Er ist der Meister der Stille

Kurier Freizeit / Porträts
Bild: Bild: Stephan Mussil
Porträt des Harmonikavirtuosen Walther Soyka.

Damit das klar ist: Der Vorname von Walther Soyka lautet Walther, stummes h inklusive. Diese stumme h ist wichtig. Es ist, wie Soyka lächelnd sagt, ein Repräsentant der Stummheit, und wenn man will, kann man das als eine Art paradoxes Selbstporträt interpretieren. 
Walther Soyka ist einer der ganz großen Künstler der Wiener Musik, und wenn Sie jetzt vielleicht fragen, wer genau jetzt dieser Walther mit h ist, dann liegt das daran, dass Soyka, 53, zwar seit fast vierzig Jahren vor Publikum auftritt, aber nach Kräften daran arbeitet, auf der Bühne unsichtbar zu bleiben.
Soykas Domäne ist die Knopfharmonika, dieses grundlegende Instrument, das dem Wienerlied sein Fundament und die Farbe verschafft. Natürlich kann man diese Knopfharmonika, die in vielen Weltmusiken zum Einsatz kommt, auch am vorderen Bühnenrand im Lichtkegel des Verfolgerscheinwerfers spielen, wild, entschlossen und mit den Derwischfingern des Virtuosen. 
Nicht, dass Walther Soyka keine Derwischfinger besäße. Aber er nutzt sie nur selten, um sich selbst, sein Können, seine technischen Fertigkeiten, sein überragendes Gefühl für die spektakulären Wendungen und Wege, die Musik jederzeit einschlagen kann, vor aller Augen zu zelebrieren. 
Lieber rollt er seinen Mitmusikern den roten Teppich aus. Legt seine Töne so dezent und zurückhaltend unter den Rhythmus der Gitarre von Ernst Molden oder die Stimme von Willi Resetarits, dass das Publikum diesen stets präsenten Charakterköpfen beeindruckt und gerne folgt, ohne groß zur Kenntnis zu nehmen, auf welcher Welle von musikalischem Verständnis und harmonischer Sicherheit diese gerade surfen. 
Die Quelle dieser Welle ist natürlich Soykas Harmonika. Die Töne fließen mit natürlicher Selbstverständlichkeit. Sie markieren den Raum und gestalten die Zeit aus. Ihre Präsenz ist so essentiell, dass man sie für gegeben hält und erst aufschreckt, wenn die Töne plötzlich verstummen: Repräsentanten der Stummheit. Der lächelnde Soyka hat es immer gewusst.

Zum ersten Mal sah ich Walther Soyka auf einer Bühne, als er mit der Elektrocombo von Roland Neuwirth im Amerlingbeisl auftrat. Das war Anfang der achtziger Jahre. Anlass des Konzerts war die Präsentation des Albums „Extrem", für das Neuwirth seine Schrammelband in „Extremschrammeln" umgetauft hatte, was unter dem Strich das Einzige blieb, was von dem Projekt überlebte. Seit damals - und lang, nachdem Neuwirth seine Ausflüge in die elektrisch verstärkte Popmusik gegen eine besonders heiligmäßige Pflege der Wiener Schrammeltraditionen durch beseelte Veränderung eingetauscht hatte - hieß die Band so, und Walther Soyka gehörte dieser Band wundersamerweise an.
Das ging so: Soyka hatte als Kind Cellounterricht bekommen und eine Lehrerin gehabt, die ihm ziemlich am Anfang etwas beigebracht hatte, was er sein ganzes Leben nicht mehr vergessen sollte.
„Weisst du, Walther", hatte sie gesagt, „Töne sind nicht einfach Töne. Töne sind Lebewesen, und du musst dafür sorgen, dass sie ein schönes Leben haben."
„Seit damals", sagt Walther Soyka heute, „liebte ich die Musik mehr als das Spielen."
Das ist ein sehr philosophischer Satz. Es lohnt sich, ihn zweimal zu lesen.
Soyka strich also beherzt das Cello, um Töne auf die Welt zu bringen. Als er fünfzehn war, probierte er ein Akkordeon aus. Schnell beherrschte er ein paar Landler und begriff deren harmonische Muster.
Im Turnverein gab es eine Volkstanzgruppe, und damit diese Gruppe tanzen konnte, gab es auch eine Musikkapelle, der Soyka beitrat, als einer der Musikanten überraschend das Zeitliche segnete. Es musste ja weitergetanzt werden.
 So lernte er sein erstes Repertoire an Walzern, Tanz und Landlern, und weil ihm die Volksmusik Spaß machte, trat er gleich einmal solo als Straßenmusiker auf. Je Polka, desto besser die Spenden des Publikums. 
Soykas Kompetenz am Akkordeon verfestigte sich im selben Maß, wie die Leistungen im Gymnasium nachließen. Statt für die eine oder andere Schularbeit zu lernen, reiste er nach Grossrußbach und nahm an einem Seminar teil, das die widmungsgerechte Beherrschung der Steirischen Knopfharmonika verhieß.
Das Seminar war einerseits eine Enttäuschung, „denn ich konnte schon alles", sagt Soyka. Es war aber auch eine kleine Offenbarung, denn der noch immer fünfzehnjährige Soyka lernte dort Roland Neuwirth kennen, der bereits an der Neukalibrierung des Wienerlieds arbeitete. Neuwirth spielte dem talentierten, schmalen Knopfharmonikaspieler erst einmal seinen „Fußpilzblues" vor. Aha, dachte Soyka, das ist also ein Wienerlied.
Soyka brach die Schule ab und begann eine Buchhändlerlehre in Hietzing. Zwei Jahre später stand besagter Neuwirth in der Tür. Er suchte einen Harmonikaspieler und war Walthers Spuren wie ein Privatdetektiv bis in die Hietzinger Buchhandlung gefolgt.
Neuwirth lud Soyka ein, mit ihm zu proben. Soyka begriff intuitiv, wie Neuwirths Lieder funktionierten und spürte, wie er Stimme und Kontragitarre mit dem Klang seines Instruments besser zur Geltung bringen konnte. Es gab damals keine Noten, gefragt war Gespür. Neuwirth, ein selten zufriedenzustellender Bandleader erkannte, dass Soyka dieses Gespür im Übermaß besaß. Er schenkte dem Siebzehnjährigen etwas ganz besonders Wertvolles: eine authentische Wiener Schrammelharmonika. Von da an war Walther Soyka zwanzig Jahre Teil der Neuwirth Schrammeln.
Am Anfang reichte das noch nicht fürs Leben. Walther besorgte sich einen Nebenjob im Lokal der legendären Jazz Gitti auf der Seilerstätte. Dort legte er zweimal in der Woche bis fünf Uhr früh Schallplatten auf, ging anschließend nicht schlafen, weil er um acht Uhr früh die Buchhandlung aufsperren musste und absolvierte sein tägliches Pensum an der Harmonika. 
Es dauerte Jahre, bis die Neuwirth Schrammeln sukzessive zu ihrem unverkennbaren Klang fanden. In der klassischen Schrammelbesetzung mit zwei Geigen, Harmonika, Kontragitarre und den Stimmen von Roland Neuwirth und Doris Windhager etablierten sie das, was heute selbstverständlich „Neues Wienerlied" heisst. Damals war das nicht weniger als eine Revolution. 
„Alles kreiste um die Lieder von Roland", sagt Walther Soyka, „aber Roland wollte noch mehr: Er forderte mich auf, Tanz zu komponieren."
Das war der nächste entscheidende Schritt. Das Komponieren veränderte den Blick Walther Soykas auf die Musik von Neuem. Er begann nicht nur wunderbare Instrumentalstücke in der Tradition alter Schrammeltänze zu schreiben, sondern nahm auch Aufträge für Filmmusik an und stellte eine Band zusammen, mit der er ausschließlich improvisierte, Free Jazz. Die Kombo hieß sarkastisch „Danke".
Soyka hatte inzwischen verheiratet und war Vater von drei Kindern. Er war, wie er sagt, „bettelarm", aber das beeindruckte ihn nicht. Walther war selbst mit acht Geschwistern auf 70 Quadratmetern in Meidling aufgewachsen, kein Geld, die Familie lebte von Spenden, die für die politische Arbeit des Vaters - im weitesten Sinn: Kampf gegen die Atomlobby - gesammelt wurden.
Was Soyka daraus bezog, war eine radikale Unerschrockenheit, die auf der Zuversicht fußte, dass in Wien niemand verhungern muss. Als er 2002 die Zusammenarbeit mit den Neuwirthschrammeln beendete, stand er dermaßen ohne Job und Geld da, dass ihm 50 Euro für die Woche genügen mussten. Aber er kümmerte sich nicht etwa um Jobs, sondern um die Zusammenstellung einer neuen Band, der Herzton Schrammeln. In Archiven und auf Schellacks suchte er nach alten Stücken, tat sich mit dem Zithervirtuosen Karl Stirner zusammen und musizierte sich in die Tiefe der Wiener Musik, erkundete ihre Klangfarben und Idiome, verstand sie, übertrug sie auf sein eigenes Instrument, erwarb die Musik, um sie zu besitzen. Manchmal, beim einen oder anderen Heurigen, bekam er dafür ein bisschen Geld. Oft belohnte er sich für den Aufwand damit, dass er ihn trieb.
Walther Soyka ist einer der raren Menschen, die ich nie klagen gehört habe, ausser vielleicht, wenn eine Liebesgeschichte in die falsche Richtung abbog. Er ist mit seinem Leben im Reinen, weil sich jeder Tag, an dem er die Harmonika angreift und Tönen das Leben schenkt, irgendwie richtig anfühlt. 
Er lernte, zum ersten Mal seit den Auftritten als Straßenmusikant, allein zu spielen. In seinem Studio an der Landstraße, wo er arbeitet und übt, liegen die beiden dicken Bände der Volksmusikforscher Walter Deutsch und Ernst Weber, „Volksmusik in Wien" und „Weana Tanz". Im zweiten Band sind unzählige Stücke notiert und abgedruckt, übrigens auch einer von Walther Soyka selbst. Das Buch ist über und über mit Post-Its beklebt, Ausdruck der Stunden, Tage, Wochen, in denen Walther den Inhalt studiert und zum Leben erweckt hat.
So stieg er zur heimlichen und gar nicht so heimlichen Autorität auf. Er wurde eingeladen und beigezogen. Mit den Strottern nahm er ein Album auf, mit Hannes Löschels Stadtkapelle, er trat Gast bei zahllosen Formationen auf zahllosen Bühnen auf. Er war der wichtigste Exponent des schönen Films „Herzausreisser", der verschiedene Wege zum Wienerlied nachzeichnete und dabei immer wieder bei Walther Soyka landete. 
Während Walther sich um Musik kümmerte, die sonst garantiert niemand spielt, fragte schüchtern Ernst Molden nach, ob er nicht für sein erstes Dialektalbum „Ohne di" diesen weichen, seelenvollen Harmonikaklang beisteuern möge, der Molden aus der Ferne so ans Herz gewachsen war. Das war die Geburtsstunde der, wie es Willi Resetarits formuliert, „Molden Bande", die außer ihm, Molden und Soyka noch den Gitarristen Hannes Wirth umfasst, und die in den bald zehn Jahren ihres Bestehens von den kleinen, feinen in die großen und ganz großen Säle gewechselt ist, unter akribischer Bewahrung ihres intimen Anspruchs, kammermusikalische Wiener Popmusik zu machen.

Die Töne wollen laut und leise leben. Auf seinem eigenen Label bringt Walther Soyka sukzessive Musiken heraus, die er aus den Tiefen der Vergangenheit ins Jetzt befördert wissen will. Mit dem Zitherspieler Karl Stirner hat er zwei fabelhafte Alben eingespielt, demütig und selbstbewusst zugleich. Mit der Geigerin Martina Rittmannsberger hat er „Zwirn" aufgenommen, was nur ein anderes Wort für Tanz ist, und diese Tanz gehören nicht nur konserviert, sondern gespielt, so oft wie möglich.
Deshalb spielt Walther Soyka mit Vorliebe live, immer wieder, regelmäßig. Ich habe Martina Rittmannsberger und ihn besucht, als sie, wie fast jeden Sonntag, auf der Redlinger Hütte bei Maria Gugging spielen, zu zweit, akustisch, bei Schönwetter im Garten, bei Schlechtwetter in der Stube. 
Das Bild, das sich bietet, ist ein Herzausreisser. Die beiden Vertrauten helfen einander in die Musik. Sie steigern das Tempo, werden zögerlicher, spitzen die Ohren, flüstern einander verschiedene Stimmen zu. Sie und die Musik sind sich selbst genug. Die Musiker verschwinden hinter ihrer Musik.
Aber wir können dabei sein, zum Beispiel am Nebentisch, wenn ein großer Meister der Wiener Musik seine Harmonika tief einatmen lässt und uns erlaubt, die Ohren zu spitzen - und für einen Augenblick selbst zu Repräsentanten der Stummheit zu werden.
Dann Musik.


Food & Beverage

Christian Seilers
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