Heller und dunkler

Fleisch
Ist der Nino aus Wien ein Wiedergänger von André Heller? Sicher nicht. Aber etwas dran ist an der Sache schon.

Für die Leser dieses Magazins, die gerade fragend die Augenbrauen heben: Ja, André Heller war einmal ein Musiker (er ist es noch immer, auch wenn er seit ein paar Jahrzehnten keine Konzerte mehr gibt oder neue Schallplatten veröffentlicht. Wobei, da ist was in der Pipeline; kann aber noch ein bisschen dauern). Heller verwandelte sich Anfang der siebziger Jahre von einem größenwahnsinnigen Radiomoderator in einen nicht minder größenwahnsinnigen Chansonnier, was durchaus mutig war: Während rund um ihn mit lauten Rückkopplungen die Revolution der Rockmusik ausbrach, blieb Heller hörbar leise: Fusionierte klassisches Bildungsbürgertum mit melancholischer, von Streichern unterlegter Unterhaltungsmusik, die er mit der Attitüde eines tablettensüchtigen Dandys vorzutragen pflegte. 

Das war eine ziemlich großartige Mischung, und sie hatte Wirkung. Fast alle Kabarettisten und Chefironiker arbeiteten sich an Heller ab, der, zugegeben, genauso leicht zu karikieren war wie Bruno Kreisky. Gleichzeitig waren die Konzerte Hellers gesteckt voll, und von Album zu Album legt Heller an kompositorischem Gewicht zu, ganz zu schweigen davon, dass er sich von der Jazzlegende Freddie Hubbard bis zum Schönbergchor alles ins Studio holte, was er als Qualität erkannte und um sich haben wollte. Das ergab am Ende ein ziemlich eklektizistisches Durcheinander, das jedoch von Hellers Attitüde spielend zusammengehalten wurde: Niemals hatte es in Österreich einen Interpreten gegeben, der von der eigenen Poesie so überzeugt war wie Heller (und das, wie ich sagen muss, völlig zu Recht).

Es gibt also tatsächlich Berührungspunkte zwischen dem Poeten André Heller und dem Poeten Nino Mandl, der als „der Nino aus Wien" gerade dabei ist, etwas ziemlich Unverwechselbares in die blühenden Landschaften des neuen Wienerlieds zu hebeln. „Der Nino aus Wien" ist zwar mit dem großartigen Vorstadtdrama „Du Oasch" bekannt geworden, wo er ein Schnitzler'sches Beziehungsdrama hinter die Bar eines Chinarestaurants verlagert, aber diese zugleich zugängliche, witzige und doch tragische und hochsentimentale Geschichte charaktierisiert den Nino nur unzulänglich. 

Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon am „Protestsongcontest" teilgenommen und eine grundironische Hymne gegen den Spinatgenuss komponiert. Er hatte auf Aufforderung seines Bruders Daniel das wirklich komische Lied „Fuasboischaun" geschrieben und einen hämmernden Nachruf auf Johnny Ramone verfasst („der Untergang vom Ku-Klux-Klan, das war der Tod von Johnny Ramone"). Auch die ziemlich unverhohlene Drogentravestie „Schlagoberskoch" in der Gestalt eines harmlosen Gstanzls war ein kleines Kabinettstück, das jedoch niemanden auf die Idee gebracht hätte, dass der Nino und André Heller auch nur weitschichtig verwandt sein könnten.

Aber da war einerseits dieses Lied, das der ergriffene Martin Blumenau so oft er konnte auf FM4 spielte (und er konnte oft): Es hieß „Es geht immer ums Vollenden", und jetzt einmal davon abgesehen, dass der Titel programmatisch gelesen werden kann und als Programm jenem von André Heller ziemlich nahe kommt, dem „die Verwirklichung" wichtiger ist als der Abstand zur hehren Idee, ist der Song von einer geradezu überwältigenden poetischen Kraft.

„Wie ein Schwamm saugst du das Jetzt auf und verarbeitest es dann/
wenn das Jetzt lang genug weg ist um zu wissen was es kann./
Man genießt dann deine Bilder die fast keiner je versteht/      
nur die Freude sie zu sehen ist wohl das worum es geht."

Die Strophe kann problemlos auf mehrere Weise gelesen werden. Sie könnte das künstlerische Manifest vom Nino selbst sein (er hat sich vor allem auf seinem Album „Bäume" und „Schwunder" alle Mühe gegeben, vor allem das Versprechen von der Unverständlichkeit der eigenen Bildern einzulösen). Es könnte ohne weiteres die Ausgrabung eines alten Heller-Textes sein (ist es nicht, klingt aber ein bisschen danach), was gleichzeitig als Hommage, aber auch als ironisches Statement funktionieren könnte.

An dieser offensichtlichen Nahtstelle verläuft aber auch die Grenze zwischen Heller und Nino. Was die beiden am deutlichsten und daher grundsätzlich unterscheidet, ist ihre Beziehung zur Ironie. Heller, von seiner Disposition in höchstem Maß ironiefähig, hat sich früh zu einer öffentlichen Ernsthaftigkeit entschlossen (die Zeit der wundervollen Publikumsbeschimpfungen, in denen er zum Beispiel im Aussehen seiner Intimfeindin Sigrid Löffler „Felix Dvorak als Tootsie" erkannte, hat Heller hinter sich gelassen, was für die Gäste auf den billigen Plätzen durchaus schade ist).

Der Nino hingegen hat sein Auftreten zeitgemäß durchironisiert. Er beherrscht die Kunst perfekt, bereits im schleppenden Gang zum Mikrophon etwas mitschwingen zu lassen, was sein Publikum zum Lachen reizt, egal ob es einen Grund zum Lachen gibt oder nicht. Eher gibt es den Grund nicht; Nino macht auch keine Witze, jedenfalls nicht direkt. Trotzdem wird viel gelacht auf seinen Konzerten, aber dem Lachen wohnt auch immer eine winzige Unsicherheit inne, ob man eh aus dem richtigen Grund lacht. Umgekehrt weiß man nie, ob man der Poesie trauen soll, wenn Nino singt: „Wie ein Schwamm saugst du das Jetzt auf und verarbeitest es dann...", oder ob auch darin ein ironischer Subtext verborgen sein könnte.

Gleichzeitig singt Nino seine Balladen mit einer Präzision und Devotion, die verblüffend und berührend ist. Mit kleinen Extrasystolen in der Betonung prägt er seinen Gesangsstil genauso wie Heller das mit dem typischen Dehnen der Silben und fast unhörbaren Verzögerungen beim Einsetzen tut. Auch das völlig selbstverständliche Changieren zwischen dem Hochdeutschen und dem Wiener Dialekt verbindet die beiden, auch wenn Ninos Wienerisch näher am Untergrund gebaut ist als jenes von Heller, der den Dialekt (so wie Bartók das Klavier) als interessantes Rhythmusinstrument verwendet.

Heller findet Nino interessant, was naheliegend ist, und Nino äußert sich meistens respektvoll über Heller, wenn ihm die wiederkehrenden Vergleiche nicht gerade auf den Wecker gehen. Im besetzten Audimax sind sich die beiden einmal begegnet, Nino überreichte Heller zwei Platten. Heller bedankte sich höflich. 

Klar, die kulturellen Resonanzkörper der beiden sind unterschiedlich. Heller bezieht sich in seinen Liedern auf Referenzpunkte aus Literatur und Kunst, von Joseph Roth bis zu den blauen Augen von Marc Chagall, und lädt die Songs mit intensiven, virtuosen Arrangements auf, während der Nino seiner schrummelnden Gitarre und den Kumpels aus der Band vertraut. Nino liest mit Vorliebe Joyce (dem er ein Lied gewidmet hat) und liebt Nonsense (was sich manchmal kongenial mit seiner poetischen Ader trifft).

Die intensivste Begegnung der beiden findet schließlich auf dem Album „Unser Österreich" statt, auf dem Nino gemeinsam mit Ernst Molden Klassiker der österreichischen Popmusik neu aufgenommen hat. Darauf singt Nino die ersten Zeilen von Hellers wunderbarem „Und dann bin i ka Liliputaner mehr" so verschleppt, innig und ninoesk, dass selbst die völlig unninoesken Bilder - „und du kummst so über mi/wie der Handschuh von an Zauberer/wie der Trommelwirbel von an Hoftambour/wenn zwa Prinzen auf die Jagd gehn" - nach seinen eigenen klingen. Nur beim Handschuh des Zauberers baut er der angemessenen Distanz wegen einen völlig unwienerischen Genitiv ein. 

Musste offenbar sein.


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Christian Seilers
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