Was fällt Ihnen ein, wenn Sie Oliver Kahn dabei sehen, wie er seinen Gegenspieler am Genick nimmt und beutelt?
Beckenbauer: Schwierig. Ich glaube, Oliver Kahn hat noch immer einen Nachhänger von der letzten enttäuschenden Saison. Wir haben ja nichts gewonnen zum ersten Mal seit Jahren. Dann kam die WM, die ja auch sehr aufregend war und an ihm hing. Ohne ihn wären wir ja nie Vizeweltmeister geworden. Er hat bis auf den einen Fehler im Finale gehalten wie ein Weltmeister. Oliver Kahn ist nicht so robust, wie man sich das vielleicht vorstellt. Der hat eine ganz verwundbare Seele. Ich würde sagen: er ist noch gar nicht spielfähig. Du musst mental einen gewissen Abstand haben. Er hat viel zu wenig Urlaub gehabt. Dazu kommt die Situation, dass er - zu Recht - der am meisten gefeierte von allen war. Jetzt stellt er fest: In der Bundesliga ist wieder Alltag. Er kommt nach Nürnberg und wird ausgepfiffen. Muss Schmährufe über sich ergehen lassen. Das scheint er im Moment nicht zu verkraften.
Reden Sie mit ihm darüber?
Beckenbauer: Ich bin zu weit weg. Wenn ich ihn einmal in vierzehn Tagen seh, kann ich mich nicht auf so ein spezifisches Thema einlassen. Dazu hat er seine Berater, seine Trainer, seine Mannschaftskameraden. Das ist nicht meine Aufgabe.
Sie sagten einmal, man könne vom Verhalten eines Spielers auf das Verhalten außerhalb schließen. Was erzählt das über Oliver Kahn?
Beckenbauer: Ich glaube, das kann man nicht. Oliver Kahn ist auf dem Spielfeld ein völlig anderer Mensch als sonst. Wenn er nicht auf dem Platz steht, ist er ein sehr ruhiger Typ, aber sobald er auf dem Platz ist, fängt halt der Beruf an...
Dann müssten aber alle Fussballer so reagieren wir Kahn...
Beckenbauer: Das Verhalten der meisten ist auf dem Platz anders als sonst. Bei ihm halt besonders.
Sie waren ein besonders eleganter Spieler. Konnten Sie diese Eleganz mitnehmen?
Beckenbauer: Weiß ich nicht. Es ist so lang her, dass ich mich sehr schwer daran erinnern kann. Ich hatte auch meine Ausbrüche, meine Jähzornigkeiten. Das muss einfach sein. Wenn es auf dem Platz um so viel geht, das musst du erst mal verkraften. Da kannst du nicht immer elegant sein. Es ist schön, dass man mir das nachsagt. Aber so elegant war das nicht.
Warum kamen Sie zu den Bayern? Von der Gegend her, wo Sie aufgewachsen sind, hätten sie bei 1860 landen müssen.
Das geschah wegen einer Ohrfeige, die ich damals kriegte.
Was war der Grund?
Weiß ich nicht mehr. Ich spielte damals beim SC 1906 München, einem Amateurverein in Giesing. 1958 spielten wir ein Turnier irgendwo in der Nähe von München, ich war damals 13 Jahre alt und Mittelstürmer. Wir spielten gegen 1860 und der Mittelläufer von denen - möglicherweise waren wir uns nicht sympathisch - gab mir plötzlich eine Watschen. Das war der Grund, warum wir nach Spielende sagten, dass wir nicht zu 1860 gehen würden. Es war klar, dass wir 1906 zum Ende der Saison verlassen würden und ich entschied mich nach dem, was vorgefallen war, zu den Bayern zu gehen. Die anderen gingen mit.
Würde, wenn Sie zu 1860 gegangen wären, 1860 so dastehen wir die Bayern?
Ich glaub, das ist hypothetisch
Das ist sicher hypothetisch...
Ich hab ein paarmal schon zum 1860-Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser gesagt, Karl-Heinz, du hast ein Glück, dass ich damals zu den Bayern gegangen bin, weil sonst säß ich jetzt an deiner Stelle. Wildmoser war ja früher komischerweise Bayern-Anhänger und ist dann eines Tages ins Sechziger-Lager geflüchtet.
Gehen Sie noch immer so gern auf den Fußballplatz wie eh und je? Denken Sie sich am Samstag Nachmittag nie, ich würde mir jetzt lieber einen Hans Moser-Film im Fernsehen anschauen?
Ich schau mir Hans Moser sehr gern an, das Chaos in diesen Filmen hat mir immer ganz gut gefallen. Es ist ja auch nicht mehr so wie früher, dass ich jede Woche ins Stadion ginge, es ist weniger geworden. Bei Auswärtsspielen bin ich überhaupt nicht mehr dabei, mit Ausnahme von ein paar Championsleague-Spielen.
Im Fernsehen sieht man manchmal die Einstellungen, wie Sie ziemlich grantig auf der Tribüne sitzen.
Na, das ist nicht grantig, das ist konzentriert.
Konzentriert worauf?
Ich konzentrier mich halt auf so ein Spiel, auf die spezifischen Situationen...
Schauen Sie ein Spiel anders an als ein normaler Zuschauer?
Ich weiss es nicht. Manchmal hab ich das Gefühl. Ein Fussballspiel zu analysieren ist ja kein großes Geheimnis. Man schaut halt vielleicht auf Dinge, die ein anderer nicht sieht.
Zum Beispiel?
Ob ein Team eine Handschrift hat. Sieht man eine Handschrift? Die Handschrift ist meistens die des Trainers, und wenn ich merke, dass da alles durcheinander ist, wenn der linke Verteidiger am Spiel nicht beteiligt wird sondern alles über rechts läuft, dann ist da keine Handschrift da. Eine Mannschaft muss immer eine Einheit sein. In der Bewegung nach vorne und in der Bewegung nach der Seite. Das ist mein wichtigstes Kriterium: Wie bewegt sich eine Mannschaft.
Sind Sie mit den Bewegungen von Bayern München zurzeit zufrieden?
Nein.
Warum nicht?
Die Bewegung stimmt nicht. Sie hat mal gestimmt, vor ein paar Wochen, aber jetzt stimmt sie nicht mehr. Die Niederlage gegen La Coruna, die sich selbst zuzuschreiben haben, weil wenn sie normal gespielt hätten, hätten sie das Spiel nicht verloren. Wenn du von 90 Minuten nur 20 Minuten guten Fussball spielst, das reicht nicht.
Fühlen Sie dann als Präsident des FC Bayern die Notwendigkeit, sich einzumischen?
Ich bin zwar Präsident des FC Bayern, aber der Verein hat ja ein anderes Gesicht. Er besteht aus Jugendmannschaften und zahlreichen Sektionen anderer Sportarten, aber der Profifussball wird von der Aktiengesellschaft geführt, wobei der Verein, um seine Rolle nicht zu schmälern, 90 Prozent der Aktien hält. Daher haben die sportliche Leitung und das Sagen die anderen. Die Vorstände der AG bestimmen, was in der AG passiert.
Wollen Sie damit sagen, dass Sie im FC Bayern keine Macht mehr haben?
Wir sind nicht mehr ganz so intensiv zusammen wie früher. Aber man merkt schon, dass sich die Verhältnisse verschoben haben.
In welche Richtung?
Ich bin nicht mehr so informiert wie früher, als wir noch täglichen Kontakt hielten.
Mit den drei Vorstandsmitgliedern Karl-Heinz Rummenige, Uli Hoeness und Karl Hopfner...
Ja.
Sind Sie eher ins Repräsentative abgerückt?
Weiß nicht. Ich war derjenige, der die Umwandlung in die Aktiengesellschaft ja forciert hat. Ich sagte immer: das hat kein Niveau. Wir waren ja ehrenamtlich für den Club tätig, der 350 Millionen Mark Umsatz macht. Das passt ja nicht. Wir brauchen eine Kapitalgesellschaft, auch im Hinblick auf das Stadion, das hat sich auch als richtig erwiesen. Wir hatten ja vorher eher unkonventionell gewirtschaftet, es hatte funktioniert, deswegen schoben wir die Veränderung auch vor uns her. Als der Stadionbau ins Haus stand, war auch dem Uli Hoeneß klar, dass wir den Stand nicht halten können, wir müssen umwandeln. Ich war derjenige, der das forcierte, jetzt muss ich mich nicht darüber beschweren, dass die Information an mir vorbeigeht.
Wie gefällt ihnen das Stadionmodell von Herzog De Meuron?
Am Anfang, als wir unter acht Stadionmodellen die Vergleichsmöglichkeiten hatten, sahen wir klassische Stadien der heutigen Zeit und diese Wurscht. Ich dachte, da hat einer einen Autoreifen vergessen, das Modell gehört gar nicht dazu. Naja. Du musst dich näher damit befassen. Du schaust zweimal, dreimal hin, und je öfter du hinschaust, desto besser gefällt dir das. Vor allem die Möglichkeiten die du hast, von der farblichen Gestaltung her. Die Sechziger kriegen ein blaues Stadion, wir kriegen ein rotes. Undundund, auch von den Werbemöglichkeiten her. Ist schon faszinierend. Und wenn du dann die Innereien siehst, gehen wir weg von der Haut - man preist das auch in Architektenkreisen als genial. Aber was ist denn da genial? Der hat es verstanden, ein ganz normales Stadion zu bauen, und einzukleiden. Der hat nur eine Haut drübergezogen. Da musst erst einmal draufkommen. Das einfachste ist immer noch das Beste und Überraschendste.
Was halten Sie vom Schweizer Fussball?
Ich hab zu wenig Überblick. Mir reicht die Bundesliga, mir reicht die Champions League. Ich hab auch keinen besonderen Bezug.
Seitdem Ihr Sohn nicht mehr in der Schweiz spielt.
Ah, der Stefan. Nein, das ist schon sehr lang her. Mich freut, dass die Schweizer Qualifikation für die EM läuft, dass Basel Celtic aus der Champions League-Qualifikation geworfen hat, das wertet den Schweizer Fussball natürlich auf.
Das ändert wohl nichts daran, dass der Schweizer Fussball zweitklassig ist.
Würd ich nicht sagen. Wenn man die Liga mit der Bundesliga oder mit der italienischen Liga vergleicht, dann ist da schon ein Unterschied da. Auf der andren Seite kann der FC Basel in bestimmten Momenten jede Bundesliga-Mannschaft schlagen. Auf eine Saison gesehen wird er natürlich keine Rolle spielen. Aber er ist stark genug, um in bestimmten Momenten auch die Top-Klubs in Deutschland zu schlagen.
Warum ist der Fussball nur in großen Ländern gut?
Weil sie die besten Spieler kaufen. Die Bundesliga hat einen Ausländeranteil von 60 Prozent wie die anderen großen Ligen auch. Das ist kein Kunststück mehr.
Keine Frage der Spielerausbildung?
Man versucht auszubilden, ja, die Franzosen haben das eine Zeitlang mit Erfolg gemacht, die haben wirklich ein unglaubliches Repertoire. Die besten spielen dann sowieso im Ausland, aber auch die in Frankreich spielen sind gut genug, um ganz vorne mit dabei zu sein. Aber die anderen kaufen. Das ist eine Rechnung: Warum soll ich ausbilden, das kostet fünf, sechs Millionen Mark im Jahr, dafür kann ich mir schon einen Spieler kaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus der Nachwuchsarbeit einer durchkommt, die ist sehr gering.
Welcher Bayern-Spieler kam aus der eigenen Jugend?
Owen Hargreaves. Naja, den kann man vielleicht nicht dazuzählen. Aber er kam schon als sehr Junger zu uns. Es gab einige Spieler, die bei uns nicht die Chance hatten, sofort zum ersten Kader zu kommen, und die woanders hingingen. Die spielen jetzt woanders Erste oder Zweite Bundesliga.
Welche Probleme hat Ciriaco Sforza zurzeit?
Der Schiri, ich weiß auch nicht. Ich würds einmal als Pechsträhne in seinem Leben bezeichnen. Er hat bei Bayern nicht so schlecht gespielt, wie es ihm immer nachgesagt wurde. Er hatte ein paar Szenen dabei, die nach hinten losgingen. Fehler machen die anderen auch. Aber bei ihm wars besonders auffällig, wenn er einen Fehler machte. Die Leute waren dadurch auch kritischer ihm gegenüber als anderen. Der hat nicht so schlecht gespielt wie er gemacht wurde. Ich erinnere mich an das Weltpokalspiel in Tokio, als er reinkam und hervorragend gespielt hat, er beruhigte das Spiel und war zu einem erheblichen Teil daran beteiligt, dass wir den Weltpokal gewonnen haben, das vergisst man.
Dankbarkeit gibt's im Fussball bekanntlich nicht.
Gibt's nicht. Jetzt bei Kaiserslautern hätte er halt wieder eine Chance gehabt, dann spielt er gegen den HSV einen blöden Querpass, der fängt ihn ab und zack zwei null. Steht er halt wieder in der Kritik. Seine momentane Lebensphase ist wohl nicht seine glücklichste. Das gibt's ja.
Sie selbst hatten ja nie unglückliche Lebensphasen. Sie sagten einmal über sich selbst: Ich bin ein Lieblingskind des Schicksals.
Ich hatte halt während meiner Laufbahn 20 Jahre Glück, unverletzt durchzukommen. Das letzte Jahr beim HSV war ich sehr viel verletzt, mehr als in 19 Jahren davor. Was schade war, denn ich hab unheimlich gerne mit Ernst Happel zusammengearbeitet, ihm hätte ich gerne einiges zurückgegeben, aber das war nicht möglich, weil ich fast dauernd verletzt war. Ich hab nicht mal die Hälfte der Bundesligaspiele gemacht. Für meine Ansprüche hat das nicht genügt.
Wer war der beste Trainer, den Sie je hatten?
Schwierig zu sagen. Ich hatte in jeder Phase einen, der für mich richtig war. In einer frühen Phase den Tschik Cajkovski mit seiner unbekümmerten Konzeptlosigkeit, der uns spielen ließ. Sein Nachfolger Branko Zebec war schon ein Methodiker, der war der erste professionelle Trainer, den ich kennenlernte. Lattek war dann wieder so ein Zwischending zwischen Improvisation und Methodik.
Wie fanden sie Happel?
Er war kein Freund des Wortes. Er hat alles gesehen. Du konntest ihm nichts vormachen. Er wurde respektiert. Weil das was er sagte, hat gestimmt.
Bei wem lernten Sie am meisten für die eigene Trainerkarriere?
Von jedem ein bisschen. Die Leichtigkeit von den einen, den Ernst von den andren. Obwohl du natürlich, sobald du selbst in der Verantwortung stehst, nicht sagen kannst, jetzt bin ich zehn Minuten Happel und zehn Minuten Zebec. Aber aus dieser Mischung kriegst du deinen eigenen Stil.
Was bedeuten Ihnen nach Ihren Erfolgen als Trainer und Aktiver die neue Karriere als WM-Funktionär? Noch nicht genug im Schlaglicht der Öffentlichkeit gestanden?
Es ist halt so. Ich bin seit 1964 im Profifussball, auch wenn damals weder die Hysterie noch die Medienvielfalt so waren wie sie heute sind. 38 Jahre, das hat sich so entwickelt. Es macht mir nichts aus.
Es stört Sie nicht, wenn Sie nach jedem Spiel sieben Journalisten anreden um ihren Senf zum Spiel?
Nein. Das gehört dazu.
Haben Sie Macht?
Nein. Weiß nicht. Ich hab sicher Einfluss. Aber das Wort Macht....es gefällt mir nicht. Macht. Macht. Ist mir zu negativ. Mächtig zu sein, den andern zu zeigen, ich könnte, wenn ich wollte...das war nie mein Ding. Ich war immer ein Mensch des Dialogs. Ich wollte immer den Ausgleich haben, die sprachliche Verständigung. Macht war nie mein Ding. Wird's auch nie sein.
Warum waren Sie dann von Anfang an immer in Führungspositionen?
Das wirst du halt automatisch...
Sie scherzen.
...bei mir war's halt so. Es ist mir zugeflogen.
Meinen Sie das ernst?
Ja. Ich war nie bestrebt, Kapitän bei Bayern zu sein oder in der Nationalmannschaft, oder auch hernach Teamchef. Diese Positionen kamen auf mich zu. Auch die Beteiligung am FC Bayern. 1991 gings dem Verein ein bisschen schlecht, es machte sich so eine Opposition breit, und dann wurde dem Karl-Heinz Rummenige und mir vom damaligen Präsidium der Antrag gemacht, im Präsidium mitzumachen, um die Opposition zu beruhigen. Da sagten wir, das scheint sinnvoll. Machen wirs. Ich wäre nie zu Bayern gegangen und hätte gesagt: Kann ich bei euch mitarbeiten. Es war immer umgekehrt. Auch bei der WM-Bewerbung. Da sagte mir unser damaliger DFB-Präsident Ägidius Braun, es gibt doch nichts schöneres, als die WM ins eigene Land zu holen. So kam ich dazu. Die Leute kamen immer auf mich zu.
Bekommt man bei soviel Anerkennung nicht das Gefühl, etwas Besonderes zu sein?
Ich weiß nicht.
Wer soll es wissen, wenn nicht Sie?
Wissen Sie, es steckt bei den Erfolgen auch sehr viel Fleiß und Arbeit drinnen. Was ich als Teamchef Reisen unternommen habe, um meine Gegner zu beobachten, weil es wär für mich das Schlimmste gewesen, wenn ich irgendwas übersehen hätte. Ich bin im Zeichen der Jungfrau geboren, und den Jungfrauen sagt man ja nach, dass sie einen Hang zur Perfektion haben.
Stimmts?
Er ist schon da. Deswegen muss ich, wenn ich was mache, es auch hundertprozentig machen. Auch bei der WM-Bewerbung. Fedor Radmann und ich waren drei Jahre unterwegs, rumgereist, rumgereist. 97, als wir uns ernsthaft zu kümmern begannen, wurden wir abgeschasselt. Wir haben mit Null Chance angefangen. Drei Jahre später, Sie wissen ja, da waren uns sämtliche Glücksboten sehr hold...
Die Inszenierung der Bewerbung in Zürich hatte André Heller übernommen. Wie waren Sie gerade auf ihn gekommen?
Fedor Radmann hatte die Idee, und wir waren sofort angetan und dachten: Das wärs. Diese Form von Leichtigkeit, die Heller beherrscht. Er hat uns dann die Abschlussbewerbung gestaltet, die war schon sehr beeindruckend. Die bisherigen Vorstellungen unserer Kampagne waren sehr sachlich gewesen. Wir haben das Land vorgestellt, die Infrastruktur, die Stadien. Ich machte meine Einführung, dann sagte der Fedor seine Dinge, und ich machte den Abschluss. Fertig. Bei der letzten Präsentation in Zürich wollten wir was Besonderes machen, weil wir dachten, die andren machen auch was Besonderes. Wir dachten, die Afrikaner kommen auf den Löwen reingeritten, oder sowas. Nichts. Die machten den gleichen Käse wie ein Jahr vorher auch. Wir waren die einzigen, die sich was eigenes haben einfallen lassen: André Heller. Der hatte einen Film vorbereitet. Und auch, dass während meines Vortrags der Bundeskanzler hinter mir stand, Boris Becker, Claudia Schiffer, und nichts anderes taten als Daumendrücken. Das war Hellers Idee. Und es hat funktioniert. Ich war mir da nicht sicher. Weil die Unterlagen die ich hatte, haben mir nicht gepasst, da hab ich am Vormittag mein Konzept noch geändert in meinem Hotel am Zürichsee. Heller hat meine Unruhe und Nervosität natürlich gemerkt. Er sagte: Bleib ganz ruhig. Ich bin da. Er ist schon ein faszinierender Mensch.
Gleichzeitig versuchte das Satiremagazin „Titanic" Delegierte zu bestechen - mit einer Kuckucksuhr.
Stellen Sie sich vor. Wir waren alle höchst sensibel. Du arbeitest jahrelang, und dann kommt so ein Schwachsinn. Unvorstellbar, wie kann nur einer so blöd sein. Das hat ja mit Spaß und sonstwas nichts zu tun, das war schiere Dummheit. So haben wir damals argumentiert. Das hat sich ja sofort wie ein Lauffeuer herumgesprochen damals.
Geschadet hat es unterm Strich nicht.
Wenn die Sache so plump angetragen ist, kann mans ja auch wieder als Spaß verstehen. Aber du weißt ja nicht, wie ein Afrikaner, ein Südamerikaner oder ein Asiate darauf reagiert. Die nehmen das womöglich für ernst.
Wie beurteilen Sie die Bestechungsvorwürfe gegen FIFA-chef Joseph Blatter?
Es gab durch den Konkurs von ISL eine gewisse finanzielle Unordnung, dazu gab es auch ein paar offene Fragen. Auch sein Führungsstil wurde kritisiert, es hat halt jeder seinen eigenen Führungsstil. Darunter hat der Generalsekretär Zen-Rufinen sehr gelitten, der Blatter dann auch noch angeklagt hat und ihm ein Papier mit sogenannten offenen Fragen überreicht hat. Die hat er Punkt für Punkt entkräftet, und zum Schluss sind seine Kritiker halt nackert dagestanden.
Sie sind überzeugt von Blatters weisser Weste?
Sonst hätte man ihm doch etwas nachgewiesen. Auch die Vorwürfe waren ja dann lächerlich. Der Koroskow, der vier Jahre lang nicht in der Exekutive war aber genauso für die FIFA gearbeitet hat, kriegt der halt einmal 100.000 Dollar. In einem Unternehmen, das Milliarden umsetzt. Solche Anschuldigungen. Irgendwem hat er 15.000 Dollar gegeben. Wenn das ein Vorstandsvorsitzender nicht mehr darf, ohne eine Exekutivsitzung einzuberufen, dann könnens doch zusperren. In diesem Millardenbusiness. Das hat doch nichts mit Bestechung oder sonstwas zu tun. Das war einfach seine Großzügigkeit. Ob er da die Kompetenzen überschritten hat oder nicht, das sind doch lächerliche Anschuldigungen.
Was bedeutet Ihnen Geld?
Was soll ich darauf sagen? Wenn ich jetzt sag, Geld ist ein Zahlungsmittel und bedeutet mir nicht so viel, dann sagt man zu Recht: Der hat's. Ohne zu wissen, wieviel ich wirklich hab.
Wissen Sie's genau?
Ich weiß es schon. Die paar Mark, die ich hab, sind überschaubar.
Ein Satz zum Geld, bitte.
Wenn du Geld hast, tust dich leichter. Obs dich glücklich macht oder nicht, ist wieder was anderes.
Sie machen für zahlreiche Produkte Werbung, zum Teil für Konkurrenzprodukte von den Bayern München-Sponsoren.
Von irgendwas muss ich ja leben. Das sind ja meine Einnahmen. Bayern und das Organisationskommitee mach ich ja ehrenamtlich.
...
Ich hab keine großen Hemmungen, wenn Bayern Werbung für die Telekom macht, Werbung für O2? zu machen. Ich bin dem FC Bayern nichts schuldig. Im Gegenteil. Ich hab nie eine einzige Mark genommen. Ich hab sehr viel Zeit und Geld in den Verein investiert, deshalb nehme ich mir auch die Freiheit heraus, so zu handeln.
Haben die Bayern damit auch keine Probleme?
Die hatten schon Probleme. Es ist halt so.
Sie sitzen am längeren Hebel.
Diese Unabhängigkeit habe ich mir erworben.
Wie groß ist ihre Unabhängigkeit?
Tja. Wirkliche Unabhängigkeit gibt es wahrscheinlich nicht. Entweder bist du von deinen Sponsoren abhängig oder man ist vermeintlich unabhängig, obwohl's überhaupt nicht stimmt.
Wie meinen Sie das?
Ich meine, dass man vielleicht auswählen kann, was man macht und was nicht. Aber irgendwie bist du immer abhängig. Von deinem Nachbarn, von der Müllabfuhr. Vielleicht ist Abhängigkeit auch der falsche Ausdruck. Echte Unabhängigkeit gibt es jedenfalls nicht. Das ist ein Fehldenken. Da kannst du noch so viel Geld haben. Dann kommt eine Währungsreform, und dann ist das ganze Geld weg.
So schlimm steht es um die deutschen Banken bei allem Mitleid aber noch nicht.
Nein. Aber das haben wir doch schon mal gehabt nach zwei Weltkriegen. Kann ja auch mal wieder passieren.
Einen Verlust an Bewegungsfreiheit stellt bei Ihnen auch im privaten Bereich fest. Die Trennung von ihrer Frau, eine neue Beziehung, zwei junge Kinder, das alles findet unter den kritischen Augen der Öffentlichkeit statt.
Ja.
Wissen Sie, für welche Firmen Sie in ihrer Karriere geworben haben?
Nein (lacht). Ich weiß nur, wer die erste Nennenswerte war: die Firma Knorr. Für eine Knorr Suppe hab ich 1966 geworben, und in den 36 Jahren seither hab ich für unzählige Produkte den Kopf hingehalten.
Warum ist die Werbewirtschaft so rasend an Ihnen interessiert?
Keine Ahnung.
Aber Sie müssen doch eine Vorstellung von Ihrer Wirkung haben.
Eben nicht. Mir genügt es, wenn große Firmen an mich herantreten und mich fragen, ob ich mich mit ihren Produkten identifizieren kann. Ich hatte heute in der Früh ein Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden von jello, Strom. Wir arbeiten seit drei oder vier Jahren zusammen, und er sagte: Seit wir Sie haben als jello-Partner, ist unser Geschäft so (zeigt steil nach oben) in die Höhe gegangen.
Wie ist Ihre Erfolgsquote in der Werbung?
Ich kann keinen einzigen nennenswerten Fall sagen, wo es nicht funktioniert hat. Vielleicht ein kleiner, der sich mich mit Müh und Not noch leisten konnte....aber bei den großen Partnerschaften hat es immer funktioniert. Das freut mich natürlich.
Wie erklären Sie sich diese Erfolge?
Ich muss sie gar nicht erklären. Das machen die Partner. Die kommen ja nicht umsonst auf mich zu. Machen ihre Analysen, zackzackzack, wie heisst das, Werbemarktanalysen. Die müssen sich ja mit gemessenen Werten absichern: Passe ich zum Produkt oder nicht.
Wenn Sie für ein populäres Produkt werben, steigert das auch Ihre Popularität.
Darüber hab ich nicht nachgedacht. Wenn ich ein geschäftliches Engagement eingehe, denke ich nicht daran, wie ich dabei ausschaue. Es muss sich für den Partner rechnen, der gibt schließlich viel Geld aus. Der muss ja nicht nur mich zahlen, sondern auch Anzeigen schalten, Werbespots machen, undundund. Wenn das in den Sand gesetzt würde, wär mir das peinlich.
Sind Sie zufrieden mit dem Ausgang der Bundestagswahl?
Es ist nicht wichtig, ob ich zufrieden bin oder nicht. Es ist nun mal so passiert, und es hat mich nicht überrascht. Was mich überrascht hat, war das schlechte Abschneiden der FDP. Nicht überrascht hat mich das Abschneiden der CDU, Stoiber hat einen exzellenten Wahlkampf geführt.
In Bayern ja Franz-Josef-Strauß-artig.
Lassen wir das. Schröder hat in Niedersachsen auch einen Bonus. Das wird bei der nächsten Landtagswahl wieder anders aussehen.
Hätten Sie sich Stoiber als Kanzler gewünscht?
Er hat meinen Respekt. Die FDP hat ihn halt hängen lassen.
Hätten Sie einen Regierungswechsel vorgezogen?
Ich weiß nicht. Es wär das erste mal in der Geschichte gewesen, dass eine Regierung nach vier Jahren wieder abgewählt worden wäre. Wenn diese Regierung nach weiteren vier Jahren nichts zustande bringt, haben wir immer noch die Möglichkeit, sie abzuwählen.
Haben Sie zu Schröder einen guten Draht?
Ja. Sehr. Mit Stoiber natürlich auch. Das ist klar. Der sitzt bei den Bayern-Spielen immer neben mir. Ich glaube, er wäre ein guter Kanzler gewesen.
Glauben Sie, dass er noch eine Chance kriegt?
In vier Jahren... (lange Pause). Also an ihm hat es zuallerletzt gelegen, dass die Wahl verloren ging. Die große Enttäuschung des Wahlsonntags war die FDP. Ich meine, 18 Prozent waren ja vermessen, aber schon bei zehn plus x Prozent wären sie durch gewesen.
Sie sagten einmal, Sie hätten schon einige Inkarnationen hinter sich. Sind Sie ein gläubiger Mensch.
Das ist mir ein bisschen abhanden gekommen. Ich muss ganz ehrlich sagen, durch die Intensität der letzten fünf Jahre ist mir der Blick nach Innen verloren gegangen. Das ist schade...
Schade? Das berührt doch etwas Existenzielles.
Daran war ich auch sehr interessiert. Ich habe mich mit diesen Gedanken sehr wohlgefühlt. Aber in den letzten Jahren hatte ich einfach die Zeit nicht mehr. Die Geduld, die Muße, die du brauchst, um dich zurückzuziehen, die hab ich nicht mehr.
Was hat das für Auswirkungen?
Ich stehe zur Zeit ein bisschen neben mir.
Tatsächlich?
Das ist so.
Auch Ihr Bauernhaus in Kitzbühel taugt nicht mehr als Refugium?
Es wäre eines. Dort fühle ich mich auch am wohlsten. Das merke ich physisch. Ich brauche nicht mehr als zwei, drei Tage, da kann ich herkommen, von wo ich will, übermüdet und sonstwas, nach ein paar Tagen bin ich wieder topfit.
Gibt es also doch Momente, in denen Sie für sich sind?
Nein, ich sag ja: die letzten Jahren waren mir, nein, nicht zuviel, sonst hätte ich mein Leben ja geändert, aber ich hatte keine Zeit mehr, gescheite Bücher zu lesen. Was ich früher gerne gelesen hab. Dafür ist die Zeit nicht mehr da. Selbst wenn die Zeit da ist, bin ich gedanklich so beschäftigt, dass ich eine Seite lese und nachher gar nicht mehr weiß, was draufgestanden ist.
Was ist der Grund dafür?
In der letzten Zeit war es die Unordnung im privaten Bereich, die mir so herrscht. Auch der Tod vom Robert Schwan (Beckenbauers väterlicher Berater, Anm.) hat mich sehr mitgenommen. Im Moment ist es ein bisschen schwierig.
Ist Ihre Entscheidung für eine neue Beziehung nicht hilfreich?
Schon. Aber ich bin noch in einer Situation, in der ich mich noch nicht so gelöst habe. Aber in den nächsten Monaten, denke ich, werden sich da Lösungen finden.
Haben Sie manchmal das Bedürfnis irgendwohin zu flüchten, wo Sie kein Mensch kennt?
Das wird schwer.
Trotzdem könnten Sie den Wunsch haben.
Früher hatte ich ihn manchmal. Nützt aber nichts. Jetzt hab ich den Wunsch auch nicht mehr.
Im Moment bereiten Sie die WM im eigenen Land vor. Es ist also abzusehen, dass der Trubel in den nächsten vier Jahren immer mehr ansteigen wird. Ihre nächste Chance, zu sich zu kommen, ist also erst in vier Jahren, nach der WM.
So weit denke ich nicht.
Der Gedanke belastet Sie also nicht?
Nein. Es macht mir Spaß, im Organisationskommitee mitzuarbeiten, das ist für mich etwas Neues. Da freue ich mich drauf. Das hat ein ganz anderes Niveau.
Was war Ihr wichtigstes Buch?
Was ich gerne lese - oder las: Hesse. Khalil Gibran, der libanesische Autor. Was ich gern habe, sind Sinnsprüche, Lebensweisheiten. Konfuzius. Ghandi. Damit kann ich was anfangen.
Das beste Fussballspiel, das Sie gesehen haben?
Ich hab so viele Spiele gesehen.
Das beste Spiel, an dem Sie teilgenommen haben?
1972, das 4:1 Deutschlands gegen die UdSSR im Münchner Olympiastadion, bevor es offiziell eröffnet war. Der Rasen, ein Teppich. Das war ein gutes Fussballspiel. Von den technischen Fähigkeiten her war das vielleicht unser bestes Spiel.
Die bitterste Niederlage als Spieler?
Besonders bitter war keine. Niederlagen gehören dazu. Oft sind Niederlagen sehr hilfreich.
Die bitterste Niederlage als Bayern-Präsident?
Das 1:2 gegen Manchester im Champions League-Finale in Barcelona. So was hab ich noch nie erlebt. Dass du in der 93. Minute noch 1:0 führst, und in der 94. Minute bist du weg. Doch, das war bitter.
Wie oft waren Sie schon auf Zeitschriftencovers?
Keine Ahnung.
Ärgern Sie sich über kritische Berichte in Zeitungen?
Eigentlich nicht. Es kommt darauf an, wie es gemacht ist. Natürlich hab ich mich geärgert, wenn ich mir die Zeit nahm, mit jemandem zu reden und zu erklären, was Sache ist, und dann kommt ganz was anderes. Manche Journalisten machen ihren Bericht ja schon, bevor sie mit dir gesprochen haben. Dann ärgere ich mich über mich selber, dass ich die Zeit vertan habe.
Kritik prallt an Ihnen ab?
Wenn jemand von mir nichts hält, ist das eine Tatsache.
Sie haben wegen kritischer Berichterstattung die „Süddeutsche Zeitung" abbestellt?
Das ist schon lange her, und es hatte nichts mit mir persönlich zu tun. Mich ärgerte, wie man mit dem FC Bayern umgegangen ist, es war die Hollywood-Epoche. Da hat man uns sehr auf die Finger geklopft, und das war in meinen Augen überzogen. Als sie dann nicht aufhörten, sich über uns lustig zu machen, sagte ich, so, jetzt ist Schluss. „Süddeutsche" abbestellen, „Frankfurter Allgemeine" bestellen. Wobei das Verhältnis eh schon wieder besser ist, mit dem Kilz (Chefredakteur der „Süddeutschen") hab ich schon ein paarmal Golf gespielt.
Wie haben Sie Ihren 56. Geburtstag verbracht?
Ich war gerade auf dem Weg von Frankfurt nach München, ich hatte auf der Automobilausstellung einen Einsatz für Opel, kam gegen 16 Uhr auf dem Flughafen an und erfuhr vom Anschlag auf der World Trade Center. Einen Geburtstag stellt man sich anders vor.
Werden Sie Ihre Popularität eines Tages politisch verwerten?
Ich bin zwar ein politisch interessierter und auch politisch denkender Mensch, aber aktiv? Nein. Wenn du einer Partei angehörst, musst du das Lied der Partei singen, auch wenn eine andere Partei ein besseres Lied hat. Das ist nichts für mich.
Haben Sie sich deshalb so böse über Politiker, speziell jene in Brüssel, geäußert?
Das waren so Ausbrüche. Momentane Bestandsaufnahmen meines Denkens.
Sie sind bekannt für Ihre offenherzigen Äußerungen. Tut es Ihnen manchmal leid, so frisch von der Leber weg zu reden?
Im Nachhinein schon. Was ich über den Prodi (ZIT) oder die Luxemburgerin, wie heisst sie, ist zu weit gegangen. Aber wenns einmal draußen ist, ists draußen. Wenn ich mich einmal ärgere, kommt ein gewisser Jähzorn dazu, und patsch.
Zuletzt hat sich Hans-Jochen Vogel über ihre Bemerkung aufgeregt, es werde sich schon irgendein Terrorist finden, der das Olympiastadion in die Luft sprengt.
Mit ihm hab ich mich ausgesöhnt. Beim 70. Geburtstag von Otto Schily war ein kleiner Empfang im Rathaus, dort hab ich mich entschuldigt (lacht)...da sagst was Flapsiges, und das kommt in der heutigen Zeit ganz falsch an.
Was denken Sie, wenn Sie immer wieder hören, Beckenbauer ist ein Mythos, eine Legende?
Ich kann damit nichts anfangen. Verklärung ist mir fremd.
Warum liest man das in jedem Artikel über Sie?
Ich habe keinen Einfluss darauf, wenn die anderen übertreiben. Ich versuche immer mein Bestes zu geben. Meistens funktionierts. Manchmal funktionierts nicht.
