Durch dick und dünn

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Bild: Bild: Julia Walther
Als Beilage zum Osterschinken: Eine kleine Kulturgeschichte unseres Umgangs mit dem Schwein.

Der Osterschinken ist ein sensibles Stück Fleisch. Es stammt vom Schwein, von dessen hinterer Hamme. Die Hamme wird zuerst gesalzen, dann gekocht und schließlich geräuchert. Das sind differenzierte Kulturtechniken: Zu viel Salz, und der Schinken ist verdorben. Zu viel Rauch, und alle seine Feinheiten sind überdeckt. Weil wir uns darüber hinaus längst an die prächtige hellrosa Farbe des Beinschinkens gewöhnt haben, erfolgt das Einsalzen über eine Nitritsalz-Dextrose-Lake - wir wollen schließlich keinen grauen Schinken auf den Tisch bekommen, wenn wir zum Beispiel die Auferstehung Christi feiern.

Zu Ostern wird Schinken auf vielfältige Weise serviert. Er beendet klassischerweise die Fastenzeit. Gern bäckt man ihn in Brotteig ein, jedenfalls kombiniert man ihn mit harten Eiern und Cornichons. Dazu gibt es süßes oder saures Brot. 

In manchen Gemeinden des Alpenraums wird der Schinken in der Karwoche in die Kirche getragen, damit der katholische Pfarrer das Fleisch weihen kann. Damit wird der Moment des ersten Fleischgenusses nach vierzig Tagen Fastenzeit mit einer gehörigen Portion Pathos gewürzt. Man erinnert sich, wenigstens in der Theorie, des letzten Abendmahls, der Kreuzigung und Grablegung Jesu und feiert die Auferstehung des Fleisches paradoxerweise durch den Verzehr von Fleisch.

Auch wenn für den Hauptgang oft ein Lamm in den Ofen geschoben wird („Lamm Gottes", steht bei Johannes 1,29: „das die Sünde der Welt hinwegnimmt"). Besonders interessant für unseren Umgang mit Fleisch ist die Rolle des Schweins. Denn kein Tier ist uns so ähnlich und stößt uns so ab. Für kein Tier haben wir so viele Anzüglichkeiten und Beschimpfungen übrig. Und kein Tier übt kraft seiner schieren Existenz eine so mächtige Wirkung auf uns aus, und damit meine ich nicht die Drängerei an der Fleischtheke, wenn die frischen Blut- und Leberwürste für die Schlachtplatte eintreffen.

Zum Beispiel lehnen viele der 1,57 Milliarden Muslime und 15 Millionen Juden, die derzeit auf der Welt leben, den Genuss von Schweinefleisch ebenso vehement ab wie der Teufel einen Schluck Weihwasser. Weil es nämlich geschrieben steht.

Das Alte Testament liefert im 3. Buch Mose klare Speisevorschriften: „Alle Tiere die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen. Jedoch dürft ihr von den Tieren, die wiederkäuen oder gespaltene Klauen haben, folgende nicht essen: Ihr sollt für unrein halten das Kamel, weil es zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten den Hasen, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut. Ihr dürft von ihrem Fleisch nicht essen und ihr Aas nicht berühren; ihr sollt sie für unrein halten" (Lev 11, 3-8).  

Im selben Schwung wird auch der Verzehr diverser Wassertiere, Insekten und Kriechtiere verboten. Auch Vögel wie von Adler bis Fledermaus (die zwar kein Vogel ist, aber gleichwohl nicht gegessen werden darf) stehen auf dem Index. Aber nur die Unreinheit des Schweins wird wiederholt, das Verbot seines Verzehrs also wirkungsvoll bekräftigt (Lev 11,26).
So systematische Speiseverbote hat der Koran nicht zu bieten. Dafür heißt es in der 2. Sure ganz konkret: „Verboten hat Er euch nur [den Genuss von] natürlich Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber etwas anderes als Allah angerufen worden ist."(2,173). In der 5. Sure wird dieses Verbot erneuert und um den Genuss von „Ersticktem, Erschlagenem, zu Tode Gestürztem oder Gestoßenem, und was von einem wilden Tier gerissen worden ist - außer dem, was ihr schlachtet - und was auf einem Opferstein geschlachtet worden ist" ergänzt (5,3). 
Außerdem wartet der Koran in der 6. Sure im Gegensatz zur Bibel wenigstens mit einer Art Erklärung für das Verbot von Schweinefleisch auf: Sein Genuss sei verboten, weil es „tatsächlich schmutzig ist". Damit taucht zum ersten Mal so etwas wie ein rationales Argument auf. 
Tatsächlich befand der Rabbi, Philosoph und Arzt Moses Maimonides erst im 12. Jahrhundert, dass man das Schwein „wegen seiner großen Unreinlichkeit" und deshalb nicht essen dürfe, „weil es sich von abscheulichen Dingen nährt." Maimonides spielte darauf an, dass das Schwein ein Kotfresser sei („Das Maul eines Schweins gleicht überlaufendem Unrat"). Das ist zwar im Lichte der Tatsache, dass auch Hunde, Ziegen und Hühner im Bedarfsfall Kot fressen, keine ausreichende Erklärung für der Verbannung des Schweinefleischs vom Speiseplan, aber immerhin der Versuch, die göttliche Weisung mit rationalen Fakten zu unterfüttern.
Schweinefleisch, erklärte der Rabbi weiter, „enthält mehr Feuchtigkeit als nötig und zu viele überflüssige Stoffe", deren „schädlicher Charakter" für ihn „offensichtlich" sei.
Medizinisch haltbar wurde das von Maimonides skizzierte Erklärungsmuster erst im Jahr 1859, als der medizinische Zusammenhang zwischen der parasitären Infektionskrankheit Trichinose und dem Verzehr von rohem oder schlecht gegartem Schweinefleisch nachgewiesen wurde. Spitzfindige jüdische Theologen regten daraufhin an, das Fleisch mit der gebotenen Sorgfalt zu garen, dann müsse man den Konsum von Schweinefleisch nicht mehr verbieten, das Fleisch schmecke schließlich köstlich.

Damit handelten sich die kulinarischen Befreiungstheologen umgehend den Zorn ihrer orthodoxen Kollegen ein, wie der Anthropologe Marvin Harris in seinem Buch „Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus" anmerkt. Die waren von der Vorstellung entsetzt, Gottes Gesetz zu einem „zweitrangigen medizinischen Text" degradiert zu sehen. Die Essvorschriften, so Harris, müssten „als Zeichen der Unterwerfung unter den göttlichen Willen trotz allem" befolgt werden.

Schweine nehmen in der Viehzucht eine Sonderstellung ein. Wiederkäuer wie Kühe, Ziegen oder Schafe fressen Gras, Blätter und Buschwerk, Pflanzen, die für den menschlichen Metabolismus ungeeignet sind. Der Mensch muss seinen Nutztieren also keine Nahrungsmittel zur Verfügung stellen, die er selbst essen könnte. Trotzdem bekommt er von ihnen Milch, Fleisch und Dünger für die Landwirtschaft.

Schweine hingegen sind Allesfresser. Ihr Verdauungsapparat ist dem Menschen ähnlicher als dem aller anderen Säugetiere (was auch in anderen Zusammenhängen von Bedeutung ist, aber davon später). Wer im Nahen Osten Schweine halten wollte, musste für ihre Ernährung sorgen. Darüber hinaus - und damit sind wir wieder bei den Spezifika, die auf die Texte im Alten Testament und Koran zweifellos Einfluss hatten - sind Schweine für ein Leben im heißen, trockenen Klima des Nahen Ostens ziemlich ungeeignet. Sie bevorzugen ein Leben im Schatten, lieben die Früchte des Waldes und schützen sich vor der Hitze. Da sie keine funktionsfähigen Schweißdrüsen besitzen, sind sie auf Kühlung von außen angewiesen. Schweine können sich zwar wie Hunde durch intensives Hecheln Abkühlung verschaffen, darüber hinaus aber suhlen sie sich mit Vorliebe in Wasser und Schlamm, um die innere Hitze nach außen abzuführen. 
Physikalische Versuche haben gezeigt, dass der kühlende Effekt von Schlamm größer ist als der von Wasser. Deshalb ist das Schwein schmutzig. Seine gesteigerte „Unreinheit", das Sich-Wälzen in den eigenen Fäkalien und dem eigenen Urin, erklärt sich meistens aus der Abwesenheit von Schlamm. Bei Außentemperaturen über dreißig Grad benetzen sich Schweine notwehrmäßig mit ihren Ausscheidungen, damit sie keinen Hitzschlag erleiden. 
Schweinefleisch wurde auch deshalb zum Tabu erklärt, sagt der Philosoph Thomas Macho, weil Religionen an Stärke gewinnen, „wenn sie den Menschen Hilfestellungen bei Entscheidungen leisten, die im Einklang mit existierenden nützlichen Verhaltensweisen stehen, aber nicht so völlig selbstverständlich sind, dass jeder Zweifel oder jede Versuchung von vornherein ausgeschlossen ist."

Durch Abholzung von Wäldern und die zunehmende Versteppung der Landschaft wurde die ökologische Nische für die Schweine des Orients zusehends kleiner. Trotzdem wurden Schweine gezüchtet, wie das Neue Testament berichtet. Bekanntlich fordert Jesus in der Bergpredigt dazu auf, das Heilige nicht dadurch zu entweihen, dass man seine „Perlen vor die Säue" werfe, „damit sie [die Schweine] nicht etwa mit ihren Füßen sie zertreten" (Matthäus 7,6). Hunde kommen in dieser zum Sprichwort gewordenen Anweisung übrigens auch nicht gut weg. 

An anderer Stelle werden Schweine zu unfreiwilligen Hauptdarstellern einer exorzistischen Episode. Als Jesus dem Besessenen „Legion" begegnet (dessen Namen darauf hinweist, dass er sich für mehr als einen hält), befiehlt der den Dämonen, die den Legion bewohnen, dessen Körper zu verlassen und in eine Schweineherde zu fahren, die gerade zufällig in der Nähe ist. Mehrere hundert Schweine galoppieren anschließend über einen Abhang in einen See und ertrinken samt den Dämonen.

Die historische Tabuisierung der Schweine hat im Industriezeitalter längst ihren praktischen Nutzen eingebüsst. Die Tabus haben sich verselbstständigt. Sie sind zu Distinktionsmerkmalen geworden, wobei es etwa an der Demarkationslinie der diesbezüglich gleichgesinnten Muslime und Juden zu grotesken Verwerfungen kommt. Im Konflikt zwischen jüdischen Siedlern und palästinensischen Befreiungskämpfern drohen die einen den anderen, ihre im Krieg Gefallenen in Schweinehäuten zu bestatten, um ihnen auf diese Weise den Eintritt ins Paradies zu verwehren.

Auf ähnlich drastische Weise begründet übrigens der 2011 verstorbene Schriftsteller und Provokateur Christopher Hitchens seine Theorie des Schweintabus. Hitchens macht er auf die außerordentliche Nähe, die Mensch und Schwein verbindet, aufmerksam: „Feuerwehrleute essen für gewöhnlich nicht gerne Schweine- oder Krustenbraten. In der Landessprache Neuguineas und andernorts war der barbarische Ausdruck für gegrilltes Menschenfleisch ,langes Schwein'. Ich selbst habe dieses Geschmackserlebnis nie gehabt, doch offenbar schmecken wir, als Gericht, ganz ähnlich wie Schweine."

Hitchens sucht den Grund dafür, dass Menschen sich zum Schwein besonders hingezogen und besonders abgestoßen fühlen, im „anthropomorphen Ursprung" des Tiers: „Das Aussehen des Schweins, der Geschmack des Schweins, die Todesschreie des Schweins und die offensichtliche Intelligenz des Schweins erinnerten allzu unangenehm an den Menschen. Die Porcophobie - und die Porcophilie - hat demnach wahrscheinlich ihren Ursprung in der düsteren Zeit der Menschenopfer und sogar des Kannibalismus, auf den ,heilige' Texte verschiedentlich recht deutlich hinweisen."

In dieser drastischen Verbundenheit, meint Hitchens, liege auch das jüdische und muslimische Tabu begründet.
Wie sehr Menschen und Schweine einander gleichen, hat auch Hitchens Landsmann George Orwell in der berühmten Apotheose seiner „Animal Farm" beschrieben: „Zwölf Stimmen schrieen zornig, und alle klangen sie gleich. Und jetzt stand außer Frage, was mit den Gesichtern der Schweine passiert war. Die Tiere draußen blickten von Schwein zu Mensch und von Mensch zu Schwein, und dann wieder von Schwein zu Mensch; doch war es bereits unmöglich zu sagen, wer was war."

Diese verblüffende Ähnlichkeit, die von Orwell moralisch interpretiert wurde, hatte übrigens reale Auswirkungen auf die Medizingeschichte. Im alten Ägypten wurde fein geriebener Schweinezahn gegen Husten, Schweineaugen gegen Blindheit und Schweinekot gegen Gefäßschwäche verschrieben. In den europäischen Kulturen galt Schweinschmalz als ideale Basis für alle möglichen Salben und Pasten, mit denen man Verstauchungen, Geschwüre oder Fieber behandelte. Männer verwendeten Schweinefett auch zur Syphilisprophylaxe. Schweineblut sollte gegen Epilepsie helfen (wie auch das Blut Erhängter, aber das ist eine andere Geschichte), und die pulverisierten Hoden des Ebers wurden von Frischvermählten nachts, in Wein aufgelöst, geschlürft, um die Zeugungsfähigkeit zu erhöhen. 

 Diese Methoden waren eher parawissenschaftlich und forderten sowohl Patienten als auch Angehörigen einiges an Leidenskraft ab, speziell wenn bei Verstopfung gerösteter Schweinekot verabreicht und bei Koliken „Koth frisch in die Nase gerieben" wurde.

Gleichzeitig aber dienten die Kadaver von Schweinen den frühen Anatomen als dringend benötigtes Anschauungsmaterial. Das Sezieren menschlicher Leichen war zwischen 150 v. Chr bis zum Ende des 13. Jahrhundert verboten, stattdessen wurden Affen und Schweine zerlegt. Der griechische Arzt Galen gewann seine anatomischen Kenntnisse auf der Basis von Sektionen und Vivisektionen an diesen Tieren, vornehmlich Schweinen, und prägte mit seinen schnell kanonisierten Schriften für mehr als 1200 Jahre ein Missverständnis des menschlichen Körpers. Ärzte des Mittelalters stützten sich, wenn sie das Innere des Menschen gemäß der Galenschen Anatomie behandelten, auf das Innere des Schweins. Erst dem flämischen Rennaissanceanatomen Andreas Vesalius fiel auf, dass Galen wohl nie einen Menschen seziert hatte.

Auch wenn dieses epochale Missverständnis nach mehr als tausend Jahren aufgeklärt wurde, erwies sich die anatomische Verwandtschaft von Schwein und Mensch weiterhin als eng. Die endokrinologische Forschung fand heraus, dass sich das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse des Schweins nur in einer einzigen Aminosäure vom menschlichen Insulin unterscheidet. Das gewährleistete, bevor vor wenigen Jahren die Herstellung von Insulin synthetisch gelang, die Versorgung von Millionen Diabetikern mit lebenswichtigem Insulin von Schweinen.
Auch in der Transplantationsmedizin spielten und spielen Organe von Schweinen eine entscheidende Rolle, die in Zukunft vielleicht noch herausragender sein wird. Herzklappen vom Schwein sind bereits heute in der Humanmedizin bessere Alternativen als mechanische Ersatzteile. Auch an der Transplantation ganzer Schweineherzen und -nieren wird intensiv gearbeitet. Derzeit laufen Versuchsreihen mit genetisch veränderten Tieren, deren Organe keine Abstoßungsreaktionen mehr hervorrufen sollen. 

„Die Geschichte der Beziehung zwischen Schwein und Mensch stößt allein schon durch die Möglichkeit einer erfolgreichen Transplantation vom Schwein zum Menschen in völlig neue Dimensionen vor", merkt der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Franz M. Wuketits hellsichtig an, „die manchen vielleicht beim bloßen Gedanken daran schaudern lassen und an die als Chimären bezeichneten Fabelwesen der griechischen Sage erinnern oder Assoziationen mit manchen modernen Horrorgeschichten wachrufen. Andererseits wird ein Mensch, sofern das in Zukunft möglich sein sollte, ein Weiterleben mit Schweineorganen seinem frühen Tod vielleicht doch vorziehen."

Schon wieder stürzen wir in ein moralisches Dilemma. Werden wir in Zukunft Herz und Nieren aus dem gesunden Schwein entnehmen, damit sie in unseren Körpern unser Blut kreisen lassen und den Stoffwechsel regeln? Und werden wir den Rest des Tiers beim Metzger abliefern, damit er uns die Koteletten und den Schinken möglichst schmackhaft zubereitet? Oder wird das Schwein vielleicht doch die Rolle des Hundes als bester Freund des Menschen übernehmen, wenn es diesen an existenzieller Nützlichkeit in den Schatten stellt?

Schließlich sind Schweine über ihre Nähe zum Menschen hinaus mit vielen guten Eigenschaften bedacht. Sie können hervorragend riechen und hören. Sie haben einen guten Geschmackssinn. Ihr Gedächtnis ist überdurchschnittlich gut. Sie lieben es, vor Herausforderungen zu stehen, die sie lernend bewältigen können. Schweine schätzen die Gemeinschaft, fressen und schlafen am liebsten in Gruppen. Sie sind neugierig, aber auch schreckhaft. Auf plötzlichen Schmerz reagieren sie mit lauten, hohen Schreien.

Schweine, schreibt die Publizistin Cora Stephan in ihrem Artikel „Memoiren einer Schweinezüchterin", „sind ideale Hausgenossen. Sie durchstöbern die Mischwälder nach Eicheln, Eckern, Kastanien und Pilzen. Sie fressen Würmer, Engerlinge, Insektenlarven und erlegen schon mal Mäuse oder andere Nager. Sie stellen ihre prächtige Nase in den Dienst der Trüffelsuche, lassen sich als Rauschgiftspürschwein und sogar als Jagdsau mit Vorstehqualitäten ausbilden. Sie sind klug wie Delphine, zart und ausdauernd in der Liebe und sensibel genug, um es nicht mit jedem oder jeder zu treiben. Sie sind verspielt und genusssüchtig, frech und anhänglich, gute Läufer, ausgezeichnete Schwimmer und wären des Menschen bester Freund, erschräke dieser nicht vor seiner Ähnlichkeit mit dem sprachgewandten Borstentier. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ähnlichkeit zu erbitterter Feindschaft geführt hätte."

Die Geschichte der Domestikation des Schweins durch den Menschen ist etwa 8000 Jahre alt. Sie begann in verschiedenen Regionen Asiens. Früheste Knochenfunde des Hausschweins stammen aus der chinesischen Ci-shan-Kultur. Große Herden von Hausschweinen lebten vor 5000 Jahren im alten Ägypten, in dessen Totenkult Ferkel als Grabbeigaben dienten. Auf historischen Abbildungen sieht man Schweinehirten, die einem Ferkel vorgekaute Nahrung von Mund zu Mund zuführen, aber in den „Historien" des Herodot wird berichtet, dass die Tiere nur ein niedriges Ansehen besaßen und als „unrein" galten, was auch auf die Schweinehirten abfärbte, die als einzige Ägypter den Tempel nicht betreten durften. 

In der griechischen Kultur spielen Schweine und ihre Hirten eine ganz entgegengesetzte Rolle, wenigstens nach den Erzählungen von Homer. Dessen Schweinehirt Eumaios tritt in der „Odyssee" nicht nur heldenhaft, sondern geradezu göttlich auf, als er Odysseus im Kampf gegen die Freier unterstützt. Zu Beginn des vierzehnten Gesanges beschreibt Homer dabei ganz genau, wie Eumaios seine Schweine hält (zwölf mal fünfzig Mutterschweine mit ihren Ferkeln plus 360 Eber) und wie er Odysseus verpflegte: er trug zwei Ferkel herbei „und schlachtete und sengte und zerhieb sie beide und stecke sie an Bratspieße. Und als er alles gebraten hatte, trug er es herbei und setzte es dem Odysseus vor, noch heiß, mitsamt den Spießen, und streute weißes Gerstenmehl darüber und mischte honigsüßen Wein in einem Holznapf und setzte sich ihm selber gegenüber und forderte in auf und sagte zu ihm: ,Iss, Fremder, jetzt, was für die Knechte da ist: Gebratenes vom Ferkel - die fetten Schweine essen ja die Freier.'"
Darüber, wie eng Schweine und ihre Hirten einander in der römischen Kultur verbunden sind, erzählen Plinius der Ältere und Claudius Aelianus in einer bezeichnenden Anekdote: Als ein Piratenkutter an der Küste anlegt und in räuberischer Absicht eine Schweineherde auf das Schiff treibt, müssen nach dem Ablegen nur die Hirten nach ihren Tieren rufen. Weil die Schweine den Stimmen ihrer Hirten energisch folgen, drängen sie sich auf die dem Land zugewandte Seite des Schiffes, worauf dieses kentert und untergeht. Da die Schweine, wie wir wissen, hervorragende Schwimmer sind, kehren sie mit Leichtigkeit ans Land zu ihren Hirten zurück, wo ihnen freilich auch kein anderes Schicksal zugedacht ist als den Artgenossen in China, Ägypten oder Griechenland. Sie bekommen von den Menschen zu fressen. Dafür werden sie gefressen. Das war (und das ist) der Deal. 

Aber das ist nicht alles. Das Schwein ist uns mehr als Schinken oder Braten. Es dient uns als Projektionsoberfläche. Wenn wir jemanden als „Schwein" beschimpfen, dann spielen wir vielleicht auf schlechte Tischmanieren an, die dem Fressverhalten des Schweins gleichen.
Vielleicht zielen wir mit dem Schimpfwort aber auch unter die Gürtellinie, denn wenn „das Schweinische" zur Metapher wird, ist oft die Sexualität gemeint. Vielleicht hat das mit der raschen Geschlechtsreife des Ebers zu tun, der bereits im Alter von drei Monaten für die Zucht eingesetzt werden kann, vielleicht mit der enormen Fruchtbarkeit der Sau, vielleicht aber auch mit dem Schmutz, in dem sich Schweine bekanntlich wohl fühlen, und der wiederum als Analogie für all das herhalten muss, was wir bei unseren Beschimpfungen auch ein bisschen meinen.
Schon die kirchlichen Moralapostel des Mittelalters erschreckten junge Frauen mit der Warnung, dass das Resultat unehelichen Geschlechtsverkehrs ein Ferkel sein könne - eine Idee, die Lewis Caroll auf charmante Art in seinem halluzinogenen Klassiker „Alice im Wunderland" aufnahm, wo sich das Kind der Herzogin als liebenswertes Schweinchen entpuppt - „Das arme kleine Ding schluchzte (oder grunzte, es war unmöglich, es zu unterscheiden)". 
Der Subtext zielt immer wieder auf die Auflösung der Grenzen zwischen Mensch und Tier. Wenn sich in Marie Darrieusecqs Roman „Schweinerei" die Protagonistin, eine junge Prostituierte, in ein Schwein verwandelt, verfließen diese endgültig: „Und ich hatte gefürchtet", sagt die Hauptfigur, „meine Wülste würden sie abstoßen, aber woher denn, kein bisschen...." 
Die Nähe von Mensch und Tier liegt auch der Bedeutung des Schweins als Glückssymbol zugrunde. Die Gewissheit, mit dem Schwein im Stall gegen Hungersnöte gefeit zu sein, führte dazu, dass Artefakte, die Schweine darstellten, als Glücksbringer Verwendung fanden - ein Brauch, der zum Beispiel zu Silvester einen ganzen Industriezweig beschäftigt.
Da Glück oft auch mit Reichtum assoziiert wird, kam das Schwein zu einer Funktion, die wir inzwischen als klassisch ansehen: Es wurde zum Sparschwein befördert. Um das Schwein aus Porzellan oder Ton mit dem klassischen Schlitz auf dem Rücken, durch den Münzen ins Innere geworfen werden, kreisen übrigens viele, unterschiedliche Theorien. Eine besagt, die aus dem Fruchtbarkeitsmythos der Demeter bekannte Baubo liege der Erfindung zugrunde. Diese sei - wie von Goethe im Faust porträtiert - auf einem Schwein geritten und habe dabei ihre Vulva präsentiert. Der Schlitz des Sparschweins sei ein Echo dieser Erzählung. 

Eine andere Theorie stammt aus England, wo Haushaltsgefäße, in denen Salz aufbewahrt wurde, „Pygg" hießen. In diesem Gefäß wurden immer öfter Münzen gesammelt, und der Name veränderte sich zu pig, Schwein. Die Baubo-Theorie ist, wie soll ich sagen, verführerischer.

Das Schwein machte also eine zweite Karriere als Glücksbringer, Fruchtbarkeitssymbol, Romanheld oder Kinderspielzeug. Es zog in Gestalt der Drei kleinen Schweinchen, von Miss Piggy oder des Schweinchens namens Babe in die Kinderzimmer der westlichen Zivilisation ein und empfing in seiner niedlichen Interpretation die Liebe von Millionen Kindern.
Gleichzeitig verschwand es aus der öffentlichen Wahrnehmung, nicht aber von den Tellern. In der EU werden pro Jahr über hundert Millionen Tonnen Schweinefleisch produziert. Der Konsum von Schweinefleisch macht auch in der Schweiz, wo im europäischen Durchschnitt deutlich weniger Fleisch gegessen wird als zum Beispiel in Deutschland oder Österreich, die Hälfte der 52,4 Kilo aus, die pro Kopf verzehrt werden. Im Vergleich: In den USA, dem globalen Spitzenreiter in dieser Disziplin, beträgt die Fleischquote über 120 Kilo pro Kopf.

Das Schwein bringt für diesen Bedarf eine ideale Eigenschaft mit: Es wächst ausgesprochen schnell und legt bei entsprechender Fütterung sehr schnell an Gewicht zu. Die für die Fleischwirtschaft wichtigen Parameter sehen ökonomisch günstig aus. Das Tier muss nur 18 Wochen lang gemästet werden, um den ihm zugedachten Zweck erfüllen zu können: getötet, zerteilt und gegessen zu werden.

Einmal abgesehen davon, dass die Fleischwirtschaft viele Ressourcen in der Landwirtschaft bindet, die ökonomisch und ökologisch vernünftiger eingesetzt werden könnten, stellt die Industrialisierung der Schweinemast einen moralischen Tiefpunkt im Umgang des Menschen mit seinen nahen Verwandten, den Tieren, dar. Die Unterbringung von Schweinen in Industrieanlagen, in denen sich die Tiere nicht bewegen können, keinen Auslauf haben, ein Leben lang kein natürliches Licht sehen und kein Gras unter ihren gespaltenen Klauen spüren, im eigenen Druck liegen, bis die automatische Spritzanlage den Betonboden reinigt, nur fetter und fetter werden, bis der Schlachter kommt, ist ein andauernder Skandal, von Tierschützern konsequent beschrieben, aber von uns Konsumenten ebenso konsequent ignoriert. 
Wer Schweineschnitzel für ein paar Franken pro Kilo im Supermarkt einkauft, macht sich an dem Skandal mitschuldig und sollte in erster Instanz zur Lektüre des aufrüttelnden Buches „Slaughterhouse" von Gail A. Eisnitz verurteilt werden, eine detaillierte und bei allen längst bekannten Details nicht minder schockierende Schilderung institutionalisierter Grausamkeit gegen Lebewesen.

Der Philosoph Thomas Macho, dessen kluges und unterhaltsames Buch „Schweine. Ein Porträt" bedingungslos zu empfehlen ist, fasst diese Position gnadenlos zusammen: „Schlachttiere - und erst recht die Schweine, die von vornherein zur Tötung bestimmt waren - sind keine Haustiere mehr. Sie werden nicht genutzt, sondern unter grausamen Umständen verbraucht, sie wohnen nicht in Häusern, werden nicht wahrgenommen oder benannt."

Die Scheibe Schinken, die beim Osterfrühstück auf dem Teller liegt, ist eine Delikatesse, sorgfältig gemacht, saftig und würzig. Aber sie kann eine ziemlich lange Geschichte erzählen.


Food & Beverage

Christian Seilers
Kolumne in

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