Gregor Schlierenzauer

Porträts / Red Bulletin
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Er ist ein Skispringer, wie es nur alle zehn Jahre einen gibt. Er mag  
Jack Johnson, beherrscht die Lüfte, sammelt Schanzenrekorde und legt  
stets Wert darauf, alle Aufgaben stilvoll zu erledigen. Schaut Euch bitte die Mütze an.

Foto: Philipp Horak


Am letzten Wettkampftag der Vierschanzentournee steht Gregor Schlierenzauer auf der kleinen Plattform vor dem Balken der Paul-Ausserleitner-Schanze in Bischofshofen und klopft sich mit der Faust an die Brust.
Bumm-Bumm-Bumm.
Er hat die Qualifikation ausgelassen und startet mit der hohen Startnummer 50 zum direkten Duell mit dem Trainingsbesten Dimitry Vassiliev. Sein Kalkül lautet: ein paar Meter weiter springen als Wolfgang Loitzl, der Führende in der Tourneewertung.
Loitzl, dessen Vorsprung auf Schlierenzauer vor dem letzten Wettkampf 24,5 Punkte betrug, hatte in der Qualifikation nicht die Souveränität der letzten Wettkämpfe in Garmisch und Innsbruck gezeigt, wo er so überraschend wie sicher gewonnen hatte, und Schlierenzauer spekulierte auf einen knieweichen ersten Sprung Loitzls, er selbst würde nachlegen, dann immenser Druck auf Loitzl, Showdown im zweiten Durchgang, Topsensation, Schlierenzauer fliegt im letzten Bewerb zu Tages- und Tourneesieg: bumm-bumm-bumm.
Die Stategie ist gut, aber Schlierenzauer hat zwei Details außer Acht gelassen: erstens ist auch Weltcupleader Simon Ammann auf dieselbe Idee gekommen, und zweitens schwächelt Wolfgang Loitzl überhaupt nicht. Dessen erster Sprung trägt ihn auf 142,5 Meter, und als Schlierenzauer sich an die Brust klopft, gibt Loitzl schon Siegerinterviews.
Schlierenzauer springt gut, aber nicht überragend. Er wird Vierter in Bischofshofen, Dritter der Tourneegesamtwertung, er trägt Wolfgang Loitzl auf den Schultern zur Siegerehrung, schenkt dem Publikum sein sympathisches Lächeln, aber in seinem Kopf formuliert sich einzig der Gedanke, dass der Platz in der Mitte falsch besetzt sei, oder wie es Schlierenzauer in kernigem Tirolerisch ausdrückt: „I gönn' es jedem, dass er g'winnt. Aber mir am meischt'n."

Wenige Tage später formiert sich das österreichische Springerteam zum Abendessen in einem Hotel in Tauplitz bei Bad Mitterndorf. Der geräumige Speisesaal ist abgesperrt, die Pensionsgäste speisen in der etwas verrauchten Gasthausstube. Das Fernsehen ist da, Zeitungsreporter, Ö3-Interviewerin Claudia Stöckl. Interesse am Springerteam wie gewohnt, aber die Primäraufmerksamkeit gilt diesmal Wolfgang Loitzl, ein etwas ungewohntes Bild in einer Runde, in der mediale Aufmerksamkeit die Wechselwährung für den aktuellen Erfolg ist.
Thomas Morgenstern holt sich Salat, er berichtet von den tollen Clickzahlen auf seiner Website www.thomasmorgenstern.com, von der das Sprungspiel „Skijump Challenge" heruntergeladen werden kann. Martin Koch holt sich Salat und findet, dass es draußen recht frisch ist. Wolfgang Loitzl isst seinen Salat auf und bricht mit Claudia Stöckl auf, um „Frühstück bei mir" abends bei ihm aufzunehmen.
Gregor Schlierenzauer kommt vom Zimmer herunter geschlendert, struwweliges Haar, lindgrüne Trainingshose, rote Sportjacke, offene Badelatschen, und was wie einfach in den Kasten gegriffen und zufällig angezogen aussieht, ist in Wahrheit das Resultat eines entschiedenen Stilwillens, der sich weniger an der technoiden Ästhetik des Spitzensports als an der entspannten Lässigkeit snowboardender Slacker orientiert.
Er redet nicht viel. Er holt sich Salat. Dann setzt er sich zurück an den großen Tisch zu den Freunden, die seine harten Konkurrenten sind, oder sind sie Konkurrenten, mit denen er befreundet sein muss? Für einen Moment lässt sich erahnen, wie viel Fingerspitzengefühl ein Betreuer aufbringen muss, der einen großen Haufen von Individualisten zu einer Mannschaft zu formen hat, ohne ihre individuellen Bedürfnisse außer Acht zu lassen, Bedürfnisse, die das Talent befeuern, die es, um im Bild zu bleiben, zum Fliegen bringen.

Gregor Schlierenzauer kam 1990 in Rum zur Welt. Er war neun Jahre alt, als ihn sein Vater zum ersten Mal beim SV Bergisel zum Schnuppern vorbeibrachte. Sport stand bei den Schlierenzauers hoch im Kurs. Vater Paul hatte als Alpinskifahrer österreichische Meistertitel gewonnen und als Profiskifahrer Geld verdient. Der Bruder von Mutter Angelika, Markus Prock, sammelte internationale Trophäen bei den Kunstbahnrodlern und machte die Familie mit dem Begriff „Weltklasse" vertraut.
Das Schnupperspringen gefiel Gregor, und bald machte er eine Begegnung, die sein unübersehbares Talent konsequent befördern sollte. In seiner Trainingsgruppe traf er auf Mario Innauer, hochbegabt wie Gregor selbst, und die beiden ließen sich, wie es Marios Vater Toni Innauer formuliert, „von da an nicht mehr in Ruhe", rasten durch die Nachwuchsklassen und stimulierten einander zu immer besseren Leistungen, bis am Horizont die Wettkämpfe der Leistungselite auftauchten.
Schlierenzauer, dessen Management Onkel Markus übernommen hatte, schaffte den Umstieg in die Königsklasse - im Gegensatz zu seinem Freund Mario - mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit. Einem ersten Weltcupeinsatz in Oslo, Platz 24 im März 2006, folgten eindrucksvolle Resultate beim Sommer-Grand-Prix 07, und als die Weltcupsaison 07/08 begann, zählte Schlierenzauer bereits zu deren Stars. Er gewann sein erstes Weltcupspringen in Lillehammer, seine ersten beiden Konkurrenzen bei der Vierschanzentournee, er hatte sich in der Weltelite etabliert, bevor das Publikum seinen Namen buchstabieren konnte.
Seine erste Weltcupsaison beendete Schlierenzauer als Vierter. Im Jahr darauf, es war das große Jahr des Thomas Morgenstern, schloss Schlierenzauer als Gesamtzweiter ab und holte sich, quasi zur Entschädigung, den Titel eines Skiflug-Weltmeisters im Einzel und der Mannschaft. Im Sommer 2008 gewann er den Sommer-Grand-Prix, und das Ziel für die laufende Saison, das er locker formulierte, hieß „Vierschanzentournee". Damit meinte Gregor nicht den dritten Platz, den er am Ende belegte, und die schwärende Unzufriedenheit über eine Leistungskurve, die ihn zwar immer unter die ersten Vier, aber nicht immer ganz nach oben befördert hat, lässt tief in die Psyche eines ausgeprägten Siegertyps blicken:
Solange es besser geht, verschenkt Gregor Schlierenzauer vielleicht ein verbindliches Lächeln, schreibt geduldig Autogramme, drückt Hände, spendet Worte.
Zufrieden aber wird er nicht sein können, nicht mit sich, nicht mit denen, die ihm dazu verhelfen sollen, der Beste zu sein.

Gregor Schlierenzauer setzt sich im Lotussitz auf die Polsterbank des Kaminzimmers und hört aufmerksam zu, was man von ihm wissen will. Er ist 1 Meter 80 groß, wirkt aber größer, weil sein Körper lang und schmal gebaut ist - ein Grundvorteil beim Skispringen, wie sein Trainer sagt, weil der leichte Oberkörper und die Hebel der langen Beine dem Sportler dabei helfen, seinen Schwerpunkt beim Absprung zielsicher zu treffen und auf langem Weg sauber und schwungvoll zu beschleunigen.
Gerade erst ist er 19 Jahre alt geworden. Zum Feiern war wenig Zeit, die Tournee gerade vorbei, das Skifliegen auf dem Kulm vor der Tür. Schlierenzauer spricht ruhig, er sondert keine Worthülsen ab, wie es manche Sportler mangels Alternativen gern tun, und er orientiert sich auch nicht daran, was sein Gesprächspartner gern hören will. Er ist sich bewusst, dass er im Elfenbeinturm des Spitzensports agiert, aber er verwechselt sein Terrain nicht mit der realen Welt.
Die Welt, das Draußen: sie müssen freilich warten auf diesen klugen, überlegten jungen Mann, denn der weiß, dass der Sport derzeit seine ganze Aufmerksamkeit verlangt. Er instrumentiert geschickt das System aus Trainern, Vertrauten, Familie, holt sich Vertrauen und Zuspruch, wo er es bekommen kann, lässt das erstklassige Trainingssystem des ÖSV wirken und pflückt sich spezielle Vorteile aus der individuellen Umgebung, über die ausschließlich er verfügt. Seine Ansprüche sind hoch. Das komplizierte Geflecht aus Athletik, Technologie und Psychologie, das einen Spitzensportler umgibt, will perfekt gestrickt sein.

Es erübrigt sich, Schlierenzauer danach zu fragen, ob sein Hunger auf Erfolg gestillt ist, er kommt der Frage nach subjektiver Zufriedenheit mit einem Postulat zuvor: „Ich weiß, dass meine ganz großen Jahre erst kommen werden."
Es entspinnt sich ein rasender Dialog über die Zukunft, die Anlaufspur dorthin und ihre Wirkungsgeschichte, von hinten nach vorne betrachtet.
Zum Beispiel sagt Schlierenzauer, dass er mit seinen Erfolgen noch lange nicht genug hat, er versteigt sich fast ins Mythische: „Ich will eine Ikone sein."
Der Treibstoff für den Weg zur Ikone?
„Die Gier und die Lust, der beste zu sein."
Gier oder Lust?
„Beides."
Wie passt zu diesem sportlichen-religiösen Ehrgeiz die Freude am Styling, an coolen Kleidern, der perfekt zerzausten Frisur?
„Wenn die Leute in 50 oder 70 Jahren über mich reden, will ich nicht dass sie sagen: der war gut, hat aber Scheisse ausgesehen."


Als Gregor Schlierenzauer die mächtige Naturschanze auf dem Kulm besteigt, um das erste Training zu absolvieren, stehen im Zuschauerraum bereits Hundertschaften begeisterter Mädels, die auf ihren Schwarm, den herzigen „Schlieri" warten.
Der herzige Schlieri hat in diesem Moment freilich etwas ganz anderes im Kopf als kreischende Mädels. Er muss die Hierarchie im Feld wieder herstellen, eine Hierarchie nach seiner Façon. Er hat bisher an vier Skisprungtagen teilgenommen, alle vier hat er als Sieger beendet. Daran soll sich nichts ändern.
Als er auf den Balken hinaus gleitet, hat sein Gesicht nichts von der amüsierten Freundlichkeit, mit der er sonst durchs Leben geht, grüßt, Blickkontakte erwidert. Der Mann, das ist gut zu erkennen, ist sehr bei sich. Er hat etwas vor.
Bumm-Bumm-Bumm.
Schlierenzauer fliegt auf 209,5 Meter, das ist eine furchteinflößende Weite auf dieser Schanze, deren Juryweite bei 200 Meter liegt. Bei der Landung eine energische, fast zornige Jubelgeste mit der Hand, so. Das wäre erledigt. Im Auslauf kann er schon wieder lächeln, so wie es ihm gefällt, von innen heraus, nicht von außen nach innen, wie nach der Tournee.
Als tags darauf, im ersten Wettkampfdurchgang, der Schweizer Simon Ammann sich erdreistet, Schlierenzauer einen ziemlich beeindruckenden Flug auf 207 Meter vor den Latz zu knallen, sieht sich dieser herausgefordert, die eigene Legendenschreibung nicht der Zukunft zu überlassen.
Im Entscheidungsdurchgang fliegt er auf 215,5 Meter. Der Aufsprung im Flachen ist so hart und schwierig, als würde man mit Turnschuhen aus dem ersten Stock auf einen glitschigen Asphaltboden springen.
Die Kräfte der Schwerkraft zerren an Schlierenzauer, sie wollen ihn von den Skiern reißen, aber der junge, starke Mann widersetzt sich, er hat keine Lust, das Wunder des Fliegens von der Rückkehr auf den Boden banalisieren zu lassen.
Und er gewinnt den Kampf. Er hat, was ihm bisher noch nicht gelungen war, „eine außerirdische Bombe" abgeliefert, wie es in der ausgefeilten Fachterminologie der österreichischen Skispringer heißt.
Später beim Interview formuliert Schlierenzauer das ganz ungeschminkt. Er glaube nicht, dass man hier noch weiter springen könne.
Punkt.
Nächstes Kapitel.







Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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