Hermann Maier

The Red Bulletin
Herr Maier, Sie sind 34. Sie haben im Skisport alles erreicht, was man erreichen kann. Sie laborieren noch immer an den Nachwirkungen ihres schweren Motorradunfalls. Aber Sie denken nicht daran aufzuhören. Warum tun Sie sich das an?


Zuerst wollte ich nach meinem Unfall das Comeback schaffen. Das war mein Hauptantrieb.

Sie haben unmittelbar nach Ihrer langen Pause in Kitzbühel den Super G gewonnen und eine Medaille bei der WM geholt...

...und im Jahr darauf den Gesamtweltcup. Damit waren meine großen Ziele mehr oder weniger abgehakt.

Aber?

Aber dann habe ich mir gedacht: Solange du noch so weit vorn dabei bist, kannst du ruhig weitermachen. Es hat ja sehr gut ausgesehen, und deshalb habe ich einige längerfristige Verträge - über drei Jahre - abgeschlossen.

Sie haben zum Beispiel Ihr Material gewechselt.

Es war reizvoll für mich, mit neuen Schuhen zu experimentieren.

Aber das optimale Setup, das auf Ihre speziellen Bedürfnisse nach dem Unfall zugeschnitten ist, haben Sie nicht mehr gefunden.

Wir arbeiten dran. Es wird ständig besser.

Wie muss sich ein Außenstehender die Rolle des Materials beim Skifahren vorstellen?

Wie die Rolle der Reifen in der Formel 1. Sehr wichtig.

Sie hatten nach dem Unfall lange Zeit starke Schmerzen im Bein. Wie weit ist dieses Problem unter Kontrolle?

Es ist viel besser als im Jahr nach der Verletzung. Schmerzen habe ich nur noch am Schuhrand.

Wie gut ist Ihr restlicher Körper in Schuss?

Ich spüre, dass ich im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen vor dem Sport einer ehrbaren Arbeit nachgegangen bin. Da zwickt's schon einmal irgendwo, weil ich früher schwer zu heben hatte.

Sie sind inzwischen einer der ältesten Athleten im Skizirkus...

...aber nur an Jahren. Im Vergleich zu den anderen Athleten habe ich nur relativ wenige Rennsaisonen im Weltcup hinter mir. Ich bin ja spät eingestiegen.

Weil Sie der Österreichische Skiverband anfänglich nicht auf der Rechnung hatte.

Ich sag Ihnen ehrlich: Die Bemühungen, in das Team hineinzukommen, waren viel anstrengender als alles, was ich später im Weltcup selbst leisten musste. Nach diesen ganzen Mühen hast du keine Lust, früher als notwendig aufzugeben.

Hätten Sie Ihre Erfolge angeschaut und kühl kalkuliert, ob da noch eine Steigerung möglich ist...

...hätte ich am Schluss der zweiten Saison nach dem Comeback aufhören müssen, klar.

Das hätte noch ein wenig mehr zur Legendenbildung beigetragen. Sie verkörperten ohnehin bereits den „Herminator", das „Monster": metallische, unangreifbare Figuren, die nicht unbedingt sympathisch waren.

Versetzen Sie sich in meine Lage: Ich war als junger Mann ein Einzelkämpfer, der keinen Trainer hatte und keine Mannschaft kannte. Die etablierten Fahrer, die im Trainingsanzug des Nationalteams herumliefen, stolzierten herum wie Pfauen und benahmen sich wahnsinnig arrogant. Ich war zu dieser Zeit mit zerrissenem Gewand und schlechtem Material unterwegs und wusste nur eines: sobald ich die gleichen Voraussetzungen habe wie die anderen, kann auch ich meine Leistung bringen.

Das haben Sie dann geschafft.

Das habe ich dann geschafft.

Sie waren bei manchen Rennen zwei Sekunden vor der Konkurrenz und haben sich darüber geärgert, dass Sie mit dummen Fehlern Zeit verloren haben.

Es war einfach die Wahrheit. Natürlich macht es nicht sonderlich sympathisch, wenn einem nach so einem Sieg nichts anderes einfällt, als dass man nicht optimal gefahren ist. Aber es war eben die Wahrheit.

Sie hatten keine Lust, sich ein bisschen mehr zum „Nice Guy" zu stilisieren?

Ein anderer sagt vielleicht, was die anderen hören wollen. Ich nicht.

Folge Ihres Einzelkämpfertums?

Kann sein. Wenn man in ein Team kommt und nie einen Trainer gehabt hat, will man weiter tun, was man selbst für richtig hält. Für mich war es anfangs sehr verwirrend, Teil einer Mannschaft zu sein, in der die Kollegen ganz unterschiedliche Ziele hatten. Ein paar schauten zum Beispiel vor allem, dass sie mit Sponsoren Geld verdienen. Das war nie mein Ziel. Ich wollte einfach Erfolg haben.

Sie wurden von heute auf morgen zum Seriensieger...

...und wie die Umwelt auf mich reagierte, war für mich etwas ganz Neues. Einfach war das nicht. Der ewige Sieger wird schnell suspekt.

Sie wurden Ziel einer geradezu hysterischen Verehrung.

Die Leute sind wie wahnsinnig auf mich zugekommen, ich konnte die Aufmerksamkeit gar nicht bewältigen. Die, die ein Interview bekamen, haben mich super gefunden. Andere Medien, für die ich keine Zeit hatte, haben irgendetwas erfunden. Das musste ich auch lernen.

Wie haben Sie gelernt, eine öffentliche Person zu sein?

Das hat nur funktioniert, weil ich der Gleiche geblieben bin, der ich vorher schon war.

Ist es nicht verführerisch, die kollektive Heldenverehrung zu genießen, indem man der ist, den die Leute in einem sehen?

Sobald man sich dem hingibt, ist es mit dem Erfolg vorbei. Ich hätte nicht gewusst, warum ich das tun sollte.

Wie egoistisch muss man sein, um im Spitzensport erfolgreich zu sein?

Eine Portion Egoismus muss man sicherlich mitnehmen, das ist normal. Aber auch Egoismus muss man lernen. Die sportliche Zielstrebigkeit muss schon in der Kindheit geschult werden. Wenn man absolut vorne sein will, muss man einfach wissen, wo die eigenen Vorzüge liegen und was man tun muss, um sie zur Geltung zu bringen.

Hatten Sie jemals das Zeug zum Teamplayer?

Auf alle Fälle. Ich habe ja viele Mannschaftssportarten ausprobiert...

...und Sie sind dabei nicht an Ihren Mitspielern gescheitert?

Hmm (lacht). Ich habe gewusst, was ich kann und habe an die anderen das gleiche Maß angelegt. Das war vielleicht nicht immer das Wahre, speziell früher in der Fußballmannschaft. Wenn einer in der Kindheit dicker war und sich nicht so toll bewegen konnte, dann war ich - im Nachhinein gesehen - vielleicht schon sehr hart zu ihm. Ich bin halt davon ausgegangen, dass er dieselbe Leistung zu bringen hat wie ich.

Skifahren...

...ist ein reiner Einzelsport. Man reist gemeinsam herum, und muss gemeinsam trainieren, weil das Training in einer schnellen Disziplin für den Einzelnen sehr schwierig zu organisieren ist. Aber im Endeffekt macht es jeder für sich. Jeder fährt von Null weg, da hilft einem die Mannschaft gar nichts.

Andererseits stiftet die österreichische Nationalmannschaft für die ganze Nation Identität. Für Sie ist der Mannschaftskollege, der im Quartier nebenan schläft, der größte Rivale, weil die österreichische Mannschaft so stark ist.

Kann sein. Aber so habe ich nie gefühlt. Ich weiß, dass ich für meine Vorzüge genauso verantwortlich bin wie für meine Fehler. Wenn ich meine Leistung bringe, bin ich schnell.

Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Sagen wir so: Wenn man nur auf die Fehler der anderen hofft, wird man selbst nie besser werden.

Sie kennen das Allmachtsgefühl, das ein Sportler besitzt, wenn er seine Gegner regelmäßig besiegen kann. Überträgt sich das aus dem Sport auch auf andere Lebensbereiche?

Zuerst einmal: Dieses Gefühl ist wunderbar. Plötzlich fällt einem alles leichter. Man kann Sachen genießen, die man sonst nicht genießen könnte. Auch in anderen Lebensbereichen erscheint plötzlich alles leicht, und wenn es einmal nicht so rund läuft, nimmt man das leichter hin. Das ist der Vorteil.

Aber wie behält man die Füße auf dem Boden?

Indem man sich gewissen Verlockungen gar nicht erst aussetzt. Ich habe mich zum Beispiel bei vielen Großveranstaltungen nicht wohl gefühlt. Die vielen Einflüsse von außen machen dich zu einem anderen Menschen, weil man plötzlich nicht mehr selbstständig denken kann.

Wie meinen Sie das?

Es ist unglaublich, wie viele Menschen bei manchen Veranstaltungen auf dich zukommen. Ich rede da gar nicht von normalen Fans, sondern von denen, die sich das Recht herausnehmen, aus irgendeinem Grund an einem herumzureißen. Das hat mir nie gefallen. In diesen Situationen war ich wahrscheinlich gar nicht mehr ich selbst.

Ihr Gegenrezept?

Das Weite suchen. Ich habe richtig gemerkt, dass mir sonst die Kraft entzogen wird.

Führt man als Spitzensportler noch ein Leben neben dem Sport? Ist Ihr Leben ein lustiges Leben?

Ja, es ist ein lustiges und ein sehr angenehmes Leben.

Können Sie sich als Prominenter so bewegen, wie Sie wollen?

Nein. Aber ich tue es trotzdem, auch wenn es sehr schwierig ist. Wenn ein anderer Mensch ein Gewächs im Gesicht hat, wird er auch nicht anders angeschaut als ich. Ich werde beobachtet, wo immer ich hingehe. Im Supermarkt schauen die Leute, was ich im Einkaufskorb habe. Das ist nicht angenehm, aber man muss lernen, damit umzugehen und sich nicht in einen anderen Menschen verwandeln zu lassen.

Stars sind auf gewisse Weise Eigentum ihrer Fans. Mit wie viel Respekt nähern sich Ihnen die Leute?

Im Ausland ist der Respekt um einiges höher, sagen wir so. Aber in Österreich war die Berichterstattung über meinen Unfall so massiv, dass ein paar Schranken fielen. Da kann ich nichts dafür, es war einfach so.

Die Leute kommen auf Sie zu und klopfen Ihnen auf die Schulter?

Manche. Aber durch den Unfall und das Comeback ist der Respekt sicher größer geworden.

Auf welche Ihrer Leistungen sind Sie am meisten stolz?

Es ist vielleicht noch ein bisschen zu früh, das abschließend zu bewerten. Ich denke, dass ich meine Karriere als Sportler erst einmal beendet haben muss, um sagen zu können, was die absoluten Highlights waren.

Der Zwischenstand?

Es sind bestimmt jene Ereignisse, als man am Boden lag und dann wieder aufgestanden ist. Siege kann fast jeder einmal schaffen. Aber richtig weg vom Fenster zu sein und dann wieder zurückkommen: das sind schon die Dinge, die einen fürs Leben prägen.

Ordnen Sie dem Sport alles unter?

Ich investiere jetzt mehr Zeit in das normale Leben neben dem Sport als früher. Früher habe ich dem Sport wirklich alles untergeordnet. Heute nehme ich mehr heraus.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Eigentlich schon. Recht gläubig. Aber nicht übertrieben.

3 Comments

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