Erwin Wagenhofer

Buchbeiträge / Interviews
Der Regisseur von "Let's make Money" über Hintergründe und Motive seines neuen Films

Was bedeutet für dich „Liberalismus"?

Das ist ein ganz ein schwieriger Begriff. Er suggeriert Liberty - Freiheit, wunderbar. Doch meistens werden Begriffe wie Liberalismus als Deckmantel benutzt, unter dem ein ganz ein anderes Spiel gespielt wird.

Der Film „Let's make Money" spielt in einer liberalisierten Welt.

Stimmt - und es ist viel präziser, nicht von einer globalisierten Welt zu sprechen, sondern von einer liberalisierten. Von einer Welt, die alle Regeln abgeschüttelt hat.

Hat das Finanzwesen keine Regeln?

Nein. Nachdem es bekanntlich eine ganz schreckliche Wirtschaftskrise gab, die unter anderem zum Faschismus und zum Zweiten Weltkrieg geführt hat, wurden danach ganz strenge Regeln aufgestellt. Ab den siebziger Jahren wurde die freilich wieder aufgeweicht.

Plötzlich hieß das Motto, auf das sich alle einigen konnten: Mehr privat, weniger Staat.

Das war das berühmte Schlagwort. Und der aktuelle Witz ist, dass nun, in der Stunde der Wahrheit, genau das Gegenteil passiert. Jetzt rufen die eifrigsten Privatisierer nach dem Staat. Aber wer ist der Staat? Der Staat sind wir. Also müssen jetzt wir alle zusammen die Suppe auslöffeln.

Der Staat garantiert immerhin die Spareinlagen.

Aber was heißt denn das? Der Staat sind wir. Wir garantieren unsere eigenen Spareinlagen, das heißt das.

Was war der Ausgangspunk für den Film? Woher kam die Motivation, das hochkomplexe Finanzsystem zu untersuchen?

Es war der Werbespruch einer Bank, der lautete: „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten". Wir alle wissen doch, dass Geld nicht arbeitet, sondern Menschen. Das wollten wir uns eben ganz konkret anschauen. So kamen wir an diese Örtlichkeiten, zu diesen Persönlichkeiten und zu deren Haltung. Nichts anderes reflektiert der Film.

Du stellst programmatisch ganz naive Fragen, die Deine Gesprächspartner manchmal ganz aus dem Konzept bringen. Hattest du den Eindruck, dass sie wissen, wovon sie sprechen?

Ja. Die sind es ja gewöhnt, mit Medien zu sprechen, nur der Kontext ist üblicherweise anders. Für irgendeine Wirtschaftsmedien können sie ihre eigene Spezialsprache sprechen, und wir fragen halt immer ein bisschen nach: Was heißt denn das jetzt genau? Für wen ist denn das jetzt wirklich gut?

Die Antworten sind in ihrer Lakonie oft haarsträubend. Ein Gesprächspartner sagt zum Beispiel, dass man Aktien am besten dann kauft, wenn Blut auf der Straße klebt. Wie sind solche Antworten moralisch zu werten?

Das kann ich schwer beurteilen. Aber wir wissen ja, dass beim Geld - und das ist schon ein interessantes Phänomen - gewisse Schranken fallen, und zwar nicht nur bei den Leuten in der Finanzwelt, sondern auch bei uns selbst. Den Leuten ist ja jahrelang versprochen worden, dass das angelegte Geld „arbeitet" und Gewinne macht. Es hat sich aber niemand dafür interessiert, wie diese Gewinne gemacht werden.

Und: wie werden sie gemacht?

Alle Gewinne basieren auf Aus­beutung. Sobald das nicht mehr der Fall ist, sind die großen Renditen nicht mehr möglich. Ich sehe in der jetzigen Krise die Chance, dass wir eine neue Wirtschafts- und eine neue Gesellschaftsform finden, weil wir sie finden müssen. Wir leben in saturierten Gesellschaften. Es ist alles da. Gewinne können wir nur mehr woanders machen, nicht mehr bei uns.

In einer Einstellung fährt der Industrielle Mirko Kovacs in Indien durch die Slums und sagt, dass die Menschen, die in seiner Fabrik arbeiten, noch auf Jahrzehnte hinaus arm bleiben werden, weil wir - der Westen - die Gewinne abziehen.

Das ist natürlich blanker Zynismus. Und das Ergebnis der Aufforderung „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten". Kovacs sagt ja nur: „Geld muss Geld verdienen". Das ist einer seiner Lieblingssätze. Und das geschieht, koste es, was es wolle, wie der deutsche Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer an einer anderen Stelle sagt.

Was produziert Kovacs in Indien überhaupt?

Es ist völlig egal, was Kovacs produziert. Er investiert in Indien in eine völlig veraltete Technologie, in Bauteile für kalorische Kraftwerke, denn die Energienachfrage ist derzeit enorm. Sie ist aber nicht deshalb enorm, weil die indische Bevölkerung jetzt flächendeckend elektrischen Strom kriegen würde und Fernsehen und Radio und Internet. Nein, die Industrie verbraucht die meiste Energie für die Produktion von Gütern. Aber man investiert nicht in neueste Technik, man verkauft ihnen das alte Klump, man beutet sie aus, man verschuldet sie mit Weltbankkrediten. Ja, und das heißt dann: wachsende Märkte, emerging markets.

Wie nimmt denn der Finanzmanager Einfluss darauf, in welche Richtung die Märkte wachsen?

Er sieht zum Beispiel, dass in China die Menschen westliche Lebensgewohnheiten nachahmen. Also sagt er, aha, in Amerika essen die Leute 39 Kilo Zucker, in China nur 16 oder 17. Da gibt es noch enormes „Wachstumspotential". Also investiert man in Zuckerfabriken. Dadurch weiß man aber auch, dass die Leute vom Zucker natürlich Diabetes bekommen. Also investiert man in Diabetesmedikamente. Das nennt sich ökonomische Entwicklung.

Wie nennst du es?

Sicher nicht Zivilisation oder Fortschritt.

Son­dern?

Ausdehnung eines Kapitalismus unter dem Deckmantel der Freiheit.

Hast du bei deiner Recherche Menschen getroffen, die ihre Zweifel am System hatten?

All die Leute, denen wir begegnet sind, haben diesen Crash vorhergesehen. Alle. Natürlich hat kein Mensch genau gewusst, wie er kommt, das weiß man ja jetzt auch noch gar nicht genau. Aber jeder wusste, dass es ein Problem gibt  - und man macht trotzdem weiter.

Du zeigst im Film Bilder, wo das Abstrakte von Geldgeschäften plötzlich eine Form bekommt: Etwa leer stehende Häuser an der spanischen Küste, die vor allem als Wertanlage dienen.

Genau. Wenn man das Geld auf Teufel komm raus arbeiten lässt, dann entstehen z.B. 800.000 Wohneinheiten in Europa, die kein Mensch braucht. Umgekehrt: vor Ort herrscht Wohnungsnot für die eigene Bevölkerung.

Und Wassernot, während Wasser eingesetzt wird, um durch perfekt begrünte Golfplätze Wohnungen wert­voller zu machen.

Genau. Das sind die ganz konkrete Ausformungen von „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten". Und das war die Motiviation für mich, nachzuschauen, wo das Geld hingeht und was geschieht, wenn es sich so blitzartig vermehren soll.

Wie hast du Gesprächspartner für diesen Film bekommen? Nach „We feed the World" musste doch jedem klar sein, in welchem Zusammenhang seine Statements erscheinen würden. Oder ist das jemandem wie Mirko Kovacs egal?

Es war ihm prinzipiell egal. Er hat gewusst, dass wir in Afrika drehen und bei der Weltbank usw. Er hat auch gewusst, dass wir mit dem Börsenguru Mobius, den er für einen sehr, sehr Großen der Branche hält, reden. Das war natürlich ein zusätzlicher Anreiz. Aber die Leute werden nicht hinters Licht geführt. Das einzige, was sie nicht wissen können, ist, in welchem Kontext ihr Statement montiert ist.

Fühlst du dich jetzt von den aktuellen Ereignissen bestätigt?

Bestätigt? Ich weiß nicht. Wir haben ein gutes Timing gehabt. Wie gesagt, alle haben gewusst, dass es irgendwann krachen wird, auch ich. Dass das jetzt passiert, konnten wir natürlich nicht wissen.

Was hat dich am meisten bewegt?

Wenn man den Herrn Kovacs so durch seine Fabrik gehen sieht, interessiert ihn nichts anderes, als was ein Schweißer kostet. Wenn das aber das Einzige einer so genannten zivilen Gesellschaft ist, wenn das der einzige Wert der Zivilisation ist, ja, willst du in so einer Gesellschaft leben? Ich nicht.

In einer Gesellschaft, die sich ständiges Wachstum verordnet.

Genau. Ich stelle mir seit vielen Jahren die Frage, warum wir permanentes Wirtschaftswachstum brauchen. Die Antwort kann ich nach dieser Recherche jetzt und klar geben: Nicht wir brauchen dieses Wachstum, das Kapital braucht dieses Wachstum, damit es seine Zinstilgung befriedigen kann. Das ist die Antwort.

 


Food & Beverage

Christian Seilers
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