Fritjof Capra

Porträts

Als Fritjof Capra seinen Heimaturlaub in Innsbruck dazu nützte, einen grünen Lokalpolitiker aufzusuchen, um sich bei diesem über das Wesen der „Ökosteuer" zu informieren, erlebte er eine rechtschaffene Überraschung. Der Grüne sah aus wie ein Grüner, sprach wie ein Grüner, war ein Grüner - aber er machte keine Anstalten sich mit ihm, Capra, dem Ur-Grünen, zu verbrüdern. Nein, der Grüne duzte ihn nicht einmal; und daß man gemeinsam auf ein naturtrübes Bier gehen könnte, stand keine Sekunde lang zur Debatte. Kühl und nüchtern wickelte der Grüne die Fragestunde ab, und als Capra  wieder draußen auf der Straße stand, dachte er bei sich: „Ist der aber etabliert." Ganz richtig: Vor zehn, zwölf Jahren hätte die Existenz eines anderen jedem einzelnen Tiroler Grünen zu einer kleinen Euphorie verholfen. Heute: gehen die Grünen mit ihren Euphorien sparsamer um.



Man muß dieses kleine Beispiel in einem größeren Zusammenhang sehen. Das heißt: Fritjof Capra muß dieses Beispiel in einem größeren Zusammenhang sehen. Nachdem er in seinem New-Age-Knüller „Wendezeit", der 1982 Jahren erschien und allein in seiner deutschen Ausgabe mehr als eine halbe Million Exemplare verkaufte, die Etablierung der ökologischen Politik vorhergesagt hatte, kann er die Bestätigung dieser These gut brauchen. Denn dieser Tage erscheint sein nächstes, sein drittes Hauptwerk. Es heißt „Das Netz des Lebens" und präsentiert, nachdem „Wendezeit" „Bausteine für ein neues Weltbild" anlieferte, die Theorie des Größeren Zusammenhangs, der vernetzten, voneinander abhängigen Ökosysteme. Capra: „Nichts anderes als die Frage: Was ist Leben?"

Er hantelt sich also von der großen zur größeren, zur größten denkbaren Aufgabe. Faßt in seinem neuen Werk Systemtheorien verschiedensten Zuschnitts zusammen und versucht, ganz Hohepriester einer ökumenischen, gleichberechtigten Wissenschaft, deren Synthese. Es sind kunterbunte, exotisch glänzende Perlen des Wissens, die Capra an seinem Rosenkranz auffädelt: die „Dynamische Systemtheorie", die „Theorie der Komplexität", „nichtlineare Dynamik"; Chaotische Attraktoren, Fraktale, dissipative Strukturen, autopoietische Netzwerke. Er ruft Systemtheoretiker aus aller Welt als Zeugen auf, deren Erkenntnisse ihm dazu dienen, den (nach „Wendezeit" zweiten) „Paradigmenwechsel" anzusagen: „Das neue Verständnis des Lebens darf als neuester Stand der Wissenschaft im Paradigmenwechsel von einer mechanistischen zu einer ökologischen Weltsicht gelten."

 

Nein, Fritjof Capra leidet ganz offensichtlich nicht an der Angst, sich an seiner neuen Aufgabe zu überheben. Zwar hat er als Physiker (Spezialgebiet: theoretische Hochenergiephysik) nie beide Füße auf sicheren akademischen Boden gekriegt. Die großen Institute betrachteten ihn scheel und erteilten ihm keinen Ruf. Dafür folgte Capra einer, wie er sagt, in Physikerkreisen durchaus gängigen Versuchsanordnung: er war erfolgreich. „Und besonders in der Physik", erklärt Capra, „hat man oft die Einstellung, daß eine gewisse Theorie o.k. sein muß, wenn sie erfolgreich ist. Das heißt: wenn es einem - auch mathematisch unsauber - gelingt, Naturphänomene zu beschreiben oder Experimente vorauszusagen, hat man vor dem Ansatz Respekt, wenn er nur am Ende folgerichtig mit dem Experiment übereinstimmt. Dann sagt man sich: diese Unreinheiten, die werden wir später schon noch ausgleichen."

Capra selbst ließ sich auf allerhand Unreinheiten ein, als er in London sein erstes Buch, „Das Tao der Physik", verfaßte. Nachdem er in Wien studiert, in Paris den Mai 1968 durchstritten und in San Francisco ein heftiges Interesse an fernöstlichen Philosophien gewittert hatte, schlug er kurzerhand den Bogen zwischen seiner Spezialdisziplin, der Teilchenphysik, und der in seinen Kreisen verfemten Mystik. „Das Tao der Physik" schlug in der kalifornischen New-Age-Gemeinde sinnstiftend ein - und ruinierte Capras Ruf als Wissenschaftler nachhaltig. Die Analogien zwischen physischen und philosophischen Gesetzmäßigkeiten mochten anregend formuliert, verwegen gedacht, intelligent konstruiert sein - die Schulwissenschaft nahm keine Notiz davon. Sie begnügte sich damit, Capra als Waluliso der Wissenschaften zu diskreditieren. Capra nahm's, wie es kam - er predigte, scharte Jünger um sich und gewann über den Respekt des Publikums auch einen gewissen Respekt der Kollegenschaft: mindestens die Gabe, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen, konnte man Capra schließlich nicht absprechen: Sollte er halt als Hoimar von Dittfurth der Physik sein Leben fristen.

Das tat Capra, und wie er das tat. Er sog gesellschaftliche Strömungen gierig in sich auf.  Er bediente das am Niemandsland zwischen Physik und Metaphysik brennend interessierte New-Age-Publikum mit mehr oder weniger sachkundigen Darstellungen von Taoismus, Buddhismus und Hinduismus, gebrochen durch Teilchenphysik. Er lieferte ein weltanschaulich für alle Couleurs verwendbares Manifest (nicht nur Nachrüstungsgegner und Ur-Grüne, selbst der damalige ÖVP-Obmann Josef Riegler munitionierte sich mit „Wendezeit" für ein neues Zeitalter, - das dann, wie wir wissen, nachhaltig ausbleiben sollte).

 

Wenn Fritjof Capra einen einfühlsamen Blick auf die eigene Karriere wirft, geht er so systemisch vor wie in seinen Büchern. Er sortiert Schablonen, um damit hingebungsvoll das Rätsel der eigenen Existenz zu klären: Warum ist aus mir bloß so ein Kapazunder geworden? So setzt er die „Einflüsse" und die „Faszinationen", die ihn prägten, wie Lego-Steine zu der Figur zusammen, die schließlich er geworden sind. Die Gabe zum Schreiben stamme von seiner Mutter, der Lyrikerin Ingeborg Teuffenbach; das analytische Denken habe er vom Vater, einem Innsbrucker Juristen; die Liebe zur Natur sei ihm auf dem Lavanttaler Bauernhof in die Wiege gelegt worden, wo er während des Kriegs seine Kindheit verbracht habe; das Prinzip der ökologischen „Nachhaltigkeit" - der Selbstversorgung aus eigener Kraft - habe er ebendort erlernt.

Einflüsse: das heilige Land Tirol (samt einer katholischen Kirche, die Capra „zuwider" war; Swinging London (wo er während eines zweiwöchigen Aufenthalts das New Age kennenlernte); die Roaring Sixties; die Hippies; (notgedrungen) die akademische Verklemmtheit; der universitäre Standesdünkel.

Stets spricht Capra von sich als einem, dessen Geschichte abgehangen, getrocknet, konserviert, zu Ende ist. Nie leistet er sich einen ironischen Schlenker in eigener Sache, ein Augenzwinkern, eine überflüssige Bemerkung. Seine Selbstdarstellung folgt bis ins Detail der Selbsteinschätzung, die Capra für sich entworfen hat: als hyperseriöser Ordnungsmensch, der sich als einzige Läßlichkeit eine kleine, schwarzeneggerische Sprachunsicherheit als Insignium der Multinationalität leistet: „Wenn ich von meiner heutigen Warte auf meine adolescence, wie sagt man, auf meine Jugend zurückblicke, sehe ich, daß bei mir geistig immer ein Hang zur Ordnung da war. Meine Wohnung ist immer gut aufgeräumt. In meinem Büro ist Ordnung. Mir gibt das was, Ordnung zu haben." Aus soviel Selbstreflexion zieht Capra also den Folgeschluß, der gar nicht anders lauten kann: „Wenn wir nun von geistiger Ordnung sprechen, dann spielt Sprache dabei eine sehr große Rolle. Die geordnetste Sprache ist die Mathematik. Die hat eine Ordnung, eine Folgerichtigkeit automatisch eingebaut - und das hat mich schon sehr fasziniert."

 

Es ist offenkundig, daß Capra seine Lebensplanung auf die triumphale Rückkehr in den Schoß der Wissenschaft ausgelegt hat. Nicht, daß er an der eigenen Ernsthaftigkeit zweifelt: er zweifelt bloß sehr problembewußt daran, daß diese Ernsthaftigkeit in den Rektoraten der Eliteuniversitäten als solche erkannt werden wird. Wie eine Beschwörung wirken seine Beteuerungen, „Das Netz des Lebens" schiele keinesfalls auf das New-Age-, das Esoterikpublikum; er habe sich vielmehr den persönlichen Luxus erlaubt, ein „rein theoretisches Buch" zu schreiben: „ein wirklich solides Buch, das auf Jahre hinaus bestehen wird und das man als Grundlage für weitere Arbeiten und Forschungen verwenden kann". Fast flehentlich wirkt Capras Bemerkung, er habe sich ganz absichtlich für die nächsten zwei Jahre nichts vorgenommen. Wenn ein anständiges Institut für Systemtheorie seine Mitarbeit wünsche, er habe Zeit...

Vielleicht ist es Fritjof Capra bei seinen theoretischen Aufräumversuchen entgangen, daß auch „Das Netz des Lebens" ein durchaus für ein Breitenpublikum konzipiertes Buch geworden ist, eine Art „Sofie's Welt" für das Universum der Naturwissenschaften. Vielleicht hat sich das Pathos der Sprache (allein das Motto nimmt den messianischen Tonfall vorweg: „Dies wissen wir,/Alle Dinge sind verbunden,/wie das Blut/eine Familie vereint..."), die Verfügbarkeit eines gesellschaftlich korrekten, utopischen Werteverzeichnis (von „Tiefenökologie" bis „Ökofeminismus"), aus dem Anliegen des Buches herausgeschält. Vielleicht ist die Situierung des Buches als eine Bibel für das anbrechende ökologische Zeitalter tatsächlich nicht kalkuliert, sondern folgt den inneren Zwängen des Inhalts, ohne Marketinginteressen, ohne routiniertes Schielen auf die Hunderttausendschaften jener, die sich von Capras analogen System Trost und Aufklärung versprechen.

Capra selbst?

Er sieht das wohl in einem größeren Zusammenhang.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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