verlässlichsten Nachrichten von den Satirikern Jon Stewart und Steven Colbert auf dem Sender Comedy Central. Ihre valide Ironie war weniger absurd als die ernst gemeinten Kommentare auf Fox News. Auf YouTube wird eine Generation von Halbwüchsigen, die es längst aufgegeben hat, konventionelle Nachrichtensendungen zu verfolgen, in der Kunst unterrichtet, gar nichts mehr ernst zu nehmen. Die erfolgreichsten YouTuber, deren Clips hunderttausende, wenn nicht Millionen Fans abonniert haben, beschäftigen sich entweder mit den virtuellen Welten von Videospielen, die sie mehr oder weniger lustig kommentieren, oder mit einer auf den Schlagzeilen der Boulevardpresse basierenden Nachrichtenaktualität, in der Klatsch genauso wichtig ist wie Weltpolitik und beides für nicht mehr gut ist als für möglichst gute Pointen.

„Die Ironie tyrannisiert uns", schrieb der Schriftsteller David Foster Wallace bereits vor zwanzig Jahren. „Sie ist ebenso mächtig wie unbefriedigend geworden, weil sie sich stets alle Optionen offenhält."

Während die Ironie jedoch früher ein Instrument der Klugen gegen die Dummen, der Verstehenden gegen die Verständnislosen war, ist sie heute bloß noch ein Sumpf, in dem wir bis zu den Knöcheln waten. Ironie immunisiert uns dagegen, Haltung zu beziehen, uns aufzuregen, wenn Aufregung die einzig brauchbare Reaktion auf die Umstände ist. Sie nimmt uns das Denken, die Analyse, die Bewertung ab. Sie gestattet uns, sofern wir nur ein bisschen Talent zum Witz haben, virtuos ungefähr zu bleiben und es uns mit niemandem zu verderben.
Wenn die Ironie früher dazu diente, den allgemeinen Dauerernst zu unterminieren und auf einen neuen Ton zu stimmen, so ist sie sich inzwischen selbst genug. Längst hat sie sich mit dem schlechten Geschmack und der Peinlichkeit verbündet und ist auf diese Weise zum Massenmedium geworden. Der Zulauf, den behämmerte Casting-Shows, der Eurovisions-Songcontest und andere Epizentren der Unkultur haben, hängt eng damit zusammen. Statt zu erforschen, ob man in politischen, gesellschaftlichen, aber auch privaten Zusammenhängen richtig oder falsch liegt, versucht der ironische Geist bloß noch zu vermeiden, peinlich zu sein - was sich am besten dadurch vermeiden lässt, dass man „peinlich" ist *zwinker*. „Schützt die Peinlichkeit wirklich vor der Peinlichkeit?", fragt Nina Pauer zu Recht in der „Zeit". „Wo potenziell alles peinlich ist, bleibt nichts als der ewige ironische Reflex. Die Ironie wird zum Standard und die Distanz zum Zwang." „Die Ironikerin ist immer auf der sicheren Seite", schreibt der Autor Robert Misik in einem Essay für profil, „aber niemals auf einer speziellen. Ironie ist eine Flucht und auch eine Spielart der Feigheit."

Wie soll es dem Ironiker gelingen, eine Liebesgeschichte zu beginnen? Was bedeutet der Satz „Ich liebe dich", wenn an seinem Ende ;-) steht? Wie lässt sich eine politische Haltung begründen, wenn dem Aufruf, die FDP zu wählen, das obligate *grins* steht? Wie kann der Ironiker lernen, der eigenen Wahrnehmung zu trauen und sich nicht in die permantente rhetorische Distanz zu ihr zu begeben? Er wird die Ironie hinter sich lassen müssen, oder, wie es der Schweizer Künstler Johannes M. Hedinger in seinem Aufsatz „Postironie. Zur Kunst nach der Ironie" sagt, aufhören, „kunstvoll zu zweifeln und alles im zweiten Grad und höher zu dekonstruieren."

Es ist höchste Zeit, ernst zu sein. Weil erst, wenn wir uns wieder ernst nehmen, hat die Ironie wieder ihre Berechtigung.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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