Was bedeutet für dich „Liberalismus"?
Das ist ein ganz ein schwieriger
Begriff. Er suggeriert Liberty - Freiheit, wunderbar. Doch meistens werden
Begriffe wie Liberalismus als Deckmantel benutzt, unter dem ein ganz ein
anderes Spiel gespielt wird.
Der Film „Let's make Money"
spielt in einer liberalisierten Welt.
Stimmt - und es ist viel
präziser, nicht von einer globalisierten Welt zu sprechen, sondern von einer
liberalisierten. Von einer Welt, die alle Regeln abgeschüttelt hat.
Hat das Finanzwesen keine
Regeln?
Nein. Nachdem es bekanntlich
eine ganz schreckliche Wirtschaftskrise gab, die unter anderem zum Faschismus
und zum Zweiten Weltkrieg geführt hat, wurden danach ganz strenge Regeln
aufgestellt. Ab den siebziger Jahren wurde die freilich wieder aufgeweicht.
Plötzlich hieß das Motto, auf
das sich alle einigen konnten: Mehr privat, weniger Staat.
Das war das berühmte Schlagwort.
Und der aktuelle Witz ist, dass nun, in der Stunde der Wahrheit, genau das
Gegenteil passiert. Jetzt rufen die eifrigsten Privatisierer nach dem Staat.
Aber wer ist der Staat? Der Staat sind wir. Also müssen jetzt wir alle zusammen
die Suppe auslöffeln.
Der Staat garantiert immerhin
die Spareinlagen.
Aber was heißt denn das? Der
Staat sind wir. Wir garantieren unsere eigenen Spareinlagen, das heißt das.
Was war der Ausgangspunk für
den Film? Woher kam die Motivation, das hochkomplexe Finanzsystem zu
untersuchen?
Es war der Werbespruch einer
Bank, der lautete: „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten". Wir alle wissen doch, dass
Geld nicht arbeitet, sondern Menschen. Das wollten wir uns eben ganz konkret
anschauen. So kamen wir an diese Örtlichkeiten, zu diesen Persönlichkeiten und
zu deren Haltung. Nichts anderes reflektiert der Film.
Du stellst programmatisch ganz
naive Fragen, die Deine Gesprächspartner manchmal ganz aus dem Konzept bringen.
Hattest du den Eindruck, dass sie wissen, wovon sie sprechen?
Ja. Die sind es ja gewöhnt, mit
Medien zu sprechen, nur der Kontext ist üblicherweise anders. Für irgendeine Wirtschaftsmedien
können sie ihre eigene Spezialsprache sprechen, und wir fragen halt immer ein
bisschen nach: Was heißt denn das jetzt genau? Für wen ist denn das jetzt
wirklich gut?
Die Antworten sind in ihrer
Lakonie oft haarsträubend. Ein Gesprächspartner sagt zum Beispiel, dass man
Aktien am besten dann kauft, wenn Blut auf der Straße klebt. Wie sind solche
Antworten moralisch zu werten?
Das kann ich schwer beurteilen.
Aber wir wissen ja, dass beim Geld - und das ist schon ein interessantes
Phänomen - gewisse Schranken fallen, und zwar nicht nur bei den Leuten in der
Finanzwelt, sondern auch bei uns selbst. Den Leuten ist ja jahrelang
versprochen worden, dass das angelegte Geld „arbeitet" und Gewinne macht. Es
hat sich aber niemand dafür interessiert, wie diese Gewinne gemacht werden.
Und: wie werden sie gemacht?
Alle Gewinne basieren auf Ausbeutung.
Sobald das nicht mehr der Fall ist, sind die großen Renditen nicht mehr
möglich. Ich sehe in der jetzigen Krise die Chance, dass wir eine neue
Wirtschafts- und eine neue Gesellschaftsform finden, weil wir sie finden
müssen. Wir leben in saturierten Gesellschaften. Es ist alles da. Gewinne
können wir nur mehr woanders machen, nicht mehr bei uns.
In einer Einstellung fährt
der Industrielle Mirko Kovacs in Indien durch die Slums und sagt, dass die
Menschen, die in seiner Fabrik arbeiten, noch auf Jahrzehnte hinaus arm bleiben
werden, weil wir - der Westen - die Gewinne abziehen.
Das ist natürlich blanker
Zynismus. Und das Ergebnis der Aufforderung „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten".
Kovacs sagt ja nur: „Geld muss Geld verdienen". Das ist einer seiner
Lieblingssätze. Und das geschieht, koste es, was es wolle, wie der deutsche
Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer an einer anderen Stelle sagt.
Was produziert Kovacs in Indien
überhaupt?
Es ist völlig egal, was Kovacs
produziert. Er investiert in Indien in eine völlig veraltete Technologie, in
Bauteile für kalorische Kraftwerke, denn die Energienachfrage ist derzeit
enorm. Sie ist aber nicht deshalb enorm, weil die indische Bevölkerung jetzt
flächendeckend elektrischen Strom kriegen würde und Fernsehen und Radio und
Internet. Nein, die Industrie verbraucht die meiste Energie für die Produktion
von Gütern. Aber man investiert nicht in neueste Technik, man verkauft ihnen das
alte Klump, man beutet sie aus, man verschuldet sie mit Weltbankkrediten. Ja,
und das heißt dann: wachsende Märkte, emerging markets.
Wie nimmt denn der Finanzmanager
Einfluss darauf, in welche Richtung die Märkte wachsen?
Er sieht zum Beispiel, dass in
China die Menschen westliche Lebensgewohnheiten nachahmen. Also sagt er, aha,
in Amerika essen die Leute 39 Kilo Zucker, in China nur 16 oder 17. Da gibt es
noch enormes „Wachstumspotential". Also investiert man in Zuckerfabriken.
Dadurch weiß man aber auch, dass die Leute vom Zucker natürlich Diabetes
bekommen. Also investiert man in Diabetesmedikamente. Das nennt sich
ökonomische Entwicklung.
Wie nennst du es?
Sicher nicht Zivilisation oder
Fortschritt.
Sondern?
Ausdehnung eines Kapitalismus
unter dem Deckmantel der Freiheit.
Hast du bei deiner Recherche
Menschen getroffen, die ihre Zweifel am System hatten?
All die Leute, denen wir
begegnet sind, haben diesen Crash vorhergesehen. Alle. Natürlich hat kein
Mensch genau gewusst, wie er kommt, das weiß man ja jetzt auch noch gar nicht
genau. Aber jeder wusste, dass es ein Problem gibt - und man macht trotzdem weiter.
Du zeigst im Film Bilder, wo
das Abstrakte von Geldgeschäften plötzlich eine Form bekommt: Etwa leer
stehende Häuser an der spanischen Küste, die vor allem als Wertanlage dienen.
Genau. Wenn man das Geld auf
Teufel komm raus arbeiten lässt, dann entstehen z.B. 800.000 Wohneinheiten
in Europa, die kein Mensch braucht. Umgekehrt: vor Ort herrscht Wohnungsnot für
die eigene Bevölkerung.
Und Wassernot, während Wasser
eingesetzt wird, um durch perfekt begrünte Golfplätze Wohnungen wertvoller zu
machen.
Genau. Das sind die ganz
konkrete Ausformungen von „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten". Und das war die
Motiviation für mich, nachzuschauen, wo das Geld hingeht und was geschieht,
wenn es sich so blitzartig vermehren soll.
Wie hast du Gesprächspartner
für diesen Film bekommen? Nach „We feed the World" musste doch jedem klar sein,
in welchem Zusammenhang seine Statements erscheinen würden. Oder ist das jemandem
wie Mirko Kovacs egal?
Es war ihm prinzipiell egal. Er
hat gewusst, dass wir in Afrika drehen und bei der Weltbank usw. Er hat auch
gewusst, dass wir mit dem Börsenguru Mobius, den er für einen sehr, sehr Großen
der Branche hält, reden. Das war natürlich ein zusätzlicher Anreiz. Aber die
Leute werden nicht hinters Licht geführt. Das einzige, was sie nicht wissen
können, ist, in welchem Kontext ihr Statement montiert ist.
Fühlst du dich jetzt von den
aktuellen Ereignissen bestätigt?
Bestätigt? Ich weiß nicht. Wir
haben ein gutes Timing gehabt. Wie gesagt, alle haben gewusst, dass es
irgendwann krachen wird, auch ich. Dass das jetzt passiert, konnten wir
natürlich nicht wissen.
Was hat dich am meisten bewegt?
Wenn man den Herrn Kovacs so
durch seine Fabrik gehen sieht, interessiert ihn nichts anderes, als was ein
Schweißer kostet. Wenn das aber das Einzige einer so genannten zivilen
Gesellschaft ist, wenn das der einzige Wert der Zivilisation ist, ja, willst du
in so einer Gesellschaft leben? Ich nicht.
In einer Gesellschaft, die
sich ständiges Wachstum verordnet.
Genau. Ich stelle mir seit
vielen Jahren die Frage, warum wir permanentes Wirtschaftswachstum brauchen.
Die Antwort kann ich nach dieser Recherche jetzt und klar geben: Nicht wir
brauchen dieses Wachstum, das Kapital braucht dieses Wachstum, damit es seine
Zinstilgung befriedigen kann. Das ist die Antwort.

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