Die Verwandlung Kopenhagens

Der Feinschmecker
Bild: Restaurant Geranium, drei Sterne, echte Krawatten
Ein Blick auf die kulinarische Kulturhauptstadt Europas in acht Kapiteln

1. Der nordische Stil und seine Giganten

Kopenhagen verändert sich. Vom Nyhavn, dem touristischen Herzstück des alten Zentrums, wird gerade eine Fahrradbrücke über das Hafenbecken in den Südosten gebaut. Dort, auf der anderen Seite des Wassers, befindet sich in einem alten Speichergebäude an der Strandgade 93 das Restaurant, das nicht nur die kulinarischen Selbstverständlichkeiten Kopenhagens auf den Kopf gestellt hat: das „Noma".
Wobei: Es befindet sich nicht mehr lange dort. Als hätte René Redzepi, Gründer und Chef des stilbildenden Hohetempels einer radikal regionalistischen Küche des Nordens, keine Lust darauf, den Luftraum vor seinem Restaurant mit all der neuen Laufkundschaft zu teilen, kündigte er den Umzug seines Restaurants nach Christiania an. Dort, im ehemaligen Hippieparadies, soll sich das „Noma" als „Bauernhof" neu verpuppen, was auch immer das heißt: Man darf sicher sein, dass sich Tausendschaften interessierter Foodtraveller bemühen werden, eine Reservierung zu ergattern.
Derzeit bemühen sich besagte Tausendschaften gerade um Einlass ins Nationalstadion, wo Skandinaviens erstes Dreisternrestaurant untergebracht ist: das „Geranium". Waren das „Geranium" und sein begabter Chef Rasmus Kofoed vor wenigen Jahren noch qualifizierte Geheimtipps, so hat sich das anfangs noch als eher originell eingeschätzte Restaurant nun in den unbestrittenen Brennpunkt skandinavischer Kochkunst verwandelt. 

2. Die Wandlung des „Geranium"

Die Speisen im „Geranium" sind verständlicher geworden, sie lassen sich auch ohne philosophischen Beipacktext verstehen und genießen. Es gibt etwa ein Kunstwerk von flach geschnittenem, weißen Spargel mit Zitronenverbene, ein farbloses Schälchen mit Tomatenwasser und Schinkenfett, Lobster mit Milch und einem Saft von fermentierten Karotten und Sanddorn, es gibt Schwertmuscheln mit Sauerrahm und Petersilie, grandiose Babyshrimps samt Schale in einem Tässchen mit Seehasenkaviar und einer Sauce von der getrockneten Auster. Um die klassische Dramaturgie zu wahren, wird im Ablauf von nicht weniger als 27 Gängen sogar eine Hauptspeise serviert, ein Stück vom Schweinehals mit Birne und eingelegten Kiefernnadeln (und anschließend die übliche Lawine der Desserts und Sweets, logisch).
Auch die inzwischen weltweit kopierte Kombination von skandinavischer Schlichtheit (der Einrichtung) und ästhetischer Wildheit (des Personals) findet man im „Geranium" nicht. Die Tische sind mit gestärkten Tischtüchern gedeckt. Der Sommelier (und Teilhaber) Søren Ledet hat den Bart gestutzt und seine Ärmel heruntergekrempelt, so dass man die bunten Tätowierungen nicht mehr sehen kann. Das obligate Angebot an Naturweinen ist um eine Liste großer, klassischer Weine aus Frankreich, Spanien und den USA (Stichwort: Screaming Eagle; in großen Gebinden!) ergänzt worden. Die Köche, allen voran Chef Rasmus Kofoed persönlich, servieren einzelne Gerichte mit ausgesuchter Höflichkeit. Sie vergessen dabei nicht einmal, den zweiten Arm auf den Rücken zu legen, als hätten sie gerade ihre Ausbildung in einem Schweizer Benimminstitut hinter sich gebracht.

3. Die kulinarische Konterrevolution

Man muss die rasanten Veränderungen in der Gastronomie Kopenhagens und ihre weltweite Strahlkraft ein bisschen sortieren, um zu begreifen, dass diese Rückkehr zu den Konventionen, wie sie im „Geranium" gerade vorexerziert wird, eine Art von Konterrevolution darstellt. Denn die größte (und bleibendste) Leistung des „Noma" bestand gerade darin, die erstarrten Konventionen der Spitzengastronomie zu filetieren und neu zu erfinden. Erst das „Noma" machte es gesellschaftsfähig, dass ein Restaurant mit unverhohlenem Ehrgeiz und unbestrittener Expertise auf so manches verzichtet, was dem Sternefresser ans Herz gewachsen war: Tischwäsche, verputzte Wände, gestärkte Servietten, uniforme Edelprodukte, servile Kellner, formelhafter Ablauf jeder Mahlzeit; das „Noma" hatte stattdessen eine Botschaft anzubieten, die man entweder als fruchtbare Selbstbeschränkung (nämlich ausschließlich auf Produkte des Nordens) verstehen konnte oder als kulinarische Anarchie: Plötzlich liefen Köche mit langen Bärten und bunten Armen aus der Küche ins Restaurant und brachten Dinge, von denen man nicht gewusst hatte, dass man sie überhaupt essen kann: Flechten, Moose, merkwürdige Algen, manchmal sogar Tierchen, die noch nicht tot waren oder Gerichte von einer Simplizität, die man als radikale Reduktion interpretieren konnte  - oder als schiere Banalität.

4. Die Langzeitwirkung des „Noma"

Das „Noma" polarisierte - und entfachte gleichzeitig weltweite Wirkung. Die Lässigkeit, mit der große Küche dargeboten wurde, war beispiellos. Sie inspirierte eine ganze Generation von Köchen und Gastrounternehmern, auf das bisher für unabdingbar gehaltene Chichi der Spitzengastronomie zu verzichten. Der strikt regionalistische Kurs des „Noma" löste in Europa („Cuisine alpine") und Nordamerika („Farm to table") eine ganze Welle an neoregionalen Küchenkonzepten aus, wobei diese nirgendwo so dogmatisch durchgezogen wurden wie in Kopenhagen selbst, der Hauptstadt der Bewegung.
Gleichzeitig war Kopenhagen bis zur Eröffnung des „Noma" im Jahr 2005 eine kulinarische Brache gewesen. Aber bald nach dessen kometenhaftem Aufstieg zur Weltsensation (wozu einerseits die sozialen Medien und andererseits die 50Best-Liste ihren Teil beitrugen), eröffneten in Kopenhagen neue Lokale von inspirierten, erlebnishungrigen Gastronomen. Oft lieferte die rohe, dogmatische Kraft des „Noma" die Energie für die Initialzündung - manchmal war es aber auch der kontrapunktische Wunsch nach Eleganz, Feinheit und technischer Brillanz, wie sie Rasmus Kofoed verkörperte, der 2005 das erste „Geranium", damals noch an anderem Standort, eröffnete und dreimal am Bocuse d'Or-Wettkochen teilnahm, bis er den Titel schließlich gewann.

5. Der Gemüsekurs des „Noma"-Abgängers

Christian F. Puglisi zum Beispiel hat sein Restaurant „Relæ" sozusagen aus einer Rippe des „Noma" geschnitzt. Der gebürtige Sizilianer war jahrelang unter René Redzepi Küchenchef des „Noma" gewesen, nachdem er sein Handwerk unter anderem im „El Bulli" gelernt hatte. Er verließ das „Noma", um auf eigene Rechnung „eine erfinderische, intelligente Küche zu machen, die auf einfachen Produkte von höchster Qualität beruht."
Tatsächlich situierte Puglisi sein „Relæ" an einer Ecke von Kopenhagen, die bis dahin kulinarisch noch nicht vermessen gewesen war, der Jægersborggade weit draußen hinter dem pittoresken Assistens Friedhof, wo man das Grab von Hans Christian Andersen besuchen kann. Puglisi versteckte seine großen Ambitionen hinter einer eher bistromäßig wirkenden, unformellen Einrichtung, die freilich alle Stücke spielt: Erst wenn man an dem polierten, eleganten Holztisch sitzt, bemerkt man die intelligenten Einbauten, die das Besteck für den ganzen Abend verbergen.
Das „Relæ" ist kein vegetarisches Restaurant, aber es pflegt einen geradezu libidinösen Umgang mit Gemüse. Ein Snack bestand zum Beispiel aus einer glänzenden, schimmernden Sauerkleewurzel, die mit dem saftigen Fleisch einer eingelegten Mirabelle und einem Blatt vom Schild-Sauerampfer kombiniert wurde. Das Gericht war augenscheinlich simpel und offerierte doch Aromen und Texturen, die sich auf verblüffende Weise zur Delikatesse verbanden. 
Gerne lädt Puglisi, der eher ernst und introvertiert wirkt, zu durchaus humorvollen Verwirrspielen ein. Auf einem Teller befand sich zum Beispiel ein Objekt, das einem Blätterteigteilchen aus der klassischen Pariser Patisserie zum Verwechseln ähnlich sah, sich jedoch als kunstvoll bearbeiteter Kürbis erwies. Besonders gefinkelt war der Pastagang, hervorragende, geschmeidig-saftige Ravioli mit weißen Trüffeln, wobei der Teig aus gedämpfter und virtuos arrangierter Sellerie bestand. Höhepunkt der Camouflage war das „Beefsteak" von der roten Bete, das aussah wie sehr kurz gebratenes, rotes Fleisch - und nach der entsprechenden Bearbeitung durchaus auch dessen Deftigkeit versprühte, aber immer noch das erdigsüsse Aroma der Rübe als Fundament behielt.
Das Menü enthielt auch eine Auster (die mit dem Weiß vom Lauch serviert wurde) und eine Consommé von geräucherter Lammbrust, es umkreiste also kein vegetarisches Dogma. Im Zentrum stand die große Kunst von Puglisi, seinen Gemüsegerichten ein Maximum an Geschmack abzuverlangen und diesen kraftvoll in Szene zu setzen. Klar, man kann das als Echo zu der Küchenphilosophie des „Noma" sehen, aber auch als energetische, eigenwillige Charakterleistung.

6. Die raffinierte Karriere des „Geranium"-Adepten

Auf der anderen Seite des Spektrums macht gerade Søren Selin Karriere. Er eifert in den altehrwürdigen Katakomben des Restaurants AOC (das Haus stammt aus dem 17. Jahrhundert) der finessenreichen Küche des „Geranium" nach. Selin, der in Paris („Le Relais Louis XIII", „Jules Verne") gearbeitet hatte und die Küche des AOC seit 2013 führt, lässt keinen Zweifel daran, dass ihm voller Geschmack und küchentechnische Finesse wichtiger sind als gastrosophische Revolutionen. Er kombiniert Gurke und Auster auf einem Bett aus Dill, serviert ein Brioche und geriebenen Käse mit eingelegten Rüben und Blüten, kredenzt ein dünnes Omelett mit Beef Tartare, Rote-Bete-Pulver, Sauerrahm und Sprossen und weist den Gast an, das alles „zu einer Zigarre" zu drehen und zu verspeisen. 
Interessanter ist die neue Kartoffel, die im Stroh gegart wird und mit einer Creme von der braunen Butter und Seehasenrogen kommt, wobei ziemlich klare, bekannte Aromen mollig - und sogar ein bisschen spektakulär - kombiniert werden. Das vielleicht beste Gericht aus dem Menü ist das Filet von der Rotzunge, das an den mächtigen Gräten serviert wird und mit den Fingern gegessen werden muss. Der Fisch ist köstlich - und gleichwohl fühlt man sich in der eleganten, fast einschüchternden Umgebung des AOC als Fingeresser fast ein wenig deplaziert. Gut, dass es zum mit Blüten geschmückten Langostino wieder ein Besteck gibt, so dass man das Dashi vom geräucherten Knochenmark in aller Ruhe auslöffeln kann. Nach zwei Fleischgängen (Bries mit Sellerie, Lammrücken mit Spinatsauce) kommt man leicht ins Grübeln: Ist es wirklich das kleine Menü („den lidt mindre"), das man da bestellt hat? 
Das AOC, das gewiss enorme ästhetische Ansprüche vertritt und von klassisch orientierten Gästen entsprechend hoch geschätzt wird, strahlt auf seine Art die gleiche konterrevolutionäre Eleganz und Vornehmheit wie das „Geranium" aus. Die Atmosphäre sagt: Hier wird Essen ernst genommen, mein Freund - und dieses Versprechen wird auch konsequent eingelöst.
Das könnte natürlich auch zum Umkehrschluss animieren: Sobald ein Restaurant sich an der permanenten Kippe zur Party befindet, kann es mit dem Essen nicht weit her sein.
Stimmt natürlich auch nicht, jedenfalls nicht in Kopenhagen. Zum Beispiel ist die Musik im „Radio", einem weiteren Lokal des Noma-Gründers Claus Meyer, so laut, dass man geneigt ist, den Stuhl zur Seite zu schieben und ein Tänzchen zu wagen. Aber das Essen kommt, setzt man sich gern wieder. Es gibt vergleichsweise große Teller, zum Beispiel mit gegrilltem Lachs, Gurke und Malz, einen köstlichen Gang mit Jakobsmuscheln, dehydrierten Karotten und jeder Menge Sauerrahm oder ein in lange Fäden gerissenes Stück Kalb, mit herzerweichend würziger Sauce. 
Die Preise für das Essen im „Radio" (es hat seinen Namen von der Nähe zum ehemaligen „Radiohuset", der Konzerthalle des dänischen Rundfunks) sind im übrigen äußerst moderat. Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

7. Die zweiten Lokale der ersten Häuser

Denn das Essen in Kopenhagen ist zwar gut, aber auch teuer. Sehr teuer. Mahlzeiten im „Studio" oder „Kadeau", zwei Restaurants, die man auf einem guten Mittelweg zwischen der Entschlossenheit des „Noma" und der Kunstfertigkeit des „Geranium" verorten kann, kosten gut und schnell mehr als dreihundert Euro pro Person, vor allem, wenn man den Sommeliers freie Hand gibt (das gleiche gilt klarerweise auch für die hochdekorierten „Geranium", „Noma" und „AOC". „Relæ" ist um eine Spur günstiger). Die zweite Hürde auf dem Weg zum unmittelbaren Geschmackserlebnis ist die mangelnde Verfügbarkeit der Tische. Ohne Tischreservationen geht gar nichts, und es empfiehlt sich, die Reise nach Kopenhagen mehrere Monate im Voraus zu planen, wenn man sicher gehen will, dass man an den Orten seiner Wahl nicht bloß auf die „Fully booked"-Nachricht stößt.
Der ständige (und nicht abflauende) Bedarf an Tischen hat mehrere Gastronomen dazu motiviert, neben den Haupthäusern, die im Zeichen des Fine Dining stehen, niederschwellige Bistros zu eröffnen, die zwar von derselben Foodphilosophie getragen werden, diese aber weniger aufwändig, zugänglich - und günstig präsentieren. 
So kann man in „Manfreds" eine Idee davon bekommen, wie brillant im Schwesterbetrieb „Relæ" mit Gemüse umgegangen wird, am besten, indem man die sieben kleinen Teller (Chef's Choice) zum Lunch bestellt. Bei „No2" (programmatischer Name, nicht wahr?) ist die AOC-Equipe darum bemüht, in einem Glashaus am Hafen feine, sorgfältig gemachte  Fisch- und Fleischspeisen zu servieren (Makrele mit grünen Erdbeeren, Shrimps mit Spargel und Hühnerhaut), die insgesamt etwas entspannter ankommen als im Haupthaus. 
Das „Pony" kommt aus der Hand der ehrgeizigen Jungs von „Kadeau" (mehr über dieses neue Spitzenrestaurant im nächsten Heft in der Rubrik „Koch des Monats") und liefert unangestrengte, aber großartige Speisen ab: Makrele mit Karotten, Fenchel und Sesam, Hühnerbrust mit Spargel, Senf, Hühnerhaut und Wasserkresse. Der „Almanak" wiederum ist das Walk-In-Lokal im pittoresken „The Standard"-Gebäude am Hafen, direkt gegenüber dem „Noma", wo das „Studio" ehrgeiziges Fine-Dining abliefert, während es auf der Terrasse des Almanak den ganzen Tag feine Sandwiches und Smørrebrød gibt, allerdings mit einem Twist: Das Brötchen mit dem Schweinenacken ist zum Beispiel mit einer Meerrettichemulsion veredelt, und die Shrimps kommen mit einer gegrillten Zitrone, die zu kosten ein unvergessliches Erlebnis ist. 

8. Apropos Smørrebrød

Natürlich ist die Nordic Food Revolution an der traditionsreichsten Sparte dänischer Gastronomie nicht spurlos vorbeigegangen. Zwar kann man bei Ida Davidsen oder Told&Snaps noch immer Brötchen essen wie damals (nämlich mit Bergen von Shrimps oder Tartare und Zwiebeln, was regelmäßig in die Entlastung des Stoffwechsels mittels Aquavit mündet), aber auch manche Brötchenschmierer haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das „Skte Annae" Restaurant bietet Smørrebrød 2.0 an und meint damit zum Beispiel das Brötchen mit Rindszunge und Meerrettich oder den frisch gebratenen Fisch auf Toast mit Lobster-Dressing. Bei „Amanns" gibt es köstliche Autorenbrötchen mit mariniertem oder gereiftem Hering, mit Shrimps und Spargel, oder, besonders zu empfehlen, mit neuen Kartoffeln, Pfeffermayonnaise, Schnittlauch und Lauchasche. Auch jenes mit Beef Tartare, Rhabarber und Estragon sollte keinesfalls übersehen werden. Amanns hat übrigens eine Filiale am Flughafen Kastrup. Sein wunderbares Smørrebrød eignet sich also durchaus auch für den tränenreichen Abschiedsimbiss.

Info:

Der Naturwein-Komplex

Es macht Spaß, in Kopenhagen Wein zu trinken. Es macht allerdings nur dann Spaß, wenn man nicht mit vorgefassten Meinungen seinen Schoppen bestellt und selbst ganz genau weiß, was man wann und wozu trinken möchte. Darauf sind die Weinkeller und -kellner Kopenhagens nicht eingerichtet. Im Gegenteil, Kopenhagen ist das lebendige Zentrum eines Phänomens, das uns gerade allerorten begegnet und etwas verwirrend mit dem Begriff „Natur" beginnt (als ob alle anderen Weine im Labor gemacht würden): Naturweine sind das bestimmende Thema sämtlicher Sommeliers der Stadt, je Natur, desto besser.
Das führt dazu, dass neben interessanten Entdeckungen (großartige, biodynamisch erzeugte Rieslinge aus Deutschland, erstaunliche Cuvées aus der Südsteiermark, fantastische Chardonnays aus dem Jura) auch jede Menge Weine angeboten werden, deren wichtigste Qualifikation zu sein scheint, dass man noch nie von ihnen gehört hat. Weine aus Südfrankreich, aus Spanien, Weine aus dem Burgund, Ungarn, viele Weine aus Österreich.
Es ist ein interessantes und überzeugendes Spiel, durch Kopenhagen von Weinbar zu Weinbar zu wandern und auszuprobieren, was in der Naturweinszene gerade als dernier cri gilt. Da die Innenstadt, wo viele der schönsten Bars domiziliert sind, im Sommer eine permanente Partyzone ist, kann man sich auf grandiose Stadterlebnisse gefasst machen, im späten Glühen der Abendsonne, ein schönes, trübes Glas Wein in der Hand, interessante Musik im Hintergrund, die Silhouette der Innenstadt im Schattenriss und stets ein Sommelier in der Nähe, der das Gefühl hat, man sollte vielleicht noch ein Glas probieren.



Die interessantesten Weinbars Kopenhagens:

1. Ved Stranden 10. 
Weinbar mit dem herrlichsten Tresen der Stadt, Schwerpunkt österreichische Weine. Herrlicher Bordsteingarten am Ufer des Kanals. Dauerparty. www.vedstranden10.dk

2. Terroiristen
Weinhandlung mit Ausschank, gleich um die Ecke von „Relæ" und „Manfreds"(das im übrigen auch gut in diese Liste passt). Hochinteressante, zuweilen verwegene Entdeckungen, kleine, gute Speisen. www.terroiristen.dk

3. Malbeck Vinoteria
Auf argentinischen Wein spezialisierte Weinhandlung in einem ehemaligen Pub in Vesterbro. Laute Musik, stets Hochbetrieb, interessante, selbst importierte Weine aus Südamerika. No Reservations, einfach hingehen. www.malbeck.dk

Schöner Laden etwas nördlich vom Zentrum, wo aus fünf großen Fässern Wein ausgeschenkt - und stets diskutiert wird. Dazu gibt es Käse und Brot, Reservationen werden nicht angenommen. Originell und vergnüglich. www.vinhanen.dk

5. Paté Paté
Mediterran angehauchtes Bistro in einer ehemaligen Pastetenfabrik im ehemaligen Schlachthausviertel. Großartige Champagner- und Cavaauswahl, spanische und südfranzösische Gerichte. Reservierung wichtig (auch ein Spaziergang durch das Quartier empfiehlt sich, samt Kurzbesuch in der benachbarten Kødbyens Fiskebar, einem Fischlokal, das auch den gezielten Besuch wert ist). www.patepate.dk, www.fiskebaren.dk/fiskebaren/

Kleine Fluchten an große Orte

1. Wer Dänemark kurzfristig verlassen möchte, nimmt den Zug von Kopenhagen Hauptbahnhof nach Malmö und reist in weniger als einer Stunde in die Hauptstadt Südschwedens. Malmö ist auch das Ziel vieler dänischer Gastronomen, die sich an ihren Schließtagen in einem Restaurant namens „Bastard" treffen, um Erfahrungen auszutauschen, Wein zu trinken - und das enorm deftige, interessante und verblüffende Bistroessen von Küchenchef Andreas Dahlberg zu genießen. Das „Bastard", rund um eine unendlich lange, hufeisenförmige Bar gebaut, witzige Kunst an den Wänden, Ausgelassenheit in der Luft, repräsentiert puren Spaß an kräftigem Essen und lauter Unterhaltung. Den Abstecher zweifellos wert. 

2. Die große Überraschung, die man beim Besuch der berühmten „Kleinen Meerjungfrau" erlebt, ist die Winzigkeit der Bronzestatue, die der Bildhauer Edvard Eriksen nach dem Märchen von Hans Christian Andersen gestaltet hat. Trotzdem lohnt sich der Stadtspaziergang, der von Nyhavn am Skuespilhuset, dem architektonisch eindrucksvollen Theater, an Schloss Amalienborg vorbei hinaus zum Kastell und weiter der Langelinie entlang zum 125 Zentimeter hohen Wahrzeichen Kopenhagens führt. Sobald man die zu jeder Tageszeit besichtigenden Touristen besichtigt hat, besteigt man das Linienboot und setzt auf die andere Hafenseite über, besucht die eindrucksvolle Königliche Oper - und spaziert von dort zehn Minuten lang unbehelligt durch die eindrucksvoll umgebauten, ehemaligen Hafen- und Dockanlagen in das pittoreske Restaurant „56°", ein ehemaliges Munitionslager aus dem Jahr 1744, wo erstklassige nordische Küche serviert wird. Reservation empfiehlt sich. Mit dem Taxi oder dem Boot zurück ins Zentrum.

3. Es gibt viele schöne Museumsbauten, aber kein Museum der Welt besitzt die Brillanz und unaufdringliche Schönheit des Louisiana Museum of Modern Art. Das Museum liegt auf einem weitläufigen Grundstück, 30 Kilometer nördlich von Kopenhagen, direkt am Øresund, Blick auf Schweden. Ein großer Teil des Museums befindet sich unter den Uferwiesen, die gleichzeitig ein eindrucksvoller Skulpturenpark mit Werken von Jean Arp, Henry Moore und Alexander Calder sind. Fast noch eindrucksvoller als die eindrucksvollen Sammlungen (das Giacometti-Kabinett ist auch für Menschen, die schon viele Giacomettis gesehen haben, immer wieder atemberaubend) ist jedoch die Stimmung, die Louisiana verströmt. Der Ort lädt zum Bleiben, zum Genießen, zum Müßiggang ein: ein Imbiss im Louisiana Café lohnt sich also, auch wenn man sich mit dem Tablett in der Hand zur Essensausgabe begeben muss. Die guten Fruchtsäfte und das Smørrebrød sind die ideale Unterlage dafür, den Blick über das Meer hinüber nach Schweden angemessen lange schweifen zu lassen.
Zug von Kopenhagen Hauptbahnhof nach Humlebæk Station, Fahrzeit drei Viertelstunden.

Die Markthallen/Torvehallerne

Nachdem sich das Marktwesen in Kopenhagen lange nur noch am absteigenden Ast befunden hatte, bedurfte es 2011 einer Kraftanstrengung der Stadt, um auf einem seit über 50 Jahre unbenutzten, ehemaligen Marktgelände gleich neben dem Israels Plads, zwei große, helle Hallen zu errichten und dort Lebensmittelunternehmer aller Art anzusiedeln.
Der Plan ist aufgegangen. Die Torvehallerne sind zu einem Zentrum von Foodies, Delikatessproduzenten und -händlern geworden, zu einem großen Gastro-Hotspot mit angeschlossenem Verkauf. Man findet in den Torvehallerne zahlreiche Gelegenheiten, ausgezeichnete Imbisse einzunehmen (z.B. die Tacos beim mexikanischen Imbiss „Hija de Sánchez" oder das Sandwich mit Entenconfit bei „Ma Poule"), und noch viel mehr, sich in lustiger Gesellschaft ein Gläschen zu gönnen (zum Beispiel in der beliebten „Cava Bar"). Und wenn Sie jemandem Blumen mitbringen wollen - die finden Sie hier natürlich auch.
Die Hallen befinden sich in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt (hundert Meter vom Metro-Knotenpunkt Nørrebro). www.torvehallernekbh.dk



 


Food & Beverage

Christian Seilers
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