Gerhard Matzig

Interviews / Nido
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© Wolfgang Thaler, Peter von Felbert

Interview über das Leben am Stadtrand. Und über ein sehr schmales, sehr schwarzes Haus



Herr Matzig, was zwingt einen Urbanisten an den Stadtrand?

Die Reise begann am 2. Mai 1999, als meine Tochter Marie zur Welt kam - in der Klinik an der Maistraße in München, schön innerstädtisch gelegen. Ich feierte etwa eine Woche lang, dass ich Vater geworden war, und als ich Frau und Tochter vom Spital abholen musste, hatte ich vergessen, das Kinderzimmer herzurichten und das Geschirr zu spülen...

...und zur Strafe mussten Sie zu den Gartenzwergen nach Waldtrudering.

 Nicht sofort. Aber meine Frau war über den Empfang sehr enttäuscht. Sie sagte:  „Du denkst wohl, in deinem Leben hätte sich nichts geändert." Und ich musste zugeben, dass sie Recht hatte. Ich dachte, nichts würde sich ändern. Außerdem war das Kinderzimmer zu dunkel, und es war unpraktisch, alles in den dritten Stock schleppen zu müssen, weil das Haus keinen Lift hatte. Wir haben uns also eine neue Wohnung gesucht.

Am Stadtrand? 

Nein, in der Innenstadt. Da bestand ich drauf.

 Wollten Sie in der Mitte der Stadt leben, um nicht zugeben zu müssen, dass Sie erwachsen werden?

 Sehr gut möglich. Als Student lebt man natürlich in den Kneipen und Kinos und auf Partys, und das verbindet sich auch mit dem Wohnen in der Stadt. Als etwas älterer Mensch denkt man immer noch, wenn ich mir die Umgebung bewahre, bewahre ich mir auch etwas von ihrem Geist und bleibe eigentlich jung. Vielleicht ist die Stadtmitte ein gedachter Jungbrunnen.

 Die Entscheidung, an den Stadtrand zu ziehen, ist also das Eingeständnis, dass die Jugend vorbei ist?

 Ganz genau. Deshalb habe ich ja zehn Jahre gebraucht, von 1999 bis 2009, in denen ich mich gegen meine Frau gewehrt hatte, die von Anfang an sagte: ein einfaches kleines Häuschen mit einem kleinen Garten wäre genau das Richtige. Aber ich habe immer Nein gesagt.

 Warum denn?

 Es kam mir vor wie die letzte Entscheidung meines Lebens. Fester Job, eine Frau, für die ich mich entschieden habe, drei Kinder, die mein Lebensinhalt sind - ich war etabliert, erwachsen. Eigentlich konnte ich mich jetzt umbringen.

 Aber Sie haben diese letzte Entscheidung dann trotzdem getroffen. Wann hat Ihre Frau denn gewonnen?

 Am 23. August 2005. Da ist Leonard, unser drittes Kind, zur Welt gekommen. Und drei Kinder in der Münchner Innenstadt - das ist unmöglich. Alle Wohnungen in München sind für zwei Kinder ausgelegt. Die ganze Logistik wird unerträglich. Man hat plötzlich das Auto voller Lebensmittel und voller Windeln. Okay, sagte ich zu meiner Frau. Du hast gewonnen.

 Warum zogen Sie ausgerechnet an den Stadtrand? Als Kritiker schrieben sie immer wieder, dass Menschen am Stadtrand weder Stadt noch Land haben. Dass sie sozusagen im Nichts leben.

 Ja. Etwas Schlimmeres als den Stadtrand konnte ich mir nicht vorstellen. Aber wenn man in München ein Haus bauen will und ein Grundstück sucht, ist das in der Stadt fast unmöglich, und auch in der Nähe der Stadt sehr schwierig. Deswegen ziehen die meisten aufs Land. Dort müssen sie aber pendeln. Stadtrandbewohner zu sein, fand ich schlimm. Pendler zu sein, noch schlimmer.

 Wie war es, als Sie das Nichts des Stadtrands erkundeten?

 Dramatisch. Aber auch lustig. Plötzlich besuchten wir Gegenden Münchens, von denen wir noch nie etwas gehört hatten. Wo ist Waldtrudering? Oder, besser gesagt: wer oder was ist Waldtrudering? Ich wusste das vorher auch nicht.

 Wer oder was ist Waldtrudering?

 Man fährt eine lange, große Straße aus der Stadt raus. Eine dieser typischen Ausfahrtstraßen, die gekennzeichnet sind durch Fast Food, Baumärkte und Tankstellen. Wo einem so richtig das Herz in die Hose sinkt. Aber dann biegt man von dieser Ausfallstraße ab, und plötzlich waren wir in einer Gegend, die mich berührte.

 Inwiefern?

 Ich glaube, Waldtrudering hat mich an meine Heimatstadt erinnert. Es war Winter, und es lag so viel Schnee. In der Innenstadt liegt immer nur Matsch. Hier lag der Schnee meterhoch. Eine romantische, bezaubernde, vorstädtische Situation. Ein Wohlgefühl.

 Die Dramatik war verflogen?

 Die Dramatik setzte sich zusammen aus der wachsenden Verzweiflung auf dieser Ausfallstraße, wo du nur mehr denkst, ich will hier nicht hin, ich gehöre hier nicht hin, ich lasse mich scheiden, wenn du mich zwingst, hier zu leben, bis zu diesem - ach, ist das schön hier. Alles war dramatisch.

 Warum entschieden Sie sich dafür, ein Haus zu bauen? Man kann schließlich auch eines kaufen oder mieten.

 Wir haben bestimmt hundert Häuser angeschaut, und eins war hässlicher als das andere. Nirgendwo fanden wir eine Situation vor, in der sich das Leben, das wir führen wollten, widerspiegelte.

 Was führte dazu, dass Sie ein so außergewöhnliches Haus bauten? Schmal und schwarz wie kein anderes?

 Wir haben kein Wohnzimmer. Wir sitzen jetzt in der Küche. Das ganze Erdgeschoss ist ein großes Wohnen - hier wird gegessen, gekocht, gelesen, Musik gehört, und dort hinten in einem Eckchen steht der Fernseher. Ein Wohnzimmer brauchen wir nicht, aber alle Häuser, die wir anschauten, hatten Wohnzimmer, die wir nicht brauchten, und dafür kleine Küchen, die wir nicht wollten. Dann war das so ermüdend, dass ich irgendwann gesagt habe: Wir müssen das selbst entwerfen.

 Ein nächster Kompromiss.

 Nein, im Gegenteil. Wenn ich schon ein Haus mit Garten am Stadtrand bewohnen soll, dann wenigstens so, wie ich mir das vorstelle. Das Leben am Stadtrand ist ein Kompromiss. Aber wenn auch das Haus ein Kompromiss wäre, dann wäre das ein Kompromiss zu viel. Ich habe dann gesagt: wir müssen das radikal angehen. Das, was wir wollen, finden wir nicht. Also bauen wir's uns selbst.

 Befreiender Gedanke oder Pakt mit dem Teufel?

 Ein Haus zu bauen war eines der intensivsten Erlebnisse meines Lebens. Die Frage, in welchen Räumen ich leben möchte, hat eine höchst interessante, tiefenpsychologische Selbsterforschung zur Folge. Ich weiß nicht, ob „befreiend" das richtige Wort ist, aber herauszufinden, wie man leben will, gibt einem wahnsinnig viel Kraft. Die braucht man dann übrigens auch, um während des Hausbauens Architekten und Handwerker zu überleben.

 In einem Wort zusammengefasst: war das Erlebnis toll oder verrückt?

 Toll.

 Fanden Sie die Freiheit, herausfinden zu müssen, was Sie wollen, nicht auch beängstigend?

 Natürlich hat diese gigantische Freiheit auch ihre Problematik. In unserem Fall waren wir allerdings gar nicht so frei, denn das Grundstück, das wir schließlich fanden, gab die Form dieses Schuppens baurechtlich mehr oder weniger vor.

 Wieso kauften Sie ein Grundstück, das Sie so einschränkte?

 Weil man sich in München eigentlich gar kein Grundstück leisten kann. Nach einer Woche intensiver Grundstückssuche habe ich gesagt, wir können das alles vergessen. Zu teuer. Dann kamen wir auf die Idee, ein „Problemgrundstück" zu suchen, also eines, das radioaktiv verseucht ist oder militärisch kontaminiert oder sowas. 

Wie sucht man ein Problemgrundstück? Unter der Rubrik „radioaktiv" im Immobilienteil?

 Nein, ausschließlich nach dem Preis. Hinter jedem billigen Grundstück steckt ein Problem. Und es war schließlich klar, wieviel Geld wir maximal ausgeben können.

 Von welcher Summe sprechen wir?

 250.000 Euro für das Grundstück. So ein Grundstück gibt's in München nicht. Dieses Grundstück hier lag dann knapp darüber, und ich habe mich schon gewundert warum. Die Gegend ist gar nicht so billig.

 Woran lag's?

 Zuwenig Platz für ein Haus. Das sagten auch alle Nachbarn.

 Warum ließen Sie sich nicht entmutigen?

 Mir kam zugute, dass ich aus der Architektur komme und aus Baugeschichte und zeitgenössischen Architekturbeispielen wusste, wie schmal Räume sein können. Ich dachte, wenn das in Japan geht, dann krieg ich das auch hier hin.

 Sie kehrten also in die gefühlte Innenstadt zurück und machten sich an eine sehr urbane Idee: ein Haus mit sehr wenig Platz.

 Absolut. Das ist ja auch sinnvoll. Es gibt ja gerade die Renaissance der Stadt in Europa. Wir haben erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Vor 100 Jahren haben zwei Prozent der Weltbevölkerung in Städten gewohnt, jetzt sind es 50 Prozent. Das geht nur, wenn die Räume verdichtet werden. Früher war ein Grundstück vielleicht 900 Quadratmeter groß und es stand ein Haus drauf. Jetzt muss man sich fragen, ob nicht drei Häuser drauf stehen können.

 Wie groß ist Ihr Grundstück?

 540 Quadratmeter. Das ist gar nicht so besonders klein, aber es ist nur zwölf Meter breit und die Abstandsregelungen erlauben nicht, dass man zu nahe an die Nachbarn hinbaut. Deshalb musste das Haus so schmal werden.

 Sie entschieden sich für den Architekten Andreas Meck. Was sagte Meck, als er das schmale Grundstück sah?

 Er schlug mir vor, dieses superschmale Grundstück noch schmaler zu machen und einen vier Meter breiten Kiesweg anzulegen. Er argumentierte das so: Sie haben ein Problem, das werden wir jetzt verschärfen, und durch die Verschärfung lösen wir es.

 Konkret?

 Das Ziel war, dass man nicht das Gefühl hat, das Haus wie einen zu heiß gewaschenen Pullover zu betreten. Es ging wirklich darum, jeden Millimeter sinnvoll auszunutzen und den Lebensvorstellungen der Familie zu entsprechen. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass diese Vorstellung wunderbar mit den räumlichen Beschränkungen umgehen kann. Wir wollten einen großen, öffentlichen Raum für alle, und jeder braucht eine Zelle, in die er sich verkriechen kann. Diese Zelle kann sehr klein sein. Wir haben winzige Zimmer. Andere Eltern würden ihren Kindern niemals so winzige Zimmer zumuten, dafür ist aber alles andere ein Abenteuerlebensraum. Das funktioniert.

 Ohne Wohnzimmer?

 In unserer Altbauwohnung hatten wir ein gigantisches Wohnzimmer, in dem nie jemand von uns saß. Wir saßen immer in der Küche. Hier findet alles statt. Ich arbeite an diesem Tisch, wir essen, wir kochen, meine Kinder machen Hausaufgaben auf diesem Tisch. Und es hat sich noch etwas gezeigt - wir hatten zwei Kinderzimmer für drei Kinder, die waren auch sehr groß, aber keins der Kinder konnte ganz für sich sein. Und auch da haben wir gemerkt, dass die Kinder sich winzigste Ecken suchen, die sie dann mit Stoffen und anderem Zeug zumachen, um zu definieren - das ist meins. Also haben wir gesagt, die Kinder werden ganz kleine Zellen für sich haben. Wir haben aus den Defiziten der Wohnung den Plan entwickelt, wie wir's hier haben wollen und haben das auch rigoros umgesetzt.

 Wie erleben Sie die Stadt, von Waldtrudering aus gesehen?

 Manchmal habe ich ein melancholisches Gefühl, wenn ich zum Beispiel zum Viktualienmarkt komme. Dann fühle ich mich wie ein Tourist.

 Was tun Sie gegen den Stadtentzug?

 Wenn's ganz schlimm wird, setz ich mich auf die Vespa, fahre in die Stadt, esse ein Eis, und fahre wieder hierher. Das hilft.

Und wenn es regnet? Dann machen Sie sich doch lieber zu Hause die Flasche Chianti auf...

 Das führt mich zu der interessanten Frage, ob ich am Ende nicht für meine Frau oder für meine Kinder ein Haus gebaut habe, sondern für mich selbst. Meine Kinder könnten vermutlich ganz gut in der Stadt leben. Aber ich liebe es inzwischen, da unterm Baum zu sitzen und meine Ruhe zu haben. Der Spießer in mir hat Befriedigung erfahren.

 Wie äußert sich der Spießer in Ihnen? 

Freude an geregelten Arbeitszeiten und der Hang, am Samstag den Rasen zu mähen. Ich lebe jetzt, wie meine Eltern gelebt haben. Natürlich bin ich aufgebrochen, um das Gegenteil zu leben, aber jetzt sitze ich in einem Haus, in dem auch mein Vater sitzen könnte.  

Kann man das ohne Ironie aushalten? Das Buch, das Sie über Ihren Weg an den Stadtrand geschrieben haben, ist zutiefst ironisch. 

Ironie ist eine gute Möglichkeit, die Welt zu ertragen. Deshalb ist auch der Grundton des Buches zutiefst ironisch, aber mehrfach gebrochen, weil ich selbst nicht mehr genau weiß, was wahr ist und was nicht. Letztlich tut man alles, um sein Leben anzunehmen.

 Haben Sie das Gefühl, angekommen zu sein?

 Ich weiß nicht. Aber mein Leben ist jetzt für einen größeren Zeitraum überschaubar und das stelle ich nicht mehr in Frage. Ich denke nicht mehr darüber nach, ob morgen alles ganz anders sein wird. Das ist ein gutes Gefühl. Das kann ich empfehlen.

 

 

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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