Divertimento. Ein Kammerspiel

Mozarteum Magazin
Bild: Musicbanda Franui
Die Osttiroler Musicbanda Franui und ihr Mozartprojekt „Ennui. Geht es immer so weiter?"


Prolog.

Franui ist eine Almwiese. 
Gewiss, lächelt der Kenner, nämlich eine Almwiese, die so heißt wie diese abgefahrene Band aus Osttirol. Die mit der Harfe, dem Hackbrett, dem vielen Blech und dem Hang zu einer Überdosis Schubert.
Haben die echt schon ihre eigene Almwiese?
Verdiente Kräfte werden vom Bürgermeister belohnt. Die Wiese liegt auf 2300 Meter Seehöhe, oberhalb von Innervillgraten. Das ist ein Ort im Villgrater Tal, einer von eigenwilligen Eingeborenen bewohnten Talschaft in der Nähe von Lienz, aber auch nicht zu nahe bei Lienz. Gustav Mahler hat dort in der Nähe ein Komponierhaus gehabt. Der Gasthof im Ort heisst Raiffeisen. Und mit der Überdosis Schubert ist das so: Zuerst haben die Franui so lange Trauermärsche gespielt, bis sie bemerkt haben, dass sie ohne Wirkungsverlust auf Schubert umsatteln können.
Was haben denn Schubert und Trauermärsche gemeinsam? 
Das ist ein bisschen kompliziert: Manchmal klingt der Schubert von Franui nämlich tatsächlich wie Blasmusik. Zum Beispiel macht die Tuba von unten Druck, und oben gerät etwas in Bewegung. Die Trompeten stampfen. Das Saxophon rollt, die Klarinette quietscht, dann bricht der Schweiß aus, wie auf dem Tanzboden.
Aber dann ist es auf einmal still. Nur ein Harfenakkord schwebt, und vielleicht gestattet sich der Kontrabass ein gepflegtes Plong-Plong. Dann setzen die Stimmen ein. Aus voller Kehle, was sonst, und was zuerst einen Moment lang fern ans Wirtshaus Raiffeisen erinnert, nach der dritten Runde Bier, verdichtet sich plötzlich zu seraphinischem Schweben, zu Wohlklang aus feinstem, transparentem Stoff. Doch gerade, als man den Schubert zu hören beginnt, wie man ihn kennt, und die Kapelle als listige Sensibelchen zu durchschauen meint, bricht wieder der Lärm los, wummta, wummta, und die Blaskapelle zeigt dem Schubert, was ein Hüpftanz ist.
Immer nur Schubert?
Nicht immer nur, aber immer wieder gern. Es gibt zum Beispiel ein epochales Franui-Album mit dem Titel „Schubertlieder". Die Franui-Hagiographie lobt „die metallische Wucht der Besetzung, die Unverblümtheit der Rückführung Schubertscher Romantik ins gefühlte Wirtshaus, wo diese bittere Romantik über ein paar Gläsern Wein schließlich erst ausgebrütet werden musste". Aber mit derselben Unverblümtheit machten sich Franui auch über Johannes Brahms - „Brahms, dessen intensivste Momente Glenn Gould mit entschlossener Langsamkeit an die Oberfläche gefördert hat, und dem Franui ganz im Gegenteil eine Packung Vitalität, Kraft und Humor verpassen, die Spannweite seiner Kompositionen zwischen Zitherklang, bukolischem Chorgesang, Dixieland-Rauchschwaden und kakophonischem Orchestergestotter verorten" - und schließlich Gustav Mahler her, der - Komponierhäuschen in Toblach, remember - ja sowas wie ein temporärer Nachbar von Franui ist: „Mahlers berückende Liedern offenbaren sich zuweilen ganz offenherzig, verbergen sich jedoch meistens hinter Klangtürmen, hinter komplizierten Konstruktionen aus Kunstfertigkeit, Geschmack, Klangfieber, Bombast und knödelndem Gesang. Franui ziehen den Mahler-Liedern den Smoking aus, so dass sie bloß noch nackt dastehen in der Kälte und vergessen, vornehm zu schauen".
Was sagt eigentlich Schubert zu diesen Fremdgängereien?
Er tanzt. Franui haben als letzte Konsequenz ihrer Beschäftigung mit dem Größten ihrer Idole gerade Schuberts Tanzsätze in die Mangel genommen und auf ein formidables Album namens „Tanz! (Franz)" gepresst. Motto: Wenn du einen Trauermarsch viermal so schnell spielst, ist er eine Polka.
Und jetzt also Mozart.
Jetzt also Mozart. Einfach war das nicht.

1. Akt. FRANIU.

Mozart stand nie auf der Wunschliste von Franui-Gründer und -Trompeter Andreas Schett. Schett ist musikmäßig durchaus promiskuitiv, er kann sich für Wildes von Bartók ebenso leidenschaftlich erwärmen wir für Meditatives von John Cage oder Repetitives von Satie. Für Mozart zu erwärmen, fiel ihm freilich seit jeher schwer. Falls irgendwann für eine Fernsehsendung ein Studiogast gebraucht wird, der in einer Runde von Mozart-Conaisseuren anmerkt, dass er, Wolfgang Amadeus nicht als den alleinigen Fixstern am Komponistenhimmel betrachte - Schett ist der Mann.
Einerseits.
Andererseits stimmt das so auch wieder nicht.
Denn als die Stiftung Mozarteum bei Schett anfragte, ob Franui sich nicht einmal an ein Mozart-Projekt wagen wolle, kam bei Schett eine Reihe von Ideen ins Rutschen.
Er war gerade in Hamburg gewesen und hatte mit Franui an einem Nebenschauplatz der neuen Elbphilharmonie (die wie ein Märchenschloss von Hundertwasser im Hafenbecken sitzt) ein Konzert der Tanz Boden Stücke gegeben. Auf dem Flughafen sprang ihm ein Mann ins Auge, der ein Schild in die Höhe hielt, auf dem in großen Lettern stand: FRANIU.
Auf lächelnde Art fühlte sich Schett angesprochen. Von Franiu zu Franui ist es ja nur eine halbe Lautverschiebung, er sponn den Gedanken also weiter und landete bei der irgendwie merkwürdigen, aber auch faszinierenden Assoziation Franui - Ennui.
Als er über die Anfrage aus Salzburg nachdachte, fiel ihm diese Assoziation wieder ein, und mit einem Mal war ihm klar, in welche Richtung ein franuisches Mozart-Projekt gehen müsse. 
Schett, auch an den Rändern der musikalischen Autobahnen überaus trittfest, dachte plötzlich an die Gebrauchsmusik Mozarts, an jene unter dem Sammelbegriff „Divertimento" zusammengefasste Tafelmusik, die komponiert werden musste, um den herrschenden Ständen beim festlichen Schlemmen einen angemessenen Klangteppich um den Hals zu hängen.
Man kann dieser Tafelmusik heutzutage jederzeit etwas abgewinnen, die Kunstfertigkeit ihrer Konstruktion bewundern, über die Arroganz derer den Kopf schütteln, die sich von Mozart (Mozart!) ihr Berieselungsprogramm komponieren ließen; aber man kann auch der schwülen Stimmung eines langen Abendessens in fremdbestimmter Gesellschaft nachspüren - und mit geschlossenen Augen bei der volatilen Stimmung landen, die vom französischen Wort „Ennui" so musikalisch ausgedrückt wird. Der Deutsche sagt Langeweile dazu. Der Wiener, auch nicht schlecht: „Fadesse".

2. Akt. Leise Unruhe.

An einem Abend im Mai saß Andreas Schett in Gesellschaft seiner neun Mitmusiker auf der Bühne eines Wiener Konzerthauses und hörte, wie der große Schauspieler Peter Simonischek ein Gedicht von Ernst Jandl rezitierte:

an ruhigen tagen
sitzen und fragen:
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
geht es immer so weiter?
ach ginge es doch immer so weiter

auch mit dem wein
hab ich immer die hoffnung
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
vielleicht wird es besser
und es wird nicht besser

Es war ein magischer Moment. Simonischek inszenierte die Schönheit der Repetition, den Nebel der Lakonie und den Rhythmus des Minimalen, die dem Gedicht innewohnen, nach Kräften. Er und Jandl verschmolzen zu einem Text-Laut-Monument, das die Zuhörer in eine Art Trichter zog und regelrecht hypnotisierte. 
In diesem auch für ihn hypnotischen Augenblick zählte Andreas Schett eins und eins zusammen. Das Mozart-Projekt, Franui-interner Codename „Divertimento", würde zu einem Abend über die Langeweile werden: Über „die Leere, das Nichts, die Schwärze und Traurigkeit, die dem Menschen zuweilen auf die Seele rückt."
Franui würde dafür den Klangteppich ausrollen, dessen Farben von Mozart bestimmt sind, aber von den Osttiroler Saubermachern einer gründlichen Auffrischung unterzogen wird. Dazu würde Peter Simonischek „leise unruhe" vortragen und eine Auswahl anderer Texte, die sich auf helle, klare, trübe oder dunkle Weise mit dem Ennui auseinandersetzen und diesen ausgerechnet durch seine Benennung zerstreuen.
Denn, so Andreas Schett, „diesem Zustand kann man niemals durch Arbeit abhelfen, sondern nur durch Zerstreuung, Zeitvertreib und Vergnügen. In der Musik heißt das: Divertimento!"

3. Akt. Divertimento

Das Vergnügen wandert durch alle Register. Es taucht als Stakkato in den Trompeten auf, jubiliert mit der Klarinette, folgt dem pathetischen Ernst der Geige, imitiert behäbig die Tuba, schweigt mit dem Hackbrett und schwingt sich mit der Harfe zu einem hellen Gelächter auf. Manchmal führt es mit den Männerstimmen auf falsche Fährten einer fremdartigen Volksmusik, dann wieder steht es leise lächelnd stramm, wenn Peter Simonischek verschiedene Formen des Ennui dekliniert.
„Im Anfang war die Langeweile." So hebt nämlich der führende Ennuist Søren Kierkegaard zu seinem „Versuch in der sozialen Klugheitslehre" an. „Die Götter langweilten sich, darum schufen sie den Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva erschaffen. Und von diesem Augenblick an war die Langeweile in der Welt und nahm zu im geraden Verhältnis zur Zahl der Menschen. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva zu zweien, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann wuchs die Menge der Menschen auf Erden, und sie langweilten sich en masse."
Tusch.
Erik Satie: „Als ich jung war, sagte man mir: Sie-werden-schon-sehen-wenn-Sie-mal-fünfzig-sind. Ich bin fünfzig, ich habe nichts gesehen."
Doppeltusch.
Schließlich - Generalpause - John Cage: „Gleich nachdem ich in Boston angekommen war, begab ich mich in den schalltoten Raum der Harvard-Universität. Jeder, der mich kennt, kennt diese Geschichte. Ich erzähle sie ständig. Nun also - ich hörte in diesem stillen Raum zwei Klänge, einen hohen und einen tiefen. Nachher fragte ich den zuständigen Techniker, warum ich, obwohl der Raum so still war, zwei Klänge gehört hatte. Er sagte: ,Beschreiben Sie sie.' Ich tat es. Er sagte: ,Der hohe war Ihr arbeitendes Nervensystem, der tiefe Ihr zirkulierendes Blut.'"
Trompeten.

Epilog.

Franui ist ein Almwiese.
Ja, bestätigt der Herr mit der Botanisiertrommel, ich habe diese Almwiese untersucht. Sie treibt Blüten, die man auf einer Almwiese gar nicht vermuten möchte.
Zum Beispiel?
Fleurs du Mal, zum Beispiel. 
Die stehen ja unter Naturschutz. Kümmert sich wer darum?
Und wie. Das „flåchshoorats Diandl", das so gern das Menuett aus Don Giovanni pfeift. 
Flåchshoorats Diandl?
Eine Blondine aus der weiteren Verwandtschaft der Blasmusik. Mag Mozart. Mag Schubert. Und lässt sich gern anhimmeln.


Food & Beverage

Christian Seilers
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