Fremde Freunde

Geschichten / Nido
Über die Schwierigkeit von Menschen mit Kindern, mit Menschen ohne Kinder befreundet zu sein.

Ich hatte das Fleisch bereits in der Früh in eine Marinade aus Rotwein und Kräutern gelegt, damit es später, beim Schmoren, zart und aromatisch werden würde; ich hatte nicht drei, sondern vier Flaschen Wein gekauft, die vierte natürlich als Reserve, aber immerhin schien es mir möglich, eventuell auf die Reserve zugreifen zu müssen; es hatte schließlich Zeiten gegeben, da waren die vier Flaschen weg wie nix, und draußen war es dann hell, und unter anderem wollten wir genau darüber reden, da sollte es nicht an der vierten Flasche fehlen.
Ich freute mich auf den Abend. Abende wie diese waren kostbar. Meine Frau und mein Bub auf dem Land, und ein Best Buddy im Anmarsch. Meine Fresse, wie lange hatten wir einander nicht gesehen! Früher hatten wir uns drei-, viermal die Woche gemeinsam durch die Stadt treiben lassen, damals kannte ich alle Schatten der Morgendämmerung. Seit der Kleine auf der Welt ist, kenne ich die Schatten der Morgendämmerung zwar auch, aber von der anderen Seite. Statt den Erzählungen von Richard Yates las ich plötzlich „Babyjahre" von Remo Largo, und das finde ich nicht einmal komisch, doch war es nun höchst an der Zeit, wieder einmal einen Abend zu essen, über Claus Peymann zu streiten und Musik zu spielen, kennst du die neue von den Yeah Yeah Yeahs?, mit Option auf das zarte Ausfasern des Abends ins Bukolische.
Als ich gerade das Gemüse putzte, auf das ich den Schmorbraten legen wollte, läutete das Telefon.
„Alter, es passt mir heute doch nicht. Verschieben wir doch auf morgen..."
Ich stand da wie ein Volltrottel. In meiner Hand das Gemüsemesser, auf dem Hemd Spritzer vom Rotwein der Marinade. Es gelang mir nicht einmal, wütend zu werden, ganz ruhig hatte ich am Telefon erklärt, dass es morgen leider überhaupt nicht passe, übermorgen schon gar nicht, und dass ich, nein, leider auch nicht wisse, wann ich das nächste Mal einen Abend frei habe, okay, lass uns telefonieren, mir tut es auch leid.
Nicht hatte ich gesagt, dass es nämlich etwas anderes ist, wenn du eine Familie hast. Dass du nicht mehr allein über deine Zeit bestimmst. Dass jede Verabredung Teil eines großen Ganzen ist, eines Labyrinths von Interessen. Dass der Kalender mächtiger ist du. Dass Improvisation von langer Hand geplant werden will.
Mann. Kein Wunder, dass ich das nicht gesagt hatte. Als wir noch über die Häuser gezogen waren, lachten wir unserem Kollegen, der abends stets nach Hause musste, weil ihn sonst seine Frau umbringt, hämisch nach: Na und? Bringt sie dich halt um.
Aber jetzt stand ich da, begann fast zu heulen, und besäße ich ein minimales Talent für dramatische Posen, ich hätte den Le Creuset-Kochtopf, in dem der Braten in seiner Marinade lag, in die Wäschetonne gekippt, die wie üblich bis oben gefüllt war mit T-Shirts und kurzen Hosen eines Sechsjährigen. Aber ich ließ den Kochtopf stehen. Ich kostete die Lächerlichkeit des Augenblicks aus.
In diesem Moment hatte ich das deutliche Gefühl, dass ein Faden zu meinem früheren Leben gerissen war, was heißt: ein Faden? Der letzte Faden. Ich stand beleidigt und verletzt da wie meine Großmutter, der ich manchmal am Sonntag zu Mittag für das Sonntagsmittagessen abgesagt hatte, und schmollte. Braten, Gemüse, vier Flaschen Wein. Frau und Kind auf dem Land. Einmal mit dem alten Kumpel auf die Pauke hauen und morgen ausschlafen können. Idiot. Idiot. Idiot.
Ich rührte an diesem Abend keinen Finger mehr. Ich trank vor der Glotze drei Bier, dann ging ich schlafen, und den Braten bereitete ich am nächsten Tag für meine Frau und meinen Sohn zu, die darüber hocherfreut, aber auch verwundert waren: Nein, es ist sich dann doch nicht ausgegangen gestern Abend. Ich weiß doch auch nicht.

Freundschaften zwischen Menschen, die Kinder haben und Menschen, die keine Kinder haben, müssen erlernt werden wie eine neue Sprache. Nichts ist selbstverständlich. Worte, mit denen man sich verständigte, als man noch keine Kinder hatte, bedeuten plötzlich etwas ganz anderes. Zum Beispiel „Zeit". Kennt hier jemand einen Menschen, der Kinder hat und Zeit? Was soll ein Mensch, der gerade versucht, seinen Berufsalltag einigermaßen mit den Anforderungen zu synchronisieren, die seine Kinder an ihn stellen, mit dem Ratschlag eines alten Kumpels anfangen, er möge sich doch ein bisschen mehr Zeit für sich selbst nehmen? Und wie kriegt man es hin, dem Kumpel das ungeheure Zeitschlamassel zu erklären, in der sich jeder Mensch mit kleinen Kindern befindet, ohne genau das zu tun, was man früher in Gesprächen mit umgekehrter Rollenverteilung so ungeheuer langweilig fand: „Der redet über nichts als seine Kinder. Das nächste Mal, wenn er anruft, heb ich einfach nicht ab..."?
Klar, wir haben jedes Recht, das ungerecht, arrogant und rücksichtslos zu finden. Aber wir tun es nicht. Wir verstehen die Ignoranz, mit der uns unsere kinderlosen Freunde begegnen, weil wir selbst, als unsere Kinder noch nicht auf der Welt waren, junge Eltern mieden, als hätten sie die Schweinegrippe.
Sie waren müde, sie sahen schlecht aus, und sie hatten zu wenig Wein zuhause. Statt den eleganten Linn-Lautsprechern, aus denen wir immer die neuen CDs von „Arcade Fire" und Benjamin Biolay gehört hatten, waren bloß Babyphon-Lautsprecher eingeschaltet. Das machte keinen Spaß. Unsere Freunde machten keinen Spaß. Ihre Kinder machten schon gar keinen Spaß, denn entweder schliefen sie, oder sie schrien und dann saßen wir allein am Tisch, weil sich die Eltern gemeinsam darum bemühen mussten, die Kleinen wieder flach zu bekommen. Das Wunder des jungen Lebens präsentierte sich damals ganz bestimmt nicht als das Wunder des jungen Lebens.

Die Erfahrungen mit unseren Freunden, die plötzlich Kinder hatten, trugen, als wir wussten, dass auch wir demnächst zu diesem Club gehören würden, entscheidend zum Schwur bei, ganz bestimmt nicht so werden zu wollen wie sie - ein ziemlich arroganter Wunsch, von heute aus betrachtet. Nie würden wir unsere Gewohnheiten einfach fallen lassen, stand in unserem konsumistischen Manifest, nie würden wir unsere engagierte Zeitgenossenschaft verraten, außerdem wollten wir, Kind hin oder her, auch den wohldosierten Hedonismus weiterleben, auf den wir uns so begeistert geeinigt hatten: Kino, Konzerte, Bücher lesen, kurze Reisen, ausgehen, so viele Leute wie sonst auch sehen und ganz bestimmt genug Wein im Haus haben. Wir immunisierten uns mit hoch dosierter Ironie, als wir zum ersten Mal zu müde waren, um den vereinbarten Termin zur Aufrechterhaltung jenes ominösen Bevor-wir-Eltern-waren-Gefühls wahrzunehmen: Wir schaffen es ganz sicher, Kinder zu haben, aber zu leben, als würde das nichts an unserem Leben ändern; nur heute sind wir ein bisschen zu müde dazu. Ist Pete Doherty nicht auch manchmal müde?

Ich finde, wir hielten uns gut. Irgendwie bewundere ich direkt die Entschlossenheit, mit der wir manchmal auf Partys wankten, obwohl uns beiden ganz bestimmt der Sinn nach ein bisschen, nein, nach gar nichts stand, nach Stille vielleicht und nach Dunkelheit, manchmal wird man ja spontan von der Ahnung überfallen, dass eine CD mit Walgesängen jetzt genau das Richtige wäre, aber stattdessen warfen wir uns ins Bumm-Bumm der Parties und redeten uns ein, dass es viel cooler ist, mit einem Kater um fünf Uhr Früh das Fläschchen zu wärmen als ohne.
Der springende Punkt war, dass uns irgendwann auffiel, wie sehr wir uns verstellten. Warum mussten wir eigentlich so tun, als wären wir frei von allen Zwängen, wenn wir doch gerade freiwillig und mit großer Freude eine Entscheidung getroffen hatten, von der wir schließlich gewusst hatten, dass sie Konsequenzen hat? Dass die Konsequenzen weitreichender sind als wir gedacht hatten, konnte schließlich nicht dadurch neutralisiert werden, dass wir sie einfach ignorierten.
Wir blieben trotzdem ziemlich unternehmungslustig. Vielleicht machten wir nicht jede Sause mit, bis alle auf dem Tisch tanzten. Vielleicht ließen wir die eine oder andere Einladung unauffällig aus. Aber wir blieben auf Empfang. Das hatte allerdings keine Auswirkungen auf unsere Freundschaften zu Paaren ohne Kinder. Die lösten sich nämlich höflich, aber bestimmt in Luft auf.


Es war ein interessanter Moment, als wir uns mit den ersten Menschen anfreundeten, die wir kennenlernten, weil sie, junge Eltern wie wir, sich benahmen, als würden sie darauf pfeifen, sich wie junge Eltern zu benehmen. Sie holten ihren Buben vom Kindergarten ab und nahmen ihn mit auf die Terrasse des unmittelbar daneben liegenden Luxusrestaurants, um dort ein Eis zu essen (Bub) und ein wenig Prosecco zu trinken (Papa und Mama). Das war schon was.
Das war ziemlich genau das selbe Protestverhalten, das auch meine Frau (Prosecco) und ich (Weißwein) zum Wohlgefallen unseres Sohnes (Milkshake) an den Tag zu legen pflegten, wenn auch nur bei Schönwetter. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass Prosecco ein taugliches Mittel ist, um gegen die permanente Überlastung zu demonstrieren, in die sich so viele Mütter und Väter, die ihre Kids vom Kindergarten abholten, mit zerknitterten Gesichtern schicken.
Das Proseccotrinken war ein Zeichen, und mit Zeichen kannten wir uns aus, wenigstens mit denen, die man trinken konnte. Es dauerte nicht lange, und wir saßen gemeinsam an einem Tisch auf der Schönwetterterrasse und lernten uns kennen. Nicht, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen wäre, aber nach dem Durchdeklinieren des Pflichtprogramms - „wie findet Ihr, dass die Kinder zu Mittag nicht mehr schlafen müssen?" - „Gut, dann schlafen sie zuhause schneller ein" - landeten wir ganz schnell bei Themen, die uns nicht von den Kindern diktiert worden waren. Freiluftkonzerte, Tagespolitik, Innereienzubereitung: es war richtig interessant. Als die Jungs zu raunzen begannen, dass sie Hunger hätten, blieben wir sitzen und aßen gemeinsam. Ein paar Wochen später besuchten wir unsere neuen Bekannten in ihrem Haus am Gardasee. Inzwischen sind wir Freunde, und die Jungs sind auch Freunde.
Ich erzähle das, weil die Geschichte ziemlich genau beschreibt, was passiert, wenn Menschen keine Sprachprobleme bei der Beschreibung der eigenen Lebenssituation haben. Es war nicht eine Sekunde notwendig, die technischen Aspekte der Elternschaft zu dolmetschen.
Aha, der Junge muss auch etwas essen: ein Klassiker, wenn wir bei kinderlosen Freunden eingeladen waren, die sich mit fünf Gängen für die Erwachsenen echt ins Zeug gelegt hatten, aber dabei übersahen, für den - „dürfen wir unseren Jungen mitbringen?" „Klar, kein Problem" - mitgekommenen Kleinen etwas anderes im Kühlschrank zu haben als eine Tafel Schokolade (auch wenn er das am Schluss eh immer okay fand).
Aha, er will jetzt schlafen?, es ist doch erst elf: „Legt ihn in Gottesnamen in unser Schlafzimmer, oder nein, wartet - anspielungsreicher Blick zum Partner - ich muss erst wegräumen..."
Und der Katalog unangenehmer Fragen, die man den fremden Freunden ins Vokabelheft für gegenseitiges Verständnis schreiben muss: - Darf ich die Windeln irgendwo hinschmeißen, doch, ein bisschen stinken sie schon. - Macht es euch wirklich nichts aus, wenn er schreit, kein Problem, ich gehe hinunter in den Park. - Tut mir leid, aber ich will nicht, dass er den ganzen Abend fernsieht.

Es gibt Zeiten, da fliegen uns Freundschaften zu. Ein Blick genügt, eine Anwesenheit, eine kluge Antwort, und schon spinnen sich gegenseitige Sympathien zu dem Kokon, aus dem wertvolle Beziehungen schlüpfen. Manche dieser Freundschaften dauern kurz, manche lang, und die meisten sind die Sache von zwei Menschen: den beiden Freundinnen, den beiden Freunden.
Das ändert sich. Jeder von uns kennt die Prüfung, wenn ein alter Freund seine neue Partnerin kennenlernt, und wenn man sich selbst auch neu verliebt, dann sind schon sechs Sympathievektoren notwendig, um gemeinsame Treffen nicht nur möglich, sondern auch wertvoll, erstaunlich und überraschend zu machen: freundschaftlich eben.
Dann kommen neue Menschen dazu, unsere Kinder, die noch dazu den, siehe oben, unwiderstehlichen Anspruch darauf erheben, sehr viel Zeit mit uns zu verbringen und die meisten unserer Gewohnheiten auszuradieren und neu zu bestimmen. Das macht die Sache auch nicht weniger kompliziert.
Vielleicht ist die Freundschaft zwischen Menschen mit Kindern und solchen ohne gar kein großes psychologisches Thema, sondern eine Rechenaufgabe: wenn die neue Lebenssituation von uns verlangt, dass wir die Prioritäten neu setzen, dann ist für die alten Prioritäten, zum Beispiel Freundschaften, nicht mehr so viel Zeit und Energie und Aufmerksamkeit da wie vorher. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, braucht man nicht einmal eine Rechenmaschine.
Außerdem hilft uns ein ganz simpler Prospekt über die Trauer hinweg, den einen oder anderen Weggefährten aus den Augen zu verlieren: Menschen, mit denen man schon einmal befreundet war, eignen sich bei Gelegenheit ganz besonders gut als Comebackfreunde.

Wir mussten also einsehen, dass die ironische Realitätsverweigerung kein probates Rezept gegen die Gesetze der Elternschaft ist. Außerdem waren wir viel zu müde, um zu bemerken, dass uns ein paar Menschen, mit denen es oft besonders lustig gewesen war, nicht mehr besuchten.
Aber das hieß nicht, dass unser soziales Leben plötzlich ausgetrocknet gewesen wäre. Plötzlich tauchten ganz vorne auf unserem Radarschirm Menschen auf, mit denen wir seit langem nette Dinge unternommen hatten, interessante Gespräche geführt und die vierte Flasche Wein ausprobiert. Sie wollten ganz spezifische Dinge von uns wissen, zum Beispiel: Was ändert sich eigentlich am schnellsten, wenn man Kinder hat? Das stand ihnen nämlich unmittelbar bevor.
Ich weiß nicht, ob die Tatsache, dass ein Paar beschließt, ein Kind zu haben oder das Kind, das unterwegs ist, auch bekommen zu wollen, so etwas wie einen „Tipping Point", einen Auslöser im psychologischen Gefüge anderer Paare darstellen kann. Bei Betrachtung meiner Freunde und Bekannten scheint es mir so. Mein Sohn war noch kein Jahr alt, da hatte er bereits ein paar potentielle Freundinnen und Freunde, und zwar solche, die jünger waren als er oder erst unterwegs, aber auch solche, die sich bereits ein, zwei Jahre Vorsprung gesichert hatten, und deren Entwicklungssprünge uns aus Gründen bereits beschriebener Ignoranz bis dahin komplett verborgen geblieben waren.
Ich kann von wirklich glücklichen Momenten berichten. Zuletzt sortierte ich mit einem alten Freund die Erfahrungen, die wir gemeinsam gemacht hatten. Es ging um Fundamente und was man darauf aufbauen kann. Es ging um Intimität und Verständnis. Es ging um Rückzugsräume und ausgelassene Gemeinsamkeit, und es war ein glückliches, ein geradezu euphorisches Gespräch, das wir an diesem langen Samstag miteinander führten.
Als wir fertig waren, traten wir einen Schritt zurück und betrachteten das Ergebnis: das Baumhaus, das wir für unsere Söhne gezimmert hatten, klebte wie ein Schwalbennest im Dachstuhl, zauberhaft.
Dann setzten wir uns hin und machten die Musik an.



Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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