Frühling am Lago

En Tour, Alacarte / Kolumnen
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Illustration: Markus Roost

Ein Grillfest am Gardasee, und eine sehr lange Anreise, damit wir die richtigen Getränke im Kofferraum haben


Das ist eine Story über Norditalien im Frühjahr. Das Trentino, Sie wissen schon: nicht mehr Südtirol, noch nicht Lombardei, noch nicht Veneto, ein Stück Land links und rechts der Autobahn, das die meisten von Ihnen nur vom Durchfahren kennen, außer sie gehen am Gardasee, „am Lago", wie der Tiroler gern sagt, Windsurfen oder durchklettern, wie mein junger Freund David Lama, mit Vorliebe die überhängenden Felsformationen am Monte Brento.

Damit es Frühjahr werden kann, muss diese Story aber im Winter beginnen, und zwar in der Dunkelheit Bayerns. Ich saß im Auto und verließ gerade München, die Dämmerung hatte eingesetzt und es schneite schüchtern. Mein Plan bestand darin, in dreieinhalb Stunden nach Trento zu fahren und dort um halb neun in einem gut geheizten Stadtrestaurant eine Mahlzeit einzunehmen, die mich mit den Strapazen der Reise versöhnen würde.

Aber daraus wurde nichts. Denn gerade als ich das Gefühl hatte, dass sich der Feierabendverkehr auf der Autobahn München-Salzburg etwas ausdünnt, wurde der Schneefall stärker, und mein Freund von B5, dem Informationssender des Bayrischen Rundfunks, sprach von einem 30 Kilometer langen Stau am Irschenberg. Ich kontrollierte meine Position auf dem GPS. Ich steckte in genau diesem Stau, und zwar ganz hinten, den Irschenberg würden wir erst in Stunden erreichen. Außerdem sagte der Freund von B5 übrigens, dass es sinnlos sei, die Autobahn zu verlassen, denn die werde wenigstens vom Winterdienst bedacht, während das Umland gerade im Schnee versinke.

Ich fuhr im Schritttempo weiter. Über meinem Kopf war eine leuchtende Denkblase zu sehen, in der neben einem Teller mit Linsen und Salsicca auch ein schönes Glas Weißwein stand, und diese Blase platzte gerade. Verärgert griff ich nach rechts und schälte das Twix aus seiner Verpackung, das ich geschworen hatte, niemals anzufassen.

Die Stunden auf dem Irschenberg vergingen langsam. Ich meisterte sie mit dem Kolonnen-Buddhismus, den ich mir in den vergangenen Jahren angeeignet habe. Ärgere dich nicht über Dinge, Mensch, die du nicht ändern kannst, wenn du ein weiser Mann sein willst. Ich will gerne ein weiser Mann sein. Daher legte ich mir „Jasmine", das fantastische Duett von Keith Jarrett und Charlie Haden, in den CD-Player, das man sowieso nur hören kann, wenn man langsamer als mit 30 km/h unterwegs ist, und meditierte mich in der Schönheit des Liebeskummers der beiden Jazzgiganten über den Irschenberg, nur unterbrochen von gelegentlichen Anrufen meines Lieblingswinzers, der mir gut zuredete, in ein nahes Brathendl-Restaurant abzubiegen, aber ich wollte weiter, in den Süden, in die Berge, ins Bett.

Es war ziemlich genau Mitternacht, als ich nach siebenstündiger Autofahrt in Trento ankam. Ich hatte im besten Hotel der Stadt, dem „Aquila d'Oro", ein Zimmer bestellt, Blick auf die Piazza del Duomo, wo der romanische Dom St. Virgil den südalpinen, mittelalterlichen Fassaden der Bürgerhäuser gegenübersteht. 

Ein friedliches Bild. Es schneite leicht. Das gelbe Licht verwandelte den Platz in eine Weihnachtskrippeninstallation von Eleganz und Feierlichkeit. Ich betrachtete das friedliche Bild von meinem Fenster aus, hörte meinen Magen ganz unbuddhistisch knurren und entschied, noch eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen, meine Beine würden es mir danken, und vielleicht hätte ja auch noch eine Bar offen, die mir ein Panino toastet oder so was.

Ich war in einer etwas nach innen gerichteten Stimmung, wie auch sonst, nach langer Autofahrt, einer hohen Dosis Keith Jarrett und der Ankunft in einer surreal ruhigen Stadt, und ich dachte gerade darüber nach, welche Gedichte welchen Autors ich jetzt aus der Manteltasche ziehen müsste, um die richtigen Worte für die Bewegung meines Herzens vorzufinden. 

Doch während ich im Geiste die deutschen Romantiker sortierte, in deren Gefolgschaft ich mich heute Abend mit Hingabe begeben hätte, öffnete sich auf der anderen Seite des Platzes eine Tür, und aus einem Wirtshaus kugelte eine Gruppe fröhlicher Menschen heraus. Sie überquerten die Piazza und trippelten ein unerwünschtes Muster in den frisch gefallenen Schnee, mir entgegen.

Ich zog die Mütze tief ins Gesicht. Der Kragen meines Mantels war aufgestellt, mein Kopf tief zwischen den Schultern. Nur nicht den Anschluss verlieren zur Magie des Augenblicks. Mit langen Schritten visierte ich den nördlichen Ausgang des Platzes an, noch ein paar Atemzüge dieser kostbaren Einsamkeit, dann zurück ins Hotel und „Rot und schwarz" von Stendhal auf den iPad laden, das wäre jetzt genau das Richtige.

Die Truppe aus dem Restaurant kreuzte meinen Weg. Die drei Girls hatten es gerade lustig, ein massiger Herr gähnte, und der Typ mit der merkwürdigen Kappe musterte mich ein, zwei Sekunden lang im Vorbeigehen, dann sagte er in breitem Wienerisch: „Servas, Seiler."
Es wäre überraschend gewesen, irgendwen hier zu treffen, den Dompfarrer von St. Virgilio vielleicht ausgenommen, aber dass ausgerechnet der Grieche heute um halb eins über den Trentiner Domplatz gehen würde, war nun ausgesprochen unwahrscheinlich. Aber da dieser Mann die Unwahrscheinlichkeit zu seinem Lebensprinzip gemacht hat und den Zufallsgenerator zum verlässlichsten Ratgeber, hielt sich meine Überraschung auch wieder in Grenzen. 

Ich antwortete also, ohne mir meine Überraschung anmerken zu lassen:
„Buona Sera."

Immerhin waren wir in Italien.

Jetzt sah ich erst, dass der Grieche die rothaarige Spinola-Prinzessin Caroline dabei hatte, seine persönliche Übersetzerin. Caroline überragt den Griechen um etwa eine Kopflänge, zumal sie ihre Körpergröße von gut 1,80 Meter nicht daran hindert, hohe Schuhe zu tragen. Wir waren bereits in der Emilia Romagna miteinander unterwegs gewesen, sehr zum Vorteil der Kommunikation mit den Eingeborenen, und ich muss zugeben, dass ich den Griechen um sein sprachliches Privatsekretariat ernsthaft beneidete. Zumal ich nicht einmal sicher bin, ob er weiß, dass „Buona Sera" nicht „Servas, Grieche" heißt. Er bezieht alles, was er nicht versteht, auf sich selbst, das ist meistens ein Nachteil, aber nicht immer.

Caroline machte aus ihrer Überraschung allerdings kein Hehl. Sie stand neben dem Griechen und biss in den Handschuh, der ihre Faust umhüllte. Prinzessinnen sind so. Sie lieben keine Überraschungen, deshalb gibt es am Hof auch ein strenges Protokoll.

Als Caroline ihre Sprache wiedergefunden hatte, machte sie deshalb auch einen protokollarischen Vorschlag. Wir sollten in die Golden-Eagle-Bar gehen, um zu besprechen, wie zwei Männer, die sich ein Jahr, nachdem sie einander in Stockholm aus den Augen verloren haben, in der trentinischen Nacht wiederfinden können.

Ich schlug ein, denn der Vorschlag war praktisch. Die Golden-Eagle-Bar befand sich im Erdgeschoss meines Hotels Aquila d'Oro, und wenn man das als „Goldener Adler" ins Tirolerische übersetzt, ist das genau der richtige Ort für ein Gespräch unter Europäern.
Hier trank ich meine erste Flasche Trentodoc. 

Bevor ich jetzt beginne, über den Namen dieses außergewöhnlichen Getränks zu meckern, kurz die Aufklärung der Geschichte. Der Grieche war hier, weil er einen Zweitjob als Weinhändler im Auge hatte - wobei mir gerade einfällt, dass ich niemals wusste, was sein Erstjob eigentlich ist, oder dass er überhaupt einen hatte. Für diesen Zweitjob habe er jedenfalls an einer Querverkostung von gereiften, trentinischen Schaumweinen teilgenommen - augenblicklich fiel mir ein, dass es der Grieche gewesen sein muss, der mich mit dem grandiosen Katerfrühstücksgetränk namens „El Greco" vertraut gemacht hatte. „El Greco" heißt dieses Getränk natürlich, weil mich der Grieche damit vertraut gemacht hat, und die Wirkung ist erstaunlich, wenn man als Versuchsanordnung einen kapitalen Brummschädel wegen zu ausführlichem Meinungsaustausch am Vorabend annimmt. Das Bier stabilisiert, der Champagner motiviert. Der Kaffee schmeckt anschließend viel besser.

Ich schaute über die blankgeputzte Theke der Golden Eagle-Bar, auf der jetzt einige Gläser standen, gefüllt mit trentinischem Spumante der Kellerei Ferrari, deren gehobene Klasse „Perlé" heißt und mit Abstand das champagnerähnlichste ist, was die Region hervorbringt. Das ist ein Lob und ein Tadel, später mehr, im Getränketeil dieser Story.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann der Grieche und ich zuletzt einen „Greco" zum Frühstück genommen hatten und musste die Rechnung ohne Ergebnis abbrechen. Es war lang, lang her, als wir noch Kinder gewesen waren, mit offenen Autos, abgeschnittenen Jeans und Frisuren, die man als solche bezeichnen konnte. Aber wenn der Abend so weiterginge, wäre morgen ein guter Termin, um das Rezept aus dem Giftschrank zu holen.

Der Abend verlief dank einer diplomatischen Intervention der Prinzessin ohne Narben, sie musste den Griechen nur daran erinnern, dass für morgen eine Führung über tausend Weinberge geplant sei, samt Kellerbesichtigung und Anbahnungsgesprächen, und er strich sofort die Segel. Okay, es war halb vier, „sofort" ist also relativ, aber das Frühstück stand noch nicht auf dem Tisch, das gereichte uns zum Trost.

Wieder stand ich am Fenster, betrachtete die Piazza del Duomo und spürte den Nachschwingungen der Romantiker nach, die vor ein paar Stunden noch mein Herz erfüllt hatten. Aber da war etwas anderes, kein leiser, literarischer Schmerz mehr, sondern Vorfreude, und die Farbe, die über dem Platz lag, sah heller aus als um Mitternacht, und als ich nachzudenken begann, ob die Verschiebung meiner Wahrnehmung am Schaumwein liegen könnte, musste ich einschlafen, bevor ich zu einem Ergebnis gekommen war.

Ich verbrachte den Vormittag an der Seite von Comtessa Sabrina. Die Prinzessin habe sie in der Früh angerufen, sagte Sabrina, ob ich Lust hätte, ein bisschen Spumante zu probieren?
Wer würde nein sagen? Nicht ich. Sabrina führte mich auf einen Spaziergang durch die Stadt, und die Stadt zeigte sich von ihrer besten Seite. Glamouröse Häuser, denen das Alter nur in Form von Charakter anzusehen ist. Straßen, die sich zu Plätzen öffnen, über denen der Blick hinaus aus der Stadt hinauf auf die Berge schweifen kann, die Trento umgeben.

Unser Ziel war der Palazzo Roccabruna, ein breitschultriges Herrenhaus, in dessen Erdgeschoss die Gebietsvinothek Unterschlupf gefunden hat. Dort, sagte Sabrina, sei alles vorbereitet für eine repräsentative Verkostung jener Trentiner Schaumweine, die eine Reise wert seien. 

Ich wurde in einen Raum geführt, der wie ein Klassenzimmer eingerichtet war. Vorne eine große Tafel, sechs Bankreihen mit den dazugehörigen Stühlen, nur dass keine Bücher auf den Tischen gestapelt waren, sondern eine Batterie Gläser dastand. Dann kam schon der Herr im Anzug, der mir die ersten fünf Spumantes zur Verkostung einschenkte.
Ich verkostete jeden Wein mit der gebotenen Langsamkeit und machte mir Notizen.
Dann kam der Herr im Anzug und schenkte die Gläser mit neuen Weinen voll.

Ich verkostete jeden Wein mit der gebotenen Langsamkeit und machte mir Notizen.
Dann kam der Herr im Anzug und schenkte die Gläser wieder mit neuen Weinen voll.
Die Uhr von St. Virgilio schlug zehn. Es war jetzt Zeit für die Zwischenfrage, wie viele Gläser mir denn zum Probieren gereicht werden würden.

52, antwortete der Herr, und ich stieg darauf um, den Wein nur noch zum Schmecken in den Mund zu nehmen und lieber nicht zu schlucken. Ich kam mir zwar ein bisschen schofel dabei vor, aber immerhin konnte ich noch schreiben.
Kurz vor dem Mittagessen war ich fertig. Vor mir lag ein Stapel von Blättern, die mit meinen Beobachtungen vollgekritzelt waren.  

Da stand dann zum Beispiel: „Tropische Süße mit etwas fauligem Hintergrund/pieksüß und holzgeschnitzt/Fruchtjoghurtaromen/aufdringliche Perlen/entgleiste Frucht/stinkt/Nix" - nur damit Sie wissen, womit ich mich an diesem Vormittag herumschlagen musste
Aber eben auch: „Blasser Wein, bedeckt in der Nase, aber wunderbare Entfaltung am Gaumen/Kathedrale an Aromen, feierliches Echo/Quitte, Vanille, Zitronenzesten am Gaumen, vielleicht gut/lässig angezogene Eleganz, frisch, fruchtig, bestimmt super zu Käse oder Gebäck/Exzellente Balance von Frucht, Kraft und Frische/da können sich viele Champagner anhalten."

Der Vormittag lieferte mir erste Erkenntnisse über die enormen Kapazitäten des Schaumweins aus dem Trentino. Beim Mittagessen - es gab irgendetwas mit aufgeschäumter Sauce, was ich sofort wieder vergaß, aber dazu eine Reserve von „Abate Nero", die mir so was von einleuchtete: trocken ist ein Hilfsausdruck. 

In diesem Augenblick begriff ich: wenn der Wein aus dem Trentino gut ist, tritt er auf wie die Scherze von Ricky Gervais - ohne Geschwafel, ohne Umwege, ohne Hüftschwünge, furztrocken mitten ins Herz.

Logisch, dass ich dem nachgehen musste. Ich sortierte meine Notizen und brachte die Eindrücke in eine Reihenfolge. Dann entschied ich, meine liebsten Getränke in ihrem natürlichen Umfeld zu besuchen.

Der „Trento DOC" - seine Macher sprechen das harte Wort in einem aus, mit dem -dock als Ausrufezeichen am Schluss - wird nach derselben Methode erzeugt wie Champagner. Das darf man freilich so nicht sagen, seit die Champagnerwinzer sich ihre Methode auch sprachlich schützen ließen, und deshalb erzeugen die norditalienischen Kollegen zwar äußerst konkurrenzfähigen Schaumwein, haben dafür jedoch keinen Namen gefunden, der Eleganz und Glamour dieses speziellen, aufwändigen Getränks sofort übersetzen würde. 
Man experimentierte zwar mit dem Dachbegriff „Talento", aber das gefiel den Franciacorta-Winzern nicht, was ich ehrlich gesagt nachvollziehen kann. Daher kam es zu einer mehr oder weniger sinnvollen Zuteilung an Begriffen. „Spumante" - Schaumwein - bezeichnet den eher süßen Sprudel aus Asti, „Prosecco" ist für den in der Regel billiger gemachten Schaumwein aus der gleichnamigen Region reserviert, „Franciacorta" benennt den Schaumwein aus der Region zwischen Bergamo und Brescia, und für den Wein aus dem Norden blieb der Nussknacker-Code „Trentodoc". Die Welt kann sehr ungerecht sein. 

Es ist mehr als hundert Jahre her, dass der Trentiner Winzer Giulio Ferrari durch die Champagne reiste und das Gefühl nicht loswurde, irgendetwas erinnere ihn an zu Hause. Auch wenn die Landschaften unterschiedlicher nicht sein können - die sanfte Hügellandschaft der Champagne ist nicht zu verwechseln mit der alpinen Randlage des Trentino -  begriff Ferrari intuitiv, dass auch in seiner Heimat interessante Vorraussetzungen für klassisch bereiteten Schaumwein herrschen könnten. Seine erste Pionierleistung bestand darin, die Chardonnay-Traube ins Trentino mitzunehmen und im großen Stil auszupflanzen. Die zweite bestand in der Anmaßung, den Wein, der daraus entstand, nach dem Vorbild der Champagne zu Schaumwein zu verarbeiten. 

Der Rest ist Geschichte, und Giulio Ferrari wurden dafür zahlreiche Denkmäler errichtet.
Eines dieser Monumente steht im historischen Gewölbekeller des „Istituto Agrario Provinciale San Michele all'Adige". Diese Versuchsanstalt, in den Zeiten der Habsburgermonarchie gegründet, bildet junge Studierende zu Agronomen und Önologen aus, und die Büste Ferraris, des großen Umgestalters dieser Weinlandschaft, hat im Repräsentationskeller des „Istituto" einen Ehrenplatz - so wie ich. Denn ich hockte nicht weit von Ferraris Ehrenplatz in einem dunklen Kellerverlies und verkostete mit Walter Eccli, dem knorrigen Kommunikationschef des Instituts, die herrliche Reserve Edmundo Mach. 

Der Wein, 100 Prozent Chardonnay, kam frisch, elegant und zugänglich daher, darin waren Walter und ich uns einig, und dass er „drei Gläser" von Gambero Rosso bekommen hat, die Höchstwertung dieses jährlichen Weinalmanachs, muss in diesem Fall explizit entschuldigt werden, denn die Reserve, die den Namen des Institutsgründers trägt, verdient diese Bewertung im Gegensatz zu 80 Prozent der anderen ausgezeichneten Weine wirklich. Darüber hinaus verlief das Gespräch mit Walter äußerst fruchtbar, ich lernte einiges über die Autonomie Südtirols, und ich weiß jetzt, wie man Walter Eccli echt auf die Palme bringen kann: indem man Edmund Mach „Edmundo" nennt.

Nächste Station auf der Liste war ein wuchtiger Gebäudekomplex im Norden von Trento. Hier war gar nix idyllisch oder dunkel oder historisch. Die Kellerei „Ferrari", die Firma, die Giulio Ferrari 1902 gegründet hat. Oder, um genau zu sein: das Unternehmen, das damals als Kellerei gegründet worden war und jetzt der unbestrittene Marktführer für Spumante aus dem Trentino ist, ein Traditionsunternehmen in den Kleidern eines Industriebetriebs.

Der Eingang, wie das Entree eines Luxushotels aus den siebziger Jahren. In Italien gibt es so was noch, samt den entsprechenden Uniformen. Betresste Angestellte nahmen mich Empfang und führten mich erst einmal in einen Kinosaal, wo die Geschichte des Betriebs über einer monumentalen Tonspur auf der Panoramaleinwand abgespult wurde. Erst dann trat - dramaturgisch einwandfrei - die elegante Camilla Lunelli auf, die für Markteting zuständige Mitinhaberin von „Ferrari", sie führte mich einen Stock tiefer: in die neu ausgehobene Produktionslandschaft, in der Batterien von riesigen Stahltanks stehen, in denen der Wein für fünf Millionen Flaschen vergärt und gemischt wird, die Ferrari jährlich auf den Markt bringt.
Fünf Millionen Flaschen. Der Keller ist so groß wie ein Fußballplatz. Kein Wunder, dass mir der Grieche gestern Abend zugeflüstert hatte, dass er Camilla außerordentlich bezaubernd gefunden habe. Jemand, der in den Weinhandel einsteigen will, stellt sich so eine gute Partie vor.
Dafür braucht Camilla allerdings ihrerseits den Griechen nicht. Sie sortierte gut gelaunt Superlative. Die größten Anbauflächen. Die meisten Zulieferer. Die härtesten Qualitätskontrollen. 20 Millionen Flaschen, die im Keller lagern, schwarz glänzende Wände aus Flaschenböden, aus padanischem Lifestyle. 

„Ferrari" ist stolz auf ganz schön viel. Das war die Lehre, die ich aus der Führung durch den Betrieb mitnahm. Bei der anschließenden Verkostung begriff ich auch, warum. Es ist die französische Note, die diesen Spumante so attraktiv macht, seine weiche Färbung ins Melancholische, was in der Regel auf eine entsprechende Aromatisierung in der Endfertigung jeder Flasche zurückgeht.

Zur Erinnerung: Schaumwein wird im Trentino nach der „Metodo classico" - wie die ehemalige Champagnermethode heute genannt werden muss - hergestellt. Der fertige, aus Chardonnay oder weiß gekeltertem Pinot nero erzeugte Wein wird in Flaschen abgefüllt und mit etwas Rohzucker und speziellen Hefen angereichert. Dann werden die Flaschen mit Kronkorken verschlossen und gelagert. Der normale „Brut" muss nun mindestens 18 Monate reifen, jede Reserve mindestens 36 Monate. Tatsächlich bleibt der Wein bei den meisten Produzenten deutlich länger in der Flasche.

In dieser Zeit vergärt der Wein ein zweites Mal. Dabei bilden sich Kohlensäure und neue, typische Aromen. Die Größe der CO2-Perlen ist ein Indiz für die Qualität der Reifung. Je kleiner und subtiler die Perlen, desto besser ist die Kohlensäure im Wein eingebunden. Große und aggressive Perlen zeugen von Ungeduld oder handwerklicher Nachlässigkeit des Winzers.

In den letzten Wochen ihrer jahrelangen Reifezeit kommen die Flaschen kopfüber in hölzerne Dreiecksständer, die „Rüttelpulte". Jetzt werden die Hefen, die permanent als Schlieren an der Flaschenwand zu sehen sind, durch regelmäßiges Drehen der Flaschen und deren immer steilere Position im Rüttelpult in den Flaschenhals bewegt., Schließlich kommt die nach unten zeigende Flasche für kurze Zeit in ein Bad aus Kühlsole, so dass jener Teil des Weins, in dem sich Hefen und Sedimente befinden, vereist und nach Öffnung der Flasche als Pfropfen entfernt wird. Das fehlende Volumen in der Flasche wird nun - und hier entscheidet sich die Stilistik jedes Spumantes - mit einem Schuss Flüssigkeit aufgefüllt, um das sich allerorten Geheimnisse ranken. Während in der Champagne oft alte Branntweine zur Geschmacksveredelung beigefügt werden, sind es im Trentino meistens nur gereifte, oft im Holz ausgebaute Weine. Dann werden die Flaschen verkorkt. Nach einer nächsten Beruhigungsphase sind sie nun bereit für den Markt.

Ob Ferrari nicht auch mit Branntweinen arbeitet? Ich weiß es nicht, aber wundern würde es mich nicht. Die Weine waren jedenfalls deutlich polyglotter als die anderen Trentodocs. Das kam später, zu Hause, bei den Champagnertrinkern unter meinen Freunden gut an. Aber ich hatte mich längst in die würzige Trockenheit anderer Flaschen verliebt.
Comissario Lunelli zum Beispiel, der mit Camilla nur den Nachnamen teilt. Er erteilte mir eine veritable Lektion in Geographie, denn bis ich seine Kellerei „Abate Nero" gefunden hatte, kannte ich das Umland von Trento wie meine Westentasche, Stichwort: Adressen und wie sie das Navigationssystem verarbeitet.

Aber dann das vollkommene Glück. Ein Glas. Der Wein pulsierte, tänzelte, streckte sich, bis er endlich bereit war, sein Aroma zu lüften. Kräftige, angenehme Säure. Eine fabelhafte, entschlossene Trockenheit, ein Strauß aus...

„Trentino", schrie Luciano Lunelli, lauter, als man ihm zugetraut hätte. Der Önologe mit dem schmalen, weißen Bart auf der Oberlippe verkürzte die Qualitäten seines Spumante salopp auf dessen Herkunft. Die Weingärten, in denen sein Chardonnay wachse, liege auf Kalk- und Schiefergestein in großer Höhe, wie solle da ein lieblicher Wein wachsen, hä? Ein Spumante aus dem Trentino hat trocken zu sein, verstehen Sie, trocken!

Ay, ay, Käpt'n.

Der Grieche im Dauerhigh. Links eine offene Flasche, rechts die Prinzessin, in der Mitte eine Zigarre, die dem Griechen zum Verwechseln ähnlich sah. 
„Dreh bitte noch eine Runde", sagte der Grieche, „und kauf mehr von diesem Getränk ein." 
Seitenblick auf die Prinzessin. 
„Sie kommt mit dir. Wenn dein Kofferraum voll ist, treffen wir uns am Lago. Genaue Anweisungen später."

Ich fuhr also in charmanter, sprachkundiger Begleitung nach Rovereto, zu Nicola Balter, und liebte dessen trockene, elegante Reserve. Ich besuchte Antonio Stelzer auf der Azienda oberhalb von Trento und war begeistert von der prächtigen Kalkaromatik seines Spumante. Ich kostete mich durch die vielen geschmeidigen Weine des Weinguts Endrizzi und fand den einfachsten Teroldego - den autochthonen Rotwein der Region - am Überzeugendsten. Undsoweiter. Vier schöne, lange Tage lang.

Als ich schließlich wie geheißen mit vollem Kofferraum - ich fahre einen Kombi - nach Süden fuhr, das liebgewonnene Stadtzentrum von Trento hinter mir ließ und den Gardasee ansteuerte, bemerkte ich, dass die Prinzessin dauernd an ihrem Handy herumfummelte.
„Was ist los?", fragte ich. Das Fummeln an Handys finde ich enervierend, außer ich fummle selbst.

„Tja", antwortete sie, und es dauerte bis Riva, bis ich ihr aus der Nase gezogen hatte, dass sie mit einem Gutsbesitzer in regem Funkkontakt stand, der angeblich den besten Spumante von allen erzeugt. Über den Rest muss ich leider schweigen.
Zwischendurch kam per SMS die Anweisung des Griechen, dass er uns im „La Tortuga" in Gargnano erwarte. Mit ihm warte eine Überraschung.

Ich war mir ziemlich sicher, dass die Überraschung darin bestehen würde, dass der Grieche sein Portemonnaie vergessen hat. Auch dafür habe ich einen speziellen Buddhismus entwickelt.

Aber es kam anders.
Über einem fantastischen Carpione, einer Forelle, die Frans, der Fischer von nebenan, herbeigeschafft hatte, und die mit sanftem Olivenöl und Zitronen aus dem Garten - wie das schon klingt: Zitronen aus dem Garten! - angemacht waren, sonst nix, erzählte der Grieche, dass er oben in den Hügeln über Gargnano ein kleines Gehöft gefunden habe, wo er vorhabe, das Grillen zu erlernen und dazu trockenen Schaumwein zu trinken. Wir seien eingeladen.
Nicht, dass wir in den nächsten Tagen „La Tortuga" ganz im Stich gelassen hätten. Wir unternahmen natürlich auch den obligaten Ausflug nach Verona, um in der Bottega dei vini den Tag auszusperren und uns davon zu überzeugen, dass man zu schweren Schmorgerichten tatsächlich Amarone trinken kann.

Aber sonst verbrachten wir die Zeit am offenen Feuer. Wir grillten Fisch, Fisch und Fisch, verbrauchten zahllose Zitronen und das Olivenöl von Montecroce aus Desenzano, das der Grieche in großen Gebinden besorgt hatte. Wir tranken trockenen Schaumwein, trockenen Schaumwein und noch trockeneren Schaumwein. 

Dabei sahen wir zu, wie der Frühling kam.

Der Frühling kam von Südwesten. Warmer Wind zuerst, dann ein grüner Schleier, der sich über die Sträucher und Baumkronen legte, dann die Sonne. Sie ließ die Bergrücken im Osten weiß leuchten, aber wir rückten den Tisch hinaus auf die Terrasse und sogen den Duft des Frühjahrs mit weit geöffneten Nüstern ein.
Das Frühjahr roch nach Zitronen und Quitten, und es prickelte auf der Zunge.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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