Ein Antrag zur Rettung der Familie
Mein Bub ist müde. Ihm fallen die Augen zu, so dass ich die zartblauen Adern auf seinen Lidern sehen kann. Er ist jetzt elf Monate alt. Durch die blonden Locken schimmert die Kopfhaut. Wenn er nicht einschläft, werde ich ihm wieder die Zeigefinger meiner Hände entgegenstrecken müssen, damit er sich daran festhalten und mir nachlaufen kann, und wenn er nicht stolpert oder abrupt ins Klo abbiegt, um unserem Hund beim Saufen zuzuschauen, wird er aus voller Kehle lachen, und ich werde ihn aufheben und ihm einen Kuss links und einen rechts verpassen. Aber das mach ich auch, wenn er einschläft.
Er entscheidet sich fürs Schlafen, nicht ohne vorher einen vernehmlichen Furz abzudrücken und anschließend befreit und fett zu seufzen. Ich lieb ihn. Ich lieb ihn so, wie mir vor der Geburt alle, die es schon wussten, gesagt haben, dass ich mein Kind lieben werde. Bedingungslos. Feuerwerkshaft. Jetzt weiss ich, wie sich bedingungsloses, feuerwerkshaftes Liebhaben anfühlt. Das Gefühl wohnt hinter der Nasenwurzel und drückt bei Aktivierung auf die Tränensäcke. Das hat den Nachteil, dass ich den Buben nur verschwommen sehe.
Es ist herrlich, eine Familie zu haben. Wir sind zu dritt. Wir leben in einem einladenden Haus mit hohen Räumen, und zwei Gassen weiter liegt ein riesiger Park. Der Bub gedeiht prächtig, und wir kennen uns schon ziemlich gut bei den Vorzügen verschiedener Windelsorten aus. Wir haben Freunde, die wie wir neue Kinder haben, aber auch noch welche ohne, so dass der Kontakt zur Welt, in der geraucht, getanzt und Bier getrunken wird, nicht völlig abgerissen ist.
Wir sind eine neue Familie. Das Lebenskonzept einer soliden Partnerschaft plus Nachwuchs ist neu für uns. Wir haben, wie viele Menschen unserer Generation, unsere grundsätzlichen Einzelgängerbiographien um diverse kürzere und längere Beziehungen bereichert, aber das Risiko der großen Verbindlichkeit sind wir bisher nicht eingegangen. Es ging uns bis zuletzt um jenes spezielle Lebensgefühl, das Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung «Das dreißigste Jahr» so unnachahmlich beschreibt: um die Möglichkeit, die Wahl zu haben. Wenn es der ganz normale Luxus ist, in der Nebensaison nach Sizilien zu fahren und dort in den guten Häusern zu wohnen, ohne diese mit schulpflichtigen Kindern und deren traurigen Eltern teilen zu müssen, so ließ sich dieses Prinzip auch auf die Karriere anwenden. Bei Bedarf arbeiten, dass es kracht, ein Sabbatical nehmen oder, wenn es passt, überhaupt den Job wechseln.
Auch unsere Beziehungen folgten diesem Muster. Die Partnerschaft musste gut funktionieren, sehr gut sogar, damit sich die Teilnehmer für die nächste Runde qualifizierten. Sonst trennte man sich, im Streit oder auch, häufiger, im guten Einvernehmen. Glück musste her, oder wenigstens Glut und Spannung.
Die Familie ist der Gegenentwurf zu Bachmanns freier Wahl. Einmal gegründet erhebt sie den Anspruch auf Dauerhaftigkeit. Legionen von Pfarrern und konservativen Politikern beschwören noch immer im Chor höherer Wahrheiten die Unauflöslichkeit von Ehe und Familie, während die Realität diesen Anspruch längst überholt hat.
Für meine frische, kleine Familie ist das ein betrüblicher Aspekt. Denn unsere Chancen, auch in zehn Jahren noch eine Familie zu sein, stehen nicht gut. Nein, keine Streitereien über noch ein Kind oder nicht, auch das mit unseren Jobs und dem trotzdem-noch-was-für-den-Haushalt-tun funktioniert brauchbar. Es drängt sich vorerst nur die Statistik mit ihrer fürchterlichen Nüchternheit zwischen uns, und wir können jederzeit reinen Herzens beschwören oder mindestens hoffen, dass wir die Ausnahme von der Regel sein werden, die heisst, dass jeder modernen Familie mit ihrer Gründung das Ablaufdatum schon eingeschrieben ist.
Der Befund zahlreicher Soziologen und Demographen, dass die Familie am Ende sei, lässt sich freilich vielfach belegen. Die Scheidungsrate steigt. Die Zahlen der Geburten sinken. Potentielle Eltern lassen sich mit ihrem Kinderwunsch immer länger Zeit und verzichten, wenn die Bedingungen nicht optimal sind, ganz auf Nachkommen. Viele Frauen entscheiden sich für ihre Karriere und gegen die Mutterschaft. In den Städten finden es immer mehr Menschen attraktiv, allein in einer Wohnung zu leben, und ihr Beziehungsleben aus dem privaten Rückzugsgebiet heraus zu organisieren. Partner leben in verschiedenen Städten. Die Generationen entfremden sich von einander. An die Stelle von herzlichen Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern treten alternative Verwandtschaften zwischen besonders engen Freunden oder Neigungsfamilien. Eine reiche Auswahl an alternativen Lebensformen steht zur Verfügung, falls der Versuch, ein klassisches Familienleben zu führen, erwartungsgemäß scheitert. Was früher die Notrutsche war, ist längst zum Hauptausgang geworden.
Dabei ist es unübertrefflich, eine Familie zu haben. Die Magie des Entstehens gemeinsamer Kinder. Die Vertrautheit der langen Beziehung. Der Schatz miteinander erworbener Erinnerungen. Die Bedingungslosigkeit der Solidarität. Die Zugriffsmöglichkeit auf jemand Zugewandten. Der Kanon gemeinsamer Interessen. Der Luxus miteinander gewonnener Kämpfe. Die Einmaligkeit der zusammen erlebten und erworbenen Nähe. Das - um endgültig pathetisch zu werden - Vordringen in tiefere Dimensionen des Lebens.
Klingt gut. Doch die Praxis stellt sich dar wie ein Computerspiel auf unzähligen Stufen. Sobald die Probleme auf der ersten Ebene erledigt sind, bekommen die zu erledigenden Aufgaben ein neues Layout und präsentieren sich um einen Zacken schwieriger. Zack-flitsch-zoing: Schon haben sich die Player im Dickicht der zu bewältigenden Feindseligkeiten verlaufen und müssen, game over, zurück zum Start.
Der Historiker John ist die Ausnahme von der Regel. Er befindet sich derzeit zirka auf Stufe 20 des skizzierten Familienspiels, und er bewältigte die stets neuen Prüfungen vorbildlich. John führt mit seiner Frau Elisabeth, ebenfalls Historikerin, seit mehr als 20 Jahren eine glückliche Ehe. Die beiden haben vier Kinder aufgezogen, zwei aus Elisabeths erster Ehe, zwei gemeinsame. Der jüngste Sohn hat eben maturiert. Er wird, wie vergangenes Jahr seine Schwester, aus Wil, wo die Familie in Johns Elternhaus lebt, nach Zürich ziehen und dort studieren. Dann tritt die Familie in die nächste Phase ein. Ein Mann, eine Frau, vier Kinder, die im ganzen Land verstreut sind. Die Post-Familien-Familie, ein Luxusproblem.
Ich bin so froh, dass es John und Elisabeth gibt. Die beiden demonstrieren gegen all die neuen Gesetze der Soziologen und Statistiker, wie sehr es sich lohnen kann, eine Familie durch die Brandung einer halben Lebenszeit zu navigieren.
Sie mögen einander. Sie mögen ihre Kinder. Es besteht völlige Klarheit darüber, dass beider Leben ohne einander weniger großartig verlaufen wäre.
John sagt über Elisabeth, dass sie ihn nach all den Jahren noch immer mühelos überraschen kann. Wenn sie auf Reisen ist, setzt er sich manchmal in das Dachzimmer, wo sie ihr Büro eingerichtet hat, und atmet ihren Geruch ein. Den Geruch nennt er erotisch-geheimnisvoll.
Die erfüllte Sexualität, sagt Elisabeth, sei die Voraussetzung dafür, dass die Bipolarität der Beziehung gewahrt bleibe. Sex und Kinder. Das alltägliche, oft Biedere, und die intime Möglichkeit, daraus auszubrechen.
Beide erzählen, dass sie große Meisterschaft darin entwickelten, die Schwerkraft der Probleme zu ihren Gunsten zu nützen. Wenn die Kinder eine Stunde schliefen, gingen auch sie miteinander ins Bett. Wenn du alle Zeit der Welt hast, sagt John, musst du die Gunst der Stunde nicht nützen. Aber wenn es, wie in jeder Familie mit kleinen Kindern, dauernd um jetzt oder nie geht, dann musst du dich halt für jetzt entscheiden. Das brachte die erotisch-sexuelle Kontinuität, ohne die es unsere Familie nicht mehr geben würde.
Freilich hielten sich John und Elisabeth auch an zahlreiche andere Regeln, an deren oberster Stelle der Respekt für die beruflichen Leistungen des anderen steht. Beide sagen, dass sie in der Branche niemanden mehr schätzen als den eigenen Gatten, und diese Meinung äußern sie auch glaubhaft in der qualifizierten Öffentlichkeit.
Beide haben im gemeinsamen Haus ein eigenes Arbeits- und ein eigenes Schlafzimmer. Seit die Kinder nicht mehr den ganzen Tag zuhause sind, verbringen die Partner, die beide daheim arbeiten, mindestens zwei bis vier Stunden allein, jeder für sich. Die Hausarbeit wird ohne rigide Regeln geteilt, quer durch sämtliche Aufgabengebiete.
Es darf, sagt Elisabeth, nicht alles über die Liebe definiert sein.
Die Beziehung braucht eine Verfassung, nicht nur eine romantische, sondern auch eine reale. Machismo, sagt John, wäre nicht gegangen. Wir konnten's uns einfach nicht leisten.
Streit, klar, immer wieder. Aber das Gefühl, dass wir uns trennen sollten, sagt John, hat mich in zwanzig Jahren nicht einmal gestreift.
In der Schweiz, Österreich und in Deutschland wird mehr als jede dritte Ehe geschieden, in den Großstädten jede zweite. Einige Gründe dafür sind profan. Weil die Menschen länger leben, dauern auch ihre Ehen länger. Die Eheleute haben mehr Zeit, sich auseinanderzuleben. Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt etabliert und daher wirtschaftlich nicht mehr auf den Mann angewiesen. Die einstige gesellschaftliche Ächtung der Scheidung gibt es nicht mehr. In den Städten sind Scheidungen inzwischen so normal wie Arbeitsplatz- oder Wohnungswechsel.
Der Effekt: Die Trennung wird heute mit der Beziehung mitgeliefert, so wie man im Mediamarkt schon beim Kauf eines neuen Eisschranks einen Gutschein für dessen Entsorgung bekommt.
Die Eltern meiner Freundin haben noch am europäischen Wirtschaftswunder mitgewirkt. Ihre Ehe stand selbstverständlich am Eingang zur Erwachsenenbiographie. Die Frau sicherte die mittelständische Karriere ihres Mannes an der Privatflanke ab. Scheidung wäre selbst bei Bedarf nie ein Thema gewesen.
Trotzdem hat uns niemand zur Heirat gedrängt, als der Knabe unterwegs war, und bis auf ein kleines „endlich" enthielt sich Schwiegermutter auch jeden Kommentars.
Dieses „endlich" bezog sich allein auf unser Alter. Meine Freundin ist 37, ich bin 40. Wir sind, gemessen am Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes, alte Eltern. Vor zwanzig Jahren hätten wir im Vergleich noch älter ausgesehen, aber gemessen an den Familien, die sich konstituieren werden, wenn die Techniken der künstlichen Reproduktion in absehbarer Zeit serienreif sind, wirken wir noch geradezu nass hinter den Ohren.
Wir haben die Kleinfamilie der sechziger Jahre am eigenen Leib kennengelernt, ihre Vorteile genossen, sie schnell satt gehabt und anschließend vom prächtig aufblühenden Markt an möglichen Lebensformen profitiert. Die wuchernden Prä- und Ersatzfamilien in diversen Wohngemeinschaften und den offenen Häusern unserer Freunde erteilten uns unverbindlichen Anschauungsunterricht in partnerschaftstauglichem Benehmen, und das ganz ohne Rebellion.
Wer Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre seine Matura machte, musste keine Raufhändel mit seinen Eltern mehr austragen, um mit 18 oder 19 in eine Wohngemeinschaft einziehen zu können. Es hatte bereits eher einen Anflug von Vernunft, für wenig Geld mit Freunden in einer größeren Wohnung zu leben als umgekehrt, und für ökonomische Argumente waren die Eltern aus der Nachkriegsgeneration stets empfänglich.
Die Frage der übergeordneten Moral hingegen war längst geklärt: sie wurde nicht mehr gestellt. Die Kämpfe um die Liberalisierung auf dem Beziehungsmarkt, auf die ein paar Achtundsechziger noch immer stolz sind, waren ausgetragen und gewonnen. Es war keine Frage von Moral mehr, ob man mit einem Partner ins Bett ging, sondern höchstens eine sportliche, ob man ihn ins Bett kriegte, und bevor Mitte der achtziger Jahre wegen Aids ernsthafte Vorsichtsmaßnahmen notwendig wurden, geschah das sehr entspannt, sehr beiläufig, oft auch fahrlässig, wenn man im Nachhinein die Zahl der Abtreibungen Revue passieren lässt, die in der eigenen und näheren Bekanntschaft nötig wurden.
In den Wohngemeinschaften wurde Tacheles geredet, über finanzielle Dinge genauso wie über den vorsichtigen Umgang mit Drogen, über Musik, Wehrdienst, Gott, Denver Clan, Politik und Sex. Die sozialen Fähigkeiten wurden geschärft. Wie man mit Freundschaften umgeht, mit Affären, mit Enttäuschungen. Was zu verantworten ist, wen man betrügen darf, was es zu träumen lohnt, und dass man dem Kollegen vom Zimmer nebenan die Schultern massieren muss, wenn er mitten in der Nacht Sachen sieht, weil er einmal zu oft am Joint angezogen hat.
Ich habe diese Lektionen gelernt, und ohne sie hätte ich meine erste Scheidung bestimmt längst hinter mir. Es hat lange gedauert, das klassische Familienmodell durch konsequente Ablehnung ausreichend kennen zu lernen. Erst als die Defizite aller anderen Lebensformen überzeugend zum Vorschein kamen, begann ich meine Meinung zur Kleinfamilie zu ändern, und dass ich just in dieser Phase meine jetzige Freundin traf, deren Bewusstseinsbiographie reichlich ähnlich verlaufen war, wird den psychologisch versierten Leser nicht mehr überraschen. Bald war unser Bub unterwegs, und wir sahen uns zum ersten Mal in unserem Leben in der Situation, ein Projekt für mindestens die nächsten zwanzig Jahre angebrochen zu haben.
Wir sind mit diesem Ehrgeiz nicht allein. Gerade melden die Ethnographen, dass es nach dem 11. September 2001 eine deutliche Zunahme an Schwangerschaften in Amerika und Europa gäbe, und in der Schweiz sind die Paartherapeutinnen, die bei Krisen in fortgeschrittenen Beziehungen Hilfe anbieten, gegen alle Trends restlos ausgebucht.
Dennoch stehen meine Freundin und ich vor unbestelltem Terrain. Eine moderne Beziehung, auf lange Zeit ausgerichtet, wie soll die funktionieren?
Das wissen wir noch nicht genau. Wir wissen nur, dass wir's schaffen.
Die Gesellschaften der vergangenen 3000 Jahre hatten es leichter: Sie lieferten zu ihren Familiengeschichten gratis auch Gebrauchsanweisungen für langfristiges Gelingen mit, in der Regel durch Unterdrückung der Partnerin.
Der römische Pater familias herrschte ohne Einschränkung über seine Frau und seine Kinder. Bei den Germanen wurden Ehen ihrer Angehörigen zwischen den Chefs verschiedener Sippen ausgemacht und per Kaufvertrag gültig. Das Christentum entwickelte für seine Zweckgemeinschaften wohl erste begleitende Ideale wie Monogamie, Treue und gegenseitige Schutz- und Beistandspflichten, mit freier Partnerwahl hatte das jedoch nichts zu tun. Die Grundherren des Mittelalters verheirateten miteinander, wen sie wollten. Bis ins 18. Jahrhundert produzierten Väter ihre Nachkommen im Bewusstsein, dem Unternehmen „Haushaltsfamilie" neue Arbeitskräfte zuzuführen.
Die Französische Revolution spendete die Idee, dass heiraten darf, wer will, wen er will, wann er will, aber der Backlash des Bürgertums war heftig und etablierte ein kreuzreaktionäres Familienleitbild, das in seinen Grundzügen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts erhalten blieb. Papa als Ernährer, Mutter als Seele des Hauses, zwei, drei umsorgte Kinder, neu dazu kam der Segen der Kirche. Das Biedermeier vertiefte das Bild der Familie um den Aspekt des privaten Rückzugsgebiets, die Nazis funktionierten die Familie zur Keimzelle des Staates um und damit zur Chiffre für die Ausweitung der ideologischen Kampfzone ins Private. Die Väter leisteten ihren Dienst an der Gemeinschaft in der Wehrmacht, die Mütter als Gebärmaschinen.
Die Befreiung von den Nazis beseitigte auch die Exzesse des völkischen Familiendenkens. Dennoch blieb in den Programmen der christlich-sozialen Parteien die bürgerliche Familie bis heute ein Zentralwert, samt ernährendem Vater als Leitbild, vielleicht ein bisschen aufgeputzt durch Anerkennung von Kindererziehungsjahren für die Rente der Mutter und ein bisschen Kindergeld für Alleinerzieher.
Von der anderen Seite unterminierte der Feminismus die Bereitschaft vieler moderner Frauen, die klassische Mutterrolle auszufüllen. Die traditionell enge Mutter-Kind-Beziehung galt plötzlich als Unglück, die Entscheidung zwischen Karriere und Kinderlosigkeit fiel immer öfter zugunsten des beruflichen Aufstiegs. Die Geburtenrate sank von 2,6 Kindern pro Frau Anfang der sechziger Jahre auf 1,5 Kinder im Jahr 2000.
Die größte Auswirkung auf die Institution Familie zeitigt aber das Bedürfnis des modernen Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ein gewaltiger Individualisierungssturm fegt seit den sechziger Jahren über die westliche Welt und entwurzelt lange gewachsene Werte. Familienzugehörigkeit, eine Neigungsfrage. Lebensarbeitsplatz, nie und nimmer. Die Fixpunkte der Nachkriegsgeneration sind zugunsten der Spontaneität in allen Lebenslagen pulverisiert.
Die Individualisierung befeuert ein grundsätzliches Misstrauen gegen alles scheinbar Unveränderliche. Dinge werden ausprobiert, bewertet, verworfen, verlassen. Die eigene Unzufriedenheit wird zum Energiepotential. Brüche in der Biographie sind nicht mehr Unfälle, sondern Beweise dafür, dass man am Leben ist.
Noch lassen sich etwa 80 Prozent der Menschen auf das Abenteuer Familie, zwei Partner, ein oder mehrere Kinder, ein. Aber die Ansprüche an das fragile Gebilde steigen. Wer sich lang genug auf der gesellschaftlichen Wildbahn bewegt hat, will auch im Reservat nicht mehr unter seinem Niveau an Selbstbestimmung leben.
Splitter aus dem Textprogramm zeitgemäßer Beziehungen: Man habe sich so aneinander gewöhnt. Die Glut der frühen Tage sei vorbei, und jetzt habe man eben wieder einmal den Flash des Verliebtseins spüren wollen, und es sei ein Zufall gewesen, dass ausgerechnet jetzt, aber früher oder später habe es ja so kommen müssen...
Was Leute halt so sagen, wenn sie erklären, warum sie ihren Partner verlassen.
Doch, man liebe sich noch immer. Lieben. Vielleicht eher schätzen. Mögen. Aber was helfe das, man sei nicht mehr glücklich gewesen, keine Steilkurven nach oben, nur das lähmend permanente Gefühl der Vertrautheit. Das habe eben nicht genügt. Ein wenig Glück sei man sich schuldig.
Der Familie wird nur noch ein gewisse Dosis an Aufopferung gewährt, aber sobald diese aufgezehrt ist, schlagen die eigenen Erfahrungen zurück, sploing, game over. Der ersten Familie folgt die zweite. Alte und neue Probleme kollidieren und verschränken sich. Die Verhältnisse werden immer komplizierter.
„Scheidung ist nicht eine westliche Krankheit", schreibt Christina Hardyment in „The Future of the Family", „sondern ein ökonomischer Luxus, der sich epidemisch über die Welt ausbreitet. Die Reichen haben sich immer schon geschieden, wenn sie es wollten. (...) Der Schlüssel zu erfolgreicher Paarkultur ist eine hohe Scheidungsrate mit einer ebenso hohen Wiederverheiratungsrate."
Unter dieser Voraussetzung unterliegt die Performance in der Partnerschaft ähnlichen Regeln wie in der Arbeitswelt. Genüge ich den Ansprüchen des Partners, oder werde ich gekündigt, und zwar fristlos und ohne Abfertigung?
Der Anforderungskatalog an den jungen Vater und die junge Mutter sieht an oberster Stelle vor, sich selbst und einander glücklich zu machen, nein, glücklich machen zu müssen. Im Pflichtenheft stehen brauchbare Leistungen in zahlreichen Ressorts: als Liebhaber und Beichtvater, als Ernährer, Genießer und Unterhalter und darüber hinaus natürlich, wenn ein Kind bereits vorhanden, als fantastischer Vater oder unnachahmliche Mutter.
Ist der Punkteschnitt zu niedrig, wird man verlassen.
Wobei auch das «verlassen werden» nicht mehr ist, was es einmal war. Dadurch, dass von Anfang an Sollbruchstellen in die Beziehungen eingebaut waren, müssen auch Scheidungsopfer nicht mehr spurlos von der Bildfläche verschwinden. Vielleicht schaut ja in der Hoffnungsrunde ein Plätzchen in der Patchwork-Familie heraus.
Der Investmentbanker Willy ist auf diese Weise zu einem wunderbaren Sohn gekommen. Er hatte vor einigen Jahren in Amerika eine Schriftstellerin in der Krise kennengelernt. Louise hatte sich nach langem Hin und Her gerade endgültig von ihrem Mann getrennt und hielt es für eine charmante Idee, den nächsten Partner im Alltag viertausend Kilometer weit weg zu wissen. Ihre beiden Kinder waren 18 und 20, und dass ihr neuer Partner zwölf Jahre jünger als sie selbst war, mag auch ein Grund für die schnelle, frische Verliebtheit gewesen sein.
Willy und Louise heirateten ein Jahr später, er in dunkelblau, sie in altrosa, Hochzeitsempfang im Salon des Wiener Hotel Imperial. Die beiden Kinder schmückten das Paar ungeheuer, der junge Zweitvater platzte vor Stolz. Drei Jahre später packte Louise ihre Sachen und brach ihren Europaaufenthalt ab. Sie hatte kein einziges Wort Deutsch gelernt und fühlte sich nicht in der Lage, an ihrem Buch, das in Amerika spielte, weiter zu schreiben. Die Trennung war kurz und heftig, inzwischen reden die beiden wieder miteinander, und Louises Sohn Saul jobbt, eingeführt von Willy, bei einer Wiener Investmentbank. Wenn Saul Heimweh hat, kauft ihm Willy das Ticket nach New York, damit Saul seine Mutter besuchen kann. Zu Thanksgiving treffen sich alle in einem alten Farmhaus in Upstate New York. Zum leiblichen Vater von Saul, der selbstverständlich auch ein Scheibchen vom Truthahn bekommt, gesellten sich im vergangenen Herbst auch bereits die jeweiligen Nachfolger von Willy und Louise, und die Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten vom Gelingen der Party berichten, zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie anpassungsfähig die moderne Familie geworden ist.
Wobei das Happyend nicht garantiert ist, wenn erwachsene Menschen sich auf die Jagd nach der Portion Glück begeben, die ihnen, glauben sie, zusteht. Ein Fernsehredakteur, Vater von vier Kindern, wohnhaft in einer Mustersiedlung für ökologisch aufgeschlossene Großfamilien am Stadtrand, lernte auf einer Dienstreise nach Helsinki eine Frau aus dem eigenen Sender kennen. Er erzählt von diesem Moment noch heute mit Tränen in den Augen. Nach einem längeren Spaziergang unter der Mitternachtssonne und zwei Gläsern Sancerre in der Hotelbar sei plötzlich unvorstellbar gewesen, dass diese Frau und er keine gemeinsame Zukunft vor sich haben könnten, sagt er. Zu heftiges Verständnis. Zu kluge Fragen. Dass nicht nur er, sondern auch sie in einer Partnerschaft steckte, wenn auch ohne Kinder, spielte in diesem Moment keine Rolle.
Der Redakteur kam von der Dienstreise nach Hause. Beim Abendessen, toskanischer Eintopf, fragte ihn seine Frau etwas Belangloses, und er fuhr aus der Haut. Er hatte mit der neuen Geliebten noch nicht einmal geschlafen, als er seiner Frau den Seitensprung schon gestand und ankündigte, auszuziehen. Die beiden waren fünfundzwanzig Jahre miteinander verheiratet gewesen. Zwei von den vier Kindern lebten noch zuhause.
Der Redakteur lebt jetzt in einer Zweizimmerwohnung in der Innenstadt. Sein Gehalt ist halbiert, weil er hohe Alimente zahlt. Er ist mit der Frau zusammen, wegen der er seine Ehe gesprengt hat. Allerdings hat sie sich von ihrem Partner nicht getrennt, und es handelt sich bei dem Trio nicht um eine nettes neues Patchwork-Tryptichon, sondern um ein gutes, altes Dreiecksverhältnis mit einem unglücklichen Betrogenen, einem unglücklichen Betrüger und einer Betrügerin, die auch nicht glücklich ist, sich aber nicht entscheiden kann, wen ihrer Partner sie im Namen des Glücks fallen lassen soll.
Aber der Redakteur ist nicht bereit, die Niederlage einzugestehen. Er beharrt darauf, dass seine Entscheidung richtig gewesen sei, auch wenn sich die Beziehung zur Mutter seiner vier Kinder nie mehr entspannt, geschweige denn normalisiert habe. Im Gegenteil, inzwischen haben, wie in vielen Trennungsgeschichten, auch die Kinder Position bezogen und bestrafen den Vater für seinen Alleingang mit der Weigerung, ihn zu sehen.
Doch, er gibt zu, zuweilen zutiefst unglücklich zu sein. Aber die Momente des Glücks, die er mit seiner Geliebten erlebt, wiegen die Schmerzen des Tages auf, sagt er, mehr als das, und er glaubt es auch.
Christina Hardyment schreibt über die Familie der Zukunft: «Sie wird einen langen Viergenerations-Stamm haben und eine unvoraussagbare Akkumulation lebenslanger Freunde, Ex-Verwandte, die von den ersten Ehen übrigblieben, neue Halbverwandtschaften von Wiederverheiratungen und diversen Patenschaften. Sie wird ständig unruhig sein und in kritische Zustände verfallen, aber auch vereint in der Abneigung gegeneinander und respektvoll gegenüber der Autonomie ihrer Mitglieder» («The Future of the Family»).
Aber ich will nicht, dass meine Familie sich in der Abneigung ihrer Mitglieder gegeneinander vereint. Ich will nicht, dass mein Bub auf dem Schoß eines anderen Mannes herumklettert und Papa zu ihm sagt. Ich will meinen Sohn nicht allein erziehen. Ich will nicht, dass meine Freundin meinen Sohn allein erziehen muss, während ich mich großzügig zeige mit Alimenten oder anderen Ablasszahlungen. Ich will kein Patchwork-Familienvater werden und den neuen Lover meiner Freundin mit Küsschen links, Küsschen rechts, begrüßen müssen, wenn er meinen Sohn abholen kommt.
Schon klar, dass kaum jemand mit dem konkreten Plan antritt, eine Familie zu gründen, um sie wieder zu verlassen. Aber ebenso klar, dass die Bereitschaft, sich die Stabilität der Familie etwas kosten zu lassen, immer geringer geworden ist.
Es macht nicht nur Spaß, morgens zeitig aufzustehen und abends, wenn man ausnahmsweise wieder einmal ins Wirtshaus geht, über dem zweiten Glas Wein einzuschlafen, weil man schon so lang auf den Beinen ist. Es ist ausgesprochen deprimierend, plötzlich über gewisse Ausgaben, die früher ohne jede Diskussion einfach getätigt worden wären, nachzudenken und zum Schluss zu kommen, dass es wichtiger ist, das kaputte Kinderbett auszuwechseln, als sich wieder einmal einen Anzug zu kaufen.
Aber ich will mich weder dem Diktat des Glücks beugen noch der Tatsache, dass das Modell der Kleinfamilie nicht mehr mit dem Arbeitsmarkt kompatibel sein soll, und wenn der «Guardian» findet, dass Hausarbeit für Männer «eine Art legalisierte und politisch korrekte Form der Kastration» ist, dann will ich das bitteschön auch aushalten, wenn auch zähneknirschend, weil in Wahrheit finde ich das manchmal auch.
Ich fürchte, ich werde um meine Familie streiten müssen, dass es kracht, und mich versöhnen, dass es glüht, und ich möchte meinem Buben der beste Vater der Welt sein, und meiner Freundin ein guter Mann, und damit sie merkt, dass ich das wirklich ernst meine, frage ich sie jetzt, ob sie mich nicht endlich heiraten will.
Er entscheidet sich fürs Schlafen, nicht ohne vorher einen vernehmlichen Furz abzudrücken und anschließend befreit und fett zu seufzen. Ich lieb ihn. Ich lieb ihn so, wie mir vor der Geburt alle, die es schon wussten, gesagt haben, dass ich mein Kind lieben werde. Bedingungslos. Feuerwerkshaft. Jetzt weiss ich, wie sich bedingungsloses, feuerwerkshaftes Liebhaben anfühlt. Das Gefühl wohnt hinter der Nasenwurzel und drückt bei Aktivierung auf die Tränensäcke. Das hat den Nachteil, dass ich den Buben nur verschwommen sehe.
Es ist herrlich, eine Familie zu haben. Wir sind zu dritt. Wir leben in einem einladenden Haus mit hohen Räumen, und zwei Gassen weiter liegt ein riesiger Park. Der Bub gedeiht prächtig, und wir kennen uns schon ziemlich gut bei den Vorzügen verschiedener Windelsorten aus. Wir haben Freunde, die wie wir neue Kinder haben, aber auch noch welche ohne, so dass der Kontakt zur Welt, in der geraucht, getanzt und Bier getrunken wird, nicht völlig abgerissen ist.
Wir sind eine neue Familie. Das Lebenskonzept einer soliden Partnerschaft plus Nachwuchs ist neu für uns. Wir haben, wie viele Menschen unserer Generation, unsere grundsätzlichen Einzelgängerbiographien um diverse kürzere und längere Beziehungen bereichert, aber das Risiko der großen Verbindlichkeit sind wir bisher nicht eingegangen. Es ging uns bis zuletzt um jenes spezielle Lebensgefühl, das Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung «Das dreißigste Jahr» so unnachahmlich beschreibt: um die Möglichkeit, die Wahl zu haben. Wenn es der ganz normale Luxus ist, in der Nebensaison nach Sizilien zu fahren und dort in den guten Häusern zu wohnen, ohne diese mit schulpflichtigen Kindern und deren traurigen Eltern teilen zu müssen, so ließ sich dieses Prinzip auch auf die Karriere anwenden. Bei Bedarf arbeiten, dass es kracht, ein Sabbatical nehmen oder, wenn es passt, überhaupt den Job wechseln.
Auch unsere Beziehungen folgten diesem Muster. Die Partnerschaft musste gut funktionieren, sehr gut sogar, damit sich die Teilnehmer für die nächste Runde qualifizierten. Sonst trennte man sich, im Streit oder auch, häufiger, im guten Einvernehmen. Glück musste her, oder wenigstens Glut und Spannung.
Die Familie ist der Gegenentwurf zu Bachmanns freier Wahl. Einmal gegründet erhebt sie den Anspruch auf Dauerhaftigkeit. Legionen von Pfarrern und konservativen Politikern beschwören noch immer im Chor höherer Wahrheiten die Unauflöslichkeit von Ehe und Familie, während die Realität diesen Anspruch längst überholt hat.
Für meine frische, kleine Familie ist das ein betrüblicher Aspekt. Denn unsere Chancen, auch in zehn Jahren noch eine Familie zu sein, stehen nicht gut. Nein, keine Streitereien über noch ein Kind oder nicht, auch das mit unseren Jobs und dem trotzdem-noch-was-für-den-Haushalt-tun funktioniert brauchbar. Es drängt sich vorerst nur die Statistik mit ihrer fürchterlichen Nüchternheit zwischen uns, und wir können jederzeit reinen Herzens beschwören oder mindestens hoffen, dass wir die Ausnahme von der Regel sein werden, die heisst, dass jeder modernen Familie mit ihrer Gründung das Ablaufdatum schon eingeschrieben ist.
Der Befund zahlreicher Soziologen und Demographen, dass die Familie am Ende sei, lässt sich freilich vielfach belegen. Die Scheidungsrate steigt. Die Zahlen der Geburten sinken. Potentielle Eltern lassen sich mit ihrem Kinderwunsch immer länger Zeit und verzichten, wenn die Bedingungen nicht optimal sind, ganz auf Nachkommen. Viele Frauen entscheiden sich für ihre Karriere und gegen die Mutterschaft. In den Städten finden es immer mehr Menschen attraktiv, allein in einer Wohnung zu leben, und ihr Beziehungsleben aus dem privaten Rückzugsgebiet heraus zu organisieren. Partner leben in verschiedenen Städten. Die Generationen entfremden sich von einander. An die Stelle von herzlichen Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern treten alternative Verwandtschaften zwischen besonders engen Freunden oder Neigungsfamilien. Eine reiche Auswahl an alternativen Lebensformen steht zur Verfügung, falls der Versuch, ein klassisches Familienleben zu führen, erwartungsgemäß scheitert. Was früher die Notrutsche war, ist längst zum Hauptausgang geworden.
Dabei ist es unübertrefflich, eine Familie zu haben. Die Magie des Entstehens gemeinsamer Kinder. Die Vertrautheit der langen Beziehung. Der Schatz miteinander erworbener Erinnerungen. Die Bedingungslosigkeit der Solidarität. Die Zugriffsmöglichkeit auf jemand Zugewandten. Der Kanon gemeinsamer Interessen. Der Luxus miteinander gewonnener Kämpfe. Die Einmaligkeit der zusammen erlebten und erworbenen Nähe. Das - um endgültig pathetisch zu werden - Vordringen in tiefere Dimensionen des Lebens.
Klingt gut. Doch die Praxis stellt sich dar wie ein Computerspiel auf unzähligen Stufen. Sobald die Probleme auf der ersten Ebene erledigt sind, bekommen die zu erledigenden Aufgaben ein neues Layout und präsentieren sich um einen Zacken schwieriger. Zack-flitsch-zoing: Schon haben sich die Player im Dickicht der zu bewältigenden Feindseligkeiten verlaufen und müssen, game over, zurück zum Start.
Der Historiker John ist die Ausnahme von der Regel. Er befindet sich derzeit zirka auf Stufe 20 des skizzierten Familienspiels, und er bewältigte die stets neuen Prüfungen vorbildlich. John führt mit seiner Frau Elisabeth, ebenfalls Historikerin, seit mehr als 20 Jahren eine glückliche Ehe. Die beiden haben vier Kinder aufgezogen, zwei aus Elisabeths erster Ehe, zwei gemeinsame. Der jüngste Sohn hat eben maturiert. Er wird, wie vergangenes Jahr seine Schwester, aus Wil, wo die Familie in Johns Elternhaus lebt, nach Zürich ziehen und dort studieren. Dann tritt die Familie in die nächste Phase ein. Ein Mann, eine Frau, vier Kinder, die im ganzen Land verstreut sind. Die Post-Familien-Familie, ein Luxusproblem.
Ich bin so froh, dass es John und Elisabeth gibt. Die beiden demonstrieren gegen all die neuen Gesetze der Soziologen und Statistiker, wie sehr es sich lohnen kann, eine Familie durch die Brandung einer halben Lebenszeit zu navigieren.
Sie mögen einander. Sie mögen ihre Kinder. Es besteht völlige Klarheit darüber, dass beider Leben ohne einander weniger großartig verlaufen wäre.
John sagt über Elisabeth, dass sie ihn nach all den Jahren noch immer mühelos überraschen kann. Wenn sie auf Reisen ist, setzt er sich manchmal in das Dachzimmer, wo sie ihr Büro eingerichtet hat, und atmet ihren Geruch ein. Den Geruch nennt er erotisch-geheimnisvoll.
Die erfüllte Sexualität, sagt Elisabeth, sei die Voraussetzung dafür, dass die Bipolarität der Beziehung gewahrt bleibe. Sex und Kinder. Das alltägliche, oft Biedere, und die intime Möglichkeit, daraus auszubrechen.
Beide erzählen, dass sie große Meisterschaft darin entwickelten, die Schwerkraft der Probleme zu ihren Gunsten zu nützen. Wenn die Kinder eine Stunde schliefen, gingen auch sie miteinander ins Bett. Wenn du alle Zeit der Welt hast, sagt John, musst du die Gunst der Stunde nicht nützen. Aber wenn es, wie in jeder Familie mit kleinen Kindern, dauernd um jetzt oder nie geht, dann musst du dich halt für jetzt entscheiden. Das brachte die erotisch-sexuelle Kontinuität, ohne die es unsere Familie nicht mehr geben würde.
Freilich hielten sich John und Elisabeth auch an zahlreiche andere Regeln, an deren oberster Stelle der Respekt für die beruflichen Leistungen des anderen steht. Beide sagen, dass sie in der Branche niemanden mehr schätzen als den eigenen Gatten, und diese Meinung äußern sie auch glaubhaft in der qualifizierten Öffentlichkeit.
Beide haben im gemeinsamen Haus ein eigenes Arbeits- und ein eigenes Schlafzimmer. Seit die Kinder nicht mehr den ganzen Tag zuhause sind, verbringen die Partner, die beide daheim arbeiten, mindestens zwei bis vier Stunden allein, jeder für sich. Die Hausarbeit wird ohne rigide Regeln geteilt, quer durch sämtliche Aufgabengebiete.
Es darf, sagt Elisabeth, nicht alles über die Liebe definiert sein.
Die Beziehung braucht eine Verfassung, nicht nur eine romantische, sondern auch eine reale. Machismo, sagt John, wäre nicht gegangen. Wir konnten's uns einfach nicht leisten.
Streit, klar, immer wieder. Aber das Gefühl, dass wir uns trennen sollten, sagt John, hat mich in zwanzig Jahren nicht einmal gestreift.
In der Schweiz, Österreich und in Deutschland wird mehr als jede dritte Ehe geschieden, in den Großstädten jede zweite. Einige Gründe dafür sind profan. Weil die Menschen länger leben, dauern auch ihre Ehen länger. Die Eheleute haben mehr Zeit, sich auseinanderzuleben. Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt etabliert und daher wirtschaftlich nicht mehr auf den Mann angewiesen. Die einstige gesellschaftliche Ächtung der Scheidung gibt es nicht mehr. In den Städten sind Scheidungen inzwischen so normal wie Arbeitsplatz- oder Wohnungswechsel.
Der Effekt: Die Trennung wird heute mit der Beziehung mitgeliefert, so wie man im Mediamarkt schon beim Kauf eines neuen Eisschranks einen Gutschein für dessen Entsorgung bekommt.
Die Eltern meiner Freundin haben noch am europäischen Wirtschaftswunder mitgewirkt. Ihre Ehe stand selbstverständlich am Eingang zur Erwachsenenbiographie. Die Frau sicherte die mittelständische Karriere ihres Mannes an der Privatflanke ab. Scheidung wäre selbst bei Bedarf nie ein Thema gewesen.
Trotzdem hat uns niemand zur Heirat gedrängt, als der Knabe unterwegs war, und bis auf ein kleines „endlich" enthielt sich Schwiegermutter auch jeden Kommentars.
Dieses „endlich" bezog sich allein auf unser Alter. Meine Freundin ist 37, ich bin 40. Wir sind, gemessen am Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes, alte Eltern. Vor zwanzig Jahren hätten wir im Vergleich noch älter ausgesehen, aber gemessen an den Familien, die sich konstituieren werden, wenn die Techniken der künstlichen Reproduktion in absehbarer Zeit serienreif sind, wirken wir noch geradezu nass hinter den Ohren.
Wir haben die Kleinfamilie der sechziger Jahre am eigenen Leib kennengelernt, ihre Vorteile genossen, sie schnell satt gehabt und anschließend vom prächtig aufblühenden Markt an möglichen Lebensformen profitiert. Die wuchernden Prä- und Ersatzfamilien in diversen Wohngemeinschaften und den offenen Häusern unserer Freunde erteilten uns unverbindlichen Anschauungsunterricht in partnerschaftstauglichem Benehmen, und das ganz ohne Rebellion.
Wer Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre seine Matura machte, musste keine Raufhändel mit seinen Eltern mehr austragen, um mit 18 oder 19 in eine Wohngemeinschaft einziehen zu können. Es hatte bereits eher einen Anflug von Vernunft, für wenig Geld mit Freunden in einer größeren Wohnung zu leben als umgekehrt, und für ökonomische Argumente waren die Eltern aus der Nachkriegsgeneration stets empfänglich.
Die Frage der übergeordneten Moral hingegen war längst geklärt: sie wurde nicht mehr gestellt. Die Kämpfe um die Liberalisierung auf dem Beziehungsmarkt, auf die ein paar Achtundsechziger noch immer stolz sind, waren ausgetragen und gewonnen. Es war keine Frage von Moral mehr, ob man mit einem Partner ins Bett ging, sondern höchstens eine sportliche, ob man ihn ins Bett kriegte, und bevor Mitte der achtziger Jahre wegen Aids ernsthafte Vorsichtsmaßnahmen notwendig wurden, geschah das sehr entspannt, sehr beiläufig, oft auch fahrlässig, wenn man im Nachhinein die Zahl der Abtreibungen Revue passieren lässt, die in der eigenen und näheren Bekanntschaft nötig wurden.
In den Wohngemeinschaften wurde Tacheles geredet, über finanzielle Dinge genauso wie über den vorsichtigen Umgang mit Drogen, über Musik, Wehrdienst, Gott, Denver Clan, Politik und Sex. Die sozialen Fähigkeiten wurden geschärft. Wie man mit Freundschaften umgeht, mit Affären, mit Enttäuschungen. Was zu verantworten ist, wen man betrügen darf, was es zu träumen lohnt, und dass man dem Kollegen vom Zimmer nebenan die Schultern massieren muss, wenn er mitten in der Nacht Sachen sieht, weil er einmal zu oft am Joint angezogen hat.
Ich habe diese Lektionen gelernt, und ohne sie hätte ich meine erste Scheidung bestimmt längst hinter mir. Es hat lange gedauert, das klassische Familienmodell durch konsequente Ablehnung ausreichend kennen zu lernen. Erst als die Defizite aller anderen Lebensformen überzeugend zum Vorschein kamen, begann ich meine Meinung zur Kleinfamilie zu ändern, und dass ich just in dieser Phase meine jetzige Freundin traf, deren Bewusstseinsbiographie reichlich ähnlich verlaufen war, wird den psychologisch versierten Leser nicht mehr überraschen. Bald war unser Bub unterwegs, und wir sahen uns zum ersten Mal in unserem Leben in der Situation, ein Projekt für mindestens die nächsten zwanzig Jahre angebrochen zu haben.
Wir sind mit diesem Ehrgeiz nicht allein. Gerade melden die Ethnographen, dass es nach dem 11. September 2001 eine deutliche Zunahme an Schwangerschaften in Amerika und Europa gäbe, und in der Schweiz sind die Paartherapeutinnen, die bei Krisen in fortgeschrittenen Beziehungen Hilfe anbieten, gegen alle Trends restlos ausgebucht.
Dennoch stehen meine Freundin und ich vor unbestelltem Terrain. Eine moderne Beziehung, auf lange Zeit ausgerichtet, wie soll die funktionieren?
Das wissen wir noch nicht genau. Wir wissen nur, dass wir's schaffen.
Die Gesellschaften der vergangenen 3000 Jahre hatten es leichter: Sie lieferten zu ihren Familiengeschichten gratis auch Gebrauchsanweisungen für langfristiges Gelingen mit, in der Regel durch Unterdrückung der Partnerin.
Der römische Pater familias herrschte ohne Einschränkung über seine Frau und seine Kinder. Bei den Germanen wurden Ehen ihrer Angehörigen zwischen den Chefs verschiedener Sippen ausgemacht und per Kaufvertrag gültig. Das Christentum entwickelte für seine Zweckgemeinschaften wohl erste begleitende Ideale wie Monogamie, Treue und gegenseitige Schutz- und Beistandspflichten, mit freier Partnerwahl hatte das jedoch nichts zu tun. Die Grundherren des Mittelalters verheirateten miteinander, wen sie wollten. Bis ins 18. Jahrhundert produzierten Väter ihre Nachkommen im Bewusstsein, dem Unternehmen „Haushaltsfamilie" neue Arbeitskräfte zuzuführen.
Die Französische Revolution spendete die Idee, dass heiraten darf, wer will, wen er will, wann er will, aber der Backlash des Bürgertums war heftig und etablierte ein kreuzreaktionäres Familienleitbild, das in seinen Grundzügen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts erhalten blieb. Papa als Ernährer, Mutter als Seele des Hauses, zwei, drei umsorgte Kinder, neu dazu kam der Segen der Kirche. Das Biedermeier vertiefte das Bild der Familie um den Aspekt des privaten Rückzugsgebiets, die Nazis funktionierten die Familie zur Keimzelle des Staates um und damit zur Chiffre für die Ausweitung der ideologischen Kampfzone ins Private. Die Väter leisteten ihren Dienst an der Gemeinschaft in der Wehrmacht, die Mütter als Gebärmaschinen.
Die Befreiung von den Nazis beseitigte auch die Exzesse des völkischen Familiendenkens. Dennoch blieb in den Programmen der christlich-sozialen Parteien die bürgerliche Familie bis heute ein Zentralwert, samt ernährendem Vater als Leitbild, vielleicht ein bisschen aufgeputzt durch Anerkennung von Kindererziehungsjahren für die Rente der Mutter und ein bisschen Kindergeld für Alleinerzieher.
Von der anderen Seite unterminierte der Feminismus die Bereitschaft vieler moderner Frauen, die klassische Mutterrolle auszufüllen. Die traditionell enge Mutter-Kind-Beziehung galt plötzlich als Unglück, die Entscheidung zwischen Karriere und Kinderlosigkeit fiel immer öfter zugunsten des beruflichen Aufstiegs. Die Geburtenrate sank von 2,6 Kindern pro Frau Anfang der sechziger Jahre auf 1,5 Kinder im Jahr 2000.
Die größte Auswirkung auf die Institution Familie zeitigt aber das Bedürfnis des modernen Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Ein gewaltiger Individualisierungssturm fegt seit den sechziger Jahren über die westliche Welt und entwurzelt lange gewachsene Werte. Familienzugehörigkeit, eine Neigungsfrage. Lebensarbeitsplatz, nie und nimmer. Die Fixpunkte der Nachkriegsgeneration sind zugunsten der Spontaneität in allen Lebenslagen pulverisiert.
Die Individualisierung befeuert ein grundsätzliches Misstrauen gegen alles scheinbar Unveränderliche. Dinge werden ausprobiert, bewertet, verworfen, verlassen. Die eigene Unzufriedenheit wird zum Energiepotential. Brüche in der Biographie sind nicht mehr Unfälle, sondern Beweise dafür, dass man am Leben ist.
Noch lassen sich etwa 80 Prozent der Menschen auf das Abenteuer Familie, zwei Partner, ein oder mehrere Kinder, ein. Aber die Ansprüche an das fragile Gebilde steigen. Wer sich lang genug auf der gesellschaftlichen Wildbahn bewegt hat, will auch im Reservat nicht mehr unter seinem Niveau an Selbstbestimmung leben.
Splitter aus dem Textprogramm zeitgemäßer Beziehungen: Man habe sich so aneinander gewöhnt. Die Glut der frühen Tage sei vorbei, und jetzt habe man eben wieder einmal den Flash des Verliebtseins spüren wollen, und es sei ein Zufall gewesen, dass ausgerechnet jetzt, aber früher oder später habe es ja so kommen müssen...
Was Leute halt so sagen, wenn sie erklären, warum sie ihren Partner verlassen.
Doch, man liebe sich noch immer. Lieben. Vielleicht eher schätzen. Mögen. Aber was helfe das, man sei nicht mehr glücklich gewesen, keine Steilkurven nach oben, nur das lähmend permanente Gefühl der Vertrautheit. Das habe eben nicht genügt. Ein wenig Glück sei man sich schuldig.
Der Familie wird nur noch ein gewisse Dosis an Aufopferung gewährt, aber sobald diese aufgezehrt ist, schlagen die eigenen Erfahrungen zurück, sploing, game over. Der ersten Familie folgt die zweite. Alte und neue Probleme kollidieren und verschränken sich. Die Verhältnisse werden immer komplizierter.
„Scheidung ist nicht eine westliche Krankheit", schreibt Christina Hardyment in „The Future of the Family", „sondern ein ökonomischer Luxus, der sich epidemisch über die Welt ausbreitet. Die Reichen haben sich immer schon geschieden, wenn sie es wollten. (...) Der Schlüssel zu erfolgreicher Paarkultur ist eine hohe Scheidungsrate mit einer ebenso hohen Wiederverheiratungsrate."
Unter dieser Voraussetzung unterliegt die Performance in der Partnerschaft ähnlichen Regeln wie in der Arbeitswelt. Genüge ich den Ansprüchen des Partners, oder werde ich gekündigt, und zwar fristlos und ohne Abfertigung?
Der Anforderungskatalog an den jungen Vater und die junge Mutter sieht an oberster Stelle vor, sich selbst und einander glücklich zu machen, nein, glücklich machen zu müssen. Im Pflichtenheft stehen brauchbare Leistungen in zahlreichen Ressorts: als Liebhaber und Beichtvater, als Ernährer, Genießer und Unterhalter und darüber hinaus natürlich, wenn ein Kind bereits vorhanden, als fantastischer Vater oder unnachahmliche Mutter.
Ist der Punkteschnitt zu niedrig, wird man verlassen.
Wobei auch das «verlassen werden» nicht mehr ist, was es einmal war. Dadurch, dass von Anfang an Sollbruchstellen in die Beziehungen eingebaut waren, müssen auch Scheidungsopfer nicht mehr spurlos von der Bildfläche verschwinden. Vielleicht schaut ja in der Hoffnungsrunde ein Plätzchen in der Patchwork-Familie heraus.
Der Investmentbanker Willy ist auf diese Weise zu einem wunderbaren Sohn gekommen. Er hatte vor einigen Jahren in Amerika eine Schriftstellerin in der Krise kennengelernt. Louise hatte sich nach langem Hin und Her gerade endgültig von ihrem Mann getrennt und hielt es für eine charmante Idee, den nächsten Partner im Alltag viertausend Kilometer weit weg zu wissen. Ihre beiden Kinder waren 18 und 20, und dass ihr neuer Partner zwölf Jahre jünger als sie selbst war, mag auch ein Grund für die schnelle, frische Verliebtheit gewesen sein.
Willy und Louise heirateten ein Jahr später, er in dunkelblau, sie in altrosa, Hochzeitsempfang im Salon des Wiener Hotel Imperial. Die beiden Kinder schmückten das Paar ungeheuer, der junge Zweitvater platzte vor Stolz. Drei Jahre später packte Louise ihre Sachen und brach ihren Europaaufenthalt ab. Sie hatte kein einziges Wort Deutsch gelernt und fühlte sich nicht in der Lage, an ihrem Buch, das in Amerika spielte, weiter zu schreiben. Die Trennung war kurz und heftig, inzwischen reden die beiden wieder miteinander, und Louises Sohn Saul jobbt, eingeführt von Willy, bei einer Wiener Investmentbank. Wenn Saul Heimweh hat, kauft ihm Willy das Ticket nach New York, damit Saul seine Mutter besuchen kann. Zu Thanksgiving treffen sich alle in einem alten Farmhaus in Upstate New York. Zum leiblichen Vater von Saul, der selbstverständlich auch ein Scheibchen vom Truthahn bekommt, gesellten sich im vergangenen Herbst auch bereits die jeweiligen Nachfolger von Willy und Louise, und die Selbstverständlichkeit, mit der alle Beteiligten vom Gelingen der Party berichten, zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie anpassungsfähig die moderne Familie geworden ist.
Wobei das Happyend nicht garantiert ist, wenn erwachsene Menschen sich auf die Jagd nach der Portion Glück begeben, die ihnen, glauben sie, zusteht. Ein Fernsehredakteur, Vater von vier Kindern, wohnhaft in einer Mustersiedlung für ökologisch aufgeschlossene Großfamilien am Stadtrand, lernte auf einer Dienstreise nach Helsinki eine Frau aus dem eigenen Sender kennen. Er erzählt von diesem Moment noch heute mit Tränen in den Augen. Nach einem längeren Spaziergang unter der Mitternachtssonne und zwei Gläsern Sancerre in der Hotelbar sei plötzlich unvorstellbar gewesen, dass diese Frau und er keine gemeinsame Zukunft vor sich haben könnten, sagt er. Zu heftiges Verständnis. Zu kluge Fragen. Dass nicht nur er, sondern auch sie in einer Partnerschaft steckte, wenn auch ohne Kinder, spielte in diesem Moment keine Rolle.
Der Redakteur kam von der Dienstreise nach Hause. Beim Abendessen, toskanischer Eintopf, fragte ihn seine Frau etwas Belangloses, und er fuhr aus der Haut. Er hatte mit der neuen Geliebten noch nicht einmal geschlafen, als er seiner Frau den Seitensprung schon gestand und ankündigte, auszuziehen. Die beiden waren fünfundzwanzig Jahre miteinander verheiratet gewesen. Zwei von den vier Kindern lebten noch zuhause.
Der Redakteur lebt jetzt in einer Zweizimmerwohnung in der Innenstadt. Sein Gehalt ist halbiert, weil er hohe Alimente zahlt. Er ist mit der Frau zusammen, wegen der er seine Ehe gesprengt hat. Allerdings hat sie sich von ihrem Partner nicht getrennt, und es handelt sich bei dem Trio nicht um eine nettes neues Patchwork-Tryptichon, sondern um ein gutes, altes Dreiecksverhältnis mit einem unglücklichen Betrogenen, einem unglücklichen Betrüger und einer Betrügerin, die auch nicht glücklich ist, sich aber nicht entscheiden kann, wen ihrer Partner sie im Namen des Glücks fallen lassen soll.
Aber der Redakteur ist nicht bereit, die Niederlage einzugestehen. Er beharrt darauf, dass seine Entscheidung richtig gewesen sei, auch wenn sich die Beziehung zur Mutter seiner vier Kinder nie mehr entspannt, geschweige denn normalisiert habe. Im Gegenteil, inzwischen haben, wie in vielen Trennungsgeschichten, auch die Kinder Position bezogen und bestrafen den Vater für seinen Alleingang mit der Weigerung, ihn zu sehen.
Doch, er gibt zu, zuweilen zutiefst unglücklich zu sein. Aber die Momente des Glücks, die er mit seiner Geliebten erlebt, wiegen die Schmerzen des Tages auf, sagt er, mehr als das, und er glaubt es auch.
Christina Hardyment schreibt über die Familie der Zukunft: «Sie wird einen langen Viergenerations-Stamm haben und eine unvoraussagbare Akkumulation lebenslanger Freunde, Ex-Verwandte, die von den ersten Ehen übrigblieben, neue Halbverwandtschaften von Wiederverheiratungen und diversen Patenschaften. Sie wird ständig unruhig sein und in kritische Zustände verfallen, aber auch vereint in der Abneigung gegeneinander und respektvoll gegenüber der Autonomie ihrer Mitglieder» («The Future of the Family»).
Aber ich will nicht, dass meine Familie sich in der Abneigung ihrer Mitglieder gegeneinander vereint. Ich will nicht, dass mein Bub auf dem Schoß eines anderen Mannes herumklettert und Papa zu ihm sagt. Ich will meinen Sohn nicht allein erziehen. Ich will nicht, dass meine Freundin meinen Sohn allein erziehen muss, während ich mich großzügig zeige mit Alimenten oder anderen Ablasszahlungen. Ich will kein Patchwork-Familienvater werden und den neuen Lover meiner Freundin mit Küsschen links, Küsschen rechts, begrüßen müssen, wenn er meinen Sohn abholen kommt.
Schon klar, dass kaum jemand mit dem konkreten Plan antritt, eine Familie zu gründen, um sie wieder zu verlassen. Aber ebenso klar, dass die Bereitschaft, sich die Stabilität der Familie etwas kosten zu lassen, immer geringer geworden ist.
Es macht nicht nur Spaß, morgens zeitig aufzustehen und abends, wenn man ausnahmsweise wieder einmal ins Wirtshaus geht, über dem zweiten Glas Wein einzuschlafen, weil man schon so lang auf den Beinen ist. Es ist ausgesprochen deprimierend, plötzlich über gewisse Ausgaben, die früher ohne jede Diskussion einfach getätigt worden wären, nachzudenken und zum Schluss zu kommen, dass es wichtiger ist, das kaputte Kinderbett auszuwechseln, als sich wieder einmal einen Anzug zu kaufen.
Aber ich will mich weder dem Diktat des Glücks beugen noch der Tatsache, dass das Modell der Kleinfamilie nicht mehr mit dem Arbeitsmarkt kompatibel sein soll, und wenn der «Guardian» findet, dass Hausarbeit für Männer «eine Art legalisierte und politisch korrekte Form der Kastration» ist, dann will ich das bitteschön auch aushalten, wenn auch zähneknirschend, weil in Wahrheit finde ich das manchmal auch.
Ich fürchte, ich werde um meine Familie streiten müssen, dass es kracht, und mich versöhnen, dass es glüht, und ich möchte meinem Buben der beste Vater der Welt sein, und meiner Freundin ein guter Mann, und damit sie merkt, dass ich das wirklich ernst meine, frage ich sie jetzt, ob sie mich nicht endlich heiraten will.

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