Fondue

Kolumnen / Zu Tisch, Weltwoche
Unter den kulinarischen Perversionen der Schweizer ist mit Sicherheit die perverseste das Fondue, und angesichts der obligatorischen Portion Apfelmus zu den Hörnli mit Gehacktem will das was heißen. Schon gut, ein paar Leser laufen jetzt rot vor Wut an und rufen exorzistisch „Figugegl". Sie zitieren damit, wenn ich mich nicht irre, den Schriftsteller Martin Suter, als der sich noch als Werber verdingte. Wenn nicht Suter persönlich den kryptischen Spruch erfand, dann war es jedenfalls ein Texter, der sein zwiespältiges Verhältnis zur besagten Speise auf hohem literarischen Niveau in krächzende Verzweiflung umwandelte. „Figugegl" heisst, für alle, die nicht wissen, was sie gerade gerufen haben: „Fondue Isch Guet Und Git E Gueti Luune". Gibt es ein geschönteres Akronym?

Fondue muss aus mehreren Gründen als Perversion betrachtet werden. Kein logisch denkender oder auch nur oberflächlich an der eigenen Gesundheit interessierte Mensch würde Speisen zu sich nehmen, die bereits mit dem Antitoxikum (= dem klaren Schnaps, den man nach der Mahlzeit braucht, um den beklemmenden Druck auf der Brust los zu werden) zubereitet sind; niemand, der sich das Volumen an geschmolzenem Käse, das im Caquelon vor sich hin blubbert, als Festmasse vorstellen kann, würde diese Menge an purem Fett jemals am Stück zu sich nehmen - samt Brot; und schon gar niemand, der Respekt vor den eigenen vier Wänden und vor den Menschen, die diese mit ihm teilen, besitzt, wird den Fondue-Flammenwerfer zu Hause in Betrieb nehmen. Denn kein Buchstabe auf der Welt stinkt derart penetrant wie das F aus Figugegl.

Schreien Sie nicht so laut. Ich meine es gut mit Ihnen. Wenn Sie tatsächlich glauben, dass man Fondue wenigstens aus folkloristischen Gründen einmal pro Jahr verzehren muss, dann befleißigen Sie sich wenigstens einer Technik für Fortgeschrittene. Fahren Sie mit dem Automobil in den Westen Zürichs - eine geeignetere Adresse als die „Chässtube Rehalp" werden Sie nämlich nicht einmal am Rand des Röstigrabens finden. Ziehen Sie sich im Auto ein letztes Mal die Kleider an, die für den Altkleidercontainer bestimmt waren, und huschen Sie ohne Mantel oder Jacke ins Lokal - außer Sie wollen Jacke und Mantel ebenfalls spenden. Anziehen werden Sie die geräucherten Fetzen nie mehr.

Essen Sie so viel Fondue wie Sie wollen, Sie lassen sich ja eh nicht belehren. Trinken Sie aber  wenigstens keinen Fendant dazu, sondern einen Weißen aus dem Friaul - der Patron verfügt über Reserven aus dem Hause „Jermann". Aber vergessen Sie nicht, was passieren kann, wenn man zu viel Fonduearoma erwischt. Ein mir bekannter Fonduekoch quittierte von heute auf morgen seinen Dienst. Er wurde Fischhändler.

Chässtube Rehalp. Forchstrasse 359, 8008 Zürich. Tel.: 044 3810180

Food & Beverage

Christian Seilers
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