Die Verwandlung

Buchbeitrag / Geschichten

Wie Männer kochen Oder Was wir aus einer Portion Kartoffelpüree über den Geschlechterkampf lernen



Eier. Eier sind ein wunderbares Rohmaterial, um mit der Verwandlung von Dingen, die man im Supermarkt kaufen kann, in eine Mahlzeit, die dampfend zu Hause am Esstisch steht, anzufangen. Zum Beispiel so: Nehmen Sie vier Eier, schlagen Sie diese in ein dafür geeignetes Gefäß - eine kleine Edelstahlschüssel, falls Sie so was in Ihrer Küche beherbergen, oder allenfalls in ein dickrandiges Glas, das Sie für einen Augenblick beim Biertrinken entbehren können. Salzen Sie die Eier kräftig, leeren Sie einen kräftigen Schuss Schlagobers dazu (wie kräftig, können Sie natürlich selbst entscheiden; bei vier Eiern würde mir ein halber Becher durchaus sinnvoll erscheinen, wobei der Veredelung durch Obers, Butter oder Rahm nach oben fast keine Grenzen gesetzt sind. Beim Kartoffelpüree, einer Kinderspeise, die jeden Mann, den ich kenne, in geradezu triebhafte Aufregung versetzt, empfehlen Profis, keinesfalls mehr Erdäpfel als Butter zu verwenden - aber dazu kommen wir später).

Schlagen Sie jetzt die Ei-Obersmasse mit der Gabel kräftig durch, oder, noch besser, lassen Sie Ihren Stabmixer einmal kräftig durch die Eier kreischen, so dass Sie, bereit für den nächsten Schritt, eine glatte, goldgelbe Masse erhalten, aus der, falls Sie nicht so patschert wie Mister Bean sind, in den nächsten vier bis sechs Minuten eine Eierspeis entstehen wird, um die Sie Ihre Mutter fassungslos beneiden würde, falls Sie etwas davon zu kosten bekäme - ein eher unwahrscheinliches Szenario. Weil die Eierspeis essen Sie nämlich wie der Blitz persönlich, und falls Ihre Mutter tatsächlich eines Tages zum Essen eingeladen wird, bekommt sie ganz andere Dinge vorgesetzt als Eier. Die Jahre, als das kulinarische Weltwissen in der stets von innen geschlossenen Küche wohnte, wiegen Männer wie wir mit höchst kunstfertiger Demütigung der langjährigen Monopolistin auf.

Der englische Schriftsteller Julian Barnes, selbst ein höchst pedantischer Koch, der es selbst nach zwanzigjähriger, durchaus erfolgreicher Privatküchenkarriere nicht schafft, aus den engen Fesseln exaktester Rezepte auszubrechen, formulierte das Dilemma so: Als Knabe sei ihm, Stammhalter eines anständigen Mittelklassehaushalts in den Outskirts von London, der Zugang zur Küche mit der selben, vornehmen Selbstverständlichkeit verwehrt geblieben wie zu Wahlkabine, Ehebett und Kirchenbank. Aus der Küche, so Barnes, „kamen Mahlzeiten und meine Mutter heraus; die Mahlzeiten basierten oft auf den Gartenerträgen meines Vaters, doch weder er selbst noch mein Bruder oder ich fragten je, wie diese Verwandlung zustande gekommen war."

 

Nehmen Sie eine beschichtete Pfanne und schmelzen Sie nicht zuwenig Butter darin. Sobald die Butter braun zu werden beginnt, leeren Sie die Eimasse in die Pfanne und wundern sich. Weil es passiert nämlich: nichts. Schauen Sie mit belämmertem Gesicht zu, wie die gelbe Mischung an den Rändern ein bisschen steifer wird, und wenn Sie jetzt nicht augenblicklich den Holzspatel nehmen und dafür sorgen, dass die gestockte Masse vom Pfannenboden abgekratzt und an die Pfannenoberfläche befördert wird, essen Sie Schwarzei. Wenden Sie also Ihre gesamte Aufmerksamkeit der Pfanne zu, nehmen Sie keinen Anruf an, treten Sie auch nicht drei Schritte zur Seite, um im Fernseher, der bei Gelegenheitsköchen pathologisch perma-eingeschaltet ist, die Wiederholung des Ronaldinho-Tores aus der Partie Barca gegen Milan auszuschauen. Die anschließende Sauerei in der Küche würde gegen alle Grundsätze männlichen Kochens verstoßen.

Ich weiß nicht genau, ob heutige Mütter großzügiger mit ihrem Küchenwissen umgehen. Für meine Generation kann ich nur sagen, dass wir Männer heute zwar gleichberechtigte Küchenarbeit leisten dürfen (im Ernst: wir müssen), ohne dass wir jedoch dafür von klein auf mit dem notwendigen Handwerkszeug ausgestattet zu werden. Meine ersten Eier verbrannte ich auf einem Elektrorechaud in der so genannten Küche meiner ersten eigenen Zimmer-Küche-Wohnung, weil mir meine Mutter zwar den Trick verraten hatte, dass Eierspeise mit hineingestreuten Tomatenstücken sehr lecker schmecke; allerdings hatte sie vergessen hinzuzufügen, dass es in der Pfanne Fett benötigt. Stellt euch eine abgeplattelte Emailpfanne vor, in der zwei Eier viel zu heiß in rauchenden Tomatenstücken beerdigt wurden - so begann meine Karriere als Koch, und ich denke, es liegt niemand falsch, der meine zunehmend verwichste Haltung zur Nahrungszubereitung als therapie-resistente Kompensationsgeschichte begreift.

Wesentlicher Teil der Kompensation: Brillanzbedarf. Weibliches - oder sagen wir lieber: mütterliches - Kochen meint in der Regel jene Versorgungsküche, die gesund und nicht allzu teuer sein soll, einigermaßen geschwind zubereitet werden kann und, falls das überhaupt ein Kriterium ist, Wohlgeschmack nicht ausschließt. In meiner Erinnerung stehen totgedünstete Gemüse wie wässriger Kochsalat mit Erbsen oder ledrige Kohlrabi, letschert und fad, aber angeblich gesund, neben den Freuden meiner Kindheit, die aus Apfelkuchen bestanden oder Zwetschkenknödel und nur zur Verfügung standen, wenn ich mir vorher die Kohlrabi in den Hals gequält hatte.

Wer hingegen kocht, um auf dem eigenen Herd etwas zu produzieren, das möglichst gut schmeckt, folgt völlig anderen Grundsätzen. Er will es besser machen als für gewöhnlich. Er will dem Wirten am Eck einen mitleidigen Blick zuwerfen können und ihm, falls er fragt, einen Tipp abgeben, wie aus der guten, aber etwas gewöhnlichen Fritattensuppe ein Erlebnis wird - etwa: Fritatten, die in Erdnussöl herausgebacken wurden oder irgendsoein Schmarren. Er will, um auf den Punkt zu kommen: beeindrucken. Zuerst alle anderen. Dann sich selbst.

Lassen Sie mich das am Beispiel des Einkaufens erklären. Kaum verfügte ich über eine minimale Sicherheit im Umgang mit Lebensmitteln, konnten diese nicht mehr teuer genug sein. Kein Wunder: jeder Koch, der ein Vorwort zu seinem eleganten Kochbuch schreibt, vergisst nicht darauf hinzuweisen, dass das Gelingen seiner Rezepte nur mit denkbar frischen, exzellenten, blabla-Rohmaterialien möglich sei. Das kostet eine Stange Geld, aber es klärt die Voraussetzungen. Das Kalbskotelett, das ich anschließend zum brettsteifen Lederimitat verbacken würde, musste beim Meinl am Graben angeschafft werden, weil ansonsten die einzige Chance, dass es gelingen würde, von vornherein ausgeschaltet wäre (diese Chance bestand übrigens, nüchtern betrachtet, darin, dass ich das Kotelett roh auf den Tisch gelegt hätte).

So erwarb ich mir - Spätfolge mütterlichen Informationsembargos - meine handwerklichen Fertigkeiten, direkt nach dem Prinzip: wenn es so nicht gegangen ist, dann muss es anders gehen, und zwar ganz anders. Natürlich entdecke ich an diesem Verfahren neben den offensichtlichen ökonomischen auch einige moralische Mängel, aber den glücklichen Gänsen war es, vermute ich, egal, ob sie im Magen glücklicher Menschen oder in der Hitze des Backofens zu Staub wurden.

Der wesentliche Punkt daran ist die Intention (um nicht zu sagen: Prätention), mit bescheidensten Voraussetzungen in der Küche Ergebnisse zu erzielen, die jenen von Köchen, die erstklassig ausgebildet und unendlich praxiserprobt sind, an Raffinesse und Brillanz nicht nachstehen sollen. Lächerlich, klar. Aber eine gewisse Lächerlichkeit ist uns Hobbyköchen quasi statutengemäß ins Gesicht geschrieben, wenn wir an unseren neu angeschafften Gaggenau-Herden mit hintergrundbeleuchteten Profiknebeln stehen und nicht wissen, wo wir sie einschalten sollen.

Kehren wir zum Beispiel Kartoffelpüree zurück. Kartoffelpüree ist in Haushalten, wo Kinder wohnen, ein Grundnahrungsmittel, und als solches ist die Gier auf frisches Püree auch irgendwo im genetischen Code abgespeichert, vermutlich auf dem Y-Chromosom: kein Mann bestellt im Restaurant Fisch, wenn es Kalbleber mit Kartoffelpüree gibt. Gewiss gibt es nun besseres und schlechteres Kartoffelpüree, so wie es bessere und schlechtere Kartoffeln gibt, und trotzdem wird, wo immer Männer in der Küche stehen, der Best-Kartoffelpüree-of-the-World-Contest ausgetragen, darunter geht gar nix. Selbst in Junggesellen-Haushalten, in denen es weder Messer noch Gabel gibt, taucht an prominenter Stelle in der Küche eine Kartoffelpresse auf, weil dass ein ordentliches Püree nur aus in der Schale gekochten, mehlig kochenden Erdäpfeln entstehen kann, die, sobald weich gekocht, durch die Presse gedrückt werden, weiß selbst der kulinarische Analphabet, der sich seine Meisterküche für 100.000 Euro in die Innenstadtwohnung bauen ließ, um dort Packerltee zu kochen. Und um die Frage, womit diese Kartoffelmasse nun in Püree, in Creme oder, wie unsere frankophilen Freunde hüsteln werden, Mousseline verwandelt wird, ranken sich die unergründlichen Geheimnisse der Lactosophie - darf es Milch sein, kalt, lauwarm oder heiss, die anschließend mit einem Löffel Butter geschmalzen wird? Nie im Leben, das wäre ja konventionelle Mütterküche. Darf es mit Schlagobers aufgefettete Milch sein, oder Milch, in der Butter geschmolzen, oder Butter, die mit ein bisschen Milch beschneit wird oder Butter und Rahm mit einer Ahnung Meersalz?

An genau dieser Stelle finden die Feinheiten unserer herrlichen Beeindruckungs-Küche statt, ist das Leben nicht wunderbar? Ich kritisiere den Unsinn keinesfalls. Stelle nur fest, dass sich an dieser Stelle der Wahnsinn entzündet, der herrliche, wunderschöne Wahnsinn, der uns zwingt, japanische Messer und französische Pfannen, deutsche Eiskästen, ungarische Gänseleber und englisches Meersalz zu kaufen und praktisch jedes Kochbuch, das frisch auf den Markt kommt.

Das löst ein paar grundsätzliche Fragen, nicht aber das Kartoffelpüree-Problem. Mein Freund und Vorbild Wolfram Siebeck hat den Wahnsinn befeuert, indem er sinngemäß verlauten ließ, dass in ein ernsthaftes Kartoffelpüree nichts als Kartoffeln und Butter hineingehöre, und zwar im Verhältnis eins zu eins. Ich bin dieser Aufforderung gern und blind gefolgt und verbriet zu den Fleischlaberln, die nach Püreebegleitung gerufen hatten, einen halben Kilo Butter. Das Püree schmeckte natürlich ziemlich spektakulär. Aber man kann sich vorstellen, was der Genuß einer nennenswerten Portion davon für den Metabolismus bedeutet: der Abend endete irgendwo in der Nähe des Erste-Hilfe-Kästchens. Wobei ich Herrn Siebeck ausdrücklich von jeder Schuld freispreche: er erwähnt für alle Deppen, denen das nicht augenblicklich eh klar ist, dass besagtes Püree allenfalls in esslöffelgroßen Portionen serviert werden dürfe, weil ansonsten, s.o. Aber dieser Ratschlag stand ganz am Schluss des Rezepts, da stand ich schon beim Milchregal meines Gourmet-Spar und baute den Butterberg ab.

Aber ich habe dazugelernt. Ich kombiniere - übrigens auf dezidierte Empfehlung des burgenländischen Meisterkochs Walter Eselböck, den ich eines Samstag nachmittags persönlich um Rat fragte, was ich mit dem Sashimi-Thunfisch tun solle, den ich mir für eine dreistellige Eurosumme aus der Fischabteilung eines Innenstadt-Feinkostladens besorgt hatte; Sie sehen, wie weit der Größenwahn gediehen ist - ein relativ leichtes Püree (d.h. vergleichsweise wenig Butter zugunsten von Milch, in die allerdings eine kräftige Portion Wasabi eingerührt wird, jener giftgrüne, japanische Kren, der beim Sushi-Essen für gute Laune sorgt) mit kurz gebratenem Thunfisch. Kurz gebraten heißt: wirklich kurz, bei großer Hitze in der mit Erdnussöl gefüllten Pfanne vielleicht dreißig Sekunden auf jeder Seite. Anschließend wird das Stück in etwa zwei Zentimeter dicke Tranchen geschnitten. Der Fisch ist innen noch völlig roh und nur an den äußeren zwei Millimetern von jenem Besorgnis erregenden Grau, in dem uns der Thunfisch unserer Jugend auf diversen Griechenland- oder Spanien-Urlauben begegnete. Mit ein bisschen Meersalz (entscheiden Sie sich im Zweifel für das englische „Maldon" anstatt für die diversen „Fleur de sel"-Variationen aus Frankreich, denn „Maldon" bildet die interessanteren Kristalle, was sich in der Wirkung am Gaumen bemerkbar macht) und Soja-Sauce anrichten.

Ein fantastisches Gericht, blitzschnell gemacht, raffiniert im Geschmack und doch kaum zu verpatzen. Ein Männergericht, eindeutig, man kann damit ungeheuer gut Wirkung erzielen. Wenn man weiß, dass die eigene Mutter, die Sie aus niederen Motiven damit bewirten wollen, noch nie bei Do & Co gegessen hat (von wo die Idee mit dem Wasabi-Püree ausgeborgt ist),  kann man auch durch Unterlassung der Quellenangabe der eigenen Kreativität zu unverhofftem Glanz verhelfen.

Angesichts dessen, was wegen der Informations-Sperre früherer Tage in der Küche gut zu machen ist, kann ich nur sagen: Eins zu eins.

 

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